Der Rosenkranz

Perlen des Gebets

Von Weihbischof Heinrich Janssen, Münster

Entwicklung

Rosenkranz, das ist der Name für ein Gebet und bezeichnet zugleich die Perlenschnur. Der Rosenkranz ist ein meditatives Gebet, die Perlen lassen gleichsam die Zeit durch die Hände gleiten. Das Rosenkranz-Gebet ist in einem langen Entwicklungsprozess aus einer Reihe spiritueller Elemente entstanden. Eines der ursprünglichsten ist das Wiederholungsgebet, das schon im frühen Mönchtum gepflegt wurde. Es entsprang dem Wunsch nach immerwährendem Gebet. Paulus schreibt an die Gemeinde von Thessalonich: „Betet ohne Unterlaß" (1 Thess 5,17). Durch dieses Gebet hofften die Mönche, zu einer ständigen Einheit mit Gott zu gelangen. Vom Eremiten Paulus, der im 4.Jahrhundert in der nordafrikanischen Wüste lebte, wird überliefert, er habe täglich dreihundertmal das Vaterunser gebetet. Er zählte die Gebete mit kleinen Steinen.

Der Wunsch, die Zeit durch das Gebet zu heiligen, führte zur Herausbildung des kirchlichen Stundengebetes, das im 6. Jahrhundert seine Form gefunden hat. Seinen längsten und wichtigsten Teil bilden die Psalmen. Die 150 biblischen Psalmen bekamen den Namen Psalter. Dieser Name erhielt nach und nach eine neue Bedeutung. Er bezeichnete neben der Psalmensammlung aus der Bibel die Reihung von 150 Vaterunser, später auch 150 Ave Maria und weiter die Reihung von Gebetsreimen, die sich ebenfalls aus 150 Einheiten zusammensetzten. Die Unterscheidung in Zehnergesätze mit dem Vaterunser ist eine weitere Entwicklungsstufe. Wesentlicher als diese Unterteilung ist die Verbindung des Ave Maria mit Betrachtungen aus dem Leben Jesu. In der Kartause von Trier fügte Dominikus von Preußen (nach 1410) an das Wort „Jesus" des Ave Maria 50 kurze Sätze (clausulae) an, die an ein Geheimnis aus dem Leben Jesu oder seiner Mutter erinnerten. Damit war der heutige Rosenkranz gegeben.

Andere Religionen

In anderen Religionen finden wir ähnliche Gebetsformen und Gebetsschnüre. Üblicherweise besteht der islamische „Rosenkranz" aus dreimal 33 Perlen. In der Praxis sind diese drei Teile drei Reihen von Anrufungen der 99 schönsten Namen Gottes.

In den Hindu-Religionen Indiens ist die Gebetsschnur in den beiden großen Strömungen des Shivaismus und Vishnuismus gebräuchlich. Die Gebetsschnur zählt 108 (Vishnuismus) bzw. 84 Perlen (Shivaismus). Mit Hilfe dieser Gebetsschnur werden unterschiedliche „Mantras" (ein Laut, eine Formel oder ein kurzer Text) rezitierend meditiert.

Im Buddhismus ist eine Gebetsschnur vor allem in der größten Richtung, dem Mahayana („Großes Fahrzeug") sehr verbreitet. In Sri Lanka, Tibet und China haben diese Schnüre meist 108 Perlen, entsprechend den „108 Leidenschaften". In Indien gab es schon in vorchristlicher Zeit Gebetszählketten.

Geistliche Bedeutung

„Das Rosenkranzbeten ist tatsächlich nichts anderes, als mit Maria das Antlitz Christi zu betrachten" (Johannes Paul II.). In unserer Zeit haben zwei Apostolische Schreiben des Papstes Paul Vl. und Johannes Paul II. die geistliche Bedeutung des Rosenkranz-Gebetes hervorgehoben. Paul Vl. im Jahre 1974 (Marialis Cultus - MC) und Johannes Paul II. im Jahre 2002 (Rosarium Mariae Virginis - RVM). Beide Päpste betonen, dass der Rosenkranz ein biblisches Gebet ist. Seine Grunddimension ist auf Christus ausgerichtet. Im Zentrum des Rosenkranz-Gebetes mit seiner Wiederholung des Ave Maria steht der Name Jesus. Mit diesem Namen werden in jedem Gesätz die heilsgeschichtlichen Ereignisse genannt. Der Rosenkranz ist eine erprobte Gebetsform, sich in das schauende Betrachten einzuüben. „Maria lebte mit den Augen auf Christus gerichtet und machte sich jedes seiner Worte zu eigen. Gerade aus der Erfahrung Marias ist der Rosenkranz ein ausgesprochen kontemplatives Gebet. Wenn es diese Dimension entbehrt, wird ein entstelltes Gebet entstehen" (RVM 12). „Wenn das Element der Betrachtung fehlt, wird der Rosenkranz zu einem Leib ohne Seele" (MC 47).

Der lichtreiche Rosenkranz

Wir kennen heute den freudenreichen, den schmerzhaften und den glorreichen Rosenkranz. In seinem Apostolischen Schreiben aus dem Jahre 2002 sagt Papst Johannes Paul II.: „Um den christologischen Gehalt dieses Gebetes deutlicher zu machen, halte ich es für angebracht, eine angemessene Ergänzung vorzunehmen, die auch die Geheimnisse des öffentlichen Lebens zwischen Taufe und dem Leidensweg Christi einbeziehen..." (RVM 19).

Er führt uns an Stellen des öffentlichen Lebens Jesu, die in besonderer Weise „Geheimnis des Lichtes" genannt werden können:

- Jesus, der von Johannes getauft worden ist.

- Jesus, der sich bei der Hochzeit in Kana offenbart hat.

- Jesus, der uns das Reich Gottes verkündet hat.

- Jesus, der auf dem Berg verklärt worden ist.

- Jesus, der uns die Eucharistie geschenkt hat.

„Jedes dieser Geheimnisse ist Offenbarung des Reiches, das in der Person Jesu Christi schon eingetroffen ist" (Johannes Paul II.).

Beim Rosenkranzgebet ist der ganze Mensch beteiligt: Die Hand greift und berührt, der Mund spricht und das Herz denkt und betrachtet.

Das Buch zum Thema:

Heinrich Janssen

Perlen des Gebets

Der Rosenkranz – Hinführung und geistliche Deutung

190 Seiten, Herder, Freiburg 2003,
ISBN 3-451-28232-1, a 14,90

Das Buch bietet auch gute Elemente zur Gestaltung von Rosenkranzandachten