Es gibt uns noch

von Sr. M. Angelina Schwendemann, Sießen

Ist Ordensleben heute noch aktuell?

Diese Frage stellt sich uns Ordensleuten heute immer wieder neu und sie wird uns auch oft gestellt. Wenn relativ junge Ordensleute in der Stadt unterwegs sind, werden sie häufig mit Erstaunen gefragt: „Sie sind in einem richtigen Kloster? Dass es das heute noch gibt!" Manchmal entwickelt sich daraus ein gutes und tiefes Gespräch, was einen jungen Menschen heute noch bewegen kann, einen solchen Weg zu wählen. Es ist tatsächlich so, dass die Menschen unserer Zeit wenig Gelegenheit haben, Ordensleute zu sehen, geschweige denn mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Aber, es gibt uns noch und wir sind gar nicht so wenige.

Oft stellt sich in Gesprächen dann heraus: Das oben erwähnte Erstaunen beruht meist auf seltsamen Vorstellungen vom Klosterleben, die von irgendwelchen Klischées in Filmen und alten Erzählungen herrühren oder einfach nur auf eigenen Bildern, die man sich macht, weil Kloster und alles, was damit verbunden ist, eine allzu fremde Welt ist.

Zu uns Franziskanerinnen von Sießen in Oberschwaben, in der Nähe von Ravensburg, kommen das ganze Jahr über sehr viele Menschen. Viele haben durch Erzählen anderer von uns gehört, junge Leute vor allem schauen mit Interesse darauf, was sich auf unserer Homepage tut. Manche Frauen und Männer nehmen unser Angebot zu Einzelexerzitien wahr, manche kommen zum so genannten Franziskustag, der einmal im Monat stattfindet, andere wiederum machen Exerzitien im Carceri-Konvent, einer kleinen kontemplativen Zelle, benannt nach einer Einsiedelei oberhalb von Assisi, in der sich Franziskus oft aufgehalten hat. Für Mädchen ab 10 Jahren und junge Frauen bis 35 Jahre gibt es die Möglichkeit, in unserem Forsthaus mitzuleben, mitzubeten, mitzuarbeiten oder in unserem Haus in Assisi.

Das ganz Jahre über beleben Schulklassen, Firmgruppen unser Klostergelände mit ihrem Lachen, Singen und ihrem Interesse an einer unbekannten Lebensform. Aus den Begegnungen in diesen besonders geprägten Tagen entstehen Beziehungen zu Schwestern, Mädchen etc., die einladen, wieder zu kommen und noch mehr kennenzulernen. Ein Mädchen, das an einem Wochenende im Forsthaus mit dem Thema „Berufung und Sendung" teilgenommen hat, beschreibt seine Erfahrung so: „Überraschend war, dass das Thema Be-Rufung etwas mit Hören und Innehalten zu tun hatte, aber auch mit Heilung. ...Letztlich zeigte sich mir im persönlichen Umschreiben von Mk 5,21-43, dass Christus meine (Ohren-) Schmerzen heilen muss, um an meine tiefsten Talente zu kommen und mich dorthin zu führen, wo ich wirklich gebraucht werde…. Ich habe erkannt, dass es in der Essenz auf drei Dinge ankommt: Auf die persönliche Berufung, die Berufung zum Christsein und vor allem die Berufung zum Menschsein."

Ein Mädchen aus der Sommergruppe 2 in diesem Jahres formuliert seine Erfahrung folgendermaßen: „An den wunderschön gestalteten Tagesanfängen und -abschlüssen im Meditationsraum oder im Labyrinth herrschte feierliche Stille. Ebenso bei den Gottesdiensten oder der stillen Anbetung. Jede kam zu sich, jede brachte ihr Anliegen vor Gott. In der restlichen Zeit allerdings konnte man unsere Gruppe wahrlich nicht still und leise nennen."

Dies sind für die jungen Leute Erfahrungen, die in ihrem Alltag meist nicht vorkommen, nicht vorstellbar sind, ihnen aber sehr gut tun.

Das Kinderfranziskusfest am 1. Mai oder das Jugendfranziskusfest am letzten Sonntag im September zieht mehrere Tausende Kinder, Eltern, Großeltern und Jugendliche an. Ohne die Mithilfe vieler freiwilliger Helfer wäre es undenkbar, so ein Fest zu gestalten.

Beim Kinderfranziskusfest spielen Kinder einen Auftakt zum Leben des heiligen Franziskus und proben schon Wochen vorher für diesen Auftritt. Den Tag über herrscht eine wunderbare Atmosphäre und man kann Kinder beobachten, die, ohne zu quengeln oder zu streiten, oft eine Stunde und mehr auf dem Markt der Spiele anstehen, um z.B. frisch gebackene Waffeln zu bekommen, etwas zu basteln oder zu spielen. Selbst für die Eltern ist das ein Grund zum Staunen.

Das Jugendfranziskusfest wird von Jugendlichen mit vorbereitet und durchgeführt und auch hier staunen wir über die Gaben, den Mut und das Engagement der Jugendlichen für Gleichaltrige etwas zu tun.

Diese beiden Feste prägen unsere Gemeinschaft mit. Schon Monate vorher freuen wir uns auf die jungen Menschen und erwarten sie im Gebet. Die ganze Gemeinschaft ist am Suchen des Themas, an den Vorbereitungen und an der Gestaltung des Tages beteiligt. Wer irgendwie kann, legt Hand an. Unsere alten und kranken Mitschwestern sind ganz mit hineingenommen, sie beten und leben für alle, die kommen, falten Liedblätter, bereiten Anhänger vor, stellen ihre Räume zur Verfügung etc…Jede weiß über alles Bescheid und jede schaut, auf welche Weise sie mitmachen kann, auch am Tag selbst.

Dann gibt es auch junge Frauen, die sich entscheiden, in unsere Gemeinschaft einzutreten. Hier einige Zeugnisse, die sie selbst zu Wort kommen lassen: A.M. schreibt: „Ich war durch meine Firmung mit sechzehn in Taizé und spürte dort eine Sehnsucht in mir, mit Gott ins Gespräch zu kommen. Ich erlebte Menschen, die ihr Leben nach dem Evangelium ausrichteten… Nach drei Jahren Jugendarbeit wurde ich gebeten die Firmung mitvorzubereiten. Eines der Projekte führte nach Sießen. Ich wurde berührt durch das Thema des Franziskusfestes: ‚Ich bin gekommen, damit sie das Leben in Fülle haben’… Verschiedene Erfahrungen fügten sich an. Ich kam mehrfach nach Sießen ins Forsthaus. Was mich ansprach, war und ist die gelebte Lebendigkeit, die ich als Auferstehungsfreude empfand und wie konkret das Evangelium gelebt wird."

K. sagt: „Beim Studium der Religionspädagogik erahnte ich, dass meine Beziehung zu Jesus noch viel intensiver sein könnte und ich suchte diese Vertiefung bei Besinnungstagen, bei Exerzitien und auch in der Begegnung mit der charismatischen Erneuerung. Nach Sießen bin ich gekommen, weil ich bei einem Kurs eine Schwester aus Sießen traf, die mir ihre Berufungsgeschichte erzählt hat. Beim Hören dieser Geschichte stieg in mir die Ahnung auf, dass es genau das ist, was ich suche, auch wenn ich es zunächst nicht wahrhaben wollte. So fuhr ich nach Sießen und meine Erwartung wurde erfüllt. Die Schwestern leben hier etwas, das ganz viel vom Geist Jesu spüren lässt. Eine Freude, ein Erfülltsein, was ich so noch nicht erlebt hatte. Ich durfte hier so sein, wie ich bin und war trotzdem angenommen."

A. formuliert es folgendermaßen: „Ich fand das Klosterleben schon als Kind interessant, aber sah es nie als reale Perspektive für mich. Ich wollte ja normal sein, Mann und Kinder haben, einen spannenden Beruf… Mein Kinderglaube entwickelte sich weiter und ich setzte mich mit Glaubensfragen auseinander. …Ich wollte ein Leben mit Gott führen und engagierte mich in der Kirchengemeinde, studierte Sozialpädagogik, hatte wunderbare Freunde, eine Arbeitsstelle, die mir zusagte…Trotz allem merkte ich, dass ich an etwas Wesentlichem im Leben vorbeilebte. Mir wurde klar, ich muss mich entscheiden, entweder ganz Gott zu vertrauen, nach seinem Plan für mich zu fragen oder nach außen hin weiter fromm zu sein, aber ichbezogen und gefangen zu leben. In meiner Krise wandte ich mich an eine alte Freundin, die inzwischen Schwester in Sießen war. Diese lud mich zu ihrer Einkleidung ein. Die Novizinnen (die eingekleidet wurden) sagten mit einer Sicherheit „ich bin bereit", und ich wäre am liebsten aufgesprungen und hätte mit eingestimmt. Nach einem Gespräch mit dieser Schwester entschied ich mich, Exerzitien zu machen und dabei wurde mir eine innere Gewissheit geschenkt, dass Gott mich zu einem Leben in Jungfräulichkeit beruft und in eine innige Beziehung zu ihm."

Es gibt sie also durchaus noch, junge Menschen, die sich ansprechen lassen von einem Leben mit Gott. Ihr Zeugnis und ihre Begeisterung, das Wort Gottes zu leben, ist für uns Schwestern immer wieder neu eine Herausforderung und eine persönliche Frage: Lebe ich selbst wirklich das Wort Gottes? Erlebe ich das Leben in Fülle?

Alle, die diese Fragen auch haben, sind herzlich eingeladen. Um es mit Franziskus sagen: „Wenn es dir gut tut, dann komm."