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Es gibt eine große Vielfalt an neuen geistlichen Gemeinschaften und Bewegungen, von denen in diesem Heft nur sehr wenige zur Darstellung kommen können. Darüber hinaus ist seit einigen Jahren zu beobachten, dass ganz kleine, überschaubare Berufungsgemeinschaften entstehen, die in kein bisher bekanntes Schema passen. Ein Beispiel dafür ist die Franziskusgemeinschaft in Leutwitz bei Bischofswerda, Sachsen (vgl. S. 2-3). Dr. Rainer Birkenmaier, Direktor des „Zentrums für Berufungspastoral“ (ZfB), Freiburg, nimmt dieses Phänomen wahr und gibt eine Deutung, die er als einen Beitrag zum Gespräch versteht.
In den kleinen Gruppen, Lebens- und Berufungsgemeinschaften sehe ich ein dreifaches „Mehr“, ein dreifaches Plus, das auch in den großen Gemeinschaften als Anruf des Geistes verstanden und aufgegriffen werden müsste. Dies kann nicht unkritisch geschehen: diesem dreifachen „mehr“ steht auch ein dreifaches „weniger“, ein „minus“ gegenüber, das es in der Unterscheidung zu prüfen gilt. Die kritische Prüfung darf aber nicht dazu führen, das noch Ambivalente und Unreife an höchsten Maßstäben zu messen und deshalb zu unterdrücken. Auch das Herkömmliche entspricht sehr selten den höchsten Maßstäben, auch wenn es mit Brief und Siegel kirchliche Anerkennung findet.
Ein „mehr“ an Freiheit und Originalität
Die Lebens- und Berufungsgemeinschaften haben eindeutig ein „mehr“ an individueller Freiheit und an Raum für Originalität. Diese lockeren Gruppen kommen dem entgegen, was Gott zweifellos mehr berücksichtigt wissen will: Der Wert des einmaligen Menschen, der Respekt vor seiner persönlichen Berufung und Entwicklung. Hier kann der Einzelne die Gemeinschaft suchen, die seinen Anlagen und seiner Entwicklung entspricht. Alle Gemeinschaften in der Kirche werden sich mehr in diese Richtung entwickeln müssen, weil es um die Person geht. Hier ist eine große Akzentverlagerung notwendig. Wir dürfen die Berufung des Einzelnen viel ernster nehmen, als dies in der Vergangenheit geschah.
Man muss allerdings auch im Blick behalten, dass damit ein „weniger“ an Klarheit, Objektivität und daraus resultierend an Verlässlichkeit verbunden sein kann. Kleinere Gruppen, die von individuellen Interessen geleitet sind und nach eigenem Maß ihren Glauben und ihr Kirchesein formen, wären noch keine Antwort auf die globalen Herausforderungen der Kirche.
Ein „mehr“ an menschlicher Beziehung
Die große Chance der kleinen Gruppe und Zelle ist eine neue Qualität echter Menschlichkeit. Hier kann man sich nicht hinter Gesetzen, Titeln und Traditionen verschanzen, wie es in einem großen Betrieb möglich ist. Nicht das Institutionelle, sondern das Persönliche steht im Vordergrund. Dadurch gewinnen solche Gemeinschaften für viele Menschen eine große Glaubwürdigkeit und Strahlkraft. Das Evangelium kommt nicht als Gesetz und Institution daher, sondern als eine anziehende Form menschlichen Zusammenlebens. Die großen Gemeinschaften und alle Ebenen der Kirche müssen sich in diese Richtung entwickeln.
Das „weniger“ besteht allerdings darin, dass eine kleine Gruppe noch sehr wenig Gesellschaftlichkeit christlich ausprägen kann: wenn sich freiwillig fünf Leute zusammentun, müssen sie nicht einüben, wie man mit Minderheiten umgeht. Die Solidarität mit dem Ganzen der Kirche kann ausgeblendet sein, weil die individuellen spirituellen und menschlichen Bedürfnisse im Vordergrund stehen und ihre Befriedigung viel Kraft bindet.
Ein „mehr“ an persönlicher und aktueller Berufung
Ein drittes Gegensatzpaar sei noch genannt, das ich für besonders wichtig halte: In den kleinen Lebens- und Berufungsgemeinschaften findet sich ein „mehr“ an Berufung im Sinne einer persönlichen und gemeinsamen Suche nach der Wegführung Gottes.
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Ein traditionelles Berufungsbewusstsein begnügt sich damit, einmal im Laufe des Lebens eine Entscheidung zu treffen: z. B. ich trete in einen bestimmten Orden ein. Damit scheint für den Rest des Lebens
das Meiste entschieden zu sein. Ab jetzt käme es gleichsam nur noch darauf an, eine gute Franziskanerin, ein treuer Benediktiner zu sein. Die Berufungsfrage wäre sozusagen erledigt. Berufung aber ist nie zu Ende. Sie ist ein ständiges Suchen nach dem Willen Gottes und eine immer wieder neu gegebene Antwort auf seinen Anruf. Wir entdecken heute mehr als in der Vergangenheit die „Berufung in der Berufung“.
Eine neue Gemeinschaft erlebt dies als spannenden, vitalisierenden Prozess, der alle menschlichen und geistlichen Kräfte weckt. Christsein wird interessant und lebendig, wenn man miteinander darum ringt, was Gott jetzt von uns will. Die Frage nach dem Willen Gottes wird hier nicht als in der Vergangenheit erledigt betrachtet durch den Hinweis auf eine Regel oder auf eine Entscheidung eines vielleicht weit entfernten Oberen. In der kleinen Zelle, die den Willen Gottes sucht, gerät eine Zelle der Kirche gleichsam in einen status nascendi, also in ein Ursprungsgeschehen des
Christseins: Sie erleben Berufung hier und jetzt. Lebendige Kirche gibt es eigentlich nur in diesem Zustand der ganz frischen Berufung. Alle Gemeinschaften und alle offiziellen Ebenen der Kirche müssen wieder in diesen Zustand kommen; dann strahlt das Charisma. Eine Gemeinschaft, in der sich Berufung aktuell ereignet, löst auch außen einen Berufungsimpuls aus, der zur Verjüngung der Gemeinschaft führen kann.
Das „weniger“ in den kleinen Gemeinschaften könnte daher - das wäre eine große Tragik und ist auch meine größte Anfrage und Sorge - darin bestehen, dass die Ausreifung einer Berufung, die oft durch schmerzliche Durchkreuzungsprozesse geht, verweigert oder umgangen wird: Wenn es schwierig wird, kann man ja - mangels Verbindlichkeit oder mangels Anbindung an eine große geistliche Tradition - aussteigen oder eine neue Zelle gründen. Dann wären allerdings solche Gruppen vermutlich geistlich wenig fruchtbar. Jede Berufung muss durch Phasen hindurch, die man vielleicht vergröbernd so zusammenfassen könnte:
A Am Anfang steht die „Gnade der Berufung“, die Freude der Entdeckung, die Anfangsbegeisterung und Leidenschaft.
A Dann kommt eine notwendige „Krise der Berufung“, die vor allem darin besteht, dass zweitrangige Motive und versteckte Bedürfnisse, die am Beginn durchaus mitschwingen dürfen, von Gott herausgelöst werden. Das führt manchmal zu fast brutalen Enttäuschungen: Da geht jemand in eine Gemeinschaft, um eine Heimat zu finden und wird dann versetzt an einen einsamen Posten. Nun kommt alles darauf an, dass ? bei aller notwendigen Begleitung und Hilfe ? dieser Läuterungsprozess nicht verweigert wird. Es ist wie eine Entziehungskur, damit die eigentliche, tieferliegende Berufung zum Vorschein kommt, in der ich - auch als dieser konkrete Mensch mit seinen Grenzen von Gott angenommen und in Dienst genommen bin.
A
Dann erst ereignet sich die Reife oder auch das „Wunder der Berufung“, aus der sich die Zukunft der Kirche speist.
Nur Gemeinschaften und Gruppen, die diesen Prozess der Berufung ganz mitgehen und nicht bei ihren Vorlieben oder bei einer begrenzten Hingabe stehen bleiben, werden zu einer schöpferischen Fruchtbarkeit kommen.
Hören, was der Geist sagt
Ich plädiere dafür, sehr gut hinzuhören, was - bei aller Begrenztheit - der Geist in diesem ambivalenten Phänomen der kleinen Lebens- und Berufungsgemeinschaften wirkt. Ich bin mir sicher: je mehr sich gewachsene Gemeinschaften - in ihrer Art und in Treue zu ihrem Charisma - mit den von diesen Gruppen aufgeworfenen Fragen auseinandersetzen und das dreifache „mehr“ an Freiheit, an Menschlichkeit und an aktueller Berufung in sich selbst ermöglichen, umso mehr nehmen sie die Impulse des Geistes auf, die die ganze Kirche weiterbringen werden.
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