Das Leben ist BerufungUnsere Sehnsucht verweist auf den, der uns ins Leben ruft. |
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Berufung, was ist das? Etwas, was zum Leben dazukommt oder es vielleicht sogar einengt? Sr. Magdalena Morgenstern (36), Franzis-kanerin von Sießen, Diözese Rottenburg-Stuttgart, die in Assisi im Haus Casa della Pace lebt, entfaltet eine andere Vorstellung von Berufung. Sie geht von dem Ansatz aus, den P. Martinelli ofmcap, Professor an der Franziskaneruniversität „Antonianum“ in Rom, entwickelt hat und den er in seinem Buch „Vocazione e stati di vita del cristiano. Riflessioni sistematiche in dialogo con Hans Urs von Balthasar“ (LAURENTIANUM, Roma 2001) ausführlich darlegt. Um das Konzept wenigstens in seinen Hauptlinien annähernd skizzieren zu können, folgt auf dieser Doppelseite der erste, auf den Seiten 20-21 der zweite Teil des Artikels. Früher: Gelübde als Schutzmaßnahme Eine Frage, der wir uns häufig in der Begegnung mit den Menschen stellen müssen ist die, dass unsere Lebensform uns dem „echten Leben“ zu entfremden scheint. Dieser Vorwurf ist leider nicht immer ungerechtfertigt. Um unser Leben (die Existenz und die Lebensform) tiefer zu verstehen, scheint es mir daher sehr wichtig, die Beziehung zwischen unserer menschlichen Wirklichkeit, unseren Bedürfnissen und Sehnsüchten und der Berufung in eine ganz spezifische Lebensform, anzuschauen. Die große Bedeutung dieser Beziehung wurde lange nicht beachtet oder sogar verneint. Es herrschte die Vorstellung, dass das Ordensleben, also das Leben in Armut, Gehorsam und Jungfräulichkeit eine gute Sache sei, weil uns die Gelübde die Versuchungen der Welt vom Leibe halten. Je weniger ich mit dem alltäglichen Leben in Berührung komme, desto größer die Chance, an Vollkommenheit zuzunehmen, heute würden wir dazu sagen: wachsen und reifen zu können. Diese Beziehungen zwischen unserer menschlichen Wirklichkeit, unseren täglichen, existentiellen Erfahrungen und den Evangelischen Räten ist nicht so offensichtlich. Wieso kann ein Mensch, der auf Besitz, Ehe und eigene Lebensplanung verzichtet, ein erfüllter, glücklicher Mensch sein? Diese Frage bekommen wir sicher oft gestellt und vielleicht stellen wir sie uns manchmal (oder auch oft) sogar selbst. Deshalb finde ich es wichtig, diesen Zusammenhang zu vertiefen. Heute: Spuren der Berufung im wirklichen Leben Welche Spuren kann ein Mensch, ein Junge, ein Mädchen, ein Mann, eine Frau, für die Berufung im ganz alltäglichen Leben finden. Wie kann ein Mensch erkennen, dass das Leben und die Berufung nicht etwas sind, die chronologisch nacheinander kommen, sondern die wesenhaft zusammengehören und dass das eine das andere beschreibt? Eigentlich ist das ganz einfach: Spuren kann man erkennen, wenn man genau hinsieht. D.h. in diesem Fall: wenn ein Mensch sehr ernsthaft und ehrlich über seine persönlichen Erfahrungen nachdenkt und Fragen stellt, kann er das Geheimnis seines Lebens entdecken. Ins Leben gerufen Dieser erste Schritt ist sehr naheliegend, denn ich kann ihm ja letztlich ohnehin nicht ausweichen. Es gibt im Leben etwas, dem niemand ausweichen kann: Der Beziehung mit der alltäglichen Wirklichkeit, also dem, wie sich das Leben mir zeigt, dem, was ich erlebe. Wenn ich ehrlich bin, erkenne ich: ich besitze den letzten Grund meines Lebens nicht. Es gibt mich. Ich könnte aber auch nicht sein. Vor 36 Jahren gab es mich nicht, und in 100 Jahren wird es mich wahrscheinlich auch nicht mehr geben. Also besitze ich meinen Ursprung und mein Schicksal eigentlich nicht. Ich habe mich nicht selbst gemacht. Dasein bedeutet, sich zu empfangen, also sich selbst von einem Anderen zu bekommen. Der nächste Schritt ist einfach: dann muss es unbedingt auch einen Anderen geben. Dies sind zunächst ganz einfach meine Eltern. Man könnte sagen: durch meine Eltern wurde ich ins Leben geliebt, sie haben mich ins Leben gerufen, oder mit einer kleinen Wort-Verschiebung: Ich bin berufen zum Leben, von Anderen! Der Beginn meines Lebens ist keine eigene Entscheidung. So können wir sagen, dass die Begriffe „Leben“ und „Berufung“ wesensverwandt sind und das Wort Berufung einfach mit dem Mensch-Sein zu tun hat. Von der Wirklichkeit angezogen … Ich bin also zunächst ins Leben gerufen und entdecke dann in der Begegnung mit der alltäglichen Wirklichkeit, dass ich angezogen bin. Das Leben selbst weckt in mir Fragen und Wünsche und Sehnsüchte. Woher kommen diese Fragen? Sie kommen von der Wirklichkeit, die sie hervor-ruft. Die Wirklichkeit zieht mich an, sie zieht mich zur Befriedigung an, sie zieht mich zur Freude an. Oder man könnte auch sagen: sie ruft. Wenn ich einen schönen Sonnenuntergang sehe, wenn ich das Meer betrachte, wenn im Frühling alles aufbricht, wenn ich Orgelwerke von Bach im Freiburger Münster höre, wenn ich einem schönen Menschen begegne, oder wenn ich ein Bild von Caravaggio anschaue, dann spüre ich, dass sich etwas in mir bewegt. Je wacher und ehrlicher die Beziehungen, die ich zur Wirklichkeit habe, sind, je mehr ich mich mit dem Leben beschäftige, desto mehr Fragen und Sehnsüchte tauchen in meinem Herzen auf. Kurz gesagt: Es tauchen in mir tiefe, weiterführende Fragen nach dem Sinn des Lebens, nach der Vollkommenheit, nach der unendlichen Freude auf. Einfacher gesagt: es taucht in mir die Frage auf, wie ich in meinem Leben glücklich werden kann. |
Der heilige Augustinus sagt darüber etwas Erstaunliches. Er sagt: „Meine nicht, dass du wider Willen gezogen wirst; es wird der Geist auch durch Liebe gezogen. Du wirst sogar mit Lust gezogen. Es gibt eine gewisse Lust des Herzens, dem jenes Himmelsbrot süß ist. Jeden zieht seine Lust. Nicht die Notwendigkeit, sondern das Behagen, nicht der Zwang, sondern das Ergötzen“. … aber nie befriedigt Wir sind angezogen von vielen Dingen oder Menschen. Dies ehrlich zu betrachten, ist eine erste, wichtige Aufgabe. So haben wir uns zunächst vor allem der Wahrnehmung zugewandt. Nur schauen, betrachten, nicht deuten! Diese erste Erkenntnis ist einfach: ich lebe, obwohl ich das nicht selbst entschieden habe – und ich will glücklich werden in meinem Leben. Jetzt gehen wir einen neuen Schritt, hin zur Hermeneutik. Das heißt zur Deutung dieser Erfahrung. Was ist diese seltsame Wirklichkeit, die ich täglich treffe und der ich nicht ausweichen kann, die mich anzieht, die Fragen in mir hervorruft und die Sehnsüchte nach der Freude und der Befriedigung in mir weckt? Die erste Frage war: Was zieht mich an, was bewegt mich? Die zweite Frage ist: Wie muss ich diese Anziehungskraft deuten? Ich mache aber noch eine Erfahrung: Die Wirklichkeit zieht mich zur Freude und zur Befriedigung an, aber dieselbe Wirklichkeit hat keine Macht, diese Erfüllung in der Tiefe und auf Dauer zu schenken. Wie viele Wunden empfangen wir so im alltäglichen Leben! So viele Enttäuschungen scheint uns das Leben erbarmungslos zu bringen! Das berühmte „höher-schneller-weiter“ zeigt uns, wie getrieben und gleichzeitig immer wieder enttäuscht wir sind. Befriedigt sind wir eigentlich nie, vielmehr immer auf der Suche. Das Leben: eine Lüge oder ein Zeichen? Jetzt, an dieser Stelle, muss jeder Mensch eine Entscheidung treffen: Entweder all das Leben ist eine Lüge (es zieht mich an, es verspricht etwas, aber es kann keine Erfüllung geben) - oder die Wirklichkeit ist ein Zeichen, ein Hinweis: um Befriedigung zu erfahren, muss ich es tiefer betrachten und verstehen. Schon zu Beginn habe ich gesagt, dass der Ursprung meines Lebens, in einem, besser zwei Anderen (meinen Eltern) liegt. Jeder Mensch macht die Erfahrung „des Anderen“ denn keiner ist allein. Die Frage ist nun: kann „der Andere“, dem ich ja unausweichlich begegne, ein Bild und ein Zeichen für den „ganz Anderen“, für Gott, sein? Die Frage ist also: belügt mich das Leben, denn das, was es mir verspricht, scheint es nicht zu halten, oder erzählt mir das Leben von einem tieferen Geheimnis, das ich entdecken muss? Ein Zeichen für den ganz Anderen … Dabei ist es hilfreich, einen weiteren kleinen Schritt zu tun: Wenn das Leben mich belügt oder wenn es sogar eine Lüge ist, dann ist auch mein Leben, meine Existenz, eine Lüge. Aber wenn ich zu der Entscheidung komme, dass die Wirklichkeit von dem erzählt, der sie geschaffen hat, dass sie ein Zeichen für diesen „Anderen“ ist, dann ist mein Leben eine Berufung - ein Geschenk. Es gibt mich! Ich lüge nicht, wenn ich das behaupte! Dessen bin ich ganz sicher. Gehen wir also davon aus, dass jeder zur Entscheidung kommt, dass es wahr ist, dass es ihn oder sie gibt, dann gibt es also ein Geheimnis, auf welches das Leben mich hinweist. Das oder die oder der Andere, den mir das Leben zeigt, der mir begegnet, ist ein unauslotbares Geheimnis und weist deshalb auf den hin, welcher der Ursprung seines Lebens ist. Mehr kann ich mit Hilfe meiner menschlichen Erfahrungen nicht aussagen. Das ist eigentlich das Rätsel des Menschen, das er selbst nicht auflösen kann. … der meine Sehnsucht ausmacht Zum Schluss eine einfache Beschreibung über das Leben und die Berufung: Berufung ist das Leben. Leben bedeutet berufen zu sein. Noch tiefer: Wer bin ich als Berufener? Wie kann ich mein Leben als Berufung beschreiben? Hier ist ein Vorschlag: Ich bin ein Zeichen für das Geheimnis, das mich hier und jetzt schafft, das mich mir schenkt. In diesem Sinne besitzt das Leben eine innere sakramentale Dimension: das Zeichen und das Geheimnis gehören wesenhaft zusammen. Das Leben und die Berufung, ich und derjenige, der mich ins Leben gerufen hat, bilden eine Einheit. Die Berufung kommt nicht im Erwachsenenalter als etwas Äußeres hinzu. Das Leben ist Berufung. Unsere Fragen - die Würde unseres Herzens Die stets offenen Fragen nach Freude, nach Wahrheit, nach Schönheit, nach Glück, die wir Menschen in uns tragen, sind in diesem Zusammenhang Spuren oder Zeichen dafür, dass ein unauslotbares Geheimnis uns ins Leben ruft, dass das Leben in sich schon eine Berufung ist, auch vor der Taufe. Deshalb sind unsere Fragen so wichtig. Sie sind eigentlich die Würde unseres Herzens und das erste Gespräch mit dem Geheimnis Gottes noch bevor wir ihn kennen. Das Sehnen und Suchen des Menschen ist ein Echo auf das Sehnen und Suchen Gottes, der sagt: „DU: lebe!“ Wenn ich also zu dem Schluss komme, dass die Wirklichkeit ein Zeichen für ein Geheimnis ist, das ihr innewohnt, dann werde ich, wenn ich mir selbst treu bin und mein Angezogensein ernst nehme, dieser Anziehungskraft Raum geben und dieses Geheimnis kennen lernen wollen. |
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