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Kommunität Venio OSB Spiritualität und Moderne im Einklang |
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Darum sage ich: Ja, ich komme. In dieser Schriftrolle steht, was an mir geschehen ist. Deinen Willen zu tun, mein Gott, macht mir Freude, deine Weisung trag‘ ich im Herzen. Alle, die dich suchen, frohlocken; sie mögen sich freuen in dir. Die dein Heil lieben, sollen immer sagen: Groß ist Gott, der Herr. (...) Ich bin arm und gebeugt; der Herr aber sorgt für mich. Meine Hilfe und mein Retter bist du. Mein Gott, säume doch nicht! Psalm 40
Die Kommunität Venio OSB, welcher derzeit 24 Schwestern angehören, wurde 1926 in München gegründet. Das Leitmotiv der benediktinischen Ordensgemeinschaft aus dem Psalm 40 lautet: „Siehe, ich komme - ecce venio"; so bekam sie ihren lateinischen Namen „Venio". Die wesentliche Grundlage dieser Ordensform sind das gesungene Chorgebet und die tägliche Eucharistiefeier. Auf diesem Boden der Liturgie gehen die Schwestern ihren gemeinsamen spirituellen Weg und bleiben in Gemeinschaft. Dies drückt der Begriff „stabilitas in congregatione" aus, der die Schwestern an eine Gemeinschaft bindet, welcher sie ihr Leben lang angehören. Diese „stabilitas" sowie auch die „conversatio", die Bereitschaft zur immer neuen Umkehr, und der Gehorsam sind Elemente der Gelübde, die am Ende der Erprobungszeit, in der die Ernsthaftigkeit der persönlichen Gottsuche geprüft werden soll, abgelegt werden. Schwester Susanna Szemerédy (37) ist Novizin und vor drei Jahren in den Orden eingetreten. Sie hat Sozialpädagogik und Philosophie studiert und arbeitet im Moment an ihrer Doktorarbeit. Ihre Berufung hatte Prozesscharakter, und Schritt für Schritt ist sie auf das „Venio" zugegangen. Konkret wurden ihre Pläne, als sie erneut Kontakt zu ihrer Professorin aufgenommen hatte, die zu Studienzeiten ihre Diplomarbeit betreut hatte und heute im Kloster Venio lebt. Sie hat sie auf das „Jahr mit Benedikt" aufmerksam gemacht, das jungen Frauen ermöglicht einen Einblick in die benediktinische Form des Klosterlebens zu bekommen. „Ich habe einen langen spirituellen Weg hinter mir", sagt Sr. Susanna. Erwähnenswert ist, dass ihre persönliche religiöse Sozialisation hauptsächlich in der Gemeinde geschah, weniger in der Familie. Vor allem ihr soziales Engagement und die Begegnung mit den Armen brauchten eine Verankerung. Heute verbindet sie ihre Arbeit als Sozialpädagogin mit dem Gebet und weiß, dass das Gebet ihre Arbeit trägt und sie vor einem routinierten Aktionismus bewahrt. Die Reaktionen ihres Umfelds auf ihre Entscheidung in ein Kloster einzutreten, waren sehr verschieden. Die meisten Menschen fragen nach und interessieren sich für ihren Beruf als Ordensschwester. Nur wenige bringen ihr Skepsis entgegen und nur selten muss sie sich für ihren Beruf rechtfertigen. Freundinnen, die zuvor keinen intensiven Bezug zum Glauben hatten, sind plötzlich an sie herangetreten und haben zu ihr gesagt: „Bete für mich". Sr. Susanna erzählte, dass sie mit dieser überraschenden Bitte zunächst nicht richtig umgehen konnte. Mittlerweile hat sie erkannt, wie sehr dieses Anliegen ihrer Freundin ihr die Augen geöffnet hat und dass auch dies eine Möglichkeit sein kann, mit den eigenen Problemen umzugehen. Auf die Frage, ob sie heute etwas aus ihrem Leben vor dem „Venio" vermisst, antwortete Sr. Susanna mit den schlichten Worten: „Ich bin zufriedener". Natürlich lässt sich nicht abstreiten, dass sie kurzzeitig neidisch wird, wenn sie Postkarten aus dem letzten Urlaubsland ihrer Freundin bekommt. Doch Sr. Susanna betont, dass ihre großen und kleinen Wünsche, wie mit Freunden ein Glas Wein zu trinken, auch im Leben einer Ordensschwester erfüllt werden. Schwester Susanna sehnte sich vor ihrer Ordenszeit vor allem nach einem „ganz konzentrierten Ausgerichtetsein", und um diese Form des Glaubens konsequent leben zu können, braucht sie die Gemeinschaft. Daher war für sie das gemeinsame Chorgebet, das die Ordensgemeinschaft täglich abhält, besonders anziehend. Der Gesang der Scola ist sehr schön und in gewisser Weise meditativ. Auch ich persönlich hatte beim Besuch der Vesper sehr intensive Gefühle und kann verstehen, dass diese Form von Liturgie eine anziehende Wirkung auf Schwester Susanna hatte. Für dieses Chorgebet ziehen die Schwestern einen Chormantel und einen Schleier an und verdeutlichen so ihre Existenz als Ordensschwestern. Tagsüber tragen sie zivile Kleidung und sind in den verschiedensten Berufsfeldern tätig. Die Altersspanne in dieser Gemeinschaft reicht von 27 bis 83 Jahre. Jedes Mitglied ist dazu aufgefordert sich mit dieser heterogenen Gruppe auseinander zu setzen und sich zu arrangieren. Arrangieren meint, sich immer wieder neu zu orientieren und im Sinne der „conversatio" das Gespräch |
mit den Mitschwestern zu suchen. Gemeinschaft ist für Schwester Susanna vor allem eine große Gabe, aber zugleich auch Aufgabe, da es eine Gemeinschaft auf Lebenszeit ist und auch bleiben soll. „Hier geht es nicht nur um ein kurzes Gemeinschaftsfeeling", meint Schwester Susanna, „es ist etwas Tieferes, was uns verbindet. Von den unterschiedlichsten Orten sind wir hierher gerufen worden und so über die Generationen hinweg verbunden. Trotzdem ist die Gemeinschaft eine große Herausforderung; aber wir bereichern uns gegenseitig." Die benediktinische Grundhaltung nimmt in jeder Einzelnen eine eigene Form an und lässt so die Gemeinschaft noch fester zusammenwachsen. Wie in der Messe sitzen die Ordensschwestern auch bei den gemeinsamen Mahlzeiten im Halbkreis. Diese Sitzordnung soll insbesondere den gemeinschaftlichen Geist des Ordens veranschaulichen. Die Ordensschwestern sitzen sich in U-förmiger Ordnung gegenüber und essen schweigend. Das Schweigegebot wird gestützt von einer Tischdienerin, die einer unnötigen Konversation am Esstisch vorbeugen soll. Als Gast hatte ich einen Platz an einem Extratisch, der sich nicht an die U-Form anschloss. Zunächst saß ich alleine an diesem Tisch und bevor das Essen begann, wurde ein Stück aus der Benediktsregel vorgelesen und gebetet. Die Situation war für mich völlig fremd und wirkte auf mich sehr erdrückend. Als Schwester Susanna schließlich neben mir saß, entspannte sich meine Situation merklich. Ich wollte schon sagen: „Kann ich bitte mal den Honig haben", bis ich mich dann doch entschloss Schwester Susanna anzutippen und lieber mit einer bittenden Geste auf den Honig zu zeigen. Während des Essens habe ich dann bemerkt, dass meine Nachbarin Salz und Pfeffer benötigte. Ich wollte schon aufstehen, als mich ihre rechte Hand auf den Stuhl zurückdrückte. Die Tischdienerin wurde gerufen und so auch dieser kleine Wunsch erfüllt. Warum ich dies so ausführlich erzähle ist, dass es mir ein Anliegen ist zu zeigen, wie konträr aber auch wie revolutionär dieser Orden gegenüber der modernen Gesellschaft ist. „Mir ist oft noch die Lesung zu viel bei Tisch. Ich schweige gern und es gibt auch Mahlzeiten bei denen wir reden.", sagt Schwester Susanna. Es ist eine bewusste Stille. Eine Stille gegen den Lärm der Welt und gibt den Schwestern die Möglichkeit, auch den Lärm ihres Berufsleben leiser werden zu lassen. Die Verbindung von Beruf und Gebet, das „ora et labora" als Basis der benediktinischen Lebensform, ist ein Weg mit den Turbulenzen unserer modernen Welt umzugehen und sich eine innere Ausgeglichenheit zu bewahren. „Ich empfinde mein Leben als Ganz-viel-gegen-den-Strom-schwimmen und ich mag es.", sagt Schwester Susanna, als die Frage nach der Konformität des Ordens mit der modernen Gesellschaft gestellt wurde. Doch für sie ist dies ein wesentliches christliches Element. Das Reich Gottes, „gleicht einem Sauerteig, den eine Frau nahm und unter drei Maß Mehl mengte, bis es ganz durchsäuert war" schreibt der Evangelist Lukas (13,21). Es gehört zur Aufgabe eines Christen ein Stück „Sauerteig" zu sein und Akzente zu setzen. Ziel soll es nicht sein, dass alle Menschen in die gleiche Richtung schwimmen. Ziel soll es sein, die Menschen immer wieder zu erinnern, dass es gerade in unserer individualistischen Welt besonders wichtig ist, eine wertorientierte Basis für das eigene Handeln zu finden. Ihrer Meinung nach soll man andere an dieser Lebensform teilhaben lassen und Räume anbieten, die zur Spiritualität anregen. „Wir passen zu dieser Welt und wir sind auch notwendig für diese Welt.", betont Schwester Susanna und stellt das Gespräch mit dem Einzelnen ins Zentrum ihrer klösterlichen Öffentlichkeitsarbeit. Gebetswochen und Tagesaktionen laden ins Kloster ein und sollen das, was sie leben, anderen zugänglich machen. Es wird eher Wert auf eine qualitative statt auf eine quantitative Arbeit gelegt. Gerade für Jugendliche ist es eine Herausforderung die facettenreichen und unzähligen Eindrücke unserer Welt zu verarbeiten. Den Glauben als eine Alternative zum modernen Leben wieder zugänglich zu machen, sollte meines Erachtens noch stärker die Aufgabe von Kirche und Klöstern sein. Es ist an der Zeit, dass die Kirche ihre Tore ein Stück weit öffnet und klösterliches Leben wieder zugänglicher und interessanter macht. Es ist mir ein Anliegen, dass das Interesse der Jugendlichen, diese spirituelle Lebensform kennen zu lernen, wieder mehr gefördert wird. Mit Sicherheit ist es wichtig, dass die Kirche eine traditionsbewusste Instanz bleibt und weiterhin bewusst gegen den Strom schwimmt. Meines Erachtens sollte jedoch versucht werden, die biblische Botschaft stellenweise neu zu interpretieren und Traditionen wieder modern zu machen. Darauf meint Schwester Susanna, dass es nicht möglich sei, Glauben lebbar zu machen. „Man kann ihn nur leben - und andere daran teilhaben lassen!" Es steht außer Frage, dass der Wert des Glaubens zeitlos ist und keiner Modernisierung bedarf. Aber ich glaube der Zeitpunkt ist gekommen, an dem alles Menschenmögliche getan werden muss, dass es wieder modern wird zu sagen: „Ja, ich komme." |