|
Prof. Paul M. Zulehner Hürdenlauf Was Ordensberufe heute behindert. |
|
Berufungen sind „zeitlos". Sie kommen aus der Tiefe des ebenso unerbittlichen wie liebenden Gottes. Sie sind sanftes Werben wie heftiger Zugriff in einem. Von Berechenbarkeit keine Spur. Der einzelne Mensch scheint wenigstens auf den ersten Blick nicht zu zählen. Es ist Erwählung – innige Lust und gewaltige Last oftmals in einem. Propheten können davon ein Lied singen. Hat es dann überhaupt einen Sinn, nach Umständen zu fragen, die nicht „zeitlos", sondern genau das Gegenteil: „zeitbedingt" sind? Gemessen an der Unbedingtheit des göttlichen Rufes scheint es wenige Gründe für solches Fragen zu geben. Aber der Mensch hat Ohren, mit denen er hören muss: Ohren an seinem Kopf, aber auch Ohren des Herzens. Was also, wenn die Musik der Zeit so laut ist, dass die Musik des göttlichen Rufes überhört wird? Zudem entwickelt jede Zeit ihre musikalische Geschmacksrichtung. Wir nennen sie Kultur. Passt aber die heutige Kultur zum Geschmack der Berufung? Sind es nicht gänzlich andere Musikstile, die da aufeinander stoßen? Hürden In einem Orden zu leben ist eine ver-rückte Lebensform. Sie ist anders als das, was üblich ist: - Heute zählt, sich nicht für ein ganzes Leben zu entscheiden. Bindungen werden als zu riskant erlebt: bei den eigenen Eltern, bei Freunden, bei sich selbst – und das in Liebe, Arbeit und Amüsement. Abwechslung ist normal, und das ist wie in der Arbeit nicht immer von Vorteil. - Heute zählt, das Leben so zu leben, wie ich es mir vorstelle. Gehorsam, wie ihn die Spitzennazis verstanden haben, wird gottlob nicht mehr positiv bewertet. Solcher Gehorsam war blind und so kein Akt der Freiheit. Viele Zeitgenossen sehen daher bis heute einen Widerspruch zwischen Freiheit und Gehorsam. - Heute zählt Besitz, der Sicherheit verleiht. Ohne Sicherheit, die sich auf gesichertes Einkommen stützt, fühlen Menschen sich bedroht, vor allem dann, wenn einer auf sich selbst gestellt ist und unabhängig sein will. Nicht über Besitz und Eigentum verfügen zu können, in diesem Sinn wirklich „arm" zu sein, ist den meisten ein unvorstellbares Lebensziel. - Heute zählt Lust. Sexualität ist eine ihrer Hauptquellen. Auf sie zu verzichten, mit oder ohne Ehe, ist für nicht wenige Verzicht auf Menschlichkeit. Lust ist dabei weit mehr als ein privates Vergnügen. Oftmals |
ist es eine der wenigen Brücken, über welche moderne Menschen ihrer Einsamkeit entrinnen. Eine Zeitlang gelingt es ihnen auch. In einen Orden einzutreten, Franziskaner, Benediktiner, Jesuit zu werden – um nur die drei alten Varianten zu nennen, neben denen es noch viele andere hochinteressante Gemeinschaften gibt – bringt nicht, was heute zählt. Der Ordensmann, die Ordensfrau entsagt der sexuellen Lust; Gehorsam wird gelobt, Armut gelebt. Zumindest im Modus des Gelübdes sieht es so aus. Und das Ganze ein Leben lang! Vielen dünkt das keine „moderne Lebensform" zu sein. Selbst Christinnen und Christen ziehen das ganz normale bürgerliche Leben vor. Also bluten hierzulande unsere Ordensgemeinschaften zum massiven Schaden der Kirche aus. Und je länger keine Jungen kommen, umso unwahrscheinlicher wird es, dass sich Junge einfinden. Ordensgemeinschaften werden zu Altersheimen. Die Hürden für einen jungen Menschen, Ordensmann oder Ordensfrau zu werden, sind wahrlich hoch. Und doch? Es gibt freilich Anzeichen, dass die Zahl der jungen Menschen zur Zeit zunimmt, die wie gute Hürdenläufer sind. Ihre Überzeugung: Die Welt braucht heute Ver-rückte, solche, die anders sind. Zudem leiden sie zunehmend unter der Banalität und Flachheit bürgerlichen Lebens. Ihr Motto heißt „no risk, no fun!" Also setzen sie gleich alles auf eine Lebenskarte. Und wie andere sich im Rafting mit Vorliebe in gefährliche Wässer begeben, lieben auch sie die gefährliche und riskante Form des Lebens. Manchen erscheint dabei die Ehe schon riskant, anderen die Ehelosigkeit. Sie verwechseln nicht mehr Ehelosigkeit mit Beziehungslosigkeit und sind bereit, sich in eine Gemeinschaft einzubringen oder auf ein Reich-Gottes-Projekt zu setzen. Solche Gemeinschaften sind keine Fluchtstätten aus dem modernen Leben, sondern sind zugespitzt modern. Gehorsam ist in ihnen die radikalste Form der Freiheit: Jemand bindet sich aus freien Stücken an ein Projekt der Gemeinschaft und damit an ein Projekt Gottes für die Welt. Armut ist auch nicht mehr negativ besetzt, sondern jene Lessness, die allein frei und zugleich auch großzügig macht. Es ist die Armut, die sich in Solidarität verdichtet, an der Seite der Sterbenden etwa, denen nicht anderes mehr geschenkt werden kann als Anwesenheit und ein liebevoll zugeneigtes Herz. Gerade weil heute der Trend gegen die Orden spricht, hat die Prognose viel für sich, dass es morgen wieder eine „Zeit der Orden" gibt. Das Antiquierte wird zum Avantgardistischen werden. |
|
|
|