Die Zukunft der Orden:

Unabhängige Persönlichkeiten

Von P. Eric Englert, Augustiner, Würzburg

Über die Zukunft der Orden und ihre Position in der katholischen Kirche äußerte sich P. Eric Englert, Vorsitzender der „Vereinigung Deutscher Ordensobern“ (VDO) in einem KNA-Interview. P. Englert ist auch Provinzial der Augustiner (OSA) in Deutschland.

P. Englert, welche Ziele wollen Sie als Vorsitzender der VDO erreichen?
Wir wollen zeigen, dass die Orden in Deutschland ein Gewicht haben. Dass sie eine eigenständige Gruppe im großen Bereich der katholischen Kirche in der Bundesrepublik sind, mit eigenen Einrichtungen, eigenen Zielen und mit je eigenem Charakter. Damit sie nicht einfach der diözesan verfassten Kirche zugerechnet und untergeordnet werden. Wir wollen den Verband deshalb deutlicher positionieren.

Die Orden wollen ihr Gewicht in Kirche und Gesellschaft stärken - aber wie steht es überhaupt um ihre Zukunft?
Die Orden erleben zur Zeit genauso wie die anderen Teile der Kirche, dass die Mitgliederzahlen sinken. Das hat vielschichtige Gründe. Meiner Meinung nach macht es wenig Sinn, in dieser Situation zu lamentieren. Entscheidend ist, dass die Orden das tun, was ihnen wichtig ist. Es sollte deutlich werden: Ordensleute sind Menschen, die mit ihrem Leben in Frieden sind - keine Sauertöpfe, sondern Leute, die am Leben teilnehmen, die sich engagieren, die sich für etwas einsetzen. Und sie sind dabei nicht verhärmt, sondern sie sind Persönlichkeiten geworden. Wo das passiert, habe ich keine Sorge um die Zukunft der Orden.

Orden nehmen nicht jeden in ihre Gemeinschaft auf, der an ihre Pforte klopft. Können sie sich das leisten?
Wenn die Zukunft der Orden für uns ein wichtiges Anliegen ist, ist klar, dass wir nicht jeden X-Beliebigen aufnehmen können. Die Orden sind keine therapeutische Einrichtung für Menschen, die außerhalb eines Klosters nicht leben können. Es ist eine wesentliche Voraussetzung für die Aufnahme in einen Orden, dass einer mit beiden Beinen im Leben steht, dass er eine unabhängige Persönlichkeit ist und dass er mit seinen Kräften und Gaben sich einbringen kann für das Wohl einer ganzen Gemeinschaft. 

Welches Image haben die Orden heute: Exoten? Eigenbrötler hinter Klostermauern? Menschen wie jedermann?
Die Sicht hängt davon ab, ob jemand Kontakt zu einer konkreten 

Ordensgemeinschaft hat. Viele Menschen, die ich treffe, wissen, dass wir im Kloster normale Menschen sind. Aber es gibt auch noch die andere Sicht: abstruse Vorstellungen vom Klosterleben, wie man es aus manchen Filmen und Klischees kennt. Für mich ist es eine interessante Erfahrung, dass immer mal wieder über die Internetseiten meiner Gemeinschaft Schulklassen anfragen, ob ich bereit wäre, auf Fragen übers Ordensleben zu antworten. Dann kommen teilweise einfache Fragen: Wie kommt man in einen Orden? Was macht man da? Wie ist der Tagesablauf? Wenn sich daraus ein Austausch über Ordensleben entwickelt, sind die Schüler teilweise sehr überrascht, wie es in einer Ordensgemeinschaft aussieht: Dass der Obere gewählt wird und wieder abzutreten hat, dass es heute eine viel größere Unabhängigkeit und Selbstständigkeit der Persönlichkeit gibt.

Was wollen die Orden unternehmen, um ihre Zukunft zu sichern?
Wir machen immer noch die Erfahrung, dass das A und O die persönliche Begegnung ist. Gerade deshalb ist es umso wichtiger, dass die Orden sich nicht zurückziehen, sondern dass sie bei den Menschen sind. Wobei bei seelsorglicher Tätigkeit nicht der Gewinn von Ordensnachwuchs das Hauptanliegen sein darf. Wir brauchen heute auch mehr Geduld, was dieses Feld betrifft. 
Wenn ich allein bei unserer Gemeinschaft sehe, wie lange wir mit einzelnen Kandidaten in Kontakt waren und sind: Wir müssen abwarten, dass Menschen sich entwickeln können. Dass sie dazu kommen, für sich klar zu sehen: „Wage ich den Schritt, oder wage ich ihn nicht?”

Was kann die VDO für den Bereich Nachwuchs machen?

Was die VDO versuchen will, ist eine positive Image-Werbung. Es muss sich entwickeln, ob und wie wir über unser geplantes Pressereferat oder den Internet-Auftritt der VDO am Image arbeiten können. Die persönliche Begegnung wird aber wohl weiter der wichtigere Weg sein. Wir Ordensleute müssen deutlich machen, dass unser Leben keine Anleitung zum Unglücklichsein ist, oder zu Askese und Verzicht. Sondern dass es bei uns - wie bei jedem Leben - darum geht, dass ein Mensch mit seinem Leben zufrieden ist. Das ist für mich auch wichtig im Blick auf die Ordensgelübde: Sie nicht zu verstehen als etwas, wo einer sich Fesseln anlegt. Sondern dass ich sie als Sinnbereiche ansehe, wo auch jeder andere Mensch für sich Entscheidungen treffen muss: Wie gehe ich mit Hab und Gut um? Wie mit meiner Geschlechtlichkeit oder wie gehe ich um mit meiner Freiheit? Da muss jeder Mensch Entscheidungen treffen, weil für keinen alles möglich ist. 

Interview: Hildegard Mathies