Neue geistliche Bewegungen

Im Wettbewerb

Hanspeter Oschwald, bis vor kurzem Ressortleiter Ausland bei FOCUS, heute stellvertretender Chefredakteur des neuen Frauenmagazins VIVIAN in Offenburg, beobachtet seit vielen Jahren die Entwicklungen in der katholischen Kirche und die neuen geistlichen Bewegungen, besonders Sant´ Egidio. Er nimmt Stellung. 


Charismatische Erneuerung
Zuerst war ich seltsam berührt. Da saßen junge Menschen aus aller Welt auf den Wiesen über den Katakomben an der römischen Via Appia Antica. Sie sangen, gestikulierten und verstanden sich offensichtlich blendend. Es waren die frühen 70er Jahre, als Jugend fast ausschließlich mit Rebellion, überwiegend mit der studentischen 68er-Unruhe gleichgesetzt wurde. Religion und Gottessuche passten nicht in die Zeit. 
Dennoch trafen hier vor den Toren Roms junge Christen zusammen, denen ebenso nach Aufbruch zumute war, die ihn aber in der religiösen, ja mystischen Erfahrung suchten. Ihr Protektor, wenn man so will, war ein gestandener, moderner Konzilsvater, der inzwischen verstorbene belgische Primas Kardinal Leo Josef Suenens. 
Am römischen Stadtrand manifestierte sich unter seinem Impuls zum ersten Mal für alle Welt im Zentrum der Christenheit sichtbar die charismatische Erneuerung, die der katholischen Pfingstler. 

Sant´ Egidio
Gleichzeitig versammelten sich im Stadtzentrum Schüler und Studenten des wohlsituierten Roms, des Roma per bene, um Solidarität anders als marxistisch zu definieren. Der überwiegend linken Studentenschaft wollten sie etwas anderes entgegensetzen. Sie wollten die Welt ebenso entstauben und verändern, aber christlich durch praktische Sozialdienste an Bedürftigen, an Randgruppen und Einsamen statt durch endlose Diskussionen, Demos und Sit-ins. 
Beide Initiativen weiteten sich aus und mündeten in breite Bewegungen, die heute international angesehen sind: die der verschiedenen Charismatiker ebenso wie die der Gemeinschaft von Sant´ Egidio, die aus jener studentischen Initiative entstanden ist. Beide spielen in der katholischen Kirche eine gewichtige Rolle, mögen auch viele Vorwürfe gegen sie erhoben werden. Von Sektierertum, von rigoroser Disziplin und absolutem Gehorsam ist die Rede. Das mag in einigen Fällen auch zutreffen. Alle Bewegungen geben Anlass zu solchen Anklagen, alle kennen die Berichte von enttäuschten Ehemaligen. 
Im Machtgefüge der Kirche 
Das gehört immament zu neuen Bewegungen, erst recht, wenn sie von charismatischen Persönlichkeiten geprägt werden, die ihren Anteil an Zustimmung beanspruchen. Das Geflecht von Beziehungen und Einflüssen, das den Gründerfiguren zuwächst, macht sie zu gewichtigen Größen im Machtgefüge der Kirche. Gerade die charismatischen Erneuerer gelten als theologisch eher anspruchslose Romgetreue. In ihrer tiefen Religiosität werden sie leicht von den konservativen Kräften in Rom vereinnahmt. Auch im Vatikan gibt es Fraktionen, Gruppeninteressen und Hausmächte, die hinter dem einen oder anderen Kardinal stehen. 
Das kann eigentlich nur jene ärgern, die nicht gewillt sind, die menschliche Wirklichkeit der Kirchenbürokratie zu akzeptieren. Gruppen und dahinter stehende Persönlichkeiten erleichtern aber schließlich nur die Orientierung. So gelten die Kardinäle Carlo Maria Martini (Mailand) und Achille Silvestrini als „Egidianer“. Sie bekennen sich dazu, anders als die dem Opus Dei nahestehenden zur Macht Strebenden, die weniger Transparenz pflegen. Für die bevorstehenden Generationswechsel sagen sie viel über den Zustand der Kirche aus. 
Die Zukunft gehört einer mystischen Kirche.
Der wachsende Einfluss der mehr charismatischen Erneuerungsbewegungen belegt, dass selbst in der Kirchenzentrale erkannt wird, wie wenig der theologische Disput heute weiterhilft. Die Kirche wird mystisch sein oder gar nicht sein. Hans Urs von Balthasar hat diesen Weg ebenso wie Karl Rahner gewiesen.

Ein Blick in die Zukunft
Ich glaube, nicht zu hoch zu greifen, wenn ich prophezeie, dass die zweite Reformation nicht von Theologenstreit aus- und gelöst werden kann, sondern nur von einer neuen Mystik - allerdings einer, die sich nicht von der Welt abwendet, sich nicht in Zwänge flüchtet und nicht in Intoleranz eines geistigen Mittelalters zurückfällt, sondern die Wiederherstellung des religiösen Gleichgewichts anstrebt: die Sehnsucht nach dem Religiösen im Menschen erfüllt. 
Ein Vergleich drängt sich auf, um den Unterschied zwischen den Lehrauseinandersetzungen und dem wirklichem Glauben zu erläutern. Ein Chemiker weiß sehr genau, aus was Alkohol besteht. Aber wenn er nie Wein getrunken hat, wird er auch nie wissen, was Alkohol wirklich ist. 

Buchhinweis:
Vom Autor sind u.a. folgende Bücher erschienen:
A Bibel, Mystik und Politik - Die Gemeinschaft Sant´ Egidio, 1998
A Der Klosterurlaubsführer, 2000
A Vatikan - Die Firma Gottes, 2000