P. Hubert Kranz, Salvatorianer:

Mission - eine Aufgabe, 
die ich erfüllen kann und die mich erfüllt

Ein Blick auf die Weltkirche 
eröffnet lohnende Einsatzmöglichkeiten

P. Hubert Kranz (34), seit 12 Jahren Mitglied der Ordensgemeinschaft der Salvatorianer, stellt sich in den Dienst der jungen Salvatorianerniederlassung in Manila und der Kirche auf den Philippinen. Wie ist das möglich in einer Zeit, da bei uns immer wieder Aufgaben aufgegeben werden müssen, weil Mitbrüder und Mitschwestern fehlen? Es ist möglich, weil sich jemand ganz persönlich ansprechen lässt für einen Dienst im Ausland. Heute im Zeitalter der Globalisierung sind viele Menschen für kürzere oder längere Zeit im Ausland tätig. In der Kirche ist das nichts Neues. Viele Ordensgemeinschaften gingen und gehen hinaus „bis an die Grenzen der Erde“. Heute machen die Besuche von einheimischen Ordensmitgliedern aus den jungen Kirchen bei uns Weltkirche auf ganz neue Weise erfahrbar. Diese Begegnungen relativieren unsere Probleme und machen aufmerksam für den Aufbruch und die Chancen in den jungen, in den armen Kirchen. 
Der WEGBEREITER sprach mit P. Hubert Kranz und P. Piet Cuijpers. P. Hubert stammt aus Eberhardzell, Diözese Rottenberg-Stuttgart und war die letzten vier Jahre Kaplan in St. Willibald, München; P. Piet, gebürtig aus Belgien, ist seit zwei Jahren Generalvikar und Generalmissionssekretär der Salvatorianer in Rom. 



Mission ist überall
WB: Verschiedentlich kann man hören, dass das Thema „Mission“ in der Kirche, auch in Deutschland, wieder an Bedeutung gewinnt? Könnt Ihr das bestätigen?
P. Hubert: Wenn ich von hier aus in ferne Länder blicke, würde ich eher „Nein“ sagen. Was sehr wohl „in“ ist, das sind soziale Projekte in den Missionsländern, die von den Gemeinden unterstützt werden, aber das ist eben dann eine Sparte der Pfarreiarbeit unter vielen anderen. Von daher kann man nicht sagen, dass „Mission“ einen neuen Boom erleben würde. Ein anderer Aspekt ist, wenn ich „Mission“ bei uns in Deutschland betrachte, da ist „Mission“ sehr wohl ein großes Thema geworden. 

P. Piet: Auch in den Pfarreien? Lebt das bei den Christen?
P. Hubert:  Es ist mehr ein Ausdruck der Frustration, manchmal fast der Verzweiflung: „Eigentlich müsste bei uns missioniert werden, wenn man sieht wie der Gottesdienstbesuch zurückgeht oder wie die Überalterung der Gottesdienstgemeinde zunimmt“. Und diese Frage wird mir auch gestellt: „Was willst du denn im Ausland? Wir brauchen doch hier die Leute!“ Deutschland als Missionsland, dieses Wort wurde schon vor einiger Zeit geprägt, aber heute ist das ein Schlagwort, das bei den Menschen Verwendung findet.
P. Piet:Ordensintern ist das Thema „Mission“ besonders seit dem letzten Generalkapitel vor zwei Jahren wieder stärker in den Vordergrund gerückt und zwar „Mission“ im engen Sinne, also von hier nach dort, was ich begrüße und zugleich bedauere. Es müsste eine Entwicklung stattfinden, dass wir auch die alten, gefestigten Provinzen als Missionsgebiet betrachten. 
Ein Beispiel: Die Anzahl der Katholiken in Wien ist erstmals unter 50% gesunken, wie der österreichische Provinzial sagt, im Kongo aber sind 55% der Bevölkerung katholisch, dann fragt man sich, rein zahlenmäßig: wo ist jetzt Mission? Das wird gewisse Konsequenzen haben für die Kirche. Es gibt einen Einbruch in der westeuropäischen Kirche, es stirbt eine ganze Generation von Christen weg, die nicht ersetzt wird, und dadurch verschieben sich die Gewichte der Kirche immer mehr nach Süden. 

Mission ist Dialog
WB: Manchmal haben auch Christen Zweifel, ob unsere Religion so einzigartig ist, wie es das Dokument „Dominus Jesus“ aus Rom vor einem Jahr in Erinnerung gerufen hat. Ist Mission heute überhaupt noch berechtigt?
P. Hubert:  Ich möchte drei Punkte nennen, die mir da wichtig sind. Ich bin Christ und ich glaube an Jesus Christus, und von daher kann ich sagen: Für mich ist das Christentum natürlich die wahre Religion, und das kann ich problemlos sagen, ohne die anderen Religionen in Misskredit zu bringen oder respektlos gegenüber ihnen zu sein. 
Der andere Punkt ist: Bei diesen Aussagen hat man immer den Eindruck, dass man es nur mit überzeugten Christen, mit überzeugten Muslimen, nur mit überzeugten Buddhisten usw. zu tun hat, aber ich denke, man hat es vor allem auch zu tun mit Menschen, die bekenntnislos sind, die Fragen haben, die am Suchen sind. Ihnen kann ich doch erzählen, was mir mein Glaube bedeutet, da habe ich kein Problem. 
Der dritte Punkt ist: Wenn die Frage so gestellt ist, dann hat man so den Eindruck: Mission ist gleich Indoktrination. Das aber stimmt nicht. Mission ist zum einen Zeugnis geben vom Glauben, d.h. meine Erfahrungen, vor allem meine Christuserfahrungen auszutauschen mit Leuten, die diese Erfahrung nicht haben. Zum anderen ist Mission auch Solidarität mit den Armen, mit den Benachteiligten. Wenn ich diese Punkte betrachte, habe ich keine Zweifel, dass Mission auch heute berechtigt ist. 

WB:
Sollte man vielleicht statt „Mission“ lieber sagen, wir treten in einen Dialog?
P. Hubert:  Nein. Nicht „statt“, sondern Mission kann überhaupt nur im Dialog stattfinden. 
P. Piet: Ich glaube, wir Christen dürfen auch davon überzeugt sein, dass wir etwas zu geben haben. Man hat vor allem in Flandern und im Süden Hollands, wo aus einem relativ kleinen Gebiet Tausende von Missionaren hervorgegangen sind, in den 60er Jahren und danach die Mission als bloße Mitgliederwerbung kritisiert. Aber man muss doch gerechterweise anerkennen, was die Missionare getan haben. Was sie von Anfang an getan haben, das nennen wir heute Entwicklungshilfe, lange bevor dieser Ausdruck entstanden ist. Mit jeder Mission war eine Schule und eine Krankenstation verbunden und zwar nicht nur, um die Bevölkerung an sich zu binden, sondern es ging wirklich darum, etwas für die Menschen zu tun. Und dann kommt man wieder zurück zum Evangelium, zu Jesus. „Warum tut ihr das? Warum tut ihr für uns“, sagen die Muslime auf den Komoren, „was unsere eigenen Politiker und Führer für uns nicht tun?“ Und dann ist man im Dialog, dann kann man sagen: Weil Jesus uns gesagt hat: „Was du einem der Geringsten getan hast, das hast du mir getan“. 

WB: Wir Christen haben also in sozialer Hinsicht etwas zu bieten, aber wie sieht es in spiritueller Hinsicht aus? Viele Menschen schätzen auch bei uns die östlichen Hochreligionen. Was haben wir hier zu geben?
P. Piet:Mindestens eine Korrektur. Wir Christen sagen, das Reich Gottes ist schon unter uns, hat schon angefangen. Dieser Glaube hat zu einem Einsatz in dieser Welt geführt. Das ist im allgemeinen in den asiatischen Religionen nicht gegeben, da gibt es doch eine gewisse Passivität angesichts dieser Welt. Freilich können diese Religionen auch uns korrigieren. 


Mission auf den Philippinen ist Mission nach innen
WB: Konkret zu den Philippinen. Die Salvatorianer sind schon vor einigen Jahren auf die Philippinien gegangen. Warum? Die Philippinen sind ja zu 80% katholisch
P. Piet: 1996 haben wir auf den Philippinen neu angefangen. Der Auftrag ist im Moment noch nicht genau beschrieben. Ich glaube, wir sollten da auch mit einer gewissen Unbefangenheit herangehen. Ich sehe zunächst auf jeden Fall dieses Element: Wenn wir daran glauben, dass das Charisma unseres Ordens wertvoll ist, dann dürfen wir das ausbreiten in anderen Ländern, dann ist das eine Facette des Evangeliums, die in der Lokalkirche einen Reichtum bedeuten kann. Das ist aber nur eine sehr grundsätzliche Überlegung. Ein vorrangiges Ziel ist sicher die Ausbildung ordenseigener Mitglieder. Das braucht man nicht zu verschweigen: wir sind auch dort hingegangen, um Nachwuchs zu finden, um uns in diesem Land auch zu etablieren, und vielleicht, noch weit in die Zukunft gedacht, um von dort missionarisches Personal zu gewinnen für andere Länder. Darüber hinaus muss noch genauer beschrieben werden, was wir konkret tun wollen im Dienst der dortigen Kirche.
WB: P. Hubert, die Leute sagen, du gehst in die Mission, aber, wie gesagt, die Phi-lippinen sind ein katholisches Land. Warum gehst Du dorthin?
P. Hubert: Wenn man es vom Missionsaspekt her betrachtet, dann komme ich gerade aus der Mission. - Zunächst eine ganz unspektakuläre Antwort: Ich suche eine Aufgabe, die ich erfüllen kann und die auch mich erfüllt. So einfach ist das. Im ersten Moment hört sich das vielleicht ausgefallen an, auf die Philippinen zu gehen, genau betrachtet ist das aber überhaupt nichts Außergewöhnliches; wenn wir als Salvatorianer dazu berufen sind, allen Menschen den Heiland zu verkünden, dann ist es für mich nicht mehr wichtig, ob das hier in Deutschland ist oder anderswo.
Es ist wahr, Mission im klassischen Sinne ist es auf den Philippinen nicht, es ist eher eine Mission nach innen. Die philippinische Bischofkonferenz hat einmal die Frage gestellt, warum es in diesem Land soviel soziale Ungerechtigkeit gibt, obwohl 80% der Bevölkerung katholisch sind? Das ist auch eine Frage der Bildung, des Bewusstseins, dass das Christentum berufen ist, diese Welt zum Besseren zu verändern. Daran möchte ich gerne mitarbeiten. 

WB: Von wem ging die Initiative aus?
P. Hubert:  Vielleicht sollte ich sagen vom Hl. Geist, denn im Rückblick ist das gar nicht mehr so einfach nachvollziehbar. Das begleitet mich schon seit meinem Noviziat, damals kam zum ersten mal die Frage nach der Philippinen-Mission auf. Das Generalat suchte eine Provinz, die diese Mission übernehmen könnte und da wurde ganz konkret die süddeutsche Provinz angefragt. Damals wurde abgesagt, weil wir kein Geld und keine Leute hätten. Irgendwie ist das wohl bei mir hängen geblieben. Im Laufe der Jahre hat sich der Gedanke dann weiterentwickelt, es war immer ein Austausch, vor allem mit P. Andreas Urbanski, dem damaligen Generalmissionssekretär, und P. Karl Hoffmann, dem damaligen Generalsuperior. Seit meinem Besuch auf den Philippinen vor fünf Jahren sind natürlich auch persönliche Beziehungen dorthin entstanden. 

WB: Was wird Deine Aufgabe auf den Philippinen sein? Was wird als erstes auf Dich zukommen?
P. Hubert:  Das ist noch gar nicht so klar, mir ist aber bewusst, wenn ich mich darauf einlasse, wird die Mitarbeit in der Ausbildung junger Mitbrüder eine der großen Aufgaben sein. Das wird für mich etwas völlig Neues sein und ich weiß noch nicht, wie das alles gehen wird. 
Mission steht ja immer auch unter dem Motto „Hilfe zur Selbsthilfe“, d.h., in den Ländern, in denen es jetzt junge Salvatorianer gibt, muss es einmal selbständige Provinzen geben. Was vom Ausland her geschehen kann, das ist zunächst einfach mal eine Starthilfe. Und dieser Einsatz trägt schon jetzt Früchte: zur Zeit sind vier junge Männer im Noviziat in Manila, drei aus Festlandchina und einer aus Sri Lanka. 
Zunächst werde ich die Schulbank drü-cken und mich mit Sprache und Kultur befassen, dann ist ein Gemeindeeinsatz geplant, um mit den Menschen und dem religiösen Leben vertraut zu werden. 

WB: Was sagen Deine Eltern zu Deiner Entscheidung?
P. Hubert:  Meine Mutter sagt ganz nüchtern: „Da werde ich sowieso nicht gefragt.“ Natürlich fällt meinen Eltern der Abschied schwer, aber sie akzeptieren diesen Schritt.

WB: Was bewegt Dich, wenn Du an Deine Abreise in der ersten Oktoberwoche denkst?
P. Hubert:  Auf der einen Seite bin ich guter Dinge, ich habe keine Angst, aber wenn ich dann daran denke, wie schnell es jetzt gehen wird, dann beschleicht mich schon auch ein mulmiges Gefühl. Es heißt auf jeden Fall, dass ich in den nächsten Jahren sehr wenig in Deutschland sein werde. Die Menschen, mit denen ich bisher zusammen war, angefangen von der Familie bis hin zur Gemeinde, werde ich lange nicht mehr sehen. Die größte Unbekannte ist das Zusammenleben mit den Mitbrüdern aus ganz verschiedenen Nationen. Aber das ist auch die wichtigste Unbekannte, denn man redet oft groß vom Leben in fremder Kultur, in fremdem Land, was aber letztlich ausschlaggebend ist, ist doch das, was im eigenen Haus geschieht.

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hubertkranz@hotmail.com