Sinnsuche jenseits der Kirche

Ich habe meine eigene Religion

Viele Menschen suchen inzwischen außerhalb der Kirchen Antworten auf religiöse Fragen. Damit beschäftigt sich das Buch „Ich habe meine eigene Religion! Sinnsuche jenseits der Kirchen.“ Die Katholische Nachrichten-Agentur (KNA) sprach mit dem Herausgeber, P. Dr. Hermann Kochanek, Steyler Missionar, Professor für Pastoraltheologie in Sankt Augustin bei Bonn.

KNA:
Pater Kochanek, wo suchen die Menschen heute ihre Religion?
Kochanek: In ganz unterschiedlichen Lebensbereichen. So entdecken viele Menschen in ihrem Psychotherapeuten einen geistlichen Begleiter. Er heilt Verwundungen, ermutigt zum Leben. Im Freizeitbereich wird der Sport zur Religion – für viele das Nonplusultra in einer stark rationalisierten Welt. Eine immer größere Rolle spielen auch die Medien; Fernseher und Internet sind fesselnde Instrumente in einer standardisierten Umwelt. Bei jungen Menschen übernimmt die Musik Tröstungsfunktion und eröffnet Freiheitsräume. Überhaupt wird sinnliches Erleben heute zur Religion. Die Menschen haben genug von einer täglich durchrationalisierten Arbeit. Heiligencharakter hat auch das Geld, indem es für viele Zeitgenossen eine sinnstiftende Funktion bekommen hat. Schließlich gewinnt die Ästhetik zunehmend an Bedeutung: Schöner wohnen, schöner kleiden, schöner essen, heißt die Devise. Der schöne Körper wird zum Kultobjekt erhoben.

KNA: Welche Sehnsucht treibt die Menschen?
Kochanek: Sie sehnen sich nach etwas, das über den Alltag, über das Einfache und Oberflächliche des Lebens hinausführt. Die Menschen suchen in den eben genannten Bereichen ein die Banalität des Lebens überschreitendes Erleben. In der Philosophie heißt das „Transzendenz“: das Transzendieren, also das Überschreiten der Wirklichkeit. Hinter diesem Begriff verbergen sich ganz unterschiedliche Sehnsüchte: nach Höhepunkten, Trost, Angenommensein, Befriedigung, Zeitlosigkeit, Ewigkeit.

KNA: Haben die Kirchen als Sinnstifter ausgedient?
Kochanek: Ich meine nicht, dass sie „ausgedient“ haben. Sie sind aber aufgrund der wachsenden Individualisierung überfordert. Dieser gesellschaftliche Umbruch hat zu einer Vielzahl von unterschiedlichen Sehnsüchten bei den Menschen geführt. Den Kirchen fällt es schwer, unbefangen auf die vielfältigen Vorstellungen der Zeitgenossen von Sinn und ihre oft sehr subjektiven Gottesbilder einzugehen. Einerseits geht es darum, dass die Kirchen den Einzelnen mit seinen je eigenen religiösen Bedürfnissen ernst nehmen, sich andererseits aber auch um den sozialen, politischen Charakter des Glaubens sorgen müssen. Sie müssen also nicht nur für die Selbstverwirklichung, sondern auch für die konkrete Solidarität der Menschen untereinander eintreten. Deshalb sind für die Kirchen politische Belange ebenso wichtig wie die Selbstverwirklichung des einzelnen und die
Befriedigung seiner religiösen Sehnsüchte. Gottes Liebe ist unteilbar.

KNA:
Betrachten Sie denn individuelle Lebenskonzepte als negativ?
Kochanek: Nein, als missionarisch orientierter Christ und Theologe möchte ich die Individualisierung nicht verurteilen. Sie ist ein Kennzeichen unserer Zeit. Aber die Kirche hat die Aufgabe, dieses Zeitphänomen nüchtern zu beleuchten. Sie sollte die Menschen in ihrer vielfältigen, nicht immer ausdrücklich christlich gebundenen Sinnsuche ernst nehmen. Sie darf sich nicht in einer Position der Besserwisserei arrogant zurückziehen, sondern muss sich auf dem „Markt der Religionen“ behaupten und ihre „gute Ware“ – das Evangelium – offensiv verkaufen. So wie die Kirche seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil in einen Dialog mit Islam, Buddhismus und Hinduismus getreten ist, muss sie auch das kritisch konstruktive Gespräch mit den Anhängern der neuen alternativen Religionen suchen und in einer religiös abgestumpften Welt Koalitionen bilden mit anderen religiös Interessierten.

Interview: Viola van Melis (KNA)

Hermann Kochanek (Hg.)
Ich habe meine eigene Religion!
Sinnsuche jenseits der Kirchen
250 Seiten,
Benziger Verlag, Düsseldorf 1999,
ISBN 3-545-20159-7, 39,80 Mark