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Die Krise der Kirche und des Glaubens trifft die Orden in besonderem Maße. Fast überall sinkt die Zahl der Neueintritte, aber auch Austritte und die Überalterung drängen dazu, intensiv über die Möglichkeiten des Fortbestehens nachzudenken. Was da oft an Erneuerung ansteht, kommt manchmal einer Neugründung gleich. Die Kraft dazu ist meist in der eigenen Tradition vorhanden, aber sie muss neu entdeckt und entfaltet werden. Dr. Claudia Edith Kunz, Mitglied des benediktinischen Säkularinstituts St. Bonifatius in Detmold, beschreibt dazu einen Ansatz aus benediktinischer Perspektive.
Eine unbefriedigende Erfahrung
„Nach meinen Eindrücken und Erfahrungen hat mich dort niemand gefragt“, erzählt eine junge Frau nach einem 14tägigen Mitleben im Mutter- und Ausbildungshaus einer Frauengemeinschaft, deren Spiritualität und Sendung sie in kleinen Gruppen dieser Gemeinschaft kennen lernte und als eigene Berufung zu entdecken glaubte.
Die junge Frau hatte offensichtlich in dem von ihr besuchten Mutterhaus einen offenen Raum erwartet, in dem die Traditionen und Regeln besagter Gemeinschaft und ihre eigenen Erfahrungen als Frau, die bereits einen persönlichen Such- und Reifungsweg gegangen ist, in einen für beide Seiten spannenden Austausch hätten treten können. Sie hat einen Lebensraum erhofft, in dem sie sich kreativ und mitverantwortlich einbringen kann, aber nicht aufgeben muss, einen Raum des Lebens zu suchen, in dem sie sich selbst in und mit einer Gemeinschaft von Frauen weiter entwick-eln wird.
Wie kann das gelingen, dass die bewährte Tradition von Ordensgemeinschaften und die konkrete Lebens- und Glaubenserfahrung von Menschen heute einander begegnen und etwas zu sagen haben? Was könnte in Bewegung kommen, wenn der selbstverständliche und praktisch nicht hinterfragte Wert, den „Gemeinschaft“ im ordenseigenen Selbstverständnis hat, mit den Individualisierungsdynamiken, die Menschen heute umtreiben, ins Gespräch kommt?
Die
Weisheit des hl. Benedikt
An Anstößen, die Ordensgemeinschaften heute nach einer
Weiterentwicklung und Erneuerung ihrer Lebensform suchen
lassen,
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fehlt
es nicht. Die Tradition des Ordenslebens selbst besitzt
Hilfen, mit dieser Unruhe umzugehen, die die
Gemeinschaften durch Begegnung mit anklopfenden Menschen oder auch im eigenen Innern zu spüren bekommen. Im 6. Jh. führt der abendländische Mönchsvater Benedikt in seiner Regel den Rat aller Brüder ein. Wichtige, d.h. Fragen, die alle betreffen, können nach Ansicht Benedikts nicht allein „von oben“ entschieden werden, es müssen vielmehr alle in der Gemeinschaft lebenden Brüder (bzw. Schwestern) in die Überlegungen, Diskussion und Entscheidung einbezogen werden. „Dass aber alle zur Beratung zu rufen seien, haben wir“, so Benedikt wörtlich, „deshalb gesagt, weil der Herr oft einem Jüngeren offenbart, was das Bessere ist.“ Der Jüngere steht hier - wie überhaupt in der Mönchstradition - für den, der aufgrund von Alter, Stellung, Erfahrung, Kompetenz usw. normalerweise gerade nicht um Rat gefragt würde, für den, der eigentlich nichts zu sagen hat. Gerade diese Voraussetzungslosigkeit der sogenannten Jüngeren in den Augen der Älteren und Erfahrenen macht sie für Benedikt aber besonders geeignet, dem Geist Gottes Stimme zu verleihen, der sich auf keine menschlichen Vorgaben verpflichten lässt. Benedikt führt den Rat aller Brüder ein, nicht um demokratische Mehrheitsentscheidungen herbeizuführen, sondern um gerade denen Stimme und Gewicht zu verleihen, die von der Mehrheit der Älteren leicht und gerne überhört und übersehen werden, derer sich aber - wie ja auch im Evangelium - der Herr mit Vorzug bedient, um seinen Willen kund zu tun.
Wechselspiel
Und darum geht es: dass die Gemeinschaft zu einem Ort des Hörens auf Gott und sein Wort und so zu einem Ort der Begegnung mit Gott inmitten der Welt wird. Gemeinschaft ist für Benedikt darum kein durch Regeln und Traditionen festgezurrtes Gepäckstück, das durch die Jahrhunderte weitertransportiert wird, Gemeinschaft lebt und entwickelt sich vielmehr weiter durch die Menschen, die sie bilden und tragen, die ihr Leben und ihre Gaben, ihre Stärken und Schwächen, ihre Berufung und ihren Beruf in sie einbringen. Die Ausbildung einer authentischen Individualität und das Leben in Gemeinschaft schließen sich im Sinn des abendländischen Mönchsvaters Benedikt nicht aus, verändern sich aber wechselseitig. Eine Gemeinschaft, die sich so auf den herausfordernden Weg mit den „Jüngeren“ einlässt, wird gewiss nicht „die alte“ bleiben, aber an Gottes Wort und Führung wird es ihr ebenso gewiss nicht fehlen.
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