Ordenskandidaten – wer sind sie?

von Stefan Kiechle SJ

Weniger sind sie geworden, aber reifer! Wer heute in einen Orden eintritt, braucht eine gehörige Portion Mut und Gottvertrauen. Oft ist die Familie gegen diesen Schritt, auch Freunde und Bekannte äußern Unverständnis. Deren bemüht gezeigte „Toleranz" – „Ja wenn es für dich richtig ist, dann..." – hilft meist nicht weiter. Und doch gibt es sie, die Novizen und Novizinnen der Ordensgemeinschaften! Für den Jesuitenorden bilde ich derzeit zwölf aus, viele weitere Novizinnen und Novizen habe ich über Kurse und Begegnungen kennengelernt. Was motiviert sie, sich auf das Abenteuer Ordensleben einzulassen?

Den typischen Kandidaten gibt es nicht mehr, denn die Berufungswege sind so vielfältig geworden wie die moderne Welt. Die meisten Kandidaten haben schon studiert oder einen Beruf gelernt, viele haben jahrelang gearbeitet. Sich nochmals auf eine Ausbildung einzulassen, in der man wieder „von unten" beginnen muss, fordert sie heraus. Es gibt Kandidaten, die aus katholischen, kinderreichen Familien stammen und in ihrer Gemeinde als Ministranten oder in der Jugendarbeit engagiert waren – früher war diese Herkunft die Regel, heute ist sie selten geworden. Manche Kandidaten haben schon Theologie studiert, als Laie mit offenem Berufsziel oder in einem Priesterseminar. Im Laufe der Studienjahre dachten sie über ihr Berufsziel nach und entdeckten so ihre Ordensberufung. Wieder andere kommen aus ganz „weltlichen" Berufen: Vom materiellen und oft sehr harten Denken der Wirtschaft umzusteigen auf einen geistlichen Weg, krempelt ihr Leben um und befreit sie zu neuen Werten und zu neuer Freude. Viele sind „Konvertiten": Sie waren ungläubig oder gehörten anderen Religionen oder Konfessionen an, kamen dann auf irgendeine – oft wundersame! – Weise zum Glauben und zur Kirche und wollen dies nun radikal leben, am besten in einer Ordensgemeinschaft. Konvertiten sind oft sehr überzeugt und überzeugend und manchmal ein wenig übereifrig, auf der anderen Seite kennen sie die kirchliche und liturgische Kultur noch wenig. Im Noviziat müssen sie einiges an Katechese nachholen und an Glaubenspraxis einüben, damit sie gute Ordenschristen werden.

Wer in einen Orden eintritt, hat hohe Ideale und Erwartungen. Diese braucht er, sonst würde er diesen Schritt nicht wagen. Wenn die Ideale überhöht sind, muss er sie „erden", d.h. mit der Wirklichkeit in eine gute Beziehung bringen. Diese Beziehung darf durchaus spannungsreich sein, aber die Spannungen sollen nicht lähmen, sondern fruchtbar werden. Dass in den meisten Gemeinschaften unter vielen Alten nur wenige Junge leben, erleichtert diesen kaum das Leben. Die Älteren sind oft wunderbar reif und offen, manchmal aber erstarrt und in guten oder in schlechten Gewohnheiten verhärtet. Am Generationskonflikt zu reifen, fordert heute jeden Novizen stark. Drei wichtige Motive für den Ordenseintritt möchte ich nennen:

Früher war ein Ordenseintritt meist ein sozialer Aufstieg, man hatte einen guten und anerkannten Beruf und lebte abgesichert. Heute wird man nicht nur schief angeschaut, sondern man lebt – vor allem wer vorher berufstätig war – bescheidener und hat eine wenig klare Zukunft, denn die Orden sind ja wie die ganze Kirche im Umbruch. Die spirituellen Motive sind daher noch wichtiger geworden: Kandidaten und Kandidatinnen wollen dem Herrn nachfolgen und ihm ihr Leben weihen, ganz einfach weil sie das lockt und begeistert! Gerne nehmen sie in Kauf, dass sie Ansehen verlieren und manche Freiheit aufgeben. Was sie gewinnen – so vertrauen sie –, überwiegt alle Verluste.

Viele wollen sich vom Konsum- und Machtdenken abwenden, das in Gesellschaft und Wirtschaft vorherrscht. Sie wollen nicht mehr für ihren Geldbeutel und ihren Genuss arbeiten, sondern für Menschen, vor allem für solche, die in Not sind, und damit für Friede und Gerechtigkeit, für Glaube, Hoffnung und Liebe. Der Unterschied des Ordenslebens zum „Welt"-Leben ist heute größer als früher und eine gewisse Aussteigermentalität gehört fast notwendig dazu.

An die Gemeinschaft haben Novizinnen und Novizen oft große Erwartungen: Sie wollen brüderlich oder schwesterlich zusammenleben, Geborgenheit erfahren, sich intensiv über ihren Glauben austauschen, mit ihren Fähigkeiten sich einbringen und sich mit anderen in der Kirche engagieren. Diese Ideale sind hoch und oft nicht leicht zu verwirklichen. Ältere Ordensleute tun sich schwer, die Erwartungen der Jüngeren zu erfüllen, denn sie haben, als sie selbst jung waren, ganz anderes eingeübt. Doch auch Jüngere müssen das Gemeinschaftsleben erst erlernen, denn viele sind Einzelkinder gewesen oder haben jahrelang allein gelebt, so dass ihnen das Teilen und Einfügen schwer fällt. Im Noviziat geistliche Gemeinschaft einzuüben, ist oft schmerzhaft, aber ein heilsamer Weg, der jeden und jede näher zu sich selbst, zum anderen und zu Gott bringt.

Immer wieder bin ich erstaunt, mit welch großherziger Hingabe sich Novizinnen und Novizen auf den Weg machen. Ihre Lebenswege waren ganz unterschiedlich und ihr Suchen sehr lang und was sie verlassen, ist reich und groß – und doch wollen sie mit anderen ein neues Leben beginnen: Sie lassen sich auf ein Wagnis mit Gott ein und zu neuen, unbekannten Ufern führen. Nicht ihre Zahl ist wichtig, sondern ihr Zeugnis, nicht ihre Ängste oder ihre Mittelmäßigkeit, sondern ihre Bereitschaft, sich von Gottes Gnade formen und in Dienst nehmen zu lassen.