Eine christliche Spiritualität des Schweigens |
| Die Wüstenväter, die selbst aus den Quellen der Bibel schöpfen, zeigen einen Weg des Schweigens auf, für den man weder in den Fernen Osten reisen noch in einem kontemplativen Kloster leben muss. Aus ihrer intensiven Beschäftigung mit dem Thema in ihrer Promotionsarbeit zeigt Dr. Claudia Edith Kunz einige wichtige Perspektiven auf. Frau Dr. Kunz ist Mitglied des Säkularinstituts St. Bonifatius in Detmold, einer missionsbenediktinischen Gemeinschaft von Frauen, und leitet dort das Geistliche Zentrum Kupferberg. Schließe dich dem an, der dich fragen lehrt: Was will ich? So rät ein Wüstenvater einem Schüler. Wieviel Unzufriedenheit kommt daher, dass wir nicht wissen, was wir eigentlich wollen! Der Weg des Schweigens beginnt damit, dass einer ein Leben aus erster Hand führen will, sich nicht mehr mit dem zufrieden gibt, was ihm Lehrbücher oder modern Talkshows erzählen, sondern auf sein Herz, auf seine tiefste Sehnsucht zu hören lernt und aus dem Erlauschten heraus einen ersten, vielleicht noch so kleinen, aber doch eigenen Schritt geht. So geht der Weg des Schweigens: trial and error! Je neu erspüren, was als nächster Schritt dran ist und trägt. Fehltritte und Fortschritte gehören dazu. Wenn du etwas tust, dann tu es im Verborgenen! Gott wohnt im Verborgenen, und darum zieht es die Wüstenväter in die Verborgenheit der Wüste. Hier - in Gegenwart des verborgenen Gottes zählt nicht das, was einer tut, und seien es noch so gute Werke. In der Verborgenheit zu leben bedeutet: der/die zu werden, der/ die ich vor dem verborgenen Gott bin. So bringt der Weg des Schweigens heraus, wie es um mich selbst eigentlich bestellt ist. Wer sich nicht mehr durch das definiert, was er tut, sondern was er ist, der entdeckt etwas von der Einmaligkeit, Individualität, Freiheit, aber auch Einsamkeit und inneren Leere des Menschen. Nicht die geographische Wüste, nicht ein Haus oder Raum der Stille machen also das Schweigen aus, sondern innen, in uns ist der eigentliche Raum des Schweigens, den es zu entdecken gilt. |
Verachte niemanden, verurteile niemanden, verleumde niemanden ... Das ist Schweigen konkret nach der Weisung der Wüstenväter. Wie viele von den Gedanken, die einem den ganzen Tag über durch Kopf und Herz gehen, lassen mich gar nicht bei mir selbst sein, beschäftigen sich mit den anderen, urteilen und verurteilen sie! Nicht eigentlich der Mund wird einem beim Schweigen verboten, sondern das abfällige, urteilende Reden und Denken ist das Gegenteil des Schweigens. Machen wir uns bewusst: eine Mahnung zum Schweigen ist nur sinnvoll, wo grundsätzlich die Möglichkeit zum Sprechen, und zwar mit einem anderen Menschen besteht. Schweigen lernt sich nicht in der Abgeschiedenheit eines Meditationsraums, Schweigen lernt man niemals für sich allein. Schweigen lernt man nur in der Beziehung zu anderen, im alltäglich geteilten Leben mit anderen. Wer vom (Ver-) Urteilen zu schweigen gelernt hat, der kann dann leben, wo er will, er wird immer im Schweigen sein. ... und dein Sitzen wird ohne Verwirrung sein So geht der zitierte Spruch weiter. Wer aufhört, ständig beschäftigt draußen herumzulaufen und sich wirklich mal hinsetzt, bei dem können sich auch die Gedanken setzen. Er wird aufmerksam auf das, was ihn innerlich umtreibt und bewegt. Und darauf kommt es an, die eigenen, im Alltag kaum bewusst werdenden Gedanken wahrzunehmen, ihnen aber nicht nachzulaufen, sie vielmehr unverrichteter Dinge weiterziehen zu lassen. Eine Suchttherapie aus der Wüste, ein Weg, um nüchtern zu werden, wie die Wüstenväter sagen, nämlich frei von dem, was über Herz und Bauch, Hand und Mund Macht gewinnen will. Begleitet wird das aufmerksame Sitzen von einem innerlich wiederholten Gebetswort, Herr, hilf mir oder Jesus, erbarme dich, Anfänge des Herzensgebets. In solchem Schweigen, Sitzen und Meditieren wird im Menschen ein Raum frei, der von Gottes Heiligem Geist eingenommen werden kann. h Das Buch zum Thema: Claudia Edith Kunz Schweigen und Geist Biblische und patristische Studien zu einer Spiritualität des Schweigens 800 Seiten, Herderverlag, Freiburg 1996, ISBN 3-451-26118-9, DM 98.- |