Das Phänomen "Kloster Sießen" |
| Jedes Jahr treten einige junge Frauen in die Gemeinschaft der Franziskanerinnen von Sießen ein. Das ist erstaunlich in einer Zeit, in der der Strom der Neueintritte bei den meisten Gemeinschaften sehr spärlich geworden oder schon seit Jahren ganz versiegt ist. Frater Reinhold Maise, Pallottiner und zur Zeit Diakon im Pastoraljahr, hat sich für seine Diplomarbeit an der Hochschule Vallendar im Kloster Sießen umgehört. Das Kloster Sießen liegt im schwäbischen Oberland bei Saulgau in der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Die Gemeinschaft der Franziskanerinnen von Sießen wurde 1854 zur Erziehung von Mädchen und jungen Frauen gegründet. Viele Jugendliche kommen alljährlich zum Franziskusfest. Aber auch zu anderen Anlässen kommen jahrein und jahraus zahlreiche junge Menschen nach Sießen, um für einige Tage mit den Schwestern zu leben. Ebenso melden sich jedes Jahr immer einige junge Frauen, die sich der Gemeinschaft anschließen wollen. Wie kommt es, dass das Kloster seit vielen Jahren eine solche Anziehungskraft und Ausstrahlung hat? Das kann wohl niemand genau sagen. Und doch fasziniert mich diese Tatsache und deshalb habe ich versucht, diesem Phänomen einmal nachzugehen und ansatzweise zumindest vage Erklärungen zu suchen. Lebendige Kirche ist erfahrbar Immer wieder sind Jugendliche von der Beweglichkeit, Offenheit und Lebendigkeit der Schwestern beeindruckt. Eine Novizin erlebte es so: Mich hat einfach dieses Leben, diese Vielfältigkeit und diese Offenheit der Schwestern angesprochen. In Sießen kann man erleben, dass es sich lohnt, in der Kirche zu leben und in ihr mitzuwirken. Eine Schwester erinnert sich an die Zeit ihres Eintritts: Für mich war es wichtig, mit dem Eintritt die Erfahrung zu machen, dass ich hier mitgestalten kann, mit Kirche aufbauen kann. ... Komme ich in irgendetwas rein, wo ich Anpassung leben muss und in gewisse Bahnen hineingehen muss oder kann ich wirklich meine Fähigkeiten, meine Talente, meine Fragen einbringen? (...). Eine junge Frau in der ersten Probezeit vor dem Noviziat gewann bei ihren Besuchen den Eindruck: Von den Schwestern wird was Reales vermittelt. Man kann es auch Echtheit nennen, es ist echt und glaubwürdig, wie und was von ihnen vermittelt wird. Es ist nicht nur Fassade, sondern es gibt auch einen Unterbau, es gibt noch was dahinter. Sie stehen wirklich zu und hinter dem, was sie nach außen zeigen. Das Leben und Arbeiten der Schwestern ist geprägt vom beständigen Hören auf das Wort Gottes. Ein geflügeltes Wort ist in Sießen: Das Wort Gottes leben. Die Betrachtung der Hl. Schrift hat eine besondere Bedeutung: Wir hören das Wort und wiederholen die Sätze oder Worte, die jeden angesprochen haben. Nach dem Wiederholen entscheiden wir uns, welchen Satz wir an diesem Tag gemeinsam aus dem Evangelium leben wollen. Die Anbetung bildet die Mitte im Leben der Schwestern. In der Klosterkirche ist tagsüber immer die Eucharistie zur Anbetung ausgesetzt. Hier kommt wahrhaft zum Ausdruck, was im Kloster Sießen stark zu spüren ist: Gott ist in dieser Welt gegenwärtig. Auch das Miteinander der Schwestern ist in Sießen erlebbar. Teamarbeit und Vernetzung der verschiedenen Aufgabenbereiche wird großgeschrieben. Dies gilt auch im Verhältnis der verschiedenen Generationen. Die drei Schwestern im Haus St. Franziskus, dem Altenheim der Gemeinschaft, mit denen ich ins Gespräch kam, sagen von sich, dass sie sich mitten drin im Leben des Klosters und auch mitverantwortlich fühlen. Vom Mutterhaus werden Informationen an alle Konvente weitergegeben, die jüngeren Schwestern erzählen von ihrer Arbeit und bitten um das begleitende Gebet. So sehen die drei Schwestern ihren Dienst für die Gemeinschaft heute in besonderer Weise im Gebet verwirklicht. Beeindruckend ist aber auch, dass die älteren Schwestern, soweit es ihnen möglich ist, gerne am Leben der jungen Schwestern und der Jugendlichen teilnehmen, z.B. an deren Gottesdienste, oder am Franziskusfest. |
Ziel der Jugendarbeit: Jeder Mensch soll seine eigene Berufung entdecken Den Schwestern geht es in ihrer Jugendarbeit darum, die jungen Menschen auf ihren ureigenen Wegen zu begleiten, ihnen zu helfen, ihre Berufung zu entdecken. Dabei spielt es keine Rolle, ob dieser Weg ins Kloster führt oder zu einer anderen Lebensform und Aufgabe. Wichtig ist, dass sie ihren Weg mit Gott finden, und diesen dann auch gehen. Eine Schwester drückte es einmal so aus: Es geht uns um den Menschen und um seine einmalige Berufung. Und um diese zu finden, bieten wir den Raum des Mitlebens und der Begleitung an. Für diese Suche und Entdeckungsreise bieten die Schwestern Jugendlichen u.a. folgende Möglichkeiten: - Da gibt es zum einen das Franziskusfest. Es wird immer am letzten Septemberwochenende gefeiert. Zahlreiche Gesprächskreise und Workshops bieten den Raum zur Begegnung und zum Gespräch. Es wird zusammen gesungen, getanzt und gebetet. Hier ist es möglich, Gemeinschaft Kirche zu erleben. - Der Knotenpunkt ist ein neues Angebot für diejenigen Jugendlichen, die z. B. zu einem Franziskusfest nach Sießen gekommen waren und gerne weiterhin nach Sießen kommen möchten. - Im Forsthaus bieten die Schwestern für Mädchen und junge Frauen die Möglichkeit, mit den Schwestern für ein paar Tage oder Wochen zu leben. Mitarbeit in den klösterlichen Betrieben und Teilnahme am Gebetsleben der Schwestern spielen dabei eine große Rolle. - Das Jesus-Suchjahr ist eine Art Weiterführung der Erfahrungen, die junge Frauen und Mädchen im Forsthaus gemacht haben. - Zu den Projekttagen laden die Schwestern Schulklassen und Jugendgruppen ein. Eine lernende Gemeinschaft Schon in den 60er Jahren ließen sich die Schwestern von der konziliaren Erneuerungsbewegung von P. Lombardi inspirieren, später auch zum Teil von der charismatischen Bewegung. Seit den 90er Jahren pflegen sie einen intensiveren Austausch mit Jesuiten, die Anregungen des Berufungskongresses von 1997 in Rom studieren sie genau. Aber auch in ihren Tätigkeiten fragen sie nach den Zeichen der Zeit. So haben sie 1990 ihr Aufbaugymnasium mit Internat in Sießen aufgegeben, die verbleibenden sechs Schulen wurden in eine gemeinnützige GmbH umgewandelt. Für die Profilierung der Pädagogik dieser Schulen stellte die Gemeinschaft einen kaufmännischen und einen pädagogischen Geschäftsführer ein, der mit den Schwestern und allen Beteiligten einen gemeinsamen Prozess der Wegsuche gestaltet. Seit vielen Jahren haben die Schwestern die freie Jugendarbeit und die Begleitung Jugendlicher auf ihrem Glaubensweg als neue Aufgabe erkannt. Schon seit mehreren Jahren engagiert sich die Gemeinschaft in den neuen Bundesländern, um nur zwei Beispiele der Neuorientierung in ihren Aufgabenfeldern zu nennen. Für diesen Lernprozess der inneren und äußeren Erneuerung und Neuorientierung waren der Gemeinschaft all die Jahre zur entsprechenden Zeit die richtigen Generaloberinnen geschenkt. |