Die fünf Dimensionen der Berufung

Berufung fängt beim Menschen

Dr. Rainer Birkenmaier, der Direktor des Zentrums für Berufungspastoral in Freiburg hat schon 1992 in der Broschüre „Das Netz der Berufung neu knüpfen“ fünf Dimensionen der Berufung beschrieben. Inzwischen gewinnt dieser Ansatz immer mehr an Bedeutung. Im folgenden sind seine Ausführungen gekürzt wiedergeben.

1. Berufung zum Menschsein
Der Mensch ist ein Angerufener. Unser Menschsein ist in seiner Gottebenbildlichkeit und Hinordnung auf Christus eine hohe Berufung. Die Entfaltung des Menschseins ist auch die notwendige Basis für alle folgenden Dimensionen der Berufung. Welche Chance, welcher Reichtum ist es, Mensch zu sein, Mann oder Frau sein und mit anderen Menschen Gemeinschaft pflegen zu dürfen! Diese Wahrheit hat noch einen ganz individuellen Aspekt: Ich bin nicht nur allgemein ins Dasein, sondern in mein Dasein, beim Namen gerufen und zu meiner Einmaligkeit ermächtigt. Die Annahme der Individualität, die sehr verbunden ist mit unserer Leiblichkeit und Lebensgeschichte, ist ein wichtiger Schritt auf dem Berufungsweg.

2. Berufung ins Heil und ins Volk Gottes
In einer Diasporasituation erleben wir zunehmend, dass Christsein nicht das Selbstverständliche, sondern eine Erwählung ist. Das entspricht biblischem Denken, das oft die Gläubigen einfachhin „Berufene“ nennt. Hier ist die gemeinsame Basis: die Berufung, zum Gottesvolk zu gehören. Vor allen Unterscheidungen muss die Einheit in der Grundberufung erlebt und angenommen werden. Eine Unterscheidung der Kirche in Berufene (Klerus = Erwählte) und Nichtberufene (gemeines Volk) bliebe weit hinter der Heiligen Schrift und dem Auftrag des Konzils zurück. Die Berufungspastoral überwindet die Engführung und sagt allen Gläubigen: „Freut euch, wir sind Berufene, wir sind Gottes Volk!“

3. Berufung zur Nachfolge
Mit der Zugehörigkeit zum Gottesvolk, die in der Taufe vollzogen wird, ist ein Mensch zunächst ganz geschenkhaft und bedingungslos in den Raum des Heiles hineingenommen. Er bleibt aber nicht passiv, sondern ist gerufen, mit seiner ganzen Existenz Antwort zu geben und den Weg Jesu in der Nachfolge mitzugehen. Diese Einladung ergeht an alle Getauften. In gewisser Weise könnte man mit dieser Berufung den Schritt der bewusst vollzogenen Übereignung an Gott (im Sinne einer ganzheitlichen Umkehr) in Verbindung bringen.

4. Berufung und Sendung in den konkreten Stand und Dienst
Auf diesen Bereich ist normalerweise der Begriff „Berufung“ eingeengt. Zwar ist es richtig, besonders im Blick auf Priester- und Ordensberufe von „Berufungen“ zu sprechen, weil sie auffallende Gaben des Geistes an die Kirche sind. Dennoch muss deutlich sein, dass jeder Christ seinen Beruf und seinen Stand durchaus als Berufung ergreifen und leben kann und soll. Vielleicht werden wir in Zukunft auch unterscheiden lernen zwischen Menschen, die wie alle anderen Leute eine Ehe leben und solchen Eheleuten, die ihre Ehe und Familie ganz bewusst und entschieden Christus übereignen und auch in den Dienst der Kirche stellen. Das unterscheidende Merkmal der Berufung ist die Ganzheitlichkeit und Verbindlichkeit, mit der man sich von Christus in einen Dienst oder Stand rufen und darin senden lässt. Das gilt natürlich auch für alle, die in der Kirche einen pastoralen Dienst ausüben und/oder eine Lebensform nach den Evangelischen Räten wählen. Zur Verbindlichkeit dieser Berufungen gehört dann allerdings auch die Prüfung durch andere, konkret durch die Leitung einer Gemeinschaft oder durch den Bischof.

5. Berufung innerhalb der Berufung
Mit der Entscheidung für eine Berufung beginnt ein Berufungsweg, der oft überraschend ist. Viele Heilige haben erst nach vielen Jahren innerhalb einer Ordensberufung ihre eigentliche Berufung erkannt. Das berühmteste Beispiel dürfte Teresa von Avila sein. Aus der Gegenwart kann auf Mutter Teresa oder Carlo Caretto hingewiesen werden. Die Frage nach dem Willen Gottes ist nicht nur in der Berufsentscheidung, sondern auf dem ganzen Berufungsweg wichtig. So kann auch deutlich werden, dass eine religiöse Berufung ein Leben lang interessant, abenteuerlich und anziehend bleibt.