Christus - 
das Herz der Wirklichkeit

Christliche Berufung meint Umkehr zum ganzen Leben.

Berufung, was ist das? Im ersten Teil dieses Beitrags auf den Seiten 16-17 führte Sr. Magdalena Morgenstern aus, dass das Leben selbst schon Berufung ist. Das Leben ist ein Zeichen für den ganz Anderen, der mich ins Leben ruft und der zugleich die Sehnsucht meines Lebens ausmacht. Das Leben selbst aber kann diese Sehnsucht nicht stillen, selbst im Idealfall nicht, viele Erfahrungen sind sogar das genaue Gegenteil von Erfüllung. Dieser Widerspruch findet in Christus seine Lösung und jeder Christ ist berufen, Seine Sendung zu leben, Ordenschristen stellen darüber hinaus die Gestalt Christi selbst dar, indem sie seine Lebensform übernehmen. 

Das Geheimnis des Lebens hat ein Gesicht
Die Wirklichkeit ist ein Zeichen für das Geheimnis, das ihr innewohnt (vgl. S. 17). An dieser Stelle dürfen wir nun einen völlig neuen Schritt tun: Wir betrachten das Ereignis Christi. Er ist die endgültige Offenbarung dieses Geheimnisses. Das Geheimnis hat ein Gesicht. Es offenbart sich uns als Person. Das Leben Jesu, seine Menschwerdung, sein Tod, seine Auferstehung ist die Offenbarung Gottes als Liebe. Der Ursprung und das Schicksal der Wirklichkeit ist ein liebender und dreieiniger Gott. Dies zeigt uns Christus.
Alle Menschen spüren die Anziehung, die vom Leben ausgeht. Und das Geheimnis des Lebens, noch konkreter gesprochen, das Herz der Welt, ist Christus. Wenn ich also mein Leben verwirklichen will, wenn ich die vielgepriesene „Selbstverwirklichung“ anstrebe, dann ist es völlig vernünftig ihm nachzufolgen, mit Ihm zu leben. Es gibt keinen anderen Weg, mein Leben tief und zufriedenstellend zu verstehen. 
Christus zeigt uns die Liebe als Urgrund unseres Lebens. Er zeigt sie uns jedoch in ihrer höchsten Form als gekreuzigte Liebe. Die Anziehungskraft des Kreuzes ist aber nicht so leicht zu erklären wie die Anziehung der Wirklichkeit durch ihre offensichtliche Schönheit. Diese Anziehungskraft geschieht nicht durch „Liebe und Lust“, wie wir beim heiligen Augustinus gelesen haben.

Die Wunde der Wirklichkeit

Ich erlaube mir, diesen nächsten Schritt zusammen mit dem hl. Franziskus anzuschauen. Franziskus war einer, der viele Wünsche hatte. Er hatte große Ziele. Er wollte ein Ritter werden und sich einen Namen machen. Vor allem liebte er die Schönheit. Um im bisherigen Sprachgebrauch zu bleiben: Die Wirklichkeit zog Franziskus kräftig an. 
Es gab aber einen Punkt der Wirklichkeit, den er nicht annehmen konnte. Da war er in keiner Weise angezogen, vielmehr war er abgestoßen: das war die Ungestalt des Lebens. Die Krankheiten, die Unschönheiten oder die Hässlichkeiten der Welt. Das wird deutlich darin, dass es für ihn unerträglich war, die Aussätzigen zu sehen und zu treffen. Der Aussätzige war ihm wie ein Symbol der Wunde der Wirklichkeit. 
Über die Wunde des Lebens haben wir schon gesprochen: die Enttäuschung meiner Hoffnungen, Erwartungen und Sehnsüchte. Es gibt Situationen und eigentlich auch Personen, die das für mich konkret erfahrbar machen. Das Leben zieht mich zur Freude an, aber ich werde in meinen Erwartungen enttäuscht. Beides kennen wir alle. Dieser Erfahrung jedoch wollte Franziskus ausweichen. Deshalb wollte er den Aussätzigen ausweichen. Er hätte ihnen gern viel Geld gegeben, aber keine Begegnung! Er wollte nichts mit dieser Wunde der Wirklichkeit zu tun haben. 

Angst vor dem Widerspruch des Lebens
Franziskus sagt dazu fast am Ende seines Lebens in seinem Testament: „Denn, da ich in Sünden war, erschien es mir unerträglich bitter, Aussätzige anzublicken“. Damit erkennt er an, dass die Wunde nicht nur bei dem Aussätzigen war, sondern bei Franzis-kus selbst. „Da ich in Sünden war“ schreibt er. Er wollte nicht nur dem Aussätzigen, sondern dem Widerspruch des Lebens ausweichen, und damit dem Leben selbst. Mit den Worten „da ich in Sünden war“ beschreibt er sein eigenes ängstliches Herz. Die Sehnsucht von Franziskus war gesund. Er wollte leben. Aber das Bild der Erfüllung dieser Sehnsucht, das er hatte (z.B. sich einen großen Namen zu machen), war nicht ausreichend. Dieses Bild konnte es nicht ertragen, dass die Wirklichkeit Wunden hat, dass es Pleiten und Pannen gibt. Aber wir können der Wirklichkeit nicht immer ausweichen! In der Tat kamen für Franziskus Enttäuschungen: er verlor Kämpfe, geriet in Kriegsgefangenschaft, wurde krank. Sein leichtes, frohes Bild von der Welt und der Freude ging kaputt.

Begnadete Begegnung
Eines Tages begegnet er einem Aussätzigen und spürt, dass er ihm nicht mehr ausweichen kann. Die Biographen beschreiben, wie Franziskus sich selbst Gewalt antut, um vom Pferd zu steigen und diesen ansteckenden, todkranken Menschen zu umarmen und ihm den Friedenskuss zu geben. Die Umarmung des Aussätzigen war für Franziskus ein geheimnisvolles Geschehen. Durch diese Umarmung hat er „Ja“ gesagt zur ganzen Wirklichkeit. Und noch entscheidender: in dieser Umarmung hat er begonnen zu ahnen, dass dieser kranke Mensch mehr als seine Krankheit war: er war ein Zeichen des Geheimnisses. Diese tiefe Erkenntnis war ihm bisher nicht gelungen in der ausschließlichen Begegnung mit der Sonnenseite des Lebens. Dieser kranke Mann hat ihn gezwungen, tiefer zu schauen. Er musste tun, wozu er bisher nicht bereit war. Immer noch sucht er mit ganzer Kraft nach dem Leben, aber er ist bereit, sich tiefer führen zu lassen. 
Diese Erfahrung war für Franziskus eine echte Gnade; ein Werk Gottes in seinem Leben. Er erkennt das, als er sagt: „der Herr selbst hat mich unter sie geführt, und ich habe ihnen Barmherzigkeit erwiesen“. So hat Franziskus verstanden, dass es nichts gibt, was uns nicht von Gott erzählen könnte. Aber wie hat Franziskus das verstanden?

Die Liebe Christi umfasst die ganze Wirklichkeit
Die Vollendung dieser Erfahrung in der Begegnung mit dem Aussätzigen geschieht in der Tat ein wenig später: in San Damiano. Hier geschieht die Begegnung mit dem, der gleichzeitig gekreuzigt und auferstanden ist. Er tritt in San Damiano ein und steht vor dem Bild eines Mannes, der auch Wunden trägt, der in gleicher Weise ausgestoßen und verachtet ist. Ein Mann, der demjenigen, dem Franziskus kurz zuvor begegnet war, dem Aussätzigen, ähnlich ist. Franziskus erkennt die Ähnlichkeit und versteht die tiefe Verbindung – und damit auch die Verbindung mit dem eigenen Leben, denn er hatte in der Begegnung mit dem Aussätzigen erkannt, dass der Ekel vor diesem Menschen in ihm selbst den Ursprung hat. 
Er versteht, dass Christus sich hatte berühren lassen, sich in der Menschwerdung berührbar gemacht hat. Jesus jedoch trägt Wunden nicht wegen Pannen und Pleiten. Er tut es in Freiheit und aus Liebe. Das Kreuz in San Damiano trägt diese Zeichen: Christus ist gekreuzigt, aber er ist gleichzeitig auch lebendig. Seine Augen sind geöffnet. Christus, auf den Franziskus schaut, ist gleichzeitig gekreuzigt und auferstanden.
Deshalb versteht Franziskus plötzlich: Christus ist die Liebe Gottes für mich, er ist das Wesen und die Wahrheit der ganzen Wirklichkeit. Er ist die einzige angemessene Antwort für sein suchendes Herz. In Ihm wird alles bedeutsam. In Ihm hat alles Bestand. 
Nur Christus kann mein Herz retten, nur er kann auf meine wesentlichen Fragen antworten. Es ist nicht mehr nötig, die Wirklichkeit mit ihren Wunden zu meiden. Weil Christus das Herz der Wirklichkeit ist, kann ich immer nur ihn treffen, egal was geschieht. Es ist nicht mehr nötig eine falsche Wirklichkeit zu träumen, weil die Wirklichkeit in Christus besser ist als unsere Träume. 

Unsere Berufung: Das Gesicht des Geheimnisses offenbaren
Unsere Berufung möchte ich abschließend so beschreiben: Wenn ich das Leben als Berufung annehme, dann stellt sich automatisch die Frage nach dem, der ruft. Jesus zeigt uns das Gesicht dessen, der ruft: das Gesicht des Vaters. Die Sendung Jesu mitzuleben, d.h. der Welt das Gesicht des Geheimnisses zu offenbaren, das ist unsere Aufgabe. Alle Menschen sind dazu gerufen.
Wer gerufen ist, gehorsam, arm und jungfräulich zu leben, der ist eigentlich gerufen, Christus nachzufolgen, wie alle anderen. Aber ihnen ist aufgetragen, die Gestalt Christi darzustellen, d.h. seine Lebensform zu wählen als Zeichen für alle. Wir sollen daran erinnern, dass die Verwirklichung und Erfüllung des Lebens, die Christus gebracht hat, die dreifaltige Liebe ist. 

Einladung zum Leben: sich den eigenen Fragen stellen

Jeder Mensch, der nach dem Geheimnis des Lebens sucht, wird dann auch uns eine der Fragen stellen, die Jesus vor allem im Johannesevangelium gestellt wurden: „Wo wohnst Du?“ oder „Warum tust Du das?“ Wir sind so wichtig für die Offenbarung des Geheimnisses. Unsere Aufgabe ist es, so zu leben, dass diese Frage geweckt wird.
Es gibt nichts Überflüssigeres als die Antwort auf eine Frage, die niemand gestellt hat. Wenn wir jedoch selbst in mutiger Weise unsere eigenen Lebensfragen formulieren, werden Menschen in der Begegnung mit uns den Mut bekommen, ihre eigenen, auch schmerzlichen Fragen zu stellen. So werden sie unausweichlich Christus, der selbst nicht die Antworten hat, sondern die Antwort ist, begegnen - wenn wir selbst durchsichtig auf das Geheimnis unseres Lebens, auf Christus hin sind.