Prämonstratenser: Gemeinschaft von Seelsorgern

Das Leben einsetzen,
aber nicht die Seele verlieren

Kloster Roggenburg bei Neu-Ulm im Aufbruch

Nur fünf Jahre nach der Gründung des Prämonstratenserordens durch Norbert von Xanten entstand 1126 das Kloster Roggenburg. Genau 180 Jahre nach Auflösung durch die Säkularisation zog 1982 mit P. Rainer Rommens der erste Prämonstratenser wieder in Roggenburg ein. Seither sind mehrere Patres aus der Ursprungsabtei Windberg in Niederbayern dazu gekommen, heute befindet sich das Kloster in einem vielfältigen Aufbruch. 
Der WEGBEREITER besuchte die junge Prämonstratenser-Gemeinschaft.


Aufbruch
Drei Medientermine in einer Woche, drei Tage bayerisches Fernsehen, dann noch die Lokalzeitung und der WEGBEREITER. Roggenburg wird heute in der Öffentlichkeit wahrgenommen, kein Wunder, denn es herrscht Aufbruchstimmung in dem alten Kloster. Und das spricht auch junge Menschen an. Frater Benedikt, der vor zwei Wochen eingekleidet wurde und das heißt das Noviziat begonnen hat, nennt als einen der Gründe für seinen Eintritt: „Bei meinen ersten Aufenthalten habe ich gesehen: hier gibt es Perspektiven“. 
Die Perspektiven sind schon im Äußeren unübersehbar. Vor 20 Jahren sind wieder Prämonstratenser in die Gebäude eingezogen, seither wurde vieles renoviert, vor allem aber wurde ein großzügiges neues Gebäude für das „Zentrum für Familie, Umwelt und Kultur“ erstellt. In diesem Zentrum herrscht Leben, eine ganze Anzahl von Kursen laufen zur gleichen Zeit, aber auch im Kloster selbst regt sich neues Leben: drei Fratres, Johannes-Baptist, Jonas und Christian, haben erst vor kurzem die erste Profess auf drei Jahre abgelegt, das Durchschnittsalter der Gemeinschaft aus 12 Mitbrüdern beträgt 36 Jahre.

Gemeinschaft
Was Frater Benedikt, der aus Fulda stammt, aber zuerst angesprochen hat, ist die „Natürlichkeit“ der Brüder, wie er es ausdrückt. Vielleicht meint er damit, was auch im Gespräch zum Ausdruck kommt: das Miteinander der Männer in der Gemeinschaft hat nichts Gekünsteltes. 
Das Kloster ist das Zuhause. „Wenn wir, Frater Jonas und ich, vom Theologiestudium in Augsburg am Wochenende zurückkehren, sagen wir nicht: wir gehen nach Roggenburg, sondern: wie gehen heim“, so einfach drückt es Frater Christian aus. Und was dieses Zuhause ausmacht, dazu zählt Frater Johannes-Baptist auch das Äußere des Klosters, die Zeugnisse, die von der Verwurzelung der Prämonstratenser an diesem Ort seit Jahrhunderten erzählen. Vor allem aber ist dieses Zuhause die Gemeinschaft der Mitbrüder. Bei den gemeinsamen Mahlzeiten, beim abendlichen Treffen oder bei verschiedenen anderen Gelegenheiten des Alltags tauscht man sich aus über all das, womit jemand gerade beschäftigt ist oder auch, was einen beschäftigt. Dafür gibt es nicht viele feste Regeln, die Regel aber ist, dass man sich abends trifft. Und wenn es sich dann ergibt, dann kann diese Runde sehr lange dauern, „die jungen Leute haben ja Ausdauer“, deutet P. Rainer, als Prior der Chef der Gemeinschaft und des ganzen Klosters, mit einem mehrdeutigen Schmunzeln an. 
Gibt es auch mal Konflikte, genießt jeder Aufmerksamkeit, was ist, wenn einer in eine Krise gerät? Ein brennendes Thema scheint all das nicht zu sein. Frater Johannes-Baptist meint, es gebe unter ihnen durchaus eine Streitkultur, man rede mit dem anderen, wenn eine Schwierigkeiten auftrete. P. Adrian kann schon Themen nennen, die sich öfter in den Vordergrund drängen, und seine Mitbrüder unterstützen seine Aussage mit einem kräftigen Gelächter, „aber letztlich kommt es natürlich auf jeden einzelnen an, wie er sich einbringt“ relativiert er diese Erfahrung. Und P. Rainer ergänzt: „Wenn es Probleme gibt, gehen wir damit um wie man das von erwachsenen Menschen erwarten kann“. P. Adrian kurz und bündig: „Wir kommen nicht abends bei einer Kerze zusammen und halten eine gruppendynamische Sitzung“.

Gemeinschaft von Seelsorgern
Das Leben in Gemeinschaft war ein entscheidendes Motiv für alle jungen Prämonstratenser dieser Gesprächsrunde, in dieses Kloster einzutreten. Aber Gemeinschaft ist kein Selbstzweck, das betont P. Rainer ganz ausdrücklich: „Es geht nicht darum, sich aus der Welt zurückzuziehen, sich eine Kuschelecke zu suchen, um es leichter zu haben als andere.“ Dass das hier nicht der Sinn von Gemeinschaft ist, wird aus allen Äußerungen deutlich, die jungen Leute wollen zuerst und vor allem Seelsorger sein, draußen in den Gemeinden, aber sie wollen nicht allein leben. P. Adrian formuliert es sehr deutlich: „Meine Aufgabe habe ich schon immer in der Seelsorge gesehen, aber dann allein in einem Pfarrhaus, wenn ich Glück habe mit einer Pfarrhaushälterin, das wäre mir zu wenig.“ Frater Benedikt, der das Theologiestudium schon abgeschlossen hat: „Ich habe das sehr deutlich in der Diözese gesehen: da gibt es wenig Hoffnung, dass eine Gemeinschaft zusammenkommt und wenn du einmal in der Pfarrei drin bist, dann ist es vorbei, dann ist es kaum noch möglich, für sich andere Strukturen zu finden oder zu schaffen. So bin ich froh, dass ich auf die Prämonstratenser gestoßen bin.“ 

Aber ist ein Weltpriester, der alleine lebt, dann nicht doch noch mal verfügbarer? Eine Gemeinschaft nimmt einen ja auch in Anspruch, da ist sie einer Familie nicht unähnlich. Auf der anderen Seite stehen die Ansprüche der Seelsorge und die Resonanz, die sie schenkt. Kommt es da nicht auch zu inneren Konflikten? P. Adrian, seit zwei Jahren Seelsorger in zwei Gemeinden, spricht aus Erfahrung: „Als ich neu in die Pfarreien kam, hat mich die neue Aufgabe so in Anspruch genommen, dass die Gemeinschaft zu kurz kam, das hat sich wieder geändert, aber solche Phasen gibt es immer wieder und das ist hier auch akzeptiert. Natürlich ist es ein Spagat, eine Gratwanderung, das wird wohl das ganze Leben lang so sein, aber es kommt auf die innere Einstellung an: schaffe ich mir diese Freiräume, dass ich auch in der Gemeinschaft leben kann. Es ist überhaupt kein Problem, dass ich mich in der Pfarrei total verausgabe, aber dass ich mich nur draußen in Aktionen verliere, das kann es ja auch nicht sein. Da kommt man ja auch irgendwann drauf, dass man dann leicht zu schwimmen anfängt. Und um dieser Gefahr zu entgehen, ist eine Regel, genauer gesagt, sind Mitbrüder, die allein durch ihr Dasein einladen, sehr hilfreich.“
P. Rainer weist auf die uralte Tradition hin, auf die das prämonstratensische Ideal, Seelsorge und Gemeinschaft, zurückgeht. Hinter ihm an der Wand hängt ein großes Bild mit dem heiligen Augustinus und seinen Mitbrüdern. Augustinus schrieb die erste Regel für eine Gemeinschaft. Sie ist bis heute auch die Regel des Prämonstratenserordens. Augustinus (350 - 430) als Bischof von Hippo ging es damals darum, dass seine Seelsorger in Gemeinschaft lebten. P. Rainer: „Es ist uns wichtig zu betonen, dass wir keine Mönche sind, die sich in ein Kloster zurückziehen, um nach Heiligkeit zu streben, das tun wir auch, aber es geht uns ebenso darum, nach außen zu wirken. Wir Prämonstratenser sind Seelsorgepriester, die in Gemeinschaft leben. Diese Sendung nach außen ist ganz wesentlich für unser Selbstverständnis.“

Geistliche Gemeinschaft
Unmittelbar nach dem Mittagessen zieht die Gemeinschaft in die herrliche, vor wenigen Jahren gründlich restaurierte Rokokokirche zum Mittagsgebet ein. Aus dem eigenen prämonstratensischen Choralbuch werden in deutsch Psalmen gesungen, deren Melodie leicht eingängig ist. Es ist ein schlichtes, aber feierliches Beten ohne Eile. In gleicher Weise geschieht das Chorgebet am Morgen und am Abend. Es ist also, abgesehen von der Eucharistiefeier, „nur“ ein dreimaliges Gebet, nicht wie beim klassischen Chorgebet von Mönchen, das im Grunde ein siebenfaches Gebet ist. Wieder die Erfahrung des Seelsorgers P. Adrian: „Es kann schon sein, dass das Chorgebet zunächst gar nicht zur inneren Verfassung passt, dass der Kopf und das Herz noch voll sind mit dem, was vorher war oder was nachher auf mich zukommt, aber dann entfaltet der Gesang im Wechsel mit gesprochenen Texten und Stille doch eine Dynamik, die einen mitträgt. Immer wieder wenigstens“.
Und Zeiten für Meditation und geistliche Lesung, die zumindest in monastischen Orden oft ihre feste Regel haben, oder auch geistlicher Austausch etwa im Bibelgespräch? Da gibt es nicht viel aufzuzählen. „Letztendlich zeigt sich auch hier“, so erklärt Frater Jonas, „dass wir keine Mönche sind, sondern eine Gemeinschaft von Seelsorgern, deren Leben auch im Geistlichen nicht bis ins Detail geregelt ist, sondern auf persönliche Gestaltung angewiesen ist. Auch hier gilt, was ich manchmal den Leuten sage: Prämonstratenser sind eine Mischung aus Weltpriestern und Mönchen.“

Wissenschaft und Kultur
Neben der Verbindung von geistlicher Gemeinschaft und Seelsorge gab der hl. Norbert seinen geistlichen Söhnen noch ein anderes Erbe mit auf den Weg: Die Pflege von Wissenschaft und Kultur. In Roggenburg wurde auch diese Tradition wieder aufgenommen und eine echte Innovation geschaffen: Das „Zentrum für Familie, Umwelt und Kultur“. Es ist die Idee und das Werk von P. Roman. „Diese Idee in die Welt zu setzen und das Projekt mit der Gemeinschaft und vielen Partnern zu entwickeln, hat Spaß gemacht“, gesteht P. Roman mit berechtigtem Stolz. 

Er überträgt gern eine Erfahrung aus dem Wirtschaftsleben auf die Kirche: „Wenn es mit einer Firma bergab geht, dann liegt das irgendwann in der Luft, dann will sich da niemand mehr engagieren. Dann macht man einen Schnitt und meldet Insolvenz an und beginnt wieder neu, kleiner, überschaubarer. Das schafft wieder Hoffnung und Zuversicht, zieht wieder Menschen an.“ In Roggenburg haben die Prämonstratenser zwar nicht Insolvenz angemeldet, aber sie haben hier einen neuen Anfang gesetzt mit einem klaren Selbstverständnis, das heute aktueller ist denn je, in einem überschaubaren Seelsorgeraum und mit neuen Innovationen. Und wie man sieht unterstützt die Gnade Gottes gesunde menschliche Voraussetzungen.

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Prämonstratenser-Kloster Roggenburg
Klosterstr. 5, 89297 Roggenburg

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