Entstehung und Wesen

Charismatische Erneuerung

 

Von Prof. Dr. Norbert Baumert SJ, St. Georgen, Frankfurt/M.

Entstehung
„Einem jeden teilt der Geist zu, wie er will“ (1 Kor 12, 11). Dabei kann es zu Überraschungen kommen. Eine solche war es, als während eines Bibelkurses über die Apostelgeschichte am 1.1.1901 in Topeka/USA einige Teilnehmer Gott baten: Schenke uns auch heute deinen Geist wie den Jüngern damals, und schenke auch uns jenes Beten in Sprachen, das für die Jünger damals ein deutliches Zeichen dafür war, dass sie den Geist empfangen hatten (Apg 2,4; 10,46; 19,6).

Jene Bibelschüler wurden in dieser Stunde vom Geist erfüllt und waren ganz verwundert, wie in ihrem Herzen eine tiefe Liebe zu Gott aufbrach und diese sich in unverständlichen Worten äußerte. Hätten sie es nicht in der Bibel gelesen und hätten sie nicht eigens darum gebetet, hätten sie sich gefragt, ob sie etwa den Verstand verloren haben. Aber mit jener Liebe zu Gott war ihnen zugleich eine große Klarheit des Geistes gegeben, so dass sie die Worte der Schrift ganz neu verstehen und mit großer Festigkeit annehmen konnten. Sie waren also nicht ausgeflippt (vgl. Apg 2,13).
Was so begonnen hatte, das wuchs in ihrem Alltag weiter. Und sie machten die Erfahrung, dass auch andere Menschen, die für Gott offen waren, die gleiche Gabe des Geistes empfingen, wenn sie mit ihnen darum beteten. Es war nicht ein „Phänomen“, das man bei anderen auslösen konnte, sondern der Kern war stets der Anruf Gottes, sich selbst ganz in Gottes Hand zu legen. Und es blieb in der freien Verfügung Gottes, ob jemand nach einem solchen Gebet diese Art der Erfüllung mit dem Geist und bestimmte „Charismen“ empfing.

Bis heute wächst diese „Bewegung“, zieht jenes „Geschenk“ weitere und weitere Kreise. Besondere Stationen waren die Erweckung in der Azusa-Street in Los Angeles 1906, die Entstehung der Pfingstkirchen, die neupfingstliche Welle um die Mitte des 20. Jahrhunderts bis zu jenem Ereignis von 1967 bei Pittsburg/USA, wo eine katholische Gruppe in einer Nacht einen ähnlichen Durchbruch des Geistes erfuhr; das wurde dann der Auslöser für die „Charismatische Erneuerung in der katholischen Kirche“ (CE). Vereinzelt wurde jenes Geschenk der „Geisttaufe“ auch ohne Anstoß von außen oder das Gebet anderer Menschen geschenkt. Insgesamt sind heute zu dieser Frömmigkeitsströmung etwa 500 Mill. Menschen zu rechnen, auch wenn nicht alle in Sprachen beten, darunter über 100 Mill. Katholiken.

Geisttaufe
Kern der „Charismatischen Erneuerung“ aber ist jene als „Geisttaufe“ bezeichnete und meist mit Sprachengebet verbundene Erfüllung mit dem Heiligen Geist. Dies erklärt, dass die CE keinen menschlichen „Gründer“ hat. Es ist immer Gott selbst, der das Gebet um seinen Heiligen Geist beantwortet. Nicht jeder erlebt ihn dann in dieser Weise, aber jeder empfängt eine Antwort (vgl. Lk 11, 13).

Einige meinen, diese „Geisttaufe“ sei die volle Entfaltung der Taufgnade; aber das halte ich theologisch nicht für gerechtfertigt. Das Konzil unterscheidet zwischen sakramentaler und charismatischer Gnade (vgl. Kirchenkonstitution 12). Und die verschiedenen „Charismen“ sind Gaben, die Gott dem einzelnen jeweils zuteilt, „wie er es für nützlich hält“, dem einen dies, dem anderen jenes, manchmal auffallende, „leuchtendere“ Charismen, wie die in 1 Kor 12,8-10 aufgezählten Geschenke (siehe nächste Seite), manchmal „schlichtere“ Charismen wie eine besondere Begabung zum Zuhören, zum Helfen oder einem intensiven Fürbittgebet. In diesem Sinn hat jeder lebendige Christ Charismen, auch wenn er sie nicht so nennt.

Charismen
Die „leuchtenderen“ Gaben freilich stoßen oft auf Unverständnis, etwa wenn jemand einen Impuls bekommt, um in eine bestimmte Situation hinein ein Wort von Gott her zu sagen (Gemeindeprophetie), einen Auftrag, einem Menschen Heilung zuzusprechen (vgl. Apg 3,6) oder einen konkreten Ruf zu einem unmöglich erscheinenden Schritt (Mt 14,29). Alles steht im Dienste der Gottesverehrung, des geistlichen Wachstums und der Ausbreitung des Evangeliums.
Fazit: Wir haben es nicht in der Hand, sollten aber offen sein für alles, was Gott uns schenken will, auch für etwas, das uns befremdlich erscheint. Wer in dieser Offenheit und Hingabe des Herzens um den Heiligen Geist betet, darf mit Überraschungen Gottes rechnen. Und je nachdem, was er empfängt, wird er Menschen suchen, die das verstehen und die es mit ihm Gestalt werden lassen. Dann ereignet sich immer wieder, dass Menschen in die „Charismatische Erneuerung“ (als eine Bewegung) geführt werden, andere in andere Gruppierungen; alle aber werden dann angeregt, um eine Erneuerung ihrer jeweiligen Charismen zu beten und um eine erneute Ausgießung des Heiligen Geistes über die ganze Kirche.


Buchhinweis:
Zu Beginn des Jahres 2001 erscheint im Echter Verlag, Würzburg, ein zweibändiges Werk des Autors:
A Charisma - Taufe - Geisttaufe I: Entflechtung einer semantischen Verwirrung, 320 Seiten
A Charisma - Taufe - Geisttaufe II: Normativität und persönliche Berufung, 400 Seiten