Von P. Hermann Schalück, Franziskaner 
Präsident von Missio Aachen

Prophetisches Ordensleben hat Zukunft!

Orden scheinen für viele bei uns nicht gerade „in“ zu sein. Dennoch bin ich überzeugt: Sie haben Zukunft, wenn sie jungen Menschen den Raum für ihre Fragen, Zweifel und Hoffnungen geben. Indem sie ihnen aber auch eine Spiritualität und Lebensform vor Augen führen, die jene Fragen radikal ernst nimmt, welche heute die Menschheit bewegen. Es geht darum, aus der Begegnung mit Gott dem „Leben der Welt“ zu dienen. Ich möchte einige Aspekte nennen:

Frieden, Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung

Der Einsatz für Frieden, Gerechtigkeit und den Erhalt der Schöpfung sind heute wesentliche Aspekte eines Glaubens, der dem „Leben der Welt“ verpflichtet ist. Es geht um das Leben und die Zukunft der Welt, um Frieden und Gerechtigkeit. Da lassen sich Glaube und Welt, Erlösung und Befreiung, Gottesdienst und Dienst an einer menschenwürdigen Zukunft nicht voneinander trennen. Es gibt immer mehr Brüder und Schwestern, die die Impulse des Evangeliums zum Friedenstiften, zum Aufbau einer friedlichen Welt in Gerechtigkeit und zur Bewahrung der Schöpfung aufnehmen und in der Nachfolge des gekreuzigten und auferstandenen Herrn zu neuen prophetischen Impulsen bereit sind. Wir brauchen nicht nur Strategien zur Veränderung der Gesellschaft. Notwendig sind Männer und Frauen, die dem/der „Anderen“ gerade bei aller Verschiedenheit verbunden sind, die zuhören und das Wirken Gottes im anderen wahrnehmen können, die nicht als Herren auftreten, sondern als Diener, Brüder, Schwestern. 

Gelübde als Einladung zur Freiheit und zum Mut

Viele geistlich Berufene möchten tiefer in die Geschichte eintauchen, um dort ihre „Gotteszeugenschaft“ zu verankern: In neuen, kleinen, geschwisterlichen Lebensformen unter den Armen, nicht so sehr in Werken, auch nicht ausschließlich in Caritas und Diakonie, sondern mit einem neuen Lebensstil, dem Stil einer Kirche von Schwestern und Brüdern unter dem einen Herrn, dem Stil von Gebet und Kontemplation mitten in der Welt und in einer Sprache, die die Armen verstehen können. Und das in einer Lebenskultur der Genügsamkeit, der Zweckfreiheit ohne Nebenabsichten, der evangelischen Freiheit und Armut, der Herrschaftsfreiheit und der absoluten Gewaltlosigkeit. Sicher: Diese Werte widersprechen der gängigen „Kultur“ unserer westlichen Gesellschaft. Sich konsequent und ein Leben lang zu ihnen zu bekennen, nach dem Vorbild Jesu, das bedeutet wirklich, mehr „unten“ zu sein als „oben“. 

Ich bin tief davon überzeugt, dass es gelingen kann, die Gelübde als befreiende Grundhaltungen in unsere moderne und postmoderne Kultur einzubringen. Sie haben einerseits mit „Inkulturation“ zu tun, mit dem Willen zur Solidarität mit der Welt und der Schöpfung, so wie sie ist, zugleich aber mit dem Mut, „Gegenkultur“ zu sein. Ein erneuertes Ordensleben muss die evangelischen Räte so zu deuten und zu leben versuchen, dass sie mitten in der Konsum- und Erlebnisgesellschaft als Möglichkeit zu einem befreiten und reifen Menschsein und als Dienst am Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit erkennbar sind. Nicht in erster Linie als Verzicht und Weltflucht, sondern als Möglichkeit zur Freiheit und zur Weltgestaltung aus dem Glauben. Die Gelübde können zu Zeichen der Solidarität mit den Opfern der Geschichte und der Gesellschaft werden, zu einem Segen für die, welche arm sind an Leben und Hoffnung. Ich glaube daran, dass ein solches Engagement immer junge Menschen anziehen wird.

Chance zum Neubeginn
Die gegenwärtige Krise ist Chance zu einem Neubeginn. Ich glaube daran, dass der Geist Gottes an dieser Zeitenwende, die schmerzvoll ist, unter uns neue „Gnadengaben“ (Charismen) erwecken wird. Es besteht die einmalige Chance, den prophetischen und missionarischen Grundauftrag der Orden wieder zu entdecken und wieder in Kirche und Gesellschaft einzubringen. 
Es geht nicht mehr um die Flucht aus der Welt, sondern um den liebevollen und solidarischen Blick auf die Welt, auf ihre Hoffnungen und Ängste und Bedrohungen. 
Es geht um den Mut, bestehende Denkweisen, Werke und Strukturen in Kirche und Orden radikal zu überdenken, weil es nicht immer sicher ist, ob sie noch dem Anspruch des Evangeliums entsprechen. 
Es geht um eine geschwisterliche Präsenz unter den Armen, in Hinhören und Dialog, als Zeichen und Werkzeuge des Friedens in einer friedlosen, gewalttätigen, strukturell ungerechten Welt sowie in einer ausgebeuteten und ihrer Würde beraubten Umwelt und Schöpfung. 
Es wird eine der größten Herausforderungen des neuen Jahrtausend an uns sein, Kontemplation und Prophetie in großer Einheit und in polarer Spannung zu leben.

Es gibt in den jungen Kirchen, aber auch bei uns schon zahlreiche ermutigende Ansätze, die deutlich machen: Die Orden können und werden die gegenwärtige Krise überwinden. Sie werden ihren Platz haben „mitten im Gottesvolk“, mit gleicher Würde und Kompetenz für Kleriker und Laien, Männer und Frauen.