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Sr. Bernadette Helgewa ist Missionsdominikanerin v. Hl. Herzen Jesu. Die Kongregation wurde 1891 in Rhodesien, heute Zimbabwe, von Schwestern des Domini-kanerinnenkonvents Augsburg gegründet. Mutterhaus und Generalat befinden sich in Harare, Zimbabwe, die Region Deutschland hat ihr Zentrum im Konvent in Roding-Strahlfeld/Obpf. Die Kongregation zählt 380 Schwestern, davon inzwischen etwa ein Viertel überwiegend junge Afrikanerinnen. Sr. Bernadette ist Generalrätin und zuständig für die Ausbildung der jungen einheimischen Schwestern.
Als ich versuchte, meinen kulturellen Reichtum, Christentum und mein religiöses Leben zu einem Ganzen zusammenzubringen, merkte ich, dass einige Elemente gut zusammenpassen, andere aber miteinander in Konflikt stehen. Die Herausforderung für mich besteht darin, auch in Zukunft noch mehr zu entdecken, welche Elemente meiner Kultur das Christentum fördern und mich deshalb als eine afrikanische Ordensfrau lebendiger machen, aber auch zu sehen, welche Aspekte meiner Herkunft und meiner Kultur mein Wachsen beeinträchtigen oder gar blockieren.
Wie das Christentum in unsere Familie kam
Ich komme aus einem Hintergrund, welche die christliche Welt als „Heidentum“ bezeichnen würde. In den meisten Familien wurde das Christentum von den Eltern an die Kinder und Kindeskinder weitergegeben. In meinem Fall war es genau umgekehrt. Wir Kinder brachten den Glauben zu den Eltern. Sie gaben uns die Möglichkeit, auf kirchliche Schulen zu gehen, wo wir Christen wurden. In den Ferien teilten wir mit ihnen, was man uns beibrachte wie z. B. unser Morgen- und Abendgebet, das Gebet vor und nach dem Essen. Ich erinnere mich, dass meine Eltern zuerst dagegen waren, Christen zu werden. Ich bewundere immer noch besonders meinen Vater für seine Aufrichtigkeit und seine Geradlinigkeit. Ich gebe wieder, was er zu uns sagte: „Ich bin nicht dagegen, ein Christ zu sein, meine Kinder, aber ich will nicht beides sein. Solange ich an meine Ahnen glaube und alles tue, was die Tradition von mir erwartet, bleibe ich außerhalb des Christentums. Ich kann nicht mit zwei Gesichtern herumlaufen, und ich will kein Heuchler sein.“ Schließlich konvertierte er, lebte noch lange und zufrieden, und starb als ein glücklicher Christ.
Was ich vorher kannte, war die traditionelle Religion, die meist vor allem für die Erwachsenen war. An einigen Riten waren wir Kinder beteiligt, und das bedeutete z. B. den Rauch von verbrannten Kräutern einzuatmen, sich mit Kräuterwasser zu waschen oder es zu trinken, an bestimmten Stellen tätowiert zu werden zum Schutz gegen Hexen, Krankheit oder böse Geister. Ebenso haben wir uns am Singen und Tanzen beteiligt. Manchmal waren wir sogar Zeugen, wie der Geist eines Ahns von einigen wichtigen Leuten des Clans Besitz ergriff. Die Furcht vor Hexen und Aberglaube war in mir persönlich und in unserer Familie sehr groß. Sie ist bis heute noch immer da in meinem Volk. Ich danke Gott, dass mit seiner Gnade die Furcht jetzt nicht mehr so lähmt und dass sie einer mehr gesunden Furcht gewichen ist.
Ahnen und Heilige
Die Ahnen wurden angerufen in guten und schlechten Zeiten. Ich erinnere mich, dass meine Mutter sie oft und in einer spontanen Art angerufen hat. Wenn starke Stürme oder Wirbelwinde uns erreichten, sagte sie: „Ihr in den Himmeln und in den Winden, beschützt uns!“. Sie rief gewöhnlich einige bekannte Ahnen unseres Stammes mit Namen an. Auch wenn wir unterwegs waren, besonders bei langen Reisen, sagten meine Mutter oder mein Vater selbstverständlich den Ahnen, dass die Kinder auf Reisen sind. Ich erinnere mich wie sie sagten: „Ihr seid die einzigen, die sehen, wo sie gehen und welchen Gefahren sie ausgesetzt sind. Beschützt sie!“. Und sie tun es bis heute. Diese Gewohnheit gab mir als Kind, als ein Teenager und jetzt als Erwachsene ein starkes Gefühl der Sicherheit. Das ist mir geblieben. Der einzige Unterschied liegt in der Tatsache, dass ich jetzt alles mit den Augen des Glaubens sehe. Meine Ahnen sind nicht die einzigen, die mich beschützen. Sie gehören zur Gemeinschaft der Heiligen. Gott hat den zentralen Platz in meinem Leben eingenommen und nicht so sehr die Ahnen. Mein eigenes Gebet ist auch sehr spontan und ich rede zu Gott und wende mich an ihn ganz frei. Ich habe keine Hemmung, Ihm zu sagen, was ich fühle und was in mein Herz und in meinen Sinn kommt. Da ich mit der Natur aufgewachsen bin, wo es heilige Plätze gab, etwa Ahnenschreine unter bestimmten Bäumen, fühle ich mich durch sie spontan hingezogen zum Gebet und zur Ehrfurcht vor dem wunderbaren Werk Gottes.
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Was mich schon als Kind erschreckt hat, war, dass die Ahnen nicht jeden beschützen sollten. Sie gehörten zu einzelnen Stämmen und sorgten nur für die Wohlfahrt ihres eigenen Stammes. Kein Stamm käme darauf, die Ahnen eines andern Stammes anzurufen. Ich musste lernen, „mein Zelt zu weiten“ und meine Vorstellung zu ändern, dass meine Ahnen nur für mich und meinen Stamm sorgten. Wenn meine Ahnen zur Gemeinschaft der Heiligen gehören, dann sind sie universell geworden. Sie kümmern sich um alle und treten auch für alle anderen Menschen ein, die nicht zu unserem Stamm gehören, um jenem Gott zu entsprechen, zu dem sie gehören, und der ja auch universell ist. Das war ein richtig großer Schritt für mich, das zu entdecken und zu glauben.
Bei unseren Beerdigungen gibt es immer ein Singen und Tanzen. So bringen wir unsere Kraft zum Tragen und verringern Kummer und Gram. Das ist auch heilsam. Wir singen und tanzen unsere Toten in die Ewigkeit. Schon früher, als ein kleines Mädchen, wuss-te ich, dass es ein Leben nach dem Tod gibt. Wir wurden angehalten, uns bewusst zu machen, dass jeder Erwachsene, der starb, sich der Reihe der Ahnen anschloss, deren Aufgabe es war, zu schützen, für die Bedürfnisse des Stammes zu sorgen, zurechtzuweisen und sogar den Einzelnen, eine Gruppe oder den ganzen Stamm für eine Angelegenheit zu strafen, aber ebenso die Kinder des Stammes, die gestorben sind, dort willkommen zu heißen, wo die Ahnen leben. So war es für mich nicht schwierig, von diesem Denkmuster umzuschalten und mich nun von der Gemeinschaft der Heiligen umgeben zu sehen.
Großfamilie und Ordensgemeinschaft
Ein anderer Aspekt meines kulturellen Hintergrundes, der sehr wertvoll ist, ist die Idee von der Großfamilie. Sie gab und gibt mir immer noch, als einem Kind Afrikas, viele Zuhause, Mütter, Väter, Onkels und Tanten, Brüder und Schwestern. Schon als kleines Mädchen kam ich für eine Zeitlang zu verschiedenen Verwandten. Ich hatte immer meine Lieblingsonkels, -tanten und -cousinen. Als ich bei den Missionsdominikanerinnen eintrat, reizte mich die Vorstellung von vielen Gemeinschaften und dem gemeinsamen Gebet sehr. Für mich waren das eine Art von Großfamilien. Diese Struktur meiner Kultur half mir von jung auf, flexibel und anpassungsfähig zu sein und viele Dinge mit andern zu teilen.
In meiner Familie war der Gehorsam das Wichtigste. Es machte keinen Unterschied, ob die Erwachsenen, denen ich zu gehorchen hatte, meine Eltern waren oder nicht. Erwachsenen hatte man grundsätzlich zu gehorchen. Enthaltsam zu sein bis zur Hochzeit ging Hand in Hand mit dem Gehorsam. Es war als die wertvollste Gabe angesehen, die ein Mädchen ihrem Bräutigam schenken konnte. Als ich dann in den Konvent eintrat, war es eine Freude und eine Herausforderung zu entdecken, dass die gleichen Elemente wichtig waren für mein Ordensleben. Der Unterschied liegt darin, dass ich für das Ordensleben eine wohlüberlegte Entscheidung zu treffen hatte, dass ich ein Leben in Gehorsam führen will und Gott im Gelübde der Keuschheit meine weibliche Bestimmung für das Leben hingebe und alles in der Gemeinschaft mit anderen teile. Alle drei Gelübde waren für mich nicht total neu, aber die Art und Weise, wie ich sie zu leben hatte, war doch neu und eine echte Herausforderung.
Einer internationalen Kongregation anzugehören, kam zu dieser Herausforderung dazu. Es forderte von mir die tägliche Bereitschaft, zu lernen, mit anderen Leuten zu leben, deren Kulturen von meiner verschieden waren. Zuerst fand ich das sehr schwer. Während ich es von Zeit zu Zeit vermisse, meine eigene Familie zu haben, habe ich in der Zwischenzeit viele „Kinder“ gewonnen. Die Herausforderung besteht darin, sie wirklich zu lieben und zu schätzen ohne sie besitzen zu wollen.
Meine Herkunft -
ein starkes Fundament
Seit ich eine Schwester der Missionsdominikanerinnen bin, hat sich mein Glaube und meine Liebe zu Christus in einer Weise vertieft, die mich nicht von meiner Kultur und meiner Herkunft trennt. Ohne diesen Hintergrund würde mein Leben als Christin und meine Berufung zum Ordensleben auf einem schwachen Fundament stehen.
Ich empfinde meine Berufung wie die besonderen Berufungen in meinem Volk, wie die Pflanzenkenner oder die Geistermedien; ihnen sind besondere Gaben und Kräfte geschenkt zum Dienst am Volk, um Vermittler zu sein zwischen dem Stamm und den Ahnen - und doch bin ich mehr. Meine Vermittlung ist nicht begrenzt auf meinen Stamm und die Ahnen, sondern dient einem viel höheren Sein, nämlich Gott selbst. Die Tatsache, dass ich den Ursprüngen meiner Sendung in den Praktiken und den Glaubensgrundsätzen meiner Kultur nachspüren kann, gibt mir das Gefühl, dass es kein Fehler oder ein Unfall ist, dass ich hier als Ordensfrau lebe. Gott hat in mir angelegt, was mir vertraut ist und wirft nun Sein Licht auf das, was neu ist, was Er in mir und in vielen anderen Leuten in meinem Land und in meiner Nation erschafft. Er ist gekommen, um Feuer auf Zimbabwe zu werfen, und wie sehr wünscht Er, es würde schon brennen.
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