Missionarin auf Zeit (MaZ)

Einsatz in Sibirien

Viele Ordensgemeinschaften bieten das Projekt „Missionar/Missionarin auf Zeit“ (MaZ) an. Es bietet jungen Menschen Gelegenheit, ihren Horizont zu erweitern, ganz neue Lebens- und Glaubenserfahrungen zu machen, manchmal auch zu klären, was ihre Berufung ist. Ines Krmasch (22) war im Rahmen eines MaZ-Projekts der Pallottinerinnen, München, ein Jahr in Nowosibirsk.

Als mir Sr. Marianne Thies aufzählte, in welchen Ländern schon MaZlerInnen waren, hat es bei Rußland „Klick“ gemacht. Zunächst interessierte mich am meisten die russische Sprache, die ich in der Schule lernen musste – ich komme aus dem Vogtland/Sachsen – und doch nie lernte. Da ich Sozialpädagogik studierte, konnte ich meinen MaZ-Einsatz mit den zwei praktischen Studiensemestern verbinden. In der Caritas in Nowosibirsk arbeitete zu der Zeit ein deutscher Sozialpädagoge, der mein Anleiter während dieses Praktikums war.
Die Aufgaben, die ich in dieser Zeit hatte, waren sehr vielseitig. Ich arbeitete im Büro der Diözesancaritas für den asiatischen Teil Rußlands mit. Die meiste Zeit half ich im Rahmen des Obdachlosenprojektes der Caritas; vier Jugendliche aus der Slowakei und Deutschland (Jesuit European Volunteers = JEV) teilten am Bahnhof an Obdachlose Brot und Tee aus. Verschiedene Situationen sind mir immer noch klar vor Augen.

Es kommt auf mich an
Morgens fahre ich zu den JEVs. Wir kaufen Brote, Butter, Sprottenpastete und eventuell Schwarztee und Zucker ein. Dann werden Brote geschmiert, in Plastiktüten gepackt, Tee gekocht und in Thermoskannen gefüllt. Wir tragen das alles zur Metro und fahren zum Bahnhof. Dort werden wir schon erwartet. Nicht weit vom Bahnhof auf dem Gehweg ist so etwas wie ein Mauervorsprung aus Beton. Das ist unsere Theke, hinter der sich alle anstellen und der Reihe nach ein belegtes Brot und Tee bekommen. Es gibt ziemliches Gedränge, obwohl wir meistens so viel mit haben, dass einige sogar doppelt bekommen. Kinder werden zwischen den Erwachsenen schier zerdrückt und weinen schon.
Montag, Mittwoch und Freitag ist „Verbandstag“. Manchmal hilft Sr. Alexandra, eine Elisabethschwester und gelernte Krankenschwester aus Deutschland, mit einem superwitzigen Akzent im Russischen und vielen russischen Wörtern im Deutschen. Es werden Verbände gewechselt, Wunden desinfiziert und Ringelblumensalbe oder anderes daraufgeschmiert. Außerdem gibt es zwischen der Caritas und einer Poliklinik eine Absprache, nach der wir Obdachlose mit einem Zettel zu den dortigen Ärzten überweisen können. Allerdings werden unsere Leute immer wieder abgewiesen, wenn wir sie nicht begleiten und dann bis zu fünf Stunden in der Poliklinik mit ihnen mal auf den einen, mal auf den anderen Arzt warten.

Ich konnte noch nie Blut bei anderen sehen. So ist mir auch gleich am ersten Tag schlecht geworden, als ich beim Wechseln der Verbände assistierte. Da hätte ich nicht gedacht, dass mir gerade diese Arbeit einmal ganz besonders viel bedeuten würde. Wenn ich so schrecklich vereiterte und dreckige Wunden verarzte, denke ich nicht daran, dass mir vielleicht gleich übel wird oder dass ich keine medizinische Ausbildung habe. Ich weiß nur, dass ich jetzt etwas tun muss, weil ich die Einzige bin, die sich um diese Menschen und seine Wunden kümmert.

Dankbarkeit der Menschen
Zusammen mit meinem Praktikumsanleiter fahre ich zu Seminaren in andere sibirische Städte. Meistens fliegen wir. Diese Seminare hat er begonnen, um ehrenamtlichen und hauptamtlichen MitarbeiterInnen der Caritasfilialen etwas über Caritas zu erzählen und die Arbeit vor Ort vor allem in der Anfangsphase einer Filiale zu unterstützen. Es hat mich direkt überwältigt, wie die Teilnehmer der Seminare sich vom Caritasgedanken haben anstecken lassen: Da gibt es also bei ihnen Menschen, die einfach helfen wollen, etwas tun wollen, um die Situation in Rußland zu verbessern, ohne etwas dafür zu verlangen! Das ist fast unglaublich.

Der Glaube der Menschen schenkt Wärme
Neben den verschiedenen Projekten lerne ich vor allem die Menschen in den einzelnen katholischen Pfarreien kennen und auch ihren Glauben. Ich habe den Eindruck, dass die Priester viel mehr im Mittelpunkt der Anerkennung und des Respekts stehen als bei uns. Während des Kommunismus gab es schließlich nur 2-3 Priester, die im Untergrund arbeiten mussten. Es bedeutet den Gläubigen jetzt sehr viel, dass ein Priester regelmäßig mit ihnen die Hl. Messe feiert. Den Rosenkranz zu beten und sämtliche Litaneien sind sehr wichtig. Auch wenn ich mich damit nicht so ganz anfreunden konnte, hatte ich nach diesem Jahr in Sibirien die Gewissheit, dass das „meine“ Kirche ist, in der ich zu Hause bin. Diese alten „Babuschkas“ (Omas), die den Rosenkranz und die Liturgie besser auf Deutsch als auf Russisch kennen, haben ihr ganzes Leben lang geglaubt und auf Gott vertraut. Sie haben so viel Schlimmes erlebt, doch den Glauben, den sie von ihren Eltern übernommen haben, konnte ihnen niemand nehmen.
Manchmal hatte ich das Gefühl, dass mir alles zu viel wird, die Probleme in Rußland mein Fassungsvermögen übersteigen. Dann haben mir die Menschen, die ich dort kennengelernt habe, Mut gemacht. Sie gehen ihren Weg und tun das, was sie für richtig halten. Sie wissen, dass in ihrem riesigen Land eine Veränderung viel Zeit braucht, aber sie haben Hoffnung.