Missionarin auf Zeit (MaZ)

Der Ernstfall

Birgit Schardt aus Ludwigsburg, Diözese Rottenburg-Stuttgart,
berichtet von ihrem Einsatz in Nairobi

Birgit Schardt (28) hat die Leitung ihres Kindergartens für einige Zeit abgegeben, um eineinhalb Jahre in Kenia als Missionarin auf Zeit zu wirken. Sie arbeitet im Schulbereich wie auch im Außendienst des Nyumbani Childrens Home mit. Das Nyumbani ist eine Einrichtung für HIV-positive Kinder, die vor allem aus den ärmsten Bevölkerungsschichten kommen.
Die Möglichkeit des MaZ-Einsatzes tat sich für Birgit Schardt durch die Comboni-Missionare auf, die u.a. auch in Kenia arbeiten.Birgit macht das einjährige Modell von MaZ. In der Zwischenzeit wünschte sie sich, daß sie doch gleich das längere Einsatzmodell von drei Jahren gewählt hätte. Denn immer mehr fühlt sie sich bei den Menschen in Kenia und bei ihrer Arbeit wohl, und das, obwohl sie ihr Dienst manchmal auch an die Grenzen der psychischen Belastbarkeit führt. 



Seit Juni arbeite ich nun zwei Tage pro Woche - insofern mich die Schule im Nyumbani-Heim entbehren kann - in unserem Outreach Programm „Lea Toto“ mit. Eine indische Schwester von unserem Konvent, eine Sozialarbeiterin und Leute, die einen MaZ- oder Freiwilligendienst machen, besuchen in den verschiedenen Slumgebieten Nairobis Familien, die HIV-positive Kinder haben. Sie betreuen Eltern, die auch HIV-positiv sind, und deren Kinder psychisch und medizinisch.

Bei den Ärmsten der Armen

Meine erste „Home visit“ ging nach Korogocho, einem Slum, das zu den ärmsten und schockierendsten Nairobis gehört. Sobald wir dort ankommen, sind wir von mindestens 30 Leuten, vor allem Kindern, umrundet, die uns neugierig mustern und uns überallhin folgen. Wir versuchen, uns unseren Weg durch die engen Gassen zu bahnen, die zwischen den aus Wellblech, Pappe, Plastik und Lehm gebauten Hütten verlaufen. Die Pfade sind schmal, staubig und von Müll überhäuft. Manchmal müssen wir über Gräben springen, die mit einer stinkig grau-grünen Masse vor sich hindümpeln, vorsichtig darauf bedacht, da ja nicht hineinzurutschen. Kinder in löchrigen T-shirts (manchmal die einzige Bekleidung) stehen schüchtern an den Hütten und verstecken sich schnell, wenn wir die Hand zum Gruß heben oder „habari?“ (wie geht´s) rufen. So suchen wir unseren Weg durch das trübe, rauchdurchzogene Elendsviertel und noch bevor wir die an AIDS sterbende Mama Consolata erreichen, habe ich das Gefühl, genug an Eindrücken für den heutigen Tag zu haben. 

Wir schieben uns durch die enge Gasse, die so eng ist, daß wir uns seitwärts an dem Haus, das aus flachgeklopften Regentonnendeckeln gebaut ist, vorbeidrücken müssen. Dann stehen wir vor der Hütte von Mama Consolata. Es riecht nach Urin und fauligen Abfällen. Die Hütte ist so klein, daß gerade mal ein Bett, ein Tischchen, zwei Sessel und ein Hocker darin Platz finden. Zum Bett gelangt man nur, wenn man über das Tischchen steigt. Es ist dämpfig, muffig und schmutzig in der Hütte. Hinter einem Vorhang, der das Bett vom übrigen Wohnbereich trennt, liegt die 26-jährige Kranke im Endstadium von AIDS. 
Ihr Mann hat sie verlassen, nachdem sich herausgestellt hat, daß sie und ihre jüngste Tochter, mit HIV geboren, AIDS haben. Sie gibt ihrem Mann die Schuld an der Krankheit, ihm, der oft betrunken oder gar nicht nach Hause kam. Ihre Tochter, Consolata, 6 Jahre, ist im Mai an AIDS gestorben, ihr älterer Bruder, 9, ist hingegen HIV negativ.

HIV positiv
Mama Consolata braucht fast 5 Minuten, um sich im Bett mit letzter Kraft aufzusetzen. Ihr Körper ist völlig ausgezehrt und von einem Hautausschlag überzogen, der die Haut austrocknet und zum Aufplatzen bringt. Sie ist ständig darauf bedacht, sich das Blut abzutupfen und ihr verkrustetes Gesicht hinter einem Tuch zu verbergen. Sie spricht leise und langsam über ihre Angst, was mit ihrem Sohn passiert, wenn sie stirbt. Alle ihre drei Schwestern sind auch HIV-positiv und haben eigene Kinder. Sie möchte gerne nach Hause aufs Land zu ihrer Mutter zum Sterben, doch ihre Mutter lehnt jeden Kontakt zu ihr ab aus Angst vor AIDS und was wohl die anderen sagen, wenn sich herumspricht, daß ihre Tochter AIDS hat. Es fällt mir schwer, mich auf das zu konzentrieren, was unsere Sozialarbeiterin mit ihr bespricht. Ich muß dauernd in ihr Gesicht schauen und stelle mir vor, wie hübsch sie gewesen sein muß vor ihrer Krankheit. Wut steigt in mir auf, wenn ich an die vielen Menschen denke, die HIV bzw. AIDS im Lande immer noch nicht wahrhaben wollen. Ich wünschte, sie könnten alle hierher kommen und sehen, was die Krankheit mit einem anrichten kann. 
Die Sozialarbeiterin verspricht der Kranken, Kontakt mit ihrer Mutter aufzunehmen und mit ihr zu sprechen. Der Junge kann leider nicht in unserem Heim aufgenommen werden, da wir nur HIV-positive Kinder akzeptieren, doch sie will sich nach einer Unterbringung für ihn umschauen. Bevor wir gehen, beten wir noch zusammen und wünschen Mama Consolata Kraft und Gottes Segen für die bevorstehende Zeit. 

Erschöpft legt sie sich wieder ins Bett, doch diesmal mit einem zaghaften, dankbaren Lächeln, da wir ihr Hilfe versprochen haben.
Drei Tage später wird sie mit Hilfe von Nyumbani nach Thika, etwa 90 km von hier, zu ihrer Mutter gebracht, die nach Klärung vieler Fragen und Vorurteilen bereit war, ihre Tochter aufzunehmen. Ihr Sohn Kevin wird von einer seiner Tanten aufgenommen. Zwei Wochen später stirbt Mama Consolata zu Hause bei ihrer Mutter. Noch auf dem Rückweg gehen mir die Worte der Kranken durch den Kopf. Ich komme mir so klein und nutzlos vor. Was kann ich den Menschen in einer solch aussichtslosen Situation geben? Kann ein gemeinsames Gebet und Zuhören schon genug sein? Was ist mit den anderen tausenden AIDS-Kranken, die unser Programm nicht erreicht und die alleine und mit vielen Ängsten jeden Tag in den Slums sterben?

Ups and Downs
Am Abend, als ich wieder zu Hause in Nyumbani bin, lasse ich nochmals die Bilder und Schicksale der heute besuchten Menschen an mir vorbeiziehen. Mama Consolata; die drei Waisenkinder (3-11 Jahre), deren Mutter am Tag zuvor an AIDS gestorben ist und deren 72-jährige Großmutter nun die Verantwortung für die Kinder trägt; ein kleiner Junge (5), der mit hohem Fieber im Bett liegt und für den Schwester Teresa der Mutter eine Packung Paracetamol gibt und meint, mehr könne sie in seinem Stadium nicht tun; und zum Schluß die 8-jährige Christine, geistig behindert und HIV-positiv, deren größter Wunsch eine Puppe war und die über das ganze Gesicht strahlt, als Schwester Teresa eine Puppe unter ihrer Jacke hervorzieht.
Menschenschicksale, nur vier von tausenden jeden Tag. Sicher kann man bei dem Gedanken zerbrechen. Doch wie auf einer Karte steht, die ich neulich von einer Freundin geschickt bekommen habe: „Lieber eine Kerze anzuzünden, als über die Finsternis klagen“, und wenn diese Kerze „nur“ aus einem Gebet oder aus einem Gedanken an diese Menschen besteht, ist das schon mehr als manche vielleicht erwarten.
Es war recht viel gewesen, das auf mich in der letzten Zeit eingeströmt war: Das Elend in den Slums so hautnah zu erleben; oft hilflos Situationen gegenüber zu stehen; die ständige Konfrontation mit Menschen, die mich um finanzielle Hilfe anfragen (oft berechtigt, es geht um nicht bezahlbare Schulgebühren, Kauf von Medikamenten, Geld für Nahrungsmittel usw.). Da waren miterlebte Unfälle und Schießereien und nicht zuletzt Fragen unserer Nyumbani-Kinder, nachdem Frida, eines der Kinder im Heim an der heimtückischen Krankheit gestorben war. Im Moment geht es mir aber nach einigen Ups and Downs wieder besser: Mir hat die kürzliche „Auszeit“ von acht Tagen in die Wüste zum Lake Turkana sehr gut getan.

Wie werde ich Missionar/-in auf Zeit (MaZ)? 
Allgemeine Voraussetzungen sind: 
- religiöses und kirchliches Fundament und Motivation 
- psychische Ausgeglichenheit und Belastbarkeit 
- Bereitschaft, sich auf Menschen anderer Kultur einzulassen 
- Fähigkeit und Bereitschaft in Gemeinschaft zu leben und im Team zu arbeiten 
- körperliche Gesundheit (ggf. Tro-pentauglichkeit) 
- Mindestalter 18 Jahre (Modell A: 23 Jahre) 
- kirchliches Engagement in der Gemeinde und / oder auf anderen kirchlichen Ebenen 

Hinsichtlich der Einsatzdauer gibt es zwei unterschiedliche Modelle: 
Modell A beinhaltet den langfristigen Einsatz, der drei bis fünf Jahre dauert 
Modell B meint den kurzfristigen Aufenthalt von neun Monaten bis zu einem Jahr. 

Vorbereitung
Die Vorbereitung auf den Einsatz finden bei den verschiedenen Ordensgemeinschaften statt. Diese Zeit der Vorbereitung wird von den Orden unterschiedlich gestaltet. 

Wichtig ist bei allen Orden: 
ein guter Kontakt zu der missionarischen Gemeinschaft vor der Ausreise, z.B. durch Teilnahme an religiösen Wochen-enden oder einem „Kloster auf Zeit“ 
eine Offenheit für die Fragen und Probleme der Jungen Kirchen in der „Dritten Welt“, Information durch Literatur, durch Teilnahme an Ferienkursen... 
eine Einführung in die „Dritte -Welt“- Problematik 

Weitere Vereinbarungen:
 
Die Missionsgemeinschaft gewährt im Einsatzland Unterkunft, Verpflegung und Betreuung. Ein Entgelt zahlt sie nicht, da der Aufenthalt mehr dem jungen Menschen als der Gemeinschaft zugute kommt. 
Der junge Mensch selbst trägt die Reise- und Versicherungskosten, vor allem auch das gesundheitliche Risiko, das mit dem Aufenthalt in tropischen Ländern verbunden ist. 

Adressen der Orden, 
die MaZ anbieten und viele weitere Informationen finden sich auf der Internetseite: www.missionarin-auf-zeit.de