Missionarische Spiritualität

Aus der Dynamik
des dreifaltigen Gottes

Von Sr. Maria Ingeborg Müller CPS, Rom

Der Dreifaltige Gott
Das II. Vatikanische Konzil bestätigt im ersten Kapitel des Missionsdekretes „Ad Gentes“, dass die missionarische Aktivität der Kirche auf der Dynamik der trinitarischen Sendung gründet. Wir lesen dort: „Die pilgernde Kirche ist ihrem Wesen nach missionarisch, da sie selbst ihren Ursprung aus der Sendung des Sohnes und der Sendung des Hl. Geistes herleitet gemäß des Planes Gottes, des Vaters.“
Ausgangspunkt unserer Mission - das Wort „Mission“ kommt aus dem Lateinischen und bedeutet: Sendung - ist der Dreifaltige Gott. Damit werden zunächst einmal die intensiven innergöttlichen Beziehungen beschrieben, die Liebe zwischen Vater, Sohn und Geist, die von Ewigkeit vom Vater ausgeht und zu ihm zurückkehrt. Die Liebe wird gleichsam ausgesandt und kehrt zum Vater zurück. Der dreifaltige Gott ruht nicht in sich selbst. Er ist nicht statisch, sondern eben Dynamik, Beziehung, Liebe; deshalb drängt es ihn förmlich, diese innergöttliche Liebe weiterzuschenken: in der Schöpfung, in der Erlösung und in der pfingstlichen Sendung des Hl. Geistes.

Schöpfung
In der Schöpfung „sendet“ Gott viele Boten seiner Liebe und seiner väterlichen Fürsorge: Sonne und Mond, Wasser und Land, Tiere und Pflanzen. Mit „Sendung“ oder Mission ist dann dementsprechend zunächst einmal das Ankommen der Menschenfreundlichkeit Gottes in der Welt gemeint. 

Sendung Jesu
Höhepunkt dieser Mission erfahren wir in der Sendung Jesu und in seinem Erlösungswerk. In Jesus Christus, dem „Gesandten“, dem „Missionar“ Gottes (Hebr. 3,1), wird diese Menschenfreundlichkeit Gottes unüberbietbar deutlich, denn er ist gekommen, damit er den Armen eine gute Nachricht bringe, den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; Zerschlagene in Freiheit setzte und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe (Lk 4,19f.). So begründet Jesus seine Mission. All sein Reden und Tun zielen darauf hin, den Menschen die Nähe der Herrschaft Gottes deutlich zu machen, alle Menschen in den Kreislauf der Liebe Gottes hineinzuführen. Jesus verkündet nicht nur die Liebe Gottes zu uns Menschen, sondern durch sein Leben und seinen Tod am Kreuz bewirkt er das Heil. Nur aus der Mitte des Lebens Jesu - vor allem seines Todes und seiner Auferstehung - ist Mission möglich. 

Sendung des Heiligen Geistes
„Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich Euch“ (Joh 20,21). Jesus wusste, dass die Frohbotschaft, diese Liebe Gottes für die Welt lebensnotwendig ist. Es war der dringende Wunsch Jesu, dass die 

Kirche seine Sendung weiterführe und sie allen Menschen zuteil werden lasse. Deshalb hat er die Fortführung seiner Mission durch die pfingstliche Sendung des Heiligen Geistes garantiert. Papst Johannes Paul II. schreibt in Redemptoris Missio (RM) Nr. 28, „Der Geist zeigt sich in besonderer Weise in der Kirche und in ihren Mitgliedern, jedoch ist sein Handeln allumfassend, ohne Begrenzung durch Raum und Zeit… Die Gegenwart und das Handeln des Geistes berühren nicht nur einzelne Menschen, sondern auch die Gesellschaft und die Geschichte, die Völker, die Kulturen, die Religionen“. Die Sendung der Kirche umschließt das ganze Universum. Der Erlösungsplan Gottes schließt die gesamte Geschichte von der Erschaffung der Welt bis zu ihrer endgültigen Erfüllung ein. 

Mission konkret
Jesus ist das Vorbild unseres missionarischen Auftrages. Was heißt das für uns konkret? Man könnte das ganze Neue Testament durchgehen, um zu sehen, wie Jesu in seinem Leben und in seinen Gleichnissen seine Sendung darlegt. Hier nur einige Beispiele: 
A Da ist der Aspekt der Versöhnung und der Heilung, der sich auf die Befreiung von der Macht des Bösen erstreckt. Sünde bringt Spaltung, Ungerechtigkeit, Konflikt, Gewalt und Tod. Vergebung und Versöhnung zu fördern ist ein vorrangige Aufgabe jeder Sendung. 
A Da ist der Aspekt der Gemeinschaft. Jesus feiert mit seinen Jüngern das Abendmahl, hat Tischgemeinschaft mit seinen Jüngern und wäscht ihnen die Füße. 
A Da ist der Aspekt der Gerechtigkeit, der Option für die Armen, der Kultur und der Religionen. Wir sprechen von Befreiung, Inkulturation und interreligiösem Dialog als wesentliche Elemente der Evangelisierung und Mission. 
A Da ist der Aspekt der Prophetie, der nicht nur das zukünftige Eingreifen Gottes verkündet, sondern auch das gegenwärtige Handeln Gottes aufzeigt. Die Herausforderung, unsere ungerechte und geteilte Welt in eine freie und gemeinsame, gerechte und friedvolle Welt zu verwandeln. Vielleicht ist der prophetische Aspekt einer der wichtigsten Aufgaben von Mission heute.

Sr. Maria Ingeborg Müller CPS
gehört der Kongregation der Missionsschwestern vom Kostbaren Blut (CPS) an und ist als Mitglied des Generalates in Rom tätig. Die Gemeinschaft wurde 1885 vom Trappistenabt Franz Pfanner in Mariannhill, Südafrika gegründet. Während die ersten fünf Pionierinnen deutsche Frauen waren, die als Missionshelferinnen nach Südafrika gerufen wurden, entwickelte sich daraus über die Jahre eine internationale Gemeinschaft, die heute knapp 1000 Schwestern aus 33 verschiedenen Nationen zählt und die in vier Kontinenten arbeiten.