Gemeinschaftsfähig werden

Weg der Reifung

Ordensleben ist Gemeinschaftsleben. Und das Ideal ist auch eine große Versprechung. Von allein aber ist kein Orden eine wirklich nährende Gemeinschaft. Es braucht viel Arbeit für das anspruchsvolle Vorhaben. Über diese Arbeit schreibt P. Meinrad Dufner (56), Benediktiner der Abtei Münsterschwarzach. Vier Jahre war er Regens der jungen Benediktiner, die in Würzburg studieren, 12 Jahre Novizenmeister. Seit 1991 arbeitet er im Recollectiohaus in Münsterschwarzach mit, darüber hinaus ist er seit vielen Jahren künstlerisch tätig.

Vorprägungen durchschauen
Jedes Ordensmitglied stammt mehr oder minder aus einer Ursprungsgemeinschaft: Familie mit Vater, Mutter, Geschwistern, Großeltern, oder aus einer Familie in verkleinerter Form oder aus einer verwundeten Familie oder auch aus einer Nichtfamilie. In irgendeiner Weise ist jeder Mensch aus einem Beziehungsgeflecht hervorgegangen und hat von dort seine Vorprägungen. 
Diese werden als Prägungen in den Orden mitgebracht. Mal sind es verstärkende Gemeinschaftserfahrungen, mal sind es größere oder kleinere Verwundungen, mal tiefe Enttäuschungen durch die nächsten Menschen. Diese Ausgangssituation bewusst zu haben, sie zu durchschauen und von ihr etwas befreit zu sein, wäre eine erste Bedingung, um eine neue Gemeinschaftsbindung einzugehen. 
Die Grunderfahrungen oder Grundrolle in meinem ersten Beziehungshaus nicht zu klären, bedeutet oft, dass diese unbesehen in den Orden getragen werden. Nach nicht allzu langer Zeit scheinbaren Glückes brechen die alten Rollen, die alten Abneigungen oder Konflikte mit den neuen „Vätern“, „Müttern“ oder „Geschwistern“ wieder auf.
Selbststand gewinnen
Wer im gemeinsamen Leben bestehen will, braucht erst ein gewisses Maß an Selbststand. Ist dieser zu labil und unausgeprägt, gibt es meist nur den Ausweg in zu große Anlehnung an andere oder Bedrohung durch die anderen. Selbststand heißt auch, ich habe ein gesundes Maß an Eigenwertgefühl und Sicherheit. Wer sich selber nicht gut Freund ist, braucht zuviel Anerkennung von außen, was im Kloster eher seltener verteilt wird. Annahme meiner selbst befähigt, die andern anzunehmen, das heißt in eine neidlose und friedliche Beziehung zu treten. 
Manche Orden tragen als Zeichen ihrer Gemeinschaft ein einheitliches Kleid. Die Sinnhaftigkeit dieses Brauches hat sich durchaus in der Geschichte bewährt. Aber sie muss auch befragbar bleiben. Wird von einem Menschen mit schwachem Ich und Eigenstand das mit großer 

Bedeutung belegte Gewand übernommen, so kann eine überzogene Identitätsanleihe geschehen. Die „Inflation“ ist vorprogrammiert. Ein noch zu schwaches Ich zieht eine zu große Identität an. Solches kann das Wachsen und Reifen des Selbststandes behindern. Das Ordensgewand braucht eine nicht weniger ausgereifte Person als der Hochzeitsanzug.

Sich selbst behaupten
Jede Gruppe macht Phasen durch. Jeder macht in der Gruppe Phasen durch. So kommt der Novize in völlig neue Verhältnisse, die ihn natürlich zuerst verunsichern. Er wird sich anpassend, vorsichtig einfügen. Dann werden neue Beziehungen gesucht, versucht und wieder verändert. Diese Beschnupperungszeit kann unterschiedlich lange dauern. Als weiterer Schritt kommt der Terrainkampf. Mit den Geschwistern muss der Platz abgesteckt werden. Zu diesem Selbstbehauptungsvorgang muss ein gesunder Ordenschrist fähig sein. Dann wird er auch zum nötigen Kompromiss fähig sein, der wegen der Ansprüche der andern eingegangen werden muss. 
Erst nach diesem Schritt der Einwurzelung in der Gemeinschaft ist eine konstruktive Zusammenarbeit möglich. Jeder weiß, wer er ist, wo sein Platz und wo der des anderen ist. Wir können friedlich zusammen leben und arbeiten. 

Freundschaft - reife Form von Nähe und Distanz
Aus der Geschichte ließe sich zeigen, dass mancher Orden aus einer Freundschaft entstanden ist. Große Herzlichkeit und Emotionalität belebte den gemeinsamen Weg und seine Suche. Auch darin setzt Gnade Natur voraus. Später entstand in den Orden aus Angst vor homoerotischen Gefühlen die Verdammung der sogenannten „Privatfreundschaft“. In der Folge dieser überzogenen Phobie durchzog manches Ordenshaus eine Atmosphäre, die ich karikiere: „Ich hab´ dich gern, doch leider nur im Herrn.“ 
Bei Jesus gab es Freundschaft. Ja, es wird von Freundschaftsfähigkeit das Überleben der Orden abhängen. Das dauernde Insistieren auf dem Mitbruder-, Mitschwestersein ist einem überdrüssig, wenn man aus Erfahrung weiß, wie Geschwister einander zusetzen können. „Ich habe euch Freunde genannt.“ Dieses „Seht, wie sie einander lieben“ muss in Ordenshäusern wieder erfahrbar sein. Bis solches aber in einer erwachsenen und reifen Form von Nähe und Abstand gelingt, ist ein ziemlich langer Weg, ein Weg der Reifung wie er allemal sich lohnt, damit wir das Leben haben.