Andrea Riccardi, Gründer der Gemeinschaft Sant´ Egidio, Würzburg

Mit Sympathie betreten wir die Straßen der Welt

Eine der großen neuen geistlichen Bewegungen ist die Gemeinschaft Sant´ Egidio. Sie wurde 1968 von Andrea Riccardi, heute Professor für Kirchengeschichte, und einigen seiner Freunde gegründet, als sie noch Schüler des Gymnasiums Virgilio in Rom waren. Im Aufbegehren der 68er-Generation suchten sie nach einem anderen Weg und fanden ihn im Evangelium. Seither haben sich viele junge Menschen gefunden, vor allem in Italien, aber auch in über 30 Ländern in Europa und in allen Teilen der Welt, die die Begegnung mit dem Wort Gottes und mit den Armen suchen. Was sie auf diesem Weg erleben und erfahren, macht sie fähig, Berührungsängste abzulegen und Freunde zu werden mit benachteiligten Menschen, mit Menschen anderer Kulturen und Religionen. Heute gibt es 20 000 Egidianer, einige davon auch in Deutschland: in Würzburg, Schweinfurt und Mönchengladbach. Der WEGBEREITER besuchte die Gemeinschaft in Würzburg, die 1983 gegründet wurde und zu der sich etwa 300 Frauen und Männer zählen. 

Freundschaft mit den Armen 
Ein Kleinbus des Arbeitersamariterbundes bringt einige Besucher zur Mensa, die im Nebengebäude einer alten Brauereianlage am Rande der Stadt untergebracht ist. Die Mensa ist die ehemalige Brauereigaststätte, ein neu gerichteter, freundlicher Raum mit viel Holz und einer warmen Beleuchtung an diesem etwas grauen Herbsttag. Viele „Gäste“ sind schon da, der Herr mittleren Alters im Rollstuhl, die Frau im Trainingsanzug, der Mann in der Ecke mit drei Tüten und viele andere. Elisabeth Dirk, die Verantwortliche für die Mensa, von Beruf Lehrerin, setzt sich mit uns an den Tisch zu Laurant, wie sich Lorenz* gerne nennt, und Angela, die alle Anschela rufen. Anschela lebte 30 Jahre auf der Straße, vor einem Jahr wurde für sie eine kleine Wohnung organisiert, an die sie sich inzwischen gewöhnt hat. Jeden Montag kommt sie in die Mensa und freut sich an der warmen Mahlzeit und an der Unterhaltung. Laurant zählt sich nicht zu den Bedürftigen, deswegen isst er auch nicht, aber er kommt einfach gern hierher und scherzt und lacht mit den Menschen. Er schätzt die Freundschaft mit den Leuten von Sant´ Egidio und mit vielen andern, die er hier trifft. Als Zeichen dafür bringt er aus der Bäckerei, in der er arbeitet, immer einige süße Stückchen mit.
Darauf ist Frau Dirk schon ein bisschen stolz, dass die Menschen hier ein Stück weit miteinander Freunde werden: „Das wurde uns schon rückgemeldet, dass `unsere´ Armen und Obdachlosen auch sonst mit anderen leichter zurechtkommen.“ Die Armen geben so etwas weiter, was sie selbst bei Sant´ Egidio erfahren: Freundschaft. Freundschaft mit den Armen, das war der Ausgangspunkt der Gemeinschaft 1968 in Rom, sie ist das Charakteristikum von Sant´ Egidio bis heute. Zum Beispiel Ludwig*. Er lebt auf der Straße, seine drei Tüten sind sein ganzes Hab und Gut. Die Gemeinschaft hat ihm schon ein Zimmer angeboten, aber er lehnt das ab. „Das ist schwer zu verstehen“, so Frau Dirk, „aber wir werden ihn nicht drängen, denn wir wollen unsere Freundschaft mit ihm nicht aufs Spiel setzten. Wir freuen uns, wenn er hierher kommt und er soll sich bei uns sicher und wohl fühlen können.“
Das erste aber was uns Elisabeth Dirk erklärt ist dies: Hier geht es um die Verwirklichung des Evangeliums. Wörtlich: „Immer wenn ich am Montagnachmittag in der Mensa meine Aufgabe wahrnehme, ist das für mich eine Einübung ins Evangelium. Es ist schön, das Evangelium zu leben.“ 

Die Armen und das Evangelium als Lehrmeister
Ulrike Bernet von Sant´ Egidio, Lehrerin mit Theologiestudium, besucht oft alte Leute zu Hause. Da habe sie schon viel vom Evangelium gelernt. Einmal habe sie bei der Verabschiedung einer betagten Frau gesagt: „Ich denke an Sie“, worauf sie die Antwort erhalten habe: „Das nützt mir nichts“. Seither sei sie mit solchen Worten vorsichtiger, es gehe darum, wirklich für jemanden da zu sein. Aber wo liegt die Grenze für das Engagement? Auch für Mitglieder von Sant´ Egidio hat der Tag nur 24 Stunden und auch die Kraft mitzutragen ist nicht unendlich. Da gibt Frau Dirk eine verblüffend einfache Antwort: „Auch der Zöllner Matthäus hat selber entschieden, als Jesus ihn rief, wie viel er für die Armen geben will. So ist es auch bei uns. Jede und jeder entscheidet frei, wie viel Zeit und Kraft er aufbringen kann und will.“ Frau Bernet ergänzt, wenn sich jemand überfordert fühle, werde miteinander besprochen, wie es weitergehen könne, wer zum Beispiel mithelfen könne. „Das nehmen wir auch in unser Gebet hinein und es finden sich immer wieder Lösungen.“
Aber Lernen von den Armen, das geht noch weiter. In der unmittelbaren Begegnung mit einem Menschen, der durch die Belastungen des Alters eingegrenzt ist, der vielleicht niemanden mehr hat, werde ihr immer wieder dessen Wert bewusst, je länger je mehr. Es sei ein Unterschied von der Würde des Menschen, des alten, des behinderten, des armen Menschen zu reden oder diese Würde in der unmittelbaren Begegnung mehr und mehr wahrzunehmen. „Da gerät plötzlich manches ins Wanken; was wir sonst in der Gesellschaft für wertvoll halten, verliert an Bedeutung, und der Mensch am Rande gewinnt an Wert, wird in seiner Würde und in seinem Reichtum entdeckt“, so schildert Frau Bernet ihre Erfahrung.


Als sie zu Sant´ Egidio gestoßen sei, sei das Evangelium für sie noch nicht wichtig gewesen, jetzt sehe sie, dass es Jesus genau um diese Würde des Menschen gehe, die sie bei den Armen entdeckt habe. „So haben mich die Armen gelehrt, das Evangelium zu verstehen“, bekennt sie. Umgekehrt lehre sie das Evangelium, dass Gott selbst ein Freund des Menschen sei, dass gerade die Armen bei ihm in Ansehen stünden, das gebe ihrer Würde eine Dimension, die alles Menschliche übersteigt: „So sind die Armen und das Evangelium meine Lehrmeister“.
Das sind denn auch die beiden Grundpfeiler der Spiritualität von Sant´ Egidio: das Wort Gottes und die Armen. In beiden ist etwas von Gott zu vernehmen, ist eine direkte Begegnung mit Jesus möglich, mit anderen Worten, hier ergänzen sich Kontemplation und Aktion, sie sind nicht losgelöst voneinander denkbar. In Evangeliumsschulen, die sich aus Freundeskreisen um Sant´Egidio bilden, gerade auch mit jungen Leuten, ergibt sich der Zugang zum Christlichen mehr vom Wort Gottes her.

Menschen wie alle anderen
Und wie „funktioniert“ Sant´ Egidio? Frau Bühl, verantwortlich für die Arbeit mit ausländischen Mitbürgern und für die Öffentlichkeitsarbeit, weiß dazu nicht allzu viel zu erzählen. Es gibt einen Kreis von etwa zehn Mitgliedern, die jeweils für einen Bereich verantwortlich sind, dazu Pfarrer Leineweber als geistlicher Leiter, der im Hauptberuf für zwei Pfarreien zuständig ist. Hier werden die wichtigen Entscheidungen getroffen. Im übrigen entscheidet vor allem die persönliche Beziehung untereinander über die Art der Zugehörigkeit. „Da fühlt sich jemand von einem Mitglied angesprochen und besucht die eine oder andere Veranstaltung, mit der Zeit ist er hier zu Hause und übernimmt eine Aufgabe. Eines Tages möchte er dazu gehören und wir zählen ihn zu uns“, so einfach ist das laut Frau Bühl, die verheiratet ist und in ihrem Beruf als Rechtsanwältin arbeitet.
Alle Mitglieder gehen ihren Berufen nach, einige arbeiten in Teilzeit, um sich mehr einbringen zu können, die meisten sind verheiratet und haben Familie. Sant´ Egidio ist eine Laiengemeinschaft. Susanne Bühl: „Als Menschen wie alle anderen, finden wir leichter Zugang zu unseren Zeitgenossen ohne Unterschied. Das macht Freundschaft möglich.“
„Als Menschen wie alle anderen“ halten sie auch Gottesdienst, von Montag bis Freitag jeweils in der Franziskanerkirche um 19.15 Uhr. Man trifft sich im Kreuzgang des alten Klosters; im Chorraum vor dem Altar steht schon die Ikone vom Antlitz Christi, in Licht getaucht, davor ein Kreis von Teelichtern. Nach dem Vorbild der Ursprungsgemeinschaft in Trastevere in Rom bevorzugen die Gemeinschaften auf der ganzen Welt das Abendgebet, zu dem überall diese Ikone aus der Kiewer Schule des 18. Jahrhunderts gehört. Das Gebet folgt einem festen Schema, ähnlich der Vesper, dem liturgischen Abendgebet der Kirche; jeder Tag ist einem anderen Anliegen gewidmet, beispielsweise den Armen, dem Frieden, gesungen wird nach dem melodiösen Sprechgesang der byzantinischen Liturgie. Und jeden Tag gehört die Predigt dazu, die jemand aus dem Vorbereitungskreis hält, heute ist es Susanne Bühl. Sie legt das Gleichnis vom reichen Kornbauern aus, wie es die Leseordnung der Kirche an diesem Tag vorsieht: „… In Wirklichkeit gehört das Wort Gottes zu den wirklichen Reichtümern unseres Lebens, die Bestand haben. …“ Zehn Minuten, eine richtige Predigt. Anschließend stehen viele der 30, 40 Teilnehmer in der Kirche noch zusammen. Das stört nicht die geistliche Atmosphäre des Raumes, es ist nicht laut, auch der Herr mit den beiden Krücken vom Nachmittag in der Mensa ist da. Vielleicht hat Paulus so etwas gemeint, als er den Korinthern erklärte wie ihr Gottesdienst sein sollte, damit jemand von außen wahrnehmen könnte: „Wahrhaftig, Gott ist bei euch!“ (vgl. 1 Kor 14,25)

*Namen von der Redaktion geändert

Moratorium 2000
Auf internationaler Ebene hat die Gemeinschaft Sant´ Egidio einen Appell in Verbindung mit einer Unterschriftensammlung für die weltweite Aussetzung der Vollstreckung der Todesstrafe zum Jahr 2000 ins Leben gerufen. Mittlerweile sind weltweit über 2,5 Millionen Unterschriften gesammelt worden. Fragen zur Kampagne oder zum Thema Todesstrafe können jederzeit an die Gemeinschaft Sant´ Egidio gerichtet werden. Gute Informationen sind auch über die Homepage www.santegidio.org zu erhalten. Unterschriften können bis zum 31.03.2001 an unten stehende Kontaktadresse gesandt werden.

Kontaktdresse:
Ursula Kalb
Schönthalstr. 6
97070 Würzburg
Tel.: 0931/32 29 40
Fax: 0931/32 29 439
E-Mail: sant.egidio@mayn.de