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Ruf ins Schweigen mit Gott von Maria Anna Leenen |
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Zu hören ist nichts um diese Zeit. Nur der Wind singt manchmal leise durch einzelne Ritzen der Almhütte, die in der Nähe eines kleinen Dorfes am Berghang liegt. Es ist kurz vor Mitternacht. Bei Schwester Sophia klingelt der Wecker. Es ist Zeit für das Nachtoffizium, die Lesehore: Hymnus, Psalmen, zwei lange Lesungen und eine Schlussoration. Den kleinen Gebetsraum erhellen ein paar flackernde Kerzen und ein kleines Licht. Nichts ist zu hören außer einem schwachen Windhauch, der um die Balken streicht. Nach der Lesehore schafft die tiefe Stille der Berge einen schützenden Raum für das schweigende Gebet: Keine großen Worte, nur ein Lauschen, ein Sehnen; sich ausstrecken nach ihm, der vor vielen Jahren in diese Lebensweise gerufen hat.
Nachdenklich
erinnert sich die Einsiedlerin und beginnt zu erzählen.
Blitzartig, sozusagen aus heiterem Himmel, sei der Anruf
damals gekommen. „Es war ein ganz klarer, um nicht zu
sagen imperativer, innerer Anruf, dem ich mich nicht
widersetzen konnte. Ich habe es zwar mehrere Jahre
versucht, denn ich konnte mir eine solche Lebensweise
nicht vorstellen, ich fand sie überspannt." Der Weg
zur Klause auf der Alm war danach noch lang. Begonnen
hatte er mit siebzehn Jahren und einer intensiven Suche in
Richtung Ordensleben. Zum betenden, zum kontemplativen
Leben allerdings habe sie in Kindheit und Jugend nie eine
Sehnsucht gespürt. „In keinster Weise!" Den Weg in
einen beschaulichen, also in einen betenden Orden, sei sie
gegangen, weil sie irgendwann „wusste", das ist die
richtige Spur. Aber das Verständnis dafür habe erst
langsam wachsen müssen. Am Anfang hätte sie sich nichts
unter einer solchen Lebensweise vorstellen können, Das
stille Gebet ist beendet, Schwester Sophia geht noch
einmal für ein paar Stunden in ihr Bett. Gegen 6.00 Uhr
klingelt dann der Wecker erneut und sie betet die Laudes,
die Morgenhore. Wenn keine Heilige Messe unten im Dorf
gefeiert wird, hält sie anschließend eine
Kommunionfeier, danach gibt es Frühstück. Dann beginnt
die Arbeit des Tages. Wurzelgrund des Ordensleben Das Einsiedlertum ist der faszinierende Ursprung des Ordenslebens der ganzen Christenheit. Schon vor der Zeit Jesu gab es Menschen, die aus religiösen Gründen allein in einsamen Gegenden lebten. Und auch schon die Quellen der frühen Kirche (ab etwa 100 n.Chr.) berichten von Menschen, die sich zurückziehen, um für Gott allein zu leben und ihm durch das beständige Gebet und durch den Verzicht auf die Güter der Welt näher zu kommen. Im dritten Jahrhundert beginnt sich lawinenartig die erste große eremitische Bewegung von Ägypten und Syrien auszubreiten. Die bekanntesten Wüstenväter aus dieser Zeit sind die Heiligen Antonius der Große (251-356) und Pachomius (286-346 ). Mit ihnen entwickelt sich die Lebensform der betenden Nachfolge Jesu Christi zum Wurzelgrund für die Vielfalt der Ordensgründungen, die sich nach und nach im Laufe der Kirchengeschichte unter dem Antrieb des Heiligen Geistes heranbilden. Breit gestreut und gekennzeichnet durch sehr unterschiedliche Ausprägungen zieht sich das Einsiedlertum ab hier durch alle Epochen, wobei es ebenso wie in den Orden Blütezeiten und Niedergänge gibt. Seit Beginn des 20.Jahrhunderts erlebt das eremitische Leben wiederum einen Neuaufbruch. Schon auf dem II. Vatikanischen Konzil sprachen verschiedene Bischöfe von einem neuen Eremitentum in ihren Diözesen. Im Kirchenrecht von 1983, dem neuen Codex Juris Canonici (CIC) schlug sich diese Entwicklung im Canon 603 nieder. Während ein „gottgeweihtes Leben" im alten CIC von 1917 nur vorstellbar war in Verbindung mit einer Gemeinschaft, also auch ein eremitisches Leben zwingend an einen Orden gebunden war, ist es jetzt möglich, als Einsiedler oder Einsiedlerin zu leben unter der Obhut des Diözesanbischofs ohne einem Orden oder einer Gemeinschaft anzugehören.
Eremiten und Kirche Die blauen Augen strahlen mit einem wolkenlosen Himmel um die Wette. Gelassen sitzt die Eremitin neben ihrer Hütte und lässt sich ausfragen. Ihr strenges, dunkles Gewand ähnelt dem Ordenshabit ihrer ersten Gemeinschaft. Schwester Sophia hat sich bewusst für ein geistliches Gewand entschieden. „Gäbe es nicht auch die Möglichkeit zivil zu tragen mit einem kleinen Schleier?" Sie lacht und schüttelt energisch den Kopf. „Nein, da halte ich es mit Teresa von Avila: Wenn Rebhuhn, dann Rebhuhn, wenn fasten, dann fasten. Entweder ein Habit und dann richtig; und wenn zivil, dann richtig zivil. Und nicht so eine Art Nonnenverschnitt! Wenn ich allerdings schwere körperliche Arbeit mache und beispielsweise mit der Motorsäge arbeite, dann trage ich Hosen." Für Schwester Sophia ist der Habit ein praktisches Gewand und sie ist seit Jahren an ihn gewöhnt. Und außerdem: „Ich muss nicht dauernd überlegen, was ich anziehe. Das ist ein großer Vorteil, finde ich!" |
Diözesaneremiten können frei wählen, ob sie nach außen hin ihre Lebensform durch geistliche Kleidung kenntlich machen oder Zivil tragen. Kriterien dafür sind die persönliche Sichtweise, die Situation in den Lebensorten und auch die Einschätzung des jeweiligen Ortsbischofs. Für Schwester Sophia ist die Beziehung zu ihrem Bischof auch in allen anderen Fragen von großer Bedeutung. In seine Hände hat sie die Gelübde nach Canon 603 abgelegt, die, wie sie sagt, sie selbst und ihre Lebensform auch in einer äußerlich verbindlichen Weise in die Kirche einpflanzen. „Die Kirche und ihr Mysterium bedeuten mir sehr viel. Außerdem sind die Gelübde in Tagen der Anfechtung eine Hilfe und eine Stütze." Der Bischof ist ihr unmittelbarer Vorgesetzter; ihm gibt sie Rechenschaft ab über ihr Leben als Eremitin. Und er hat auch die Statuten, die sie für sich selbst aufgestellt hat, gebilligt. „ Bei wichtigen Entscheidungen oder vor größeren Ausgaben setze ich mich auch vorher mit ihm in Verbindung. Die Beziehung zu meinem Bischof ist mir wichtig, sogar sehr wichtig; darin konkretisiert sich sehr viel von dem Verständnis, das ich von der Kirche habe. Darüber hinaus habe ich das wirklich große Glück, einen Bischof zu haben, der mir sehr aufmerksam, wach, wohlwollend, mit ausgeprägtem Verständnis und mit Wertschätzung für das eremitische Leben zur Seite steht. Von anderen Eremitinnen weiß ich, dass das auch ganz anders sein kann." Ihre Rechnungen bezahlt der Bischof aber nicht. Wie alle Diözesaneremiten arbeitet sie. „Für meinen Lebensunterhalt komme ich selbst auf. Ich verdiene mein Geld hauptsächlich durch Übersetzungsarbeiten. Ich halte das auch für gut! Es gehört für mich wesentlich zum eremitischen Leben dazu." Nach der Arbeit des Tages und den anfallenden Hausarbeiten, die von den kleinen Horen Sext und Non und vom Mittagessen unterbrochen werden, beginnt ab 16.15 Uhr eine Zeit des Studiums oder der geistlichen Lesung. Gegen 18.15 Uhr betet sie die Vesper und hält anschließend wieder eine Zeit des stillen Gebetes. Jetzt im Winter ist die Ruhe um die Almhütte noch um einige Grade tiefer; der Schnee dämpft alle Geräusche bis zur völligen Lautlosigkeit. Im Rheinland geboren, waren Berge für Schwester Sophia eigentlich nie ein Anlass für die große Begeisterung. Mittlerweile hat sie sich mit ihnen angefreundet und über den Schnee kann sie in regelrechte Begeisterungsstürme ausbrechen. „Ich liebe Schnee!! Ich könnte am Nordpol leben, in Sibirien, in der Antarktis! Sobald es über 20° warm ist, fange ich an, schwer Buße zu tun," sagt sie lachend und freut sich, dass der alte Lehmofen, den sie selbst repariert hat, es ihr ermöglicht, auch noch im Winter in der Almhütte zu leben. Außer wenn der Schnee zu hoch liegt oder akute Lawinengefahr besteht. „Dann ist es nicht ratsam, oben zu bleiben. Im Dorf würde es auch einen Aufstand geben, wenn ich dann oben bliebe. Sie kämen mit der Bergrettung und holten mich, ob ich wollte oder nicht." In dieser Zeit wohnt sie im alten, leerstehenden Pfarrhof. Hier kommen dann auch manchmal Menschen, die das Gespräch suchen oder einen Rat brauchen.
Das Innere des Mysteriums der Kirche Schwester Sophia kann zuhören und wer in ihre blitzenden, strahlenden Augen schaut, spürt, dass ihr Leben keine ängstliche Flucht vor den Problemen der Welt ist, sondern tiefes, erfülltes, täglich aufs Neue beschenktes Menschsein ist. Doch eine fromme Idylle ist die Einsiedelei nicht. Die Herausforderungen dieses Lebens sind groß; eine robuste physische und psychische Gesundheit unerlässlich. Einsamkeit kann wie ein Brennspiegel die eigene Verfasstheit mit allen ihren Schwächen und Ängsten bewusst machen. In solchen Situationen brauchen Eremiten nicht nur einen festen, vertrauensvollen Glauben, sondern auch ein gerütteltes Maß an geistlichem Handwerkszeug. Der neue Weltkatechismus fasst im Abschnitt 921 dieses spannungsreiche Leben der Einsiedler knapp, aber sehr dicht formuliert zusammen: „Sie zeigen jedem das Innere des Mysteriums der Kirche auf: die persönliche Vertrautheit mit Christus. Den Augen der Menschen verborgen, ist das Leben des Eremiten eine stille Predigt Christi. Der Einsiedler hat sein Leben ganz Christus gegeben, weil dieser für ihn alles ist. Es ist eine besondere Berufung, in der Wüste, im geistlichen Kampf, die Herrlichkeit des Gekreuzigten zu finden." Das Verständnis für diese Lebensform jedoch fehlt allgemein noch weitgehendst, obwohl die eremitischen Berufungen wachsen. Für Schwester Sophia stellen sich Fragen nach Sinn und Zweck ihres Lebens allerdings äußerst selten. „Ich erlebe das eremitische Leben als meine tiefste Bestimmung und als sehr erfüllend. Von daher stellt sich mir die Frage nach der Sinnhaftigkeit nicht so sehr. Natürlich komme ich aber immer wieder in einen „Rechtfertigungsnotstand", wenn ich von außen nach der Sinnhaftigkeit meiner Lebensweise gefragt werde. Aber für mich definiert sie sich letztlich über meine Beziehung zu Gott. Ich kann keinen anderen Grund angeben als den, dass Gott Gott ist und dass ich ihn als GOTT erfahren habe." Der Name der Einsiedlerin wurde von der Redaktion geändert.
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