| Die kirchliche Präsenz bei der Polizei des Bundes ist wohl geordnet, ein Bezug zu Glaube und Kirche im Osten Deutschlands dagegen sehr selten. Verkündigung ist hier nicht gefragt, wohl aber der Dienst am Menschen. Wenn dieser Dienst wirklich im Interesse der Menschen geleistet wird, wird er von selbst zur Verkündigung und löst auch Fragen nach dem Glauben aus.
Der Sozialarbeiter
Heute steht die Hundestaffel am Standort Blumberg, nordöstlich von Berlin, auf dem Programm. P. Michael stellt sich der Einheit als katholischer Seelsorger vor. Polizeihauptmeister Steuerwald begrüßt seinen Besuch herzlich. Sofort erzählt er von seinem Unternehmen, vor allem von der Geschichte des Umzugs von Grunewald nach Blumberg. Dieser Umzug sei nötig gewesen den Menschen und den Hunden zuliebe. In den Jahren seit der Wende sind neue Gebäude entstanden, vor allem aber einheitliche Strukturen, BGS und ehemalige DDR-Beamte sind zusammengewachsen. Das seien neun arbeitsreiche, aber erfolgreiche Jahre gewesen, erzählt der Chef nicht ohne Stolz. Dennoch, bis heute sind wir eine Multi-Kulti-Gesellschaft: in der gleichen Dienstgruppe werden die einen nach West-, die anderen nach Osttarif, das sind 86,5 % des Westgehaltes, bezahlt, je nachdem, wo einer seinen Dienstsitz hat, und man spürt aus seinen Worten das ganze Problem und sein Unverständnis heraus.
Bei der Frühstückspause mit den Beamten, darunter einige Frauen, gehts zur Sache. P. Michael zu seiner Aufgabe: Ich sehe meinen Dienst vor allem im Sinne eines Sozialarbeiters, ich will Sie nicht katholisch machen. Mit dieser Aussage können die Angesprochenen offensichtlich leben und legen gleich los: Da ist eine Klage wegen einer Versetzung, die einen ganz anderen Arbeitsplatz und erheblich geringeren Verdienst bedeutet, dort wird die mangelnde Würdigung des Dienstes durch den Bund beklagt ... P. Michael ist angesprochen, er kann die Probleme nicht lösen, aber er versucht zu verstehen, auch um Verständnis zu werben angesichts der großen Veränderungen. Da kommen auch andere Sichtweisen des Dienstes zum Zug: Würdigung erlebe er durch den Hund, meint ein Beamter, wenn er laufe und dieser ihn anschaue, wenn er ihm folge, auch im Privatbereich. Und Herr Schrader: Da muss das Herz dran hängen, Hundeführer, das ist mehr als ein Job.
Der Seelsorger
Bahnhof Zoo. Wohl der berühmteste Bahnhof der Republik, bis vor wenigen Jahren bevorzugter Ort der Drogen-Szene, Hunderttausende sind hier Tag für Tag unterwegs. P. Michael hat einen Termin mit dem Leiter der BGS-Inspektion Berlin Zoo, Polizeihauptkommissar Tobias Looke, vereinbart. Die Chefetage liegt in diesem Fall nicht über, sondern unter dem Geschehen: ununterbrochen rollen Züge über das Dienstzimmer hinweg.
Für Herrn Looke ist der Seelsorger ein wichtiger Ansprechpartner in schwierigen Situationen, jemand, der sich im Umgang mit Menschen versteht. Das Hauptproblem an einer solchen Stelle mit 200 Beamten sei es, einen guten Kommunikationsfluss zu erhalten, aber Kommunikation könne eben auch einmal versiegen. Ich bin weltanschaulich nicht gebunden, sondern ein ganz normaler Atheist, bemerkt Herr Looke lapidar, aber ich schätze doch den Dienst der Kirchen, dass die Mitarbeiter auch neben dem Vorgesetzten einen Ansprechpartner haben. Bei einem Konfliktgespräch sei es oft wichtig, dass ein Dritter von außen dabei sei, manchmal gehe es dann nur um eine Moderation.
P. Michael legt Wert auf einen guten Kontakt zu allen Ebenen der Hierarchie in den verschiedenen Einheiten. Dass die Beamten das spüren und schätzen, zeigt sich daran, dass er überall wahrgenommen wird, auf allen Gängen und Büros wird er spontan begrüßt. Mit Polizeihauptmeister Lenort und Polizeimeister Kesser gehen wir auf Streife durch den Bahnhof. Lenort ist stolz auf seinen Bahnhof. Begeistert erzählt er von den Veränderungen der letzten Jahre, dass es hier keine zwielichtige Gestalten mehr gebe, dass die Drogen-Szene ausgewandert sei, dass die Reisenden sich hier sicher bewegen könnten. |
P. Michael kennt er von einem berufsethischen Seminar mit dem Titel Die Todes-Nachricht, das dieser für Interessenten angeboten hatte. Dieses Thema sei für sie wichtig, betont Herr Lenort, gerade in den letzten Wochen habe es kurz hintereinander zwei Selbstmordopfer auf dem Bahngelände gegeben. Das sind für uns besondere Stresssituationen, da brauchen wir Hilfe und ich weiß, dass wir uns da jederzeit an P. Michael wenden können, man merkt, wie der Gedanke an solche Augenblicke betroffen macht, bei aller Routine, die sich Herr Lenort in vielen Dienstjahren sicher erworben hat.
Am Ende des Rundgangs macht P. Michael mit Herrn Kesser noch einen Termin für ein persönliches Gespräch aus, den Dienstgruppenleiter Herrn Rechlin bittet er, die Leute auf die nächsten Seminare hinzuweisen.
Der Zeuge
Begegnungen und Kontakte sind das Wichtigste für P. Michael. Im Sommer begleitet er sogar eine Familienfreizeit an die Adria. Die Muße der Urlaubstage ermöglicht viele Gespräche, so wächst Vertrauen. Dann kann es auch einmal sein, dass nicht er einlädt, sondern eingeladen wird. So geschah es bei einem Seminar, als er am Nachmittag die nahegelegene Kirche erklärte. Für die meisten waren die Darstellungen und Symbole völlig fremd. Da kam aus dem Kreis die Anfrage, ob er einmal einige Grundbegriffe des Christentums erklären könnte. An diesem Donnerstagnachmittag findet bereits die zweite Einheit statt: Der Prozess Jesu. Vierzehn Interessenten einer Hundertschaft haben sich diesmal eingefunden. Er wolle mitreden können, begründet Herr Wandtke seine Teilnahme an diesem Nachmittag, er wolle wissen, warum das Symbol des Christentums ein Kreuz und kein Kreis sei.
Im übrigen macht er keinen Hehl aus seiner Einstellung: Was P. Michael zum historischen Jesus sagte, kann ich gut nachvollziehen, aber an die Auferstehung glaube ich nicht. Solange der da oben sich bei mir nicht vorstellt, glaube ich auch nicht an ihn.
Der Mitbruder
Der Rückweg geht mitten durch Berlin, u.a. durch die Karl-Marx-Allee, die Prachtstraße der ehemaligen DDR-Hauptstadt, vorbei an Bauten im stalinistischen Zuckerbäckerstil; die Fassaden wurden inzwischen renoviert, sanfte Pastellfarben geben den Monumentalbauten ein freundliches Gesicht.
Zu Hause in Schmargendorf angekommen, ist nichts mehr zu spüren von den berühmten Straßen und Plätzen, von alten und neuen Regierungsgebäuden, hier geht das Leben seinen ganz normalen, alltäglichen Gang.
Frau Polaszek, die für die Gemeinschaft das Frühstück macht und zu Mittag kocht, hat für P. Michael und seine Gäste vorgesorgt, die Mikrowelle macht daraus ein warmes Abendessen. Gemeinsame (Mahl-) Zeiten sind für die drei Mitbrüder nicht leicht zu organisieren, zu verschieden sind ihre Aufgaben. Umso mehr halten sie an einigen Punkten fest. Am Samstag wird ausgiebig gemeinsam gefrühstückt, was zugleich die wöchentliche Dienstbesprechung ist. Der Sonntag ist für P. Michael der freie Tag, deswegen übernimmt er in der Regel auch keine Vertretungen; so können sie gemeinsam mit der Gemeinde Gottesdienst feiern. Viermal im Jahr verbringen sie miteinander außer Haus in Begleitung eines Jesuitenpaters einen geistlichen Tag. Das Zusammenleben scheint leicht in dieser Gemeinschaft.
Dennoch, auch hier geht nichts von selbst wie P. Michael bemerkt: Natürlich braucht es Toleranz, dass jeder den anderen auch sein lässt in seiner Eigenart und in seinem Aufgabenbereich. So entsteht ein Zuhause, die Voraussetzung dafür, dass jemand hinausgehen kann an die Grenzen. |