Ich atme Schweigen |
| Als katholischer Religionslehrer am Theodor-Heuss-Gymnasium Ludwigshafen hat Herbert Heine mit seinen Schülern auch Schweigeübungen gemacht. Er berichtet von seinen Erfahrungen und den Erfahrungen der Schülerinnen und Schüler. Schweigeübungen im Religionsunterricht Mit meinen Schülern von Klasse 5 bis 13 habe ich Schweigeübungen im Unterricht gemacht als Vorbereitung oder Nachwirkung von Text-, Bild- oder Musikmeditationen. Wir haben das etwa einmal im Monat gemacht, vierzig Minuten lang, in jeder Klasse, auch in den schwierigen. Sie sind natürlich nicht immer voll gelungen, aber meistens von der Mehrzahl der Schüler als hilfreich erlebt worden für die Identitätsfindung, für die Konfliktbewältigung, für echte religiöse Erfahrungen. Route Spirituelle Außer im Unterricht habe ich achtzehnmal bei der jährlichen sogenannten Route Spirituelle (spiritueller Weg) mit vierzig Teilnehmern, darunter einige Ehemalige und zwei Mütter, intensive Erfahrungen mit Schweigezeiten bei Kindern und Jugendlichen machen dürfen. Die Teilnehmer machen sonst auch mit bei der Reli-AG der Schule, die sich während der Schulzeit wöchentlich in der Bücherei zu Gebet, Meditation, Gespräch und zur Vorbereitung der geplanten Aktionen (zum Beispiel Partnerschaft für Ruanda) treffen. Bei der fünftägigen Route Spirituelle, meist in einem schönen Wanderheim in der Pfalz, halten wir drei Schweigezeiten, zwei kleine von je einer Stunde und eine große von drei Stunden. Im Pfälzerwald spielen natürlich auch Naturbeobachtungen eine besondere Rolle: Natur als Schöpfung Gottes erfahren. Die jeweilige Einführung in die Schweigezeit wird von erfahrenen Schülern und Religionslehrern vorgenommen. Erfahrungen Texte von der Erinnerungstapete zeigen, was die Kunst des Schweigens heutigen Kindern und Jugendlichen bedeutet. Da wird so etwas wie der Hunger nach dem richtigen Menschsein sichtbar. Im Dialog mit dem Mitmenschen und den Mitgeschöpfen taucht der Gedanke an das große Du auf im Sinne von 1 Kön 19: Im stillen, sanften Schweigen kommt ER. Aber die Schüler spüren auch, dass die Schweigezeiten gute Gelegenheiten sind, Aufmerksamkeit als Lebensziel einzuüben im Sinne von Phil 1,9-10: Herr, lass unsere Liebe immer reicher werden an Aufmerksamkeit, damit wir merken, worauf es ankommt. Niko (16): Die Route ist der Höhepunkt der Anreicherung von Stille und Freude im Jahr. Auf der Route tanken wir alle Stille, Friede und Frischluft. Katja (18): Ich atme Schweigen. Es ist so wichtig für mich wie Brot. Ich brauche die Stille, um hören zu können. Ich brauche die Stille, um Mensch zu sein. |
Christoph (17): Schweigezeit, das ist das bewusste Wahrnehmen des Alltäglichen. Einfach nichts machen und nur nehmen; aufmerksam der Stille, die Gott uns zum Ausruhen geschenkt hat. Möglicherweise ist die Schweigezeit auch eine Zeit, um einerseits sich über sein Leben Gedanken zu machen, andererseits alle Alltagsgedanken von sich zu lassen und zu versuchen, die Schöpfung Gottes mit allen Sinnen in sich aufzunehmen. Philipp (15): Wo andere schweigen, um Abstand von Alltag, von einer lauten Welt, die für Menschen immer weniger Gehör hat die sich jeder, wie ich meine, im übrigen so laut gestalten kann oder auch so leise wie er will um also Abstand zu nehmen, schweige ich des Schweigens willen. Und nehme keineswegs Abstand. Vielmehr verringere ich ihn. Zu wem? Zu Gott vielleicht. Oder zu mir? Schweigen. Reden hat seine Zeit. Frederik (12): In meiner Schweigezeit konnte ich mir durch die Ruhe und die Eindrücke der Natur über vieles Klarheit verschaffen. Ich war zwar nicht die ganze Zeit allein, aber die Mischung aus alleine und zusammen Schweigen hat mir sehr geholfen, Lösungen für viele Probleme zu finden. Die Schweigezeit ist für mich einer der Höhepunkte der Route Spirituelle. Dorothee (17): Auf der Route bekommt man die Zeit geschenkt, die sich im Alltag verliert: Zeit ganz für sich alleine. Man kann sich mit Dingen beschäftigen, die sonst immer nur alltäglich an einem unbemerkt vorbeihuschen. Man schenkt SICH und der Natur AUFMERKSAMKEIT. Stephanie (20): Still werden Charisma der Natur empfinden Hauch Gottes wirken lassen Worte bedenken Eigenes Ich entdecken In sich gehen Geheimnisse des Lebens spüren Ein Bewusstsein entwickeln Neue Wege einschlagen. Silke (20): Augen auf und hinein in den kleinen Riss der Zeit. Mit jeder bisher erlebten Schweigezeit verbinde ich andere Erinnerungen, manchmal war ich noch stark mit Erinnerungen an vergangene Ereignisse beschäftigt und konnte mich kaum vom Nachdenken befreien. Aber jedesmal hatte ich nach der Schweigezeit das Gefühl, etwas Neues entdeckt zu haben, ohne dass ich danach suchen musste. Jan (19): In dem Moment, in dem ich bewusst schweige, nehme ich mir Zeit für mich, mein Weltbild, meine Persönlichkeit. Für die Zeitspanne, die ich mir zum Schweigen nehme, kann ich mich von gesellschaftlichen Zwängen, Erwartungsdruck, Stress, Verantwortung, Ängsten befreien. Zeitweise Abstand zu nehmen von der Welt, in der es so oft darauf ankommt, wer mehr zu sagen hat, wird möglich, wenn ich es mir selbst erlaube, einfach nichts sagen zu wollen. In der Reflexionsrunde schließt sich der Kreis des Erlebens meiner eignen Person und Persönlichkeit im Schweigen, des Erlebens der Welt, der Natur in meinem Umfeld, mit dem Erleben der Gemeinschaft in der besten Form, wie ich sie jemals kennen gelernt habe. |