Von den Orden zu den neuen geistlichen Gemeinschaften

Die Demokratisierung eines Ideals

Von P. Konrad Werder SDS, München

Mit dem Auszug zahlreicher Christen aus der Gesellschaft im 4. Jh. wurde das Leben nach den Evangelischen Räten der Ehelosigkeit, der Armut und des Gehorsams zum christlichen Ideal schlechthin. Im Laufe der Zeit wurde das Leben im Orden oder wenigstens in Ehelosigkeit zur Voraussetzung fast aller wichtigen Aufgaben der Kirche.

In der neueren Geschichte formulierte Vinzenz Pallotti (1795 – 1850) als erster ein Modell für den Einsatz jedes Christen in allen Aufgabenbereichen der Kirche (vgl. S. 4-7), Jordan (vgl. S. 8), aber auch andere, folgten mit ähnlichen Vorstellungen.

Von Pallotti bis zum II. Vatikanischen Konzil

Pallotti und Jordan konnten ihre Pläne nicht umsetzen, deswegen ist es auch schwer zu sagen, wie sie sich denn die Position der Laien genau vorgestellt hätten. Der erste, der dann in dieser Perspektive seine Vorstellungen umsetzen konnte, war Kentenich (vgl. S. 10-11), der als Pallottiner die Ideen seines Ordensvaters kannte.

Er geht gewissermaßen einen Mittelweg, der in der Konzeption der Säkularinstitute, die wesentlich auf seine Überlegungen zurückgehen, deutlich wird: Ganzer Einsatz in der Welt bei gleichzeitiger Distanzierung von ihr durch die Verpflichtung auf die Evangelischen Räte. Hier kommt also das Ordensideal und das Ideal des „Weltchristen" zusammen. Dieses Selbstverständnis überträgt Kentenich mehr oder weniger auf alle, die sich in „seiner" Schönstatt-Bewegung am Apostolat der Kirche beteiligen.

Einen Schritt weiter geht Escrivá (vgl. S. 9), der Gründer des Opus Dei. Wenn es gelingt, für einen Augenblick alle negativen Geschichten, die über dieses Werk kursieren, beiseite zu lassen, ist es möglich, seinen Grundgedanken zur Kenntnis zu nehmen.

Escrivá verzichtet völlig auf den Gedanken der Distanzierung von der Welt, im Gegenteil, gerade die Welt ist der Ort des Christen, sich zu bewähren, aber nicht nur das, die Welt ist es auch wert, dass sie weiterentwickelt wird, m. a. W., die Schöpfung ist noch nicht vollendet und der Christ ist gerufen, am Werden der Schöpfung mitzuwirken. Und darin geschieht für Escrivá auch Apostolat, dass der Christ in der Welt ganzer Christ ist, nicht mehr und nicht weniger. Dieses Selbstverständnis kann nun mit Recht eine laikale Spiritualität genannt werden, wie sie das Zweite Vatikanische Konzil (1963-65) dann offiziell für die Kirche übernommen hat.

Allgemeine und besondere Nachfolge

Dass das Opus Dei dennoch viel Kritik erfährt, dürfte vor allem daran liegen, dass seine Mitglieder nach diesem Selbstverständnis gerade nicht aus der Welt heraus- und ihr gegenübertreten, sie also

gewissermaßen unsichtbar bleiben, umgekehrt gehören sie aber doch einer fest strukturierten Institution an, in der es auch inhaltlich feste Vorstellungen von Kirche und Welt gibt. Diese Gegebenheit nährt fast unweigerlich die Vorstellung von einer Geheimgesellschaft, und wenn man dann noch annehmen muss, dass diese Gesellschaft heute in der Kirche einen bedeutenden Einfluss ausübt, dann schafft das Widerstände. Vielleicht wird an diesem Problem aber auch etwas Grundsätzlicheres sichtbar: das laikale Selbstverständnis und das Selbstverständnis von Christen, die in besonderer Weise an der Sendung der Kirche teilnehmen oder gar das Christsein zum Beruf machen, haben beide durchaus ihr Recht. Zwar gibt es nur das eine Christsein und die eine Nachfolge, aber diese kann in zwei Weisen gelebt werden. Man kann ganz Christ sein und an der Sendung der Kirche teilnehmen, ohne in besonderer Weise hervorzutreten. Vielleicht könnte man diese Form die allgemeine Nachfolge nennen. Wer aber in besonderer Weise an der Sendung der Kirche teilnehmen will, der darf und soll auch aus der Gemeinde und der Welt heraustreten, das ist keine Überheblichkeit, sondern ein offenes Verhalten, das nicht gleich als Klerikalismus verdächtigt werden darf. Dafür gibt es umso weniger Grund, wenn dieses Heraustreten keine Distanzierung und noch viel weniger eine Abwertung der Gemeinde und der Welt bedeutet. Wer sich so in der Kirche engagiert, der/die lebt eine besondere Nachfolge.

Offen für alle

Bis Pallotti konnte man sich eine solche besondere Nachfolge nur in einem Leben nach den Evangelischen Räten bzw. im Zölibat des Priesters vorstellen, seither setzt sich immer mehr das Bewusstsein durch, dass es für diese besondere Nachfolge keine äußeren Bedingungen gibt, sondern nur eine innere, nämlich die, dass jemand wirklich als Christ bzw. als Christin sich in besonderer Weise in die Kirche einbringen will.

Dieses Bewusstsein hat zu neuen Formen des Miteinanders von Ordensleuten und Weltchristen und zu den vielfältigen neuen geistlichen Bewegungen geführt, die sehr gemischte Gesellschaften sind, einmal mehr, einmal weniger strukturiert. Da gehören Männer und Frauen zusammen, die einfach ihr Christsein im Alltag vertieft leben wollen, mit anderen, die sich in besonderer Weise für die Verlebendigung und Weitergabe des Glaubens engagieren und zwar sowohl Laien als auch andere in einem Leben nach den Evangelischen Räten und ebenso Priester. In einer solchen Bewegung gibt es nicht mehr Christen erster und zweiter Klasse, da ist der Unterschied zwischen Priester und Laie nicht mehr von Bedeutung. Sie sind Orte einer geschwisterlichen Kirche, nach der die Menschen heute so sehr verlangen.