Artikel: WOLFGANG OCKENFELS,
Wertewandel und technisierte Arbeitswelt.
In: Lebendiges Zeugnis 53 (1998) 45-52.

WOLFGANG OCKENFELS

Wertewandel und technisierte Arbeitswelt

Parallel zu der sich ausweitenden Individualisierung und Pluralisierung im sogenannten "Wertewandel" verändern sich auch Größe, Funktion und Struktur der Institutionen. Die großen Parteien und Kirchen, Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände werden von dieser Tendenz stark mitgenommen, indem sie Mitglieder und Bedeutung verlieren oder an kleinere Einheiten abgeben. Gerade in der Arbeitswelt geht die Tendenz weg von anonym verwalteten globalen Großeinheiten, die starr und kalt über personale und regionale Unterschiede hinweggehen, hin zu kleineren und überschaubaren Einheiten, die den persönlichen Belangen mehr gerecht werden und eine bessere Vertrautheit gewährleisten. Diese Tendenz scheint ganz in der Logik des altehrwürdigen Subsidiaritätsprinzips zu liegen, das (in der Logik der Katholischen Soziallehre) freilich nicht vom Gemeinwohlprinzip getrennt werden kann.

Wenn wir uns infolge des technischen Fortschritts zu einer "postindustriellen" Gesellschaft entwickeln, bedeutet das nicht den Abschied von der industriellen Massenproduktion, sondern lediglich die durch Technik ermöglichte und freigesetzte Verlagerung des Schwerpunktes auf den Dienstleistungsbereich. Damit ergeben sich für die Zukunft erhebliche Nachfrageverschiebungen, und mancher Unternehmer wäre froh, wenn er jetzt schon genau wüßte, welche Werte er künftig produzieren und anbieten könnte - oder in welche Werte er jetzt "einsteigen" sollte.

Das gilt auch für die sogenannten "postmateriellen" Werte, die nicht gratis zu haben sind und durchaus ihren materiellen Preis haben, wenn er sich auch nicht immer auf dem freien Markt bildet. Das Bedürfnis nach sauberer Umwelt muß erhebliche materielle Werte aufbringen, um die nicht "unberührte" Natur wieder aufzubereiten. Und die gesuchten Freizeitwerte, die vom Arbeitswert abgezogen werden, verursachen zusätzliche Kosten. Davon mag vor allem die Freizeit- und Vergnügungsindustrie profitieren, die erhebliche Zuwachsraten zu erwarten hat.

Ambivalenz der Technik

Wie ambivalent der technische Fortschritt und damit auch der dadurch stimulierte Wertewandel ist, läßt sich an folgenden Beispielen aufzeigen:

1. Durch technische Rationalisierung sind die Arbeitsbedingungen einerseits erheblich verbessert oder auch "humanisiert" worden. Vor allem die körperliche Arbeitslast konnte erleichtert, die Arbeitszeit verkürzt werden. Andererseits kann die Automatisierung auch zur Eintönigkeit, zum Sinnverlust der Arbeit führen. Überdies droht der Verlust von angestammten Arbeitsplätzen. Mit der Vision einer menschenleeren Fabrik kursiert die Angst, daß die Technik menschliche Arbeit überflüssig macht.

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2. Mit Hilfe der technisch erzeugten Produktivität der Arbeit konnten einerseits die materiellen Lebensbedingungen massiv verbessert werden. So hat sich das Bruttosozialprodukt der Bundesrepublik nach dem letzten Weltkrieg verdreifacht. Andererseits aber hat dieser gesteigerte Lebensstandard auch eine materialistische Anspruchsgesellschaft begünstigt, die zum verschwenderischen Konsum, zu einer Wegwerfmentalität tendiert.

3. Durch die technisch modernisierte Form der Arbeit konnten die Bodenschätze und Energiequellen im großen Umfang für den Menschen nutzbar gemacht werden. Andererseits ist dadurch die natürliche Umwelt teilweise zerstört, verschmutzt und ausgebeutet worden.

4. Die technische Beherrschung von Raum und Zeit versetzt den Menschen in die Lage, räumliche Entfernungen immer schneller einzuholen - und die Zeit So zu organisieren, daß er immer mehr davon zu seiner freien Verfügung hat. Andererseits jedoch werden Raum und Zeit des Menschen von den Sachzwängen der Technik beherrscht, so daß auch die wachsende Freizeit immer mehr von ihr geprägt wird. Der Mensch ist also nicht nur Herrscher über die Technik und Souverän über Zeit und Raum, sondern läßt sich auch von technischen Prozessen beherrschen.

5. Einerseits hat die Rationalität der Technik zu einer größeren Durchschaubarkeit der einzelnen Dinge und Prozesse geführt. Durch technische Vermittlung wird dieses Wissen auch allen Interessierten verfügbar gemacht. Andererseits aber ist dadurch die Komplexität des Wissens derart gesteigert worden, daß der einzelne (auch der einzelne Wissenschaftler) kaum mehr in der Lage ist, den Sinnzusammenhang des Ganzen zu überblicken. Die "lnformationsgesellschaft" tendiert zur Unübersichtlichkeit.

Mehr Freizeit und Geld

Der technische Fortschritt hat uns vor allem ein Mehr an freier Zeit und verfügbarem Geld beschert, auf wessen Kosten auch immer. Gegenwärtig erleben wir noch - solange man sich das leisten kann - eine Hochkonjunktur für Selbstverwirklichungswerte, die uns ungeahnte Möglichkeiten eröffnen. Diese neue Wertschätzung der Freiheitswerte ist dadurch erklärbar, daß unsere Freiheitsräume und Wahlmöglichkeiten enorm erweitert worden sind, und zwar durch den technischen Produktivitätsfortschritt und durch die höhere Lebenserwartung der Menschen. Dadurch haben wir mehr Zeit und Geld zu unserer eigenen Verfügung gewonnen: mehr Freizeit und weniger Berufstätigkeit als zwingende Lebensnotwendigkeit; mehr Geld und damit mehr Gestaltungsmöglichkeiten.

Aber dieser zeitliche und materielle Mehrwert, für den wir immer weniger arbeiten müssen, garantiert noch nicht die Erfüllung des ersehnten Glücks. Wir müssen uns verstärkt selbst entscheiden und verantworten können, was wir mit "unserer" Zeit und "unserem" Geld, kurzum mit unseren Freiheitsmöglichkeiten anfangen. Mehr Wahlmöglichkeiten bedeuten noch nicht ein Mehr an Freiheit, sondern oft nur verwirrte Ratlosigkeit angesichts des riesigen Angebots. Wie aber kann die "Selbstverwirklichung" gelingen und die Freiheit sinnvoll gebraucht werden?

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Diese Frage darf sich nicht nur auf die "Freizeit" beziehen, als ob sie der eigentliche Ort der Freiheit wäre, während die Arbeitszeit zum Reich der zwingenden Notwendigkeit gehörte, wo die Freiheit aufhört. Das Problem der Integration von Selbstentfaltungswerten in die Arbeitswelt hinein, die immer noch ein wesentlicher Teil unserer Lebenswelt ist, läßt sich nicht durch mancherlei faszinierende Zukunftsvisionen entschärfen, in denen die Erwerbstätigkeit keine Rolle mehr spielt.

Zukunft der Arbeitswelt und der Gewerkschaften

Innerhalb einer Arbeitnehmergesellschaft wie der unseren stellt sich angesichts des rapiden technischen Wandels die Frage nach der Zukunft der Arbeitswelt. Die Arbeitswelt stellt nach wie vor einen großen, wenn auch schwindenden Teil unserer Lebenswelt dar und enthält immer noch den Hauptzündstoff für soziale Fragen. Die "Arbeiterfrage" als Klassenkampf zwischen Arbeit und Kapital konnte in diesem Jahrhundert weitgehend sozial entschärft werden. Nun kommt es darauf an, die durch den technischen Wandel ausgelösten "neuen" sozialen Fragen rechtzeitig zu erkennen und praktisch zu bewältigen.

Meines Erachtens zeichnen sich für die Zukunft vor allem folgende Herausforderungen ab, an denen sich die sozialethische Problemlösungskompetenz der Kirche bewähren muß. Da ist zunächst die Frage der andauernden und wachsenden Arbeitslosigkeit. Ob neue Techniken mehr Arbeitsplätze schaffen oder zerstören, läßt sich kaum abschätzen. Aber schon aus Gründen der Exportabhängigkeit und Konkurrenzfähigkeit der deutschen Wirtschaft, die dem scharfen Wind der "Globalisierung" ausgesetzt ist, läßt sich jetzt schon absehen, daß der einseitige Verzicht auf technische Modernisierung noch mehr Arbeitslosigkeit produziert - und sogar die Gefahr einer neuen Armut heraufbeschwört. Es zeigt sich, daß der Wegfall von veralteten industriellen Arbeitsplätzen wenigstens teilweise kompensiert werden kann, und zwar besonders im Dienstleistungsbereich, so daß Soziologen wie Daniel Bell seit längerem eine postindustrielle Dienstleistungsgesellschaft heraufziehen sehen, in der die Arbeiten ganz neu verteilt werden.

Aber auch im Dienstleistungsbereich macht sich der technische Fortschritt dergestalt bemerkbar, daß er gerade jene einfachen und stereotypen Arbeiten entbehrlich macht, die vielfach als unzumutbar gelten, und dabei Raum schafft für anspruchsvollere Tätigkeiten, die aber viele überfordern. Vor allem ältere Menschen werden vom technischen Fortschritt überholt und bleiben als "Fußkranke" zurück. Einmal erworbene Berufskenntnisse sind leicht verderbliche Güter geworden, so daß die Bereitschaft zur ständigen Weiterbildung, zur geistigen und räumlichen Mobilität gefordert ist. Die Hochtechnisierung sämtlicher Arbeitsbereiche ist freilich weder wünschenswert noch möglich, z. B. in den Pflegeberufen, in der Seelsorge und Sozialarbeit. Immer drängender stellt sich aber die Frage, ob es auch für technische Legastheniker und Analphabeten noch genügend sinnvolle und bezahlbare Arbeiten gibt.

Auf dem Hintergrund des Strukturwandels befürchten die Gewerkschaften zu Recht ei-

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nen Verlust an klassischen Funktionen und Mitgliedern. Der durch den technischen Fortschritt bedingte Strukturwandel der Wirtschaft läßt gravierende Folgen vor allem für die Strukturen der Tarifautonomie und der gewerkschaftlichen Organisation erwarten.

Die Gewerkschaften werden durch die strukturelle Arbeitslosigkeit empfindlich getroffen, besonders in den klassischen Industriebereichen Kohle und Stahl, Werften und Textil, die früher als Gewerkschaftsdomänen galten. In diesen Krisenbereichen erweisen sich die Gewerkschaften nicht als aktive Träger, sondern eher als Opfer des Strukturwandels, der allerdings auch als eine unbeabsichtigte Folge gewerkschaftlicher Hochlohnpolitik und des dadurch erzeugten Rationalisierungsdrucks angesehen werden kann. In Zeiten hoher Arbeitslosigkeit stellt sich die Frage nach der Mitschuld von Gewerkschaften, die als Arbeitsmarktkartelle die Löhne oft ins Unbezahlbare getrieben haben, so daß auch die Gewerkschaftsorganisationen wegen der hohen Lohn- und Lohnzusatzkosten Personal abbauen müssen.

Die Gewerkschaften vertreten bisher vorrangig einen Typ von Industriearbeiter, den man im Ruhrgebiet "Malocher" nennt und von dem es hieß: "Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will". In Zukunft aber kommt es mehr auf die qualifizierten Köpfe als auf die vielen starken Arme an. Die das Arbeitsleben zunehmend beherrschende technische Intelligenz verfügt über ein gewaltiges Leistungspotential und infolgedessen auch über ein derartiges Leistungsverweigerungspotential, daß ein Streik weniger Spezialisten ganze Industriezweige lahmlegen kann, und zwar auf Kosten der übrigen Arbeitnehmer.

In diesem Zusammenhang wird gefragt werden dürfen, ob die gegenwärtig noch geltenden Arbeitskampfformen - Streik und Aussperrung - überhaupt noch sinnvoll und zeitgemäß sind. Diese brutalen und wertezerstörenden Kampfmethoden sind nur als "ultima ratio", als letzte Möglichkeiten zu rechtfertigen, sozusagen aus Notwehr zur Selbsterhaltung. Aber in einem wohlstandsgesättigten Hochlohnland sollten sich intelligente Tarifpartner andere und humanere Konfliktlösungen einfallen lassen.

Im Zeitalter der technisch bedingten Individualisierung, Differenzierung und Flexibilisierung scheint die Epoche der großen Massenorganisationen und Superstrukturen zu Ende zu gehen. Dezentralisierung ist das magische Stichwort der Gegenwart, und dies entspricht auch dem christlich-sozialen Prinzip der Subsidiarität, wonach die kleineren Einheiten vor den größeren Vorrang haben, also die Chance erhalten sollten, ihre Belange selbstverantwortlich zu regeln. Das gilt natürlich auch für die Gewerkschaftsstruktur und die Tarifautonomie.

Die sich neu formierenden Arbeitnehmergruppen, auf die es leistungsmäßig ankommt, werden immer anspruchsvoller und lassen sich nicht leicht in die bisherige Gewerkschaftsstruktur integrieren. Ihre Interessenvertretung wird wesentlich differenziertere Formen annehmen, und sie werden sich nicht mehr politisch-ideologisch in der Weise vereinnahmen lassen, wie es der DGB als selbsternannter globaler Interessenwahrer der "Arbeitnehmergesellschaft" lange Zeit beanspruchte. Es können neue Gewerkschaftsformen entstehen und Bedeutung erlangen, die, wenn auch gering an Mitgliederzahlen, über

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ein großes Leistungspotential verfügen und streikfähig sind. Von daher wird auch das Prinzip der "Mächtigkeit" einer Gewerkschaft, d. h. ihre Fähigkeit, Arbeitskampf und Arbeitsfrieden zu garantieren, neu zu definieren sein. Die pluralistische Signatur der Gegenwart wird auch die Gewerkschaftsebene erreichen und stärker prägen.

Allerdings wird im Zuge der allgemeinen Individualisierung und Flexibilisierung gewerkschaftliche Solidarität zu einer Mangelware werden, was den Bestand des geltenden Tarifvertragssystems zusätzlich in Frage stellt. Arbeitnehmer, die nicht mehr an starr festgelegte Arbeitsplätze und Arbeitszeiten gebunden sind, sind weniger leicht zu mobilisieren und zu organisieren. Aber Gewerkschaften haben nicht primär die Selbsterhaltungsinteressen ihrer Organisation und ihrer Funktionäre zu vertreten, sondern die wirklichen Interessen ihrer Mitglieder, nur dann können sie an die Solidarität appellieren. Und sie müssen diese Interessen zum Ausgleich bringen mit den Kapitalverwertungsinteressen der Unternehmer und der Rentabilität der Unternehmen, von der wiederum die Sicherheit der Arbeitsplätze abhängt.

Die neuen Techniken machen andere Formen tariflicher Arbeitszeitregelung möglich und erforderlich. Die zunehmende Flexibilisierung und Differenzierung führt zu einer Kompetenzverlagerung tarifvertraglicher Verhandlungsmacht von überbetrieblichen Zentralen auf die Betriebsebene, und zwar zugunsten der Betriebsräte, die ein stärkeres Selbstbewußtsein erlangen. Die großen Gewerkschaftszentralen erleiden einen Funktionsverlust, der sich auch auf das Aushandeln von Löhnen und Gehältern erstreckt. Die Tarifautonomie entwickelt sich in Richtung auf eine Betriebsautonomie, wie es von Horst Ehmann seit längerem gefordert wird. Auch darin könnte man eine subsidiäre Tendenz erblicken. Aber Subsidiarität bedeutet nicht egoistische Abkapselung, sondern bleibt auf Solidarität ausgerichtet. Hier sind die Gewerkschaften herausgefordert, neue Klassenbildung zu vermeiden und die neuen Leistungseliten durch einen differenzierten Interessenausgleich zu integrieren.

Parallel zum Strukturwandel ist ein Wertewandel im Bewußtsein und im Lebensstil der Bevölkerung eingetreten, der besonders in der Arbeitswelt spürbar wird. Begriffe wie Disziplin, Gehorsam und Fleiß haben an Prägekraft eingebüßt, Eigeninitiative, Kreativität und Selbständigkeit breiten sich aus, verbunden mit hedonistischen Einstellungen. Bevorzugt werden kleinere Lebens- und Arbeitskreise, die Überschaubarkeit und Geborgenheit vermitteln. In allen gesellschaftlichen Bereichen hat aber die Stabilität sozialer Beziehungen abgenommen. Auch ist in der "offenen Gesellschaft" das feste Gefüge weltanschaulicher Blöcke zerbröckelt, was zu einer erheblichen Pluralisierung der Wertvorstellungen und zu einem wachsenden Gruppenpluralismus geführt hat.

In der wachsenden Freizeit, in der sich immer mehr Heimwerkerei und "Schwarzarbeit" abspielt, und in der Zunahme der Sonntagsarbeit liegen zwei noch nicht bewältigte Problemfelder. In diesen beiden Punkten, die hier nur kurz erwähnt werden sollen, wird der Kirche eine besondere religiöse und moralische Kompetenz von der Gesellschaft eingeräumt und zugesprochen. Deshalb stehen die Wirkungschancen für eine kirchliche Neu-

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prägung der religiösen Sonntagskultur und einer "Ethik der Freizeit" nicht schlecht, und gerade die kirchlichen Sozialverbände könnten hier zu neuen Ufern vorstoßen, statt über ihre zurückgehende öffentliche Wirkung zu klagen.

In die Logik des skizzierten Strukturwandels, der freilich auch selber der sozialethischen Legitimation und Kontrolle bedarf, paßt vor allem das Subsidiaritätsprinzip der "Hilfe zur Selbsthilfe", nach dem sich die Gewerkschaften der Zukunft legitimieren und ausrichten können. Das bedeutet zunächst eine subsidiäre Pluralisierung innerhalb der deutschen Einheitsgewerkschaften - oder aber die Installierung konkurrierender Gewerkschaften, mit denen man im europäischen Markt ohnehin zu rechnen hat. Kollektive Interessenvertretungen erscheinen nur dann als gerechtfertigt und attraktiv, wenn sie sich mit individuellen Ansprüchen vermitteln lassen.

Der technische Fortschritt, von dessen Auswirkungen gerade die Arbeitnehmer betroffen sind, bedarf auch ihrer Zustimmung. Technische Innovationen sind nicht nur eine soziale, sondern auch eine politische Frage geworden, über welche die Bürger demokratisch mitbestimmen können, z. B. in Sachen Energiepolitik. Bei der rasanten Entwicklung, die nicht automatisch auch eine verbesserte humane Lebensgestaltung eröffnet, gibt es aber immer mehr "Zurückgebliebene", die trotz Aufklärung und Bildung nicht mehr mithalten können. Ständig wächst die Abhängigkeit der Bürger und Politiker vom Sachverstand der Fachleute. Die Akzeptanz wird immer mehr zur Vertrauenssache - und diese hängt wesentlich von der moralischen Integrität und Glaubwürdigkeit der Fachleute ab, die aber durch Spezialisierung immer weiter voneinander abrücken.

Um so dringlicher erscheint es, daß die Gewerkschaften wieder mehr zu einer Bildungsbewegung werden, die eine wichtige Vermittlungsrolle zu spielen hat. Sie müssen dauernd und intensiv in einem Dialog stehen mit denen, die die Weichen des technischen Fortschritts stellen. Zugleich dürfen sie nicht vergessen, die Interessen auch jener zu vertreten, die Gefahr laufen, von der Entwicklung überrollt und auf das soziale Abstellgleis geschoben zu werden.

Erwerbstätigkeit und Freizeit

Aus der Sicht der Katholischen Soziallehre ist der Mensch zur Arbeit wesentlich disponiert und verpflichtet, und zwar zu irgendeiner Form von Arbeit, die man als bewußte, verantwortliche und zielgerichtete Tätigkeit zur Erhaltung und Entfaltung der menschlichen Natur ansprechen kann. Mit dieser allgemeinen ethischen Pflicht korrespondiert ein allgemeines Recht auf Arbeit, das aber noch keinen Rechtsanspruch auf einen bezahlten Arbeitsplatz begründet. Es handelt sich zunächst um ein Freiheitsrecht, unter den gegebenen Arbeitsmöglichkeiten zu wählen, ohne daß der Staat dirigistisch eingreift. Problematisch wird es bei einem Mangel an bezahlten Arbeitsplätzen, unbezahlte Arbeiten bieten sich ja genug an. Dann stellt sich die Frage: Wozu ein Freiheitsrecht, wenn man von der Freiheit keinen Gebrauch machen kann? Was nützt mir die bloße

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Freiheit vom staatlichen Reglement, wenn mir keiner eine Arbeits- und Verdienstmöglichkeit bietet?

Diese Frage läßt sich nicht so ohne weiteres dadurch entschärfen, daß man auf den erweiterten Arbeitsbegriff verweist und die Aufmerksamkeit auf die Nicht-Erwerbstätigkeit, etwa auf ehrenamtliche Aufgaben lenkt. Oswald von Nell-Breuning hatte kurz vor seinem Tod in einem Interview eine Zukunftsvision geäußert: "Wir müssen auf eine Ordnung der Gesellschaft zusteuern, bei der mehr oder weniger alle nur noch einen Teil ihrer Zeit und Kraft für Erwerbstätigkeit einsetzen und mehr und mehr sich den Aufgaben in der Familie, ihren Aufgaben im öffentlichen Leben, aber auch im Geistesleben und künstlerischen Leben usw. widmen. Die Erwerbstätigkeit kann und sollte nach meiner Vorstellung schließlich zu einer Randerscheinung im menschlichen Leben werden."

Riskant an solchen faszinierenden Äußerungen ist, daß sie als Trostpflaster mißbraucht werden können zur Beruhigung der Arbeitslosen, die ja ihr Schicksal als Antizipation einer verheißungsvollen Zukunft auffassen können, in der Erwerbstätigkeit sowieso kaum eine Rolle mehr spielen soll. Sind die Arbeitslosen - ohne es zu wissen - in Wirklichkeit sogar die eigentlich Privilegierten, die, von den Zwängen der Erwerbstätigkeit befreit, sich den eigentlich sinnvollen Aufgaben widmen können - und dafür zwar keinen Lohn, aber doch einen Dank der Gesellschaft erhalten?

Dagegen spricht m. E. das tiefverwurzelte und nicht zufällig weitverbreitete Bedürfnis, daß man (erstens) selbstverantwortlich durch Arbeit den Lebensunterhalt für sich und seine Familie verdienen will, daß man (zweitens) sich nützlich machen will in einer Arbeit, die nachgefragt und dann auch gerecht vergütet wird im Verhältnis Leistung und Gegenleistung (jeder Arbeiter ist seines Lohnes wert) - und daß man (drittens) nicht als Kostgänger und Wohlfahrtsempfänger des Staates gelten und der Allgemeinheit zur Last fallen will.

Zwar ist das "Recht auf Leben und angemessenen Lebensunterhalt" nicht notwendig gekoppelt an ein "Recht auf Arbeit" und kann auch ohne den Nachweis einer Erwerbstätigkeit wahrgenommen werden, jedenfalls in einem florierenden Sozial- und Wohlfahrtsstaat. Aber gerade weil der einzelne (mit seiner Familie) nicht auf Gedeih und Verderb dem Staat ausgeliefert sein will und soll, bleibt er auf eine Erwerbstätigkeit angewiesen, wenn diese auch in Zukunft anders bewertet und aufgeteilt werden mag.

Das christlich-soziale Denken bleibt nun nicht bei einem liberalen Verständnis des Rechts auf Arbeit als eines bloßen Freiheitsrechts stehen, sondern faßt es als ein Recht auf Gelegenheit oder Möglichkeit zur Arbeit auf, die hier auch die Erwerbstätigkeit umfaßt. Dem entspricht die sozialethische Pflicht, solche Möglichkeiten zu schaffen. Ob es sich dabei um freie Berufsexistenzen oder abhängige Arbeitsverhältnisse handelt, ist damit noch nicht ausgesagt, wie auch die Arbeitsbereiche offengelassen werden.

Die mit der Erwerbstätigkeit verbundene Unabhängigkeit muß natürlich erkauft werden durch eine pflichtbewußte Eingliederung in einen geregelten Arbeitsablauf unter den vorgegebenen Bedingungen der wirtschaftlichen und technischen Entwicklung. Das Rent-

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nerideal, wonach die Arbeit zum reinen Hobby wird und auch noch mit einem hohen Einkommen verbunden ist, setzt die verpflichtende und anstrengende Erwerbstätigkeit voraus. Für die absehbare Zukunft brauchen wir nicht nur eine Freizeitethik, die uns an gewisse Pflichten erinnert, sondern auch ein neues Arbeitsethos, das verstärkt zur Selbstverantwortung anleitet.

Im Rhythmus von Arbeit und Freizeit kann die Selbstentfaltung nur dann gelingen, wenn sie eine Synthese von Freiheit und Bindung, von Pflicht und Neigung zustande bringt. Sonst droht - bezeichnenderweise vor allem im Freizeitbereich - die Selbstverwirklichung zur Selbstzerstörung zu werden: Gerade hier zeigen sich besonders bedrohliche Phänomene einer sinnlos vertanen Freiheit: Langeweile, Einsamkeit und Leere, neue Abhängigkeiten und Süchte, wie sie in der Drogenszene, im Alkoholismus und auch im übersteigerten Medienkonsum zum Ausdruck kommen.

Übel der Arbeitslosigkeit

Gegenwärtig zeigt sich die paradoxe Situation, daß man einerseits die Arbeitslosigkeit als Not empfindet, andererseits aber sich der Last der Arbeit entziehen möchte. In dieser Situation hat es freilich keinen Sinn, an die arbeitsmoralische Pflicht zu appellieren, die auch nicht Gegenstand dieser Überlegungen sein soll. Vermutlich wird bei anhaltender Arbeitslosigkeit auch jene Arbeit verstärkt als ein knappes und wertvolles Gut erfahren, die bisher als unbefriedigend und unzumutbar angesehen wurde.

Die sozialen Probleme verschärfen sich bei dauernder erzwungener Freizeit, also in der Arbeitslosigkeit. Anders als in der Dritten Welt führt bei uns die Arbeitslosigkeit nicht zu nacktem Elend, zu Hunger und Not. Arbeitslosigkeit bedeutet auch nicht den Entzug jeder Möglichkeit zur Selbstverwirklichung. Denn erstens vollzieht sich die Selbstentfaltung nicht nur in irgendeiner Arbeit, sondern auch in anderen Formen menschlicher Praxis. Und zweitens bedeutet Arbeitslosigkeit als Verlust eines bestimmten Arbeitsplatzes nicht notwendig gänzliche Untätigkeit und Unproduktivität, wie das Beispiel der Hausfrauen und Rentner zeigt.

Dennoch ist die Arbeitslosigkeit in den meisten Fällen ein großes persönliches und soziales Übel, das von den Betroffenen nur teilweise kompensiert werden kann durch Ausweichen auf außerwirtschaftliche Bereiche sowie auf Heimwerkerei und Schwarzarbeit. Ein persönliches Übel ist es, weil Arbeitslose in der Gesellschaft immer noch als unnütz abgestempelt, deklassiert und isoliert werden. Aufgabe der Kirche wäre es hier, wenigstens zu einem Mentalitätswandel und zum Abbau von Vorurteilen beizutragen. Ein soziales Übel ist die Arbeitslosigkeit vor allem wegen der Gefahr neuer Klassenkämpfe und politischer Radikalisierung, die bei Wohlstandsminderung unausweichlich scheinen. Von daher gesehen ist der soziale Friede stark gefährdet. Darum sollten wir uns an die Pflicht erinnern, unsere eigenen Ansprüche an die Arbeit und ihre Erträge so einzurichten, daß sie das Recht der anderen auf Arbeit wenigstens nicht schmälern.

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