Prämonstratenser: Gemeinschaft von Seelsorgern

Impulsgeber statt letzte Reserve

Von Weihbischof Helmut Krätzl, Wien

Seelsorgezentren
Der Bezug zur Wohnpfarrei wird immer geringer. Die Bedürfnisse des modernen Menschen sind sehr unterschiedlich und so wählt man die Gemeinde aus, in der man sich am meisten angesprochen fühlt. D.h., es sind Pfarrgemeinden mit einem ausgeprägten Profil gefragt. Diese können auch mit nur einem Weltpriester gelingen, aber Orden sind auf Grund ihrer unterschiedlichen Charismen und durch das Zusammenleben einer wenigstens kleinen Kommunität dafür besonders begabt. Ich wünsche mir schon lange, dass etwa in der Großstadt Wien die Dominikaner Zentren bester Predigt bilden, dass Benediktiner den Reichtum der Liturgie entfalten, Kalasantiner sich wieder um die arbeitende Jugend annehmen und so weiter. 
Solche Zentren mit wenigstens einer kleinen Kommunität können auch Modelle von Gemeinschaft sein, gegen den Trend der Individualisierung, aber auch gegen die heutige Gefahr, sich in Gemeinschaften zu flüchten. Kommunitäten bieten Gelegenheit, dass sich auch Laien anschließen, nicht nur, um dort Bergung zu suchen, sondern sich aus gemeinsamem Gebet und Leben, beseelt vom jeweiligen Ordenscharisma, die Kraft zum gemeinsamen Engagement zu holen. 

Die größere Kirche
Eine besonders bedauerliche Erfahrung in der Seelsorge in Europa ist, dass viele, besonders junge Christen, sich noch mit einer kleinen, erlebbaren Gemeinschaft am Ort identifizieren, aber von der Kirche insgesamt kaum etwas wissen wollen. Sie erleben vielleicht am Ort eine aufgeschlossene Gemeinde, unterscheiden aber genau, dass gesamtkirchliche Weisungen oft ganz anderes verlangen. Viele Ordensgemeinschaften sind weltweit verbreitet, leben aus einer Weltkirche in ihrer Vielfältigkeit, die nach Kulturkreis unterschiedlich lebt, die im Aufbruch und nicht im Rückzug ist. In einer Ordenspfarrei werden dann ausländische Priester nicht als „Ersatz“, sondern als Repräsentanten der weltweiten Ordensfamilie gesehen. Eine Kirche, die endlich Weltkirche werden will, braucht gleichsam zur Vernetzung lebendige Knoten, und das können in bester Weise Niederlassungen weltumspannender Orden sein. 

Aufwertung der Frau

Die Frauenfrage hat Johannes XXIII. in seiner Enzyklika „Pacem in terris“ schon 1963 als eines der wichtigsten Zeichen der Zeit hervorgehoben. Die Kirche hat bis heute auf diese Herausforderung erst kläglich reagiert. Es ist gut, dass in vielen Ordensgemeinschaften Männer und Frauen eng zusammenarbeiten. Ich erwarte mir von dieser Kooperation starke Impulse für die Aufwertung der Frau in Pastoral und Kirche. Und in vielen Ländern, in denen der Priestermangel noch viel größer ist als hier, leisten die Schwestern weitgehend Leitungsdienste in den Pfarreien. Wie selbstverständlich legitimieren sie sich damit vor dem gläubigen Volk für eine wesentliche Verantwortung in der Weitergabe des Glaubens, und bauen Vorurteile gegen Frauen in leitenden Positionen in Gesellschaft und Kirche ab. 

Evangelische Räte und Gemeinde
Armut
Armut ist zunächst nicht ein asketisches Prinzip, sondern Ausdruck des Glaubens: Im Vertrauen auf Gott bin ich davon befreit, mein Leben selbst absichern zu müssen. Ich kann mich auf Gott verlassen und darum gelassen alles andere lassen. Kamphaus kontrastiert demgegenüber die Kirche in Deutschland, die vom Wohlstand geprägt ist: „Unsere Einkünfte sind mit schweren Hypotheken belastet: Wir geraten in Abhängigkeiten und werden den staatlichen Strukturen immer mehr angepasst. Dürfen wir alles annehmen, was wir bekommen können?“

Ehelosigkeit
Die Zeichenhaftigkeit der Ehelosigkeit um des „Himmelreiches willen“ ist fast gänzlich verloren gegangen. Einmal präsentiert heute die säkulare Gesellschaft der Kirche die Rechnung für jahrhundertelange eher leib- und sexualfeindliche Askese. Zum anderen wird auch offenbar, dass der Klerus die Ehelosigkeit nicht immer zeugnishaft lebt oder sie als Begrenzung statt als Kraftquelle erfährt. Ordenschristen, die nicht nur durch ein (menschliches) Gesetz des Zölibates zur Ehelosigkeit verpflichtet sind, sondern in freier Entscheidung ihr Gelübde ablegen, sollten zum Gelingen dieser Lebensform noch viel mehr Motivation mitbringen. Für Weltpriester wird es heute immer schwerer, allein, ohne Gemeinschaft ehelos zu bleiben. Vermutlich wird in einigen Jahren die Ehelosigkeit für sie nicht mehr unbedingte Voraussetzung zur Weihe sein. Und wer sich dann doch zur Ehelosigkeit berufen fühlt, wird sich neuen Gemeinschaften anschließen.

Gehorsam
Gehorsam ist heute zu einem Reizwort geworden. Viele hegen den Verdacht, dass durch ihn die eigene Selbständigkeit aufgegeben werden soll. Dabei geht es beim Gehorsam um das gemeinsame Hören auf den einen Herrn. In der Krise der Autorität in der Kirche möchten wir gerne vom Beispiel der Ordenskommunitäten lernen. Hier finden wir auch als altbewährte Tradition viele demokratische Elemente, die der Gesamtkirche für ihre Strukturen schon längst zum Vorbild gereichen könnten.