Was fasziniert junge Leute an neuen geistlichen Gemeinschaften?

Frohe Botschaft
statt verstaubte Riten

Religionslehrer und Schulpfarrer Dr. Paul Hirtz, Saarbrücken, berichtet von seinen Erfahrungen und Eindrücken. Vor seinem Dienst an der Schule war er an der Diözesanstelle Berufe der Kirche in Trier und am internationalen Zentrum für Theologiestudenten der Fokolar-Bewegung in Grottaferrata/Rom tätig.


Gegen den Trend
Auf meinem Schreibtisch liegt die Shell Jugendstudie 2000. Da lese ich, dass bei jungen Menschen ein Rückgang von Glaubensvorstellungen ebenso festzustellen sei wie eine abnehmende praktische Ausübung bestimmter religiöser oder kirchlicher Rituale und Praktiken. Abends sehe ich im Fernsehen Bilder vom Weltjugendtag in Rom, wo die zwei Millionen Teilnehmer das Gegenteil demonstrieren. Sie kommen aus Diözesen und Jugendverbänden, ein nicht geringer Teil - das weiß ich von den vorangegangenen Treffen - gehört aber auch zu den sogenannten neuen geistlichen Gemeinschaften, die in die Organisation der Weltjugendtage eingebunden sind und in seinem Umfeld eigene Veranstaltungen durchführen, wie etwa das Genfest der Fokolar-Bewegung mit 24.000 Besuchern in diesem Jahr. Die jungen Leute werden von der kirchlichen und gesellschaftlichen Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. Wenn, wie allgemein behauptet wird, das Interesse Jugendlicher an Religion schwindet, dann stellt sich die Frage: Wie kommen einige dazu, gegen den Strom zu schwimmen und sich neuen religiösen Gemeinschaften anzuschließen? 

Tiefendimension des Lebens
Ein erster Eindruck verbindet sich für mich mit dem Phänomen Taizé. Seit 40 Jahren reißt der Strom junger Leute nicht ab, die aus allen Erdteilen in das kleine burgundische Dorf kommen, um dort eine Zeitlang ein äußerst einfaches Leben zu führen, Schweigen einzuüben, religiöse Gespräche zu führen und dreimal täglich in der Kirche am Gottesdienst der ökumenischen Mönchsgemeinschaft teilzunehmen. Als ich selbst im letzten Jahr mit einer Gruppe 15/16-jähriger Schülerinnen und Schüler einige Tage in Taizé verbrachte, war ich von der Wirkung überrascht, die diese Erfahrung auf die Jugendlichen hatte. Obwohl ihnen das spärliche Essen und der fehlende Komfort einige Probleme bereitete, äußerten sich doch alle tief beeindruckt und angesprochen von der Atmosphäre des Friedens, die dort herrscht, und erzählten von ihren Gebetserfahrungen während der Liturgien ... Einige sind in den nächsten Ferien zurückgekehrt, weil sie eine Quelle entdeckt hatten, die ihrem Leben eine neue Tiefe gab. Mit Konsum und Spaß allein ist diese Tiefendimension nicht zu haben. In den neuen geistlichen Gemeinschaften sprudeln solche Quellen. 

Das andere Wir-Gefühl
Ein weiterer Eindruck bezieht sich auf die Gemeinschaftserfahrung, die mir diese Gemeinschaften anzubieten scheinen und die über das bloße Wir-Gefühl in einem Fußballstadion oder auf einem Rockkonzert hinausgeht. Wer in die Tiefe gehen und sich tatsächlich an den Weisungen des Evangeliums orientieren will, braucht die Gruppe Gleichgesinnter, weil in ihr die gemeinsamen Ideale als wahr und plausibel erlebt, lebendig gehalten und „en miniature“ verwirklicht werden. Man trifft sich, um spirituelle Themen zu vertiefen oder gemeinsam zu beten, tauscht Erfahrungen aus, bespricht persönliche Fragen oder plant konkrete Aktionen. Das setzt tragfähige Beziehungen miteinander voraus, bei denen die üblichen Unterschiede zwischen den Generationen und sozialen Schichten in den Hintergrund treten. In einer Gemeinschaft zu Hause zu sein, die dich ernst nimmt und auf dich zählt, für die du als Person wichtig bist und die du mitgestalten kannst - das ist durchaus keine Selbstverständlichkeit und anziehend. 

Christsein wird wieder zum Abenteuer
Schließlich noch etwas grundsätzlicher. Christ zu sein erscheint den meisten Menschen wenig aufregend, in seiner traditionellen Gestalt eher hinderlich und einschränkend. Wenn im Raum der Kirche - der evangelischen wie der katholischen - in den letzten 50 Jahren viele neue Gemeinschaften entstanden, dann deshalb, weil in ihnen der frische Geist einer Entdeckung und eines Aufbruchs weht, weil es hier Begeisterung und Einsatz für die Sache des Glaubens gibt, übrigens größtenteils von Laien. Aus verstaubten Riten mit Sakristeigeruch entsteht wieder eine Frohe Botschaft, die frei macht, im wirklichen Leben greift und die Welt verändern kann. Christsein wird zu einem spannenden Abenteuer, auf das sich einzulassen eine andere, bessere Lebensqualität verheißt. Jesus nachzufolgen ist nicht mehr das Privileg einiger weniger, sondern ein Weg für alle - Verheiratete und Ehelose, Unternehmer und Arbeiter, Jugendliche und Senioren. Die jungen Menschen, die zu neuen geistlichen Gemeinschaften gehören und die ich kennen gelernt habe, strahlten jedenfalls etwas von der Freude und vom Glanz dieser Nachfolge aus.