Eremitische Spiritualität
Meine Spiritualität ist mein Alltag
von Sr. Renate Becker
|
Von eremitischer Spiritualität kann nur die Rede sein, wenn eremitischer Alltag zur Sprache kommt. Wie dieser Alltag gelebt wird gibt Auskunft über die Spiritualität, die ihn trägt. Das wird ganz verschieden aussehen; geprägt von dem äußeren Rahmen, den Klause und Lebensumfeld bilden. Vor allem geprägt von dem inneren Weg der zur eremitischen Lebensform führte. So soll der folgende Text auch keine theoretische Abhandlung über eremitische Spiritualität sein, sondern eher eine einladend geöffnete Tür.
Gebet und Meditation Mein Weg ist neben anderem geprägt von langen Jahren in der „Schule des HL Benedikt" und zugleich von der Übung der Zen-Meditation. Im Alltag bedeutet das, dass ich versuche, die meiste und beste Zeit dem Gebet, der Meditation zu widmen. Es ist gut und sehr hilfreich, den Tag durch das kirchliche Stundengebet zu strukturieren. Immer wieder unterbreche ich das, was ich gerade denke und tue, um mich ganz bewusst betend für die Gegenwart Gottes zu öffnen. Wenn ich so meine Zeit, das was gerade geschieht, aus den Händen gebe, es vor Gott hinlege, wird für mich ganz konkret, dass all meine Zeit Gottes Zeit ist, mir immer neu als zu verantwortendes Geschenk anvertraut. Dazu gibt es nach Möglichkeit zwei größere Meditationszeiten, zwei Stunden in der Frühe und eine am Abend und in der Mittagszeit eine halbe Stunde Schriftlesung und wann immer möglich, die Mitfeier der Eucharistie in der Gemeinde, der die Klause gehört, die ich bewohne. Diese Zeiten ausdrücklicher Hinwendung zu Gott sind für mich so etwas wie tragende Pfeiler geworden im Strom der Tage, Wochen, Jahre. Sie machen den Alltag zu einer Brücke der Sehnsucht, die sich dem erhofften und geglaubten Ziel entgegen baut. Und auf dieser „Brücke" kann dann alles seinen Platz finden, die kleinen und größeren täglichen Notwendigkeiten und die Arbeit für den eignen Lebensunterhalt am Schreibtisch.
Begegnungen Der Zeit- und der Innenraum des Gebetes gibt dann auch die Kraft mich immer neu auf die vielen Menschen einzulassen, die in kleineren und auch großen Wallfahrtsgruppen den Weg zur „Klus" finden - einer regional beliebten kleinen Wallfahrtskirche inmitten eines weiten Waldgebietes gelegen - Sie alle erwarten von mir, dass ich mit ihnen Wortgottesdienst halte und auch Zeit habe für ein Gespräch in der Gruppe. Und da sind dann auch die Einzelnen, die an meine Tür klopfen, um Lasten, Trauer und Ärger abzuladen und manchmal auch Freude und Dankbarkeit mitzuteilen. Das kann in der warmen Jahreszeit schon bis an die Grenzen der eignen Kraft gehen. Trotzdem muss ich nicht „rotieren", wenn der Andrang hier und da groß ist, denn die Pfeiler, die den Tag tragen, sind zuverlässig. Wenn es mir aber einmal schwer fällt denke ich daran, dass der hl. Benedikt die Mönche mahnte, jeden, der an die Tür klopft, so aufzunehmen, als wäre es Christus selbst, der da anklopft. „Gott sei Dank", sollte ich dann nach der Weisung Benedikts sagen und es auch wirklich so meinen. Gerne gebe ich zu, dass Herz und Mund da noch lange nicht immer im Einklang sind.
Die winterliche Jahreszeit bringt dann aber auch für mich die äußere Einsamkeit und die Stille, die eher selten durch Besucher unterbrochen wird. Mit großer Dankbarkeit darf ich dann spüren, wie die Stille der Natur der eignen inneren Stille zu Hilfe kommt. Gelegentlich kommt es auch vor, dass Frauen – auch Ordensfrauen, die eine kleine „Auszeit" |
brauchen um sich neu zu orientieren, mich bitten, eine Zeit lang mein Leben teilen zu dürfen. Dafür steht ein winziges Gastkämmerchen bereit. Und daneben fand in meinem Alltag dann auch ein kleiner verwaister Waschbär einen geschützten Lebensraum bis er groß genug war für die Freiheit im Wald oder auch ein junger Hund, der sich langsam zum aufmerksamen „Beschützer" entwickelt.
Ich glaube, wenn jemand wirklich unter den Augen Gottes ganz bei sich zu Hause sein kann, dann weitet sich sein Herz zur liebevollen Aufmerksamkeit für alles, was ist: die ganze Schöpfung, nicht nur für die Menschen. Ja sie schließt selbst die Dinge ein, die mich umgeben. Der Tisch, an dem ich arbeite, die Tasse, aus der ich trinke, der Spaten, mit dem ich die Erde umgrabe, sie alle sollen „wie heiliges Altargerät" von mir mit großer Sorgsamkeit umgeben werden, so sagt es die Benediktregel. In ihrer einfachen und zweckmäßigen Schönheit tragen sie dazu bei, dass mein Leben in der Eremitage gelingen kann. Ja, sie sind auf ihre ganz eigne Weise auch ein Lob des Schöpfers von allem, was ist. Dass die Dinge, die auch ein Eremit zum Leben braucht, einfach sind, sollte keine Frage sein. Aber in ihrer Einfachheit und Zweckmäßigkeit, sollten sie nicht hässlich sein oder gar heruntergekommen. Die Dinge, mit denen wir uns umgeben, wirken auf uns zurück.
Armut Bedeutet für mich nicht in einer künstlichen, unechten Mangelsituation zu leben, die ich mir selbst auferlege, sondern eher die Bereitschaft wirklich zu teilen: meine Zeit, materielle Güter, meinen Glaubens- und Lebensraum. Weil meine Klause räumlich sehr eng ist, stellt das Teilen des Lebensraumes eigentlich die größte Anforderung an meine Möglichkeit Armut zu leben.
Solidarität und Stellvertretung Eremiten sind keine Romantiker. Und Eremitagen keine „Idylle" sondern geistliche Kampfplätze. Die Menschen, die darin leben, bleiben auch in der Einsamkeit Menschen aus der Welt von heute. Vertraut mit ihrer Not, ihren Fragen, ihrem Leiden und auch ihrer oft so irregeleiteten, tiefen Sehnsucht nach Heil. Und nur weil ich wirklich ein „Mensch von heute" bin, geprägt und verwundet und doch auch schon geheilt, kann ich mein Beten und Schweigen, meine immer neuen Versuche die Einsamkeit und Kargheit meines Daseins liebevoll anzunehmen, mein hoffendes Aushalten der abwesenden Anwesenheit Gottes als Stellvertretung verstehen. Darum geht es mir vor allem: im gelebten Alltag dem unbegreiflichen Geheimnis Gottes auf der Spur zu bleiben, Ich glaube, dass das stellvertretende Gebet wirklich heilende Kräfte in die Not der Zeit hinein fließen lässt. Und zugleich verstehe ich mein Leben als Eremitin auch als Solidarität mit den vielen Menschen, die heute zunehmend vereinsamen. Vorwiegend sind das ältere, zunehmend aber auch jüngere Menschen. Sie sind ohne es zu wollen in ihre liebeleere, kalte Lebenssituation hineingeraten. Viele von ihnen können mit dieser Einsamkeit nicht umgehen und fliehen in Aktionismus, in Alkohol oder Drogen. Ihnen gilt ganz besonders mein fürbittendes Gebet. Und ich hoffe und glaube, dass das liebevolle Annehmen meiner Einsamkeit, die ja auch für mich nicht nur helle Seiten hat, sondern auch Mangel bedeutet und schwer lasten kann, ihnen durch Gottes geheime Kanäle zum Heil wird. So gesehen verstehe ich mich als Eremitin nicht als eine „Randfigur" im Spektrum geistlicher Lebensformen in der Kirche, sondern weiß mich in ihrem „Herzen" angesiedelt, um von da aus die suchende und hoffende und liebende Erwartung des Herrn wachzuhalten, bis ER kommt. |