Braucht die Kirche Eremiten?
von Bischof Dr. Felix Genn, Essen
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Eremitisches Leben gehört zur Kirche seit ihrer frühesten Zeit. Schon im Alten Testament gilt Elija („Mein Gott ist Jahwe") als der große Gottesbekenner in der Wüste. Auch Johannes der Täufer wird zu den Urvätern eremitischen Lebens gezählt. Von Jesus wissen wir, dass er sich immer wieder in die Einsamkeit zurückgezogen hat, nicht nur die vierzig Tage, die am Beginn seines öffentlichen Wirkens standen. Als der Wüstenvater schlechthin und Prototyp des Eremiten gilt Antonius der Große (251-356), der die Wüste als Gegenwelt aufsuchte und immer tiefer in sie eindrang, um in ihrer Einsamkeit und Verlassenheit - und auch in Auseinandersetzung mit dem Dämon in sich selbst, dem Schatten des eigenen Ichs - immer näher zu Gott zu finden, ja mit ihm eins zu werden. Eine Eremitin des 20. Jahrhunderts drückte die Sehnsucht des in der Einsamkeit lebenden Eremiten nach Gottes Nähe aus mit den Worten: „Ich sehne mich so sehr nach Alleinsein, das kein Alleinsein ist, weil Er dabei ist." (GuL 68 [1995], 216-233). Ähnlich sagte die Mystikerin des 20. Jahrhunderts Elisabeth von Dijon: „Ich habe den Himmel auf Erden. Denn der Himmel ist dort, wo Gott ist, und Gott ist in mir." Dabei ist zu bedenken, dass dieses Erfahren der unmittelbaren Nähe Gottes in der Gegenwelt der Wüste keine Weltflucht bedeutet, sondern eine tiefe, ganz neu buchstabierte Verbundenheit mit den Menschen und der Kirche. „Getrennt von allen und doch vereint mit allen", so formuliert es Evagrios Pontikos, der „Vater der geistlichen Literatur" aus dem 4. Jahrhundert. Spätestens seit dem 3. Jahrhundert also zieht sich die Spur eremitischen Lebens durch die Geschichte der Kirche bis hinauf zu den unbekannten Eremiten unserer Tage. Ob in einem eremitisch lebenden Orden (Kartäuser), als Eremit in Zugehörigkeit zu einer Ordensgemeinschaft (der Trappist Thomas Merton) oder als ordensunabhängiger Eremit, der vor einem Bischof oder einem geistlichen Vater das Versprechen eines eremitischen Lebens abgelegt hat; ob als Mann oder - weiter verbreitet als viele glauben! - als Frau: das Leben des in der Einöde (= eremo) der Wüste oder des Waldes oder der Insel oder manchmal auch der Großstadt einzeln siedelnden Christen („Ein-Siedler") war immer zugleich anspruchsvoll wie auch riskant und umstritten. Anspruchsvoll in seiner Radikalität der Gottsuche und Gottesnähe; riskant, weil es den Einsamen an die Grenzen seiner physischen und psychischen Existenz führt; umstritten, weil viele die Frage stellen: Wozu diese Lebensform? Braucht die Kirche diesen Lebensstil? Gibt es überhaupt etwas an ihm, was sie schätzt? Dass die Kirche die eremitische Lebensform schätzt, das zeigt allein ein Blick in das Kirchenrecht von 1983. Darin heißt es im Canon 603, dass die Kirche das eremitische oder anachoretische Leben anerkennt, „in dem Gläubige durch strengere Trennung von der Welt, in der Stille der Einsamkeit, durch ständiges Beten und Büßen ihr Leben dem Lob Gottes und dem Heil der Welt weihen". Außerdem wird die Möglichkeit eröffnet, dass Männer und Frauen sich zu dieser Lebensform vor ihrem Bischof verpflichten und sie unter seiner Leitung leben. |
Der Eremit macht uns bewusst, dass wir als Christen und Christinnen zwar auf dem Nährboden der kirchlichen Gemeinschaft in den Glauben hineinwachsen und ihn leben, dass wir aber immer auch als Einzelne vor Gott stehen. Selbst im engagierten Leben innerhalb einer Gemeinde oder Gemeinschaft ist unser Ja zu Gott letztlich immer ein Ja des Einzelnen. Aber dieses Leben des einzelnen Christen vor Gott steht in solidarischer Beziehung zur Gemeinschaft. Madeleine Delbrel weist in diesem Zusammenhang auf die sprachliche Verwandtschaft der beiden französischen Worte „solitaire" (einsam) und „solidaire" (solidarisch) hin. Eremitisches Leben findet zwar soziologisch am Rande der Gesellschaft und der Kirche statt, aber in seiner Gottverbundenheit und tiefen Solidarität mit den anderen immer im spirituellen Zentrum der Glaubensgemeinschaft. Diese Solidarität mit der Glaubensgemeinschaft und der Gesellschaft, ja der ganzen Schöpfung, drückt sich für den Eremiten zuerst und zutiefst im Gebet aus. Sein Gebet ist stellvertretendes Gebet. Vor diesem Gebet für die Welt liegt aber noch sein schweigendes Hinhören auf das, was Gott ihm sagt. In diesem Schweigen gibt er Gott Raum, macht er sich selbst empfänglich für Gott. Seine Einsamkeit wird so zu einem „der tiefsten Risse, die dem Herrn und seiner Erlösung erlauben, durch uns hindurch in die Welt einzudringen." (Delbrel) Der Höhepunkt im geistlichen Leben des Eremiten wie auch in seiner Verbundenheit mit der Kirche ist die Feier der Eucharistie. Die unzähligen Mehlpartikel erinnern ihn an die vielen Schwestern und Brüder, die an dem Mahl teilnehmen. So ist die Kommunion für ihn nicht nur der fruchtbarste Kontakt mit Gott, sondern bestätigt gleichzeitig auch seine Zugehörigkeit zur Kirche und seine universale Liebe zu ihr. Ist bei dieser tiefen Verbundenheit der Eremiten mit Gott und der Welt noch verwunderlich, dass sie immer wieder von Menschen als Ratgeber geschätzt und aufgesucht werden? Eremiten und Eremitinnen sind häufig nicht nur einfühlsame Gesprächspartner, sondern können sogar zu geistlichen Therapeuten werden. Eines darf dabei freilich nicht mit ihnen geschehen: sie dürfen nicht verzweckt werden, auch nicht im Sinne einer neuen Bewegung oder eines neuen Aufbruchs. Sie werden immer Einzelne bleiben - und bleiben müssen. „Sie suchen keine Jünger, sie wollen das Christenleben nicht neu erfinden, sie bekennen sich als Sünder, sie erheben nicht den Anspruch, über die Kirche ihrer Zeit zu richten, und noch weniger, sie zu reformieren. Es sind Menschen, die auf Kinder verzichten, dass wir die unsrigen noch mehr lieben. Es sind Menschen, die auf Worte verzichten, um uns zu belehren, unsere Worte mit Schweigen zu füllen. Es sind Menschen, die auf brüderliche Tischgemeinschaft verzichten, um uns anzuregen, aufmerksam darauf zu achten, dass Christus mit uns zu Tisch sitzen möchte." (Bonnet/Gouley, Gelebte Einsamkeit. Eremiten heute. Freiburg 1982, S. 192) |
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