Fragmente einer Theologie der Gemeinschaft

Für eine Kultur der Kommunikation 

Von Sr. Dr. Mirjam Schambeck, Franziskanerin von Aiterhofen

Wider das Ersterben des Wortes
In ihrem Buch “Gebranntes Kind sucht das Feuer” (dtv 11115) führt Cordelia Edvardson, die Tochter der Schriftstellerin Elisabeth Langgässer, die Leser/-innen wechselnd durch die Straßen Vorkriegs-Berlins und die Gassen und Lager der KZ von Theresienstadt und Auschwitz. In den letzteren sind nur noch Orte geblieben, Zeit und Wort sind in diesen menschenverachtenden Milieus gestorben. Edvardson beschreibt, wie die Sprache in den KZ des Dritten Reiches angesichts des Nicht-Mehr-Vorhandenseins der Menschlichkeit erstarb und leer wurde. 
Aus den dichten Zeilen der Autobiografie Edvardsons wird deutlich, dass Worte nur dort anwesend sein können, wo auch Menschlichkeit zu finden ist. Wort und Menschlichkeit gehören zusammen. Drückt sich diese zum einen in Worten aus, die auch das Jenseits des Schweigens kennen, wird sie andererseits durch Worte gestiftet.
Wo die Worte ersterben, da sterben auch Menschen - und umgekehrt. Wo das sinnvolle Wort gesprochen wird, dort gibt es ein Du, da wird Gemeinschaft ermöglicht wie auch umgekehrt gilt, dass Gemeinschaft der Ort ist, der das Wort entspringen lässt, der Kommunikation schafft. Wenn man also sagen will, was Gemeinschaft bedeutet, was sie als religiöse Gemeinschaft bedeuten kann, dann heißt das, darüber nachzudenken, wie sie Ort der Kommunikation ist.

Gelingen und Scheitern von Kommunikation 
Wenn Worte ein Du brauchen, um sinnvoll zu sein, dann bedeutet das für die Gemeinschaft, die sich als Wir-Raum entwirft, dass sie der klassische Ort ist, an dem Worte entstehen und an dem sinnvoll kommuniziert wird. Gemeinschaften sind dann eigentlich Lernorte von Kommunikation. Was aber meint, sinnvoll miteinander zu kommunizieren?
Einige Momente, die zu einer gelingenden Kommunikation gehören, sind, füreinander aufmerksam zu sein, einander auch in der jeweiligen Andersheit zu respektieren, Grenzen des Redens und Nicht-Redens anzuerkennen, einander Räume zuzugestehen und auch Rückzugsmöglichkeiten einzuräumen, einander die Chance geben, zu wachsen, sich zu verändern und immer mehr die zu werden, als die die einzelne von Gott gedacht ist.
Bei diesen wenigen Bemerkungen ist schon mitgesagt, dass Gemeinschaft auch das Scheitern kennt. So wird Gemeinschaft ebenso zum Übungsfeld, mit den Erfahrungen des Scheiterns umgehen zu lernen. Gemeinschaft kann nur lebendig bleiben, wenn das Nicht-Gelingen von Kommunikation nicht endgültig bleibt. Anders gesagt heißt das, dass die einzelnen Mitglieder der Gemeinschaft, immer wieder bereit sein müssen, neu anzufangen, einander zu vergeben, sich trotz des Wissens, dass wieder etwas schief gehen wird, die Hoffnung zuzugestehen, dass zumindest morgen, Begegnung gelingen kann.

Anwesenheit und Verborgenheit Gottes
Die Hoffnung aber, dass im Wechselspiel von Gelingen und Scheitern das Glücken von Kommunikation die Oberhand behält, kann kein Du und kein Wir-Raum aus sich heraus setzen. Das kann nur durch ein Du garantiert werden, das jenseits dieser Grenzen ist. Damit ist jede Gemeinschaft von sich aus offen für ein Du, das letztgültig und endgültig ist und das wir Christen/-innen als Du Gottes verstehen. Dass diese Spannung auf dieses letzte Du Gottes auch wirklich eingelöst wird, das ist das Charakteristikum einer religiösen Gemeinschaft. Diese wird damit auch zum Erfahrungsraum der Anwesenheit bzw. Verborgenheit Gottes.

Krise der Kommunikation - Krise der Gemeinschaft? 
Indem hier Wort und Gemeinschaft als einander bedingende Phänomene verstanden wurden, gilt somit auch, dass das Wie der Kommunikation etwas darüber aussagt, wie es um die Gemeinschaft steht. Wenn nun die Kommunikation in die Krise gerät und das Wort verflacht bzw. sogar erstirbt, dann ist es kein Wunder, dass es um die Gemeinschaften im Kleinen und Großen schlecht bestellt ist.
Oder auch anders herum gedacht: Wenn es auf der Hand liegt, dass unsere Gemeinschaften in die Krise geraten sind, dann
müsste man eigentlich nachfragen, wie es um die Kommunikation in diesen Gemeinschaften bestellt ist oder anders gesagt, ob die Ursachen dafür nicht auch in einer Krise des Wortes ausgemacht werden können?
Wie steht es um das Wort in unseren religiösen Gemeinschaften, und damit sind die Kirchen immer auch mit gemeint? Um das ehrliche Wort, dem man das Ringen noch anmerkt, das Rechte zu sagen; von dem man spürt, dass da etwas aus der eigenen Lebensgeschichte mitschwingt? Wie steht es um die Bemühungen in unseren Kirchen, das lebendige Wort Gottes in einer Sprache zu sagen, die die Menschen heute angeht und berührt und sich nicht damit begnügt, Formeln zu wiederholen? Wie steht es um die Bereitschaft in unseren religiösen Gemeinschaften und Kirchen, sich betreffen zu lassen von der Lebensgeschichte des anderen, und zwar ohne sich danach wieder auf das Terrain von Gesetzen und Regeln zurückzuziehen und sich damit vom notwendigen Handeln beispielsweise an den Wiederverheiratet-Geschiedenen zu dispensieren? 

Sich um eine Kultur der Gemeinschaft zu bemühen, hieße dann, der Sprache in all ihren Dimensionen, als Wort und Geste, als Tanz und Spiel, als Schweigen und leiblicher Ausdruck wieder mehr Platz einzuräumen. Das lässt spannende Wege ahnen.