Heute Missionar werden 

P. Aurelian Feser OSB, Missionsbenediktiner der Erzabtei St. Ottilien, gibt einen Einblick, wie sich ein Missionseinsatz heute im Vergleich zu früher verändert hat und wie die Vorbereitung in St. Ottilien aussieht.

Früher
Für die Mitbrüder, die vor über vierzig Jahren in den Orden eingetreten sind, war es selbstverständlich, dass man „ausgesandt“ werden wollte. Auch wenn die benediktinische Struktur gegeben war, so sah man darin doch mehr eine Notwendigkeit und auch eine Hilfe auf dem Weg zum Einsatz in einem Missionsland. Entsprechend war auch die Vorbereitung. Handwerkliche Ausbildung erfuhr man in den einheimischen Werkstätten; für die Pastoral war man gerüstet durch das Theologiestudium; für Sonderaufgaben wie Lehrberuf hatte man die für das Land üblichen Qualifizierungen zu erwerben. Hinzu kam ein Sprachkurs für die Grundsprache (Englisch, Spanisch) und das medizinische: Ja - dann konnte man sich, durch die Prokura auch materiell ausgerüstet, auf den Weg machen. Das eigentliche Hineinwachsen in die Kultur und das Erlernen von Stammessprachen musste dann vor Ort geschehen, wo man im Normalfall einer europäisch geprägten Gemeinschaft zugewiesen war. Mit diesem Hintergrund war es dann möglich, auch nach außen aktiv zu werden. 

Heute
Dieses Modell eines Missionarsdaseins auf Lebenszeit ist noch präsent, doch es wird eingeholt von einer neuen Wirklichkeit, die sich aus verschiedenen Richtungen ergibt. Seit dem II. Vatikanischen Konzil hat sich das Missionsverständnis verändert. Die Weltkirche zeigt sich in einem Miteinander der Ortskirchen. Ausgesandt werden heißt nun, einer Ortskirche zugewiesen zu werden und sich einzugliedern in ein Umfeld, das eben nicht mehr einer Erstmission bedarf, sondern nach Wegen sucht, das Bestehende zu vertiefen und zu verlebendigen. 
Andererseits sind immer weniger Gemeinschaften noch in der Lage, neue Missionare auszusenden, weil der Nachwuchs in Europa fehlt. Die Ortskirchen sind mehr und mehr in der Lage, die pastorale Lücke zu schließen. Warum braucht es heute dennoch den Missionar und wie muss dann die Vorbereitung darauf sein? Wir gehen nicht mehr grundsätzlich davon aus, dass ein Mitbruder auf Lebenszeit ausgesandt wird. Im Augenblick finden sich bei uns verschiedene Varianten von 

Einsätzen:

Kurzeinsatz eines Spezialisten

Ein Mitbruder, der sich für eine bestimmte Tätigkeit oder Aufgabe spezialisiert hat, wird für eine Zeit von drei Monaten bis zu drei Jahren ausgesandt. Hier geht es z.B. um technische Dienstleistungen, wie den Aufbau von PC-Netzwerken in einer Schule in Tansania oder den Aufbau einer Elektrowerkstatt in Togo. Im Verwaltungsbereich sind kompetente Mitbrüder sehr willkommen, da es neue Aufgaben im Bereich von Supervision und Controlling gibt. Im pastoralen Bereich suchen wir nach qualifizierten Fachkräften in der kategorialen Seelsorge. 

Längere Einsätze
Längere Einsätze erfordern eine tiefere Vorbereitung, das meint die Beschäftigung mit der Religionsgeschichte und die Einführung in die Landeskunde. Hier sind die Einführungskurse bei der AGEH (Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe) hilfreich. Andererseits sind Missionsgeschichte, theologische Fragen und das Verhältnis zu den nichtchristlichen Religionen und zu anderen Kulturen integrierte Bestandteile im Noviziat und in der Ausbildung der jungen Mönche. Im Idealfall sollten auch heute alle Mitbrüder potentielle Missionare sein. Dies unterstreicht die Wichtigkeit internationaler Begegnungen, um Sensibilität für andere Kulturen zu wecken und auch die Anpassungsfähigkeit des Einzelnen zu testen. So laden wir alle zwei Jahre junge Mitbrüder aus unseren Gemeinschaften zu gemeinsamen Studienwochen ein. Acht Wochen leben ca. 20 Mitbrüder aus den verschiedensten Kulturen wie in einer Klostergemeinschaft zusammen. Sie entdecken die Andersartigkeit und lernen voneinander. Eine missionarische Zeit!

Der allmählich heranreifende Missionar
In den letzten Jahren hatten wir auch eine Vermischung der beiden ersten Modelle. Zwei Mitbrüder, die zu einem Kurzeinsatz ausgesandt wurden, entdecken bei sich den Wunsch und die Fähigkeit zu einem unbe-fristeten Einsatz. Dieses Modell hat manche Vorteile. Immer wieder erfahren wir, dass nicht jeder den gesundheitlichen, menschlichen und kulturellen Belastungen gleich gut standhält. Das schrittweise Hineinwachsen beinhaltet die Chance, die eigenen Möglichkeiten auszutesten. Nach drei oder fünf Jahren zeichnet sich dann ein Weg ab.