Artikel: THOMAS HIEKE,
"Geh zur Ameise, du Fauler... " (Spr 6,6). Zur Beurteilung der menschlichen
Arbeit in den Psalmen und der biblischen Weisheitsliteratur.
In: Lebendiges Zeugnis 53 (1998) 19-31.

THOMAS HIEKE

"Geh zur Ameise, du Fauler... " (Spr 6,6)
Zur Beurteilung der menschlichen Arbeit in den Psalmen
und der biblischen Weisheitsliteratur


    "Lässige Hand bringt Armut, fleißige Hand macht reich. " (Spr 10,4)1
    "Wenn jemand etwas tut - welchen Vorteil hat er davon, daß er sich anstrengt (Koh 3,9)

Zwischen diesen Polen bewegen sich die Stellungnahmen zur menschlichen Arbeit in den Psalmen und in der biblischen Weisheitsliteratur: einerseits die Aufforderung zum Fleiß, verbunden mit dem Optimismus, daß er sich auszahlt, andererseits die kritische Frage nach dem, was all die Anstrengung wirklich bringt.

Bibel und Arbeitswelt

Es gibt im Alten Testament (AT) keine systematische Arbeitslehre, kein umfassendes Arbeitsrecht, nicht einmal ein einheitliches Arbeitsethos. Vor theologischen Überinterpretationen sollte man sich hüten.2 Dennoch sind gewisse Grundlinien erkennbar, die als eine Art Programm vor allem im zweiten (älteren) Schöpfungsbericht (Gen 2,4b-3,24) formuliert sind. Arbeit erscheint als ureigenste Aufgabe des Menschen: Vor dem Sündenfall setzt Gott den Menschen in den Garten Eden, damit er ihn bebaue und hüte (Gen 2,15), nach der Gartengeschichte erhält der Mensch den Auftrag, den Ackerboden zu bestellen, von dem er genommen war (Gen 3,23).3 Die Arbeit an sich ist positiv bewertet4 - was die Geschichte vom "Sündenfall" erklären will, ist die Frage, wie es zur Mühsal auf dem oft unfruchtbaren Ackerboden außerhalb des Gottesgartens gekommen ist.5 Und noch eine Klarstellung unternimmt der Text aus der Urgeschichte: Der Mensch arbeitet nicht für oder an Stelle der Götter, wie es in vielen anderen Schöpfungstexten aus der altorientalischen Umwelt Israels der Fall ist.6 Der Mensch arbeitet für sich selbst, wenn auch unter


1) Soweit nicht anders angegeben, folgen die Zitate der Einheitsübersetzung.
2) Vgl. H. D. Preuß, Art. Arbeit. I. Altes Testament, in: Theologische Realenzyklopädie Band 3, 1978, 613-618.613.
3) Vielleicht steht hinter dem Grundbestand der Verse Gen 2,5.7*; 3,23* ein altes Mythenfragment, das von der fehlenden Bebauung des Ackerbodens durch den Menschen, von der Formung des Menschen aus dem Ackerboden und dem Auftrag an den Menschen, den Ackerboden zu bestellen, sprach (so die These von C. Dohmen, Natürliche Künstlichkeit in Gottes Garten, in: Theologie und Glaube 84 [1994] 209-225. 216-218).
4) Vgl. W. Schottroff, Art. Arbeit (I) Im AT, Neues Bibel-Lexikon Band 1, 1991, 151-153.151.
5) Vgl. W. Bienert, Die Arbeit nach der Lehre der Bibel, Stuttgart 21956, 56-58.
6) Im Atramchasis-Mythos beispielsweise spricht der Gott Ea über die Aufgabe des zu schaffenden Urmenschen: "Die Last der Arbeit der Götter trage der Mensch!" (vgl. den Ausschnitt aus Tafel I in: Schöpfungserzählungen der Alten Welt, bearbeitet von H. Merklein, Beilage zu Heft 2/1996 der Zeitschrift Welt und Umwelt der Bibel, 6; zum Text des Atramchasis-Mythos vgl. W. von Soden, Der altbabylonische Atramchasis-Mythos, in: 0. Kaiser [Hg.], Texte aus der Umwelt des Alten Testaments, Band 3, Lieferung 4, Gütersloh 1994, 612-645, Zitat:

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Mühsal. Arbeit ist das normale Los jedes Menschen (vgl. Ex 20,9). Diese grundsätzlichen Beobachtungen seien vorangestellt. Es soll hier aber nicht um den Programmtext Gen 2-3 gehen, ebensowenig um die Frage von Arbeit und Ruhe im Blick auf das Sabbatgebot und die christliche Sonntagsruhe.7 Ferner wird nicht der Versuch unternommen, aus den literarischen Zeugnissen der Bibel auf soziokulturelle Verhältnisse zurückzuschließen. Für die sozialen Verhältnisse ist viel aus den Rechtstexten des AT, vor allem dem Deuteronomium, herauszulesen, noch mehr aber aus den außerkanonischen Zeugnissen, aus Inschriften und archäologischen Befunden.8 Hier wird vielmehr ein Textbereich des ersten Teils der christlichen Bibel ins Auge gefaßt, der in den zahlreichen Untersuchungen zum Bereich "Bibel und Arbeitswelt" kaum eine Rolle spielt, denn in den Psalmen, im Buch Ijob, in den Sprichwörtern, bei Kohelet und Jesus Sirach sowie im Buch der Weisheit stehen nicht die typischen Texte zu diesem Thema. Dennoch sind hier bemerkenswerte Einsichten zu gewinnen, da diese Literatur eben nicht programmatisch und idealistisch an das menschliche Los der Arbeit herangeht. Vielmehr prägte dieser wesentliche Lebensbereich Merksprüche, Gebete, philosophische Gedanken und andere Texte verschiedenster Art, die letztlich das menschliche Schicksal insgesamt widerspiegeln.

Wesentliche Aspekte

Nimmt man bei einer kanonischen Lektüre alle in Frage kommenden Stellen zusammen, so ergibt sich eine sehr differenzierte Beurteilung der menschlichen Arbeit. Die ältere Spruchweisheit im Buch der Sprichwörter betont vor allem den Wert des Fleißes und warnt noch häufiger vor den negativen Folgen der Faulheit. Der Optimismus in Sprichwörtern wie "Jede Arbeit bringt Erfolg, leeres Geschwätz führt nur zu Mangel" (Spr 14,23) wird jedoch im Buch Kohelet hinterfragt. Kohelet hat den Fall beobachtet, daß einer durch Mühe zu Wohlstand gekommen ist, dann aber einem Fremden diesen Reichtum abgeben muß (Koh 6,2; vgl. auch 5,12-15; 4,8). Nebenbei fließt auch immer wieder ein, daß Arbeit mit Mühe verbunden ist (vgl. Ps 78,46; 127,1; Weish 10,10; 13,13). Ein weiterer wesentlicher Aspekt des genannten Textbereichs, vor allem in bestimmten Psalmen, ist das Wissen darum, daß der Segen Jahwes unerläßliche Voraussetzung für alles Gelin-


623.624). Über die sozialgeschichtlichen Hintergründe schreibt M. Müller, Zur historischen Wertung der Darstellung des Arbeitsstreiks der Igigu-Götter im altbabylonischen Atramchasis-Mythos, in: B. Brentjes, Der arbeitende Mensch in den Gesellschaften und Kulturen des Orients, Kongreß- und Tagungsberichte der Martin-Luther-Universität Halle 1978, 120-131.
7) Vgl. dazu neuerdings z. B. N. Lohfink, Arbeitswoche und Sabbat in der Priesterlichen Geschichtserzählung; und H. Schüngel-Straumann, Das Geschenk des Sabbat im Alten Testament, beide in: Bibel und Kirche 52 (1997) 110-118.119-123. Es erscheint als konzeptionell einseitig, wenn dies die einzigen alttestamentlichen Beiträge in einem Themenheft sind, das mit "Arbeit" überschrieben ist.
8) Vgl. dazu exemplarisch F. Crüsemann ",... damit er dich segne in allem Tun deiner Hand..." (Dtn 14,29). Die Produktionsverhältnisse der späten Königszeit, dargestellt am Ostrakon von Mesad Hashavjahu, und die Sozialgesetzgebung des Deuteronormunis, in: L. Schottroff / W. Schottroff (Hg.), Mitarbeiter der Schöpfung. Bibel und Arbeitswelt, München 1983, 72-103.

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gen der menschlichen Arbeit ist: "Der Segen des Herrn macht reich, eigene Mühe tut nichts hinzu" (Spr 10,22). Ein eigenes Kapitel wiederum ist die Frage, wie sich die menschliche Arbeit zur Weisheitssuche und Schriftgelehrsamkeit verhält. Dieses Problem tritt erst in der Spätzeit des AT im Buch Jesus Sirach auf (Sir 38,24-39, 11).

Fleiß und Faulheit

Die fleißige Ameise wird im Buch der Sprichwörter als Vorbild hingestellt:

    (6) Geh zur Ameise, du Fauler, / betrachte ihr Verhalten, und werde weise!
    (7) Sie hat keinen Meister, /keinen Aufseher und Gebieter,
    (8) und doch sorgt sie im Sommer für Futter, /sammelt sich zur Erntezeit Vorrat.9
    (9) Wie lang, du Fauler, willst du noch daliegen, wann willst du aufstehen von deinem Schlaf?
    (10) Noch ein wenig schlafen, noch ein wenig schlummern, noch ein wenig die Arme verschränken, um auszuruhen.
    (11) Da kommt schon die Armut wie ein Strolch über dich, die Not wie ein zudringlicher Bettler. (Spr 6,6-11)
An diesem ausführlichen Zitat wird die Grundstruktur deutlich: Einer Mahnung zum Fleiß steht eine Warnung vor der Faulheit gegenüber. "Liebe nicht den Schlaf damit du nicht arm wirst; halte deine Augen offen, und du hast Brot genug" (Spr 20,13) ist eine weitere Mahnung dieser Art. Meist wird jedoch gar nicht gemahnt, sondern lediglich die Frucht des Fleißes betont: "Wer sein Feld bestellt, wird satt von Brot, wer nichtigen Dingen nachjagt, ist ohne Verstand" (Spr 12,11; vgl. auch 12,27; 13,4; 28,19). Hier zeigt sich, nebenbei bemerkt, daß der primäre Arbeitsbereich die Landwirtschaft ist: Im agrarischen Israel waren ... alle anderen Produktionszweige marginal."10 Gerade in der Erntezeit war daher die Arbeit auf dem Feld gefragt: "Wer im Sommer sammelt, ist ein kluger Mensch; in Schande gerät, wer zur Erntezeit schläft" (Spr 10,5). Doch schon vorher mußte das Feld bestellt werden: "Der Faule pflügt nicht im Herbst; sucht er in der Erntezeit, so ist nichts da" (Spr 20,4). Daß es mit dem Faulen ein schlimmes Ende nimmt, konstatiert Spr 18,9 sehr drastisch: "Schon wer sich lässig verhält bei seiner Arbeit - ein Bruder des Verderbers ist er."11 Hunger droht Spr 19,15 an, vor der Gier des Faulen warnt Spr 21,25-26. Dichterisch formuliert Spr 26,14: "Die Tür dreht sich in der Angel und der Faule in seinem Bett", denn er findet tausend Ausreden, um nicht zur Arbeit zu


9) Die griechische Bibelübersetzung (Septuaginta, LXX) ergänzt hier ein weiteres Tier als Vorbild: die fleißige Biene (Spr 6,8a-c LXX); vgl. dazu Bienert, Die Arbeit (Anm. 5), 79-80.
10) Vgl. F. Crüsemann, Produktionsverhältnisse (Anm. 8); vgl. auch 0. Wischmeyer, Die Kultur des Buches Jesus Sirach, BZNW 77, Berlin/New York 1995, 37-38: "Palästina war ein überwiegend agrarisches Land. Der Wohlstand und das Auskommen der Bevölkerung hing von der Landwirtschaft ab."
11) Übersetzung: 0. Plöger, Sprüche Salomos (Proverbia), Biblischer Kommentar AT 17, Neukirchen-Vluyn 1984, 208. Die Einheitsübersetzung interpretiert den Verderber als "Mörder".

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gehen: "Ein Löwe ist draußen, mitten auf der Straße käme ich ums Leben" (Spr 22,13; 26,13). Der kluge Mensch zieht aus dem verwahrlosten Acker und Weinberg des Faulen seine Lehre (Spr 24,30-34).

Der Optimismus, daß Fleiß Reichtum und Wohlstand einbringt, wird gerade in späterer Zeit (ab dem 5. Jh. v. Chr.) durch die sozialen Verhältnisse mehr und mehr in Frage gestellt. Hohe Steuern und Abgaben der fremden Oberherrschaft (schon in der Perserzeit und mehr noch unter den Ptolemäern im nachexilischen Juda) drängten die Landbevölkerung unter das Existenzminimum,12 und die Gesellschaft spaltete sich in Reiche, die Geld verleihen konnten, und Arme, die Geld leihen mußten, um die Steuern zu bezahlen. Frondienst zum Bau der Stadtmauer Jerusalems und schlechte Ernten taten ein übriges, so daß viele Kleinbauern in grausame Abhängigkeiten gerieten, die so weit reichten, daß sie ihre Kinder oder sich selbst als Sklaven verkaufen mußten.13 Wie das Buch Kohelet zeigt, war aber auch die Mittel- und Oberschicht nicht davor gefeit, ihren Reichtum in "schlechten Geschäften" zu verlieren (vgl. Koh 5,12-16).14 Daß Kohelet eher zu den Bessergestellten zu zählen ist, kann man an seinem Gedankenexperiment "Als ich König über Israel war" und dem detailliert geschilderten Luxus sehen (Koh 1,12; 2,3-11). Ausbeutung der Armen und Konkurrenzkampf beobachtet er nur von ferne (Koh 4,1-6) und kommentiert das als "Windhauch und Luftgespinst". Kohelet beobachtet nun, daß einem alle Mühe und aller erworbener Reichtum nichts nützen:

    Denn es kommt vor, daß ein Mensch, dessen Besitz durch Wissen, Können und Erfolg erworben wurde, ihn einem anderen, der sich nicht dafür angestrengt hat, als dessen Anteil überlassen muß. Auch das ist Windhauch und etwas Schlimmes, das häufig vorkommt. (Koh 2,21)
Dennoch singt Kohelet nicht das Lied der Faulheit, vielmehr sieht er es als Geschenk Gottes an, wenn einer sich für seinen eigenen Besitz anstrengt und abarbeitet und dann auch essen und trinken und das Glück genießen kann (Koh 5,17). Aufgrund der Unverfügbarkeit des Daseins ist dem Menschen dennoch zu raten, die Hände nicht sinken zu lassen (vgl. 10, 18):
    Alles, was deine Hand, solange du Kraft hast, zu tun vorfindet, das tu!
    Denn es gibt weder Tun noch Rechnen / noch Können noch Wissen in der Unterwelt, zu der du unterwegs bist. (Koh 9, 10)

Mühsame Arbeit und Erfolglosigkeit

Die menschliche Arbeit in biblischer Zeit war vom Stand der Sonne abhängig, Sonnenaufgang und Sonnenuntergang bestimmten Anfang und Ende der Arbeit. Das zeigt Ps


12) Vgl. Wischmeyer, Kultur (Anm. 10), 38.
13) Vgl. W. Schottroff, Arbeit und sozialer Konflikt im nachexilischen Juda, in: L. Schottroff / W. Schottroff (Hg.), Mitarbeiter der Schöpfung. Bibel und Arbeitswelt, München 1983, 104-148.
14) Vgl. dazu die Einleitung in N. Lohfinks Kommentar (Kohelet. Die Neue Echter Bibel, Würzburg 41993), 8.

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104,22-23: Beim Aufstrahlen der Sonne schleichen die jungen Löwen in ihr Versteck, und "nun geht der Mensch hinaus an sein Tagwerk, an seine Arbeit bis zum Abend". Der Lohn für diese Arbeit ist, daß Gott Pflanzen wachsen läßt, damit der Mensch Brot gewinnt, "und Wein, der das Herz des Menschen erfreut, damit sein Gesicht von Öl erglänzt und Brot das Menschenherz stärkt" (Ps 104,14-15). So ist wohl der Idealfall gedacht, wie er in dem Hymnus auf die wunderbare Schöpfung Gottes in Ps 104 zum Ausdruck gebracht wird. Ein weiteres Idealbild ist die tüchtige Frau in Spr 31,10-31,15 die noch in der Nacht für Speise sorgt (Spr 31,15) und auch in der Nacht ihre Lampe nicht löscht (18). Etwas realistischer hinsichtlich der tatsächlichen Gegebenheiten für den arbeitenden Menschen ist das folgende Sprichwort:
    Der Hunger (näfäs)16 des Arbeiters arbeitet ('amal) für ihn; denn sein Mund (pi = hu) treibt ihn an. (Spr 16,26)
Hier ist schon eher etwas vom täglichen Kampf um das Lebensnotwendige zu erkennen: Das dringende Bedürfnis nach Nahrung (hier bildlich mit "sein Mund" ausgedrückt) treibt den Arbeiter an. Kohelet, der schon den Optimismus der älteren Spruchweisheit in Frage stellt, daß Fleiß immer zum Erfolg führt, fragt auch hier tiefer nach. Er scheint drei Stichwörter des genannten Spruches aufzugreifen, wenn er formuliert:
    Alles Mühen ('amal) des Menschen geschieht für seinen Mund (pi=hu), und doch wird sein Rachen (näfäs) niemals voll. (Koh 6,7)17
Diese Aussage vertieft die Beobachtung aus dem Alltagsleben der arbeitenden Menschen ins "Anthropologisch-Existentielle" (D. Michel): Das unerfüllte Verlangen gehört zum Menschsein wesenhaft hinzu.18 Es könnte unter dem Publikum Kohelets Leute gegeben haben, die das für gut hielten. Kohelet zitiert diese Auffassung, antwortet aber dann in seiner bodenständig-realistischen Art:


15) Dieser Text ist vergleichsweise spät als Anhang an das Buch der Sprichwörter entstanden. "Obwohl das 'Lob der tüchtigen Frau' ... vom Männerstandpunkt aus erteilt wird, wird der wirtschaftliche Unternehmungsgeist und Geschäftssinn dieser Frau als selbstverständlich betrachtet" (Elisabeth Schüssler Fiorenza, Zu ihrem Gedächtnis ..., München/Mainz 1988, 149). Frauenarbeit wird in dem hier herangezogenen Bereich der Bibel nicht weiter thematisiert. Allgemein gilt: "Die Arbeit von Frauen, Freien wie Sklavinnen, wird im Ersten Testament häufig ausgeblendet" (Silvia Schroer in: L. Schottroff/S. Schröer/M.-T. Wacker, Feministische Exegese. Forschungserträge zur Bibel aus der Perspektive von Frauen, Darmstadt 1995, 147, wo die wenigen Beobachtungen aus anderen Bereichen der Bibel zusammengetragen werden). Zu Spr 31,10-31 vgl. neuerdings Ignatius G. P. Gous, Proverbs 31:10-31 - The A to Z of Woman Wisdom, in: Old Testament Essays 9 (1996) 35-51.
16) Dieses vieldeutige Wort wird gewöhnlich mit "Schlund, Rachen, Kehle, Atem", aber auch mit "Seele, das vitale Selbst, Leben" sowie "Verlangen, Begehren" übersetzt. Es steht auch für alles, was das Leben erhält, sowie für Erfahrungen, die es beeinflussen, hier z. B. Hunger. Als Sitz der Empfindungen und Affekte steht näfäs auch für Sehnsucht (vgl. Ps 42,3) und Gier (vgl. Ps 27,12). Vgl. H. Seebass, Art. næpæs in: Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament, Band 5, Stuttgart u. a. 1986, 531-555, zu Spr 16,26 vgl. 540.
17) Dieser Übersetzung ist mit D. Michel aufgrund der großen Nähe zu Spr 16,26 gegenüber dem Haupttext der Einheitsübersetzung (siehe aber den Alternativvorschlag in den Fußnoten) der Vorzug zu geben (vgl. D. Michel, Untersuchungen zur Eigenart des Buches Kohelet, BZAW 183, Berlin/New York 1989, 147-151).
18) Vgl. D. Michel, Untersuchungen (Anm. 17), 150.

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    Besser, man genießt, was vor Augen kommt,19 / als daß das Verlangen (näjäg) umherwandelt. Auch das ist absurd und Haschen nach Wind. (Koh 6,9)
Kohelet wendet sich damit gegen eine Meinung, die die ungestillte Sehnsucht idealisiert und die eigenen Wünsche auf ein fernes Jenseits richtet. Gegenüber manchen seiner Zeitgenossen, die Armut (vgl. Koh 6,8!) und unerfülltes Verlangen heldenhaft herausstellen, betont Kohelet, daß es das Geschenk Gottes ist, den Ertrag seiner Arbeit, das, was vor Augen ist, zu genießen:
    (7) Also: Iß freudig dein Brot, / und trink vergnügt deinen Wein;
    denn das, was du tust, / hat Gott längst so festgelegt, wie es ihm gefiel.
    (8) Trag jederzeit frische Kleider, / und nie fehle duftendes Öl auf deinem Haupt.
    (9) Mit einer Frau, die du liebst, genieß das Leben / alle Tage deines Lebens voll
    Windhauch, die er dir unter der Sonne geschenkt hat, alle deine Tage voll Wind-
    hauch. Denn das ist dein Anteil am Leben und an dem Besitz, /für den du dich unter
    der Sonne anstrengst.
    (Koh 9,7-9; vgl. auch 2,24; 3,13; 5,18)
Realistische Weltsicht statt weltfremder Optimismus, so könnte man Kohelets Anschauung plakativ zusammenfassen. Eine ähnlich realistische, insgesamt jedoch positivere Einstellung findet sich auch bei Jesus Sirach (vgl. Sir 11,10-28) .20

An Gottes Segen ist alles gelegen

Dieses bekannte Sprichwort ist ein Grundgedanke, der die gesamte hier ins Auge gefaßte biblische Literatur durchzieht. Das bereits zitierte Wort Spr 10,22 ist eine Spitzenaussage: Im Vergleich zum Segen Gottes verblaßt jegliche menschliche Mühe. Man darf hier den Protest eines Weisheitslehrers gegen eine Haltung vermuten, die lediglich auf den eigenen Fleiß und die eigene Arbeit baut und sich Reichtum allein aus eigener Anstrengung erhofft - insofern auch eine Kritik an dem Lob des Fleißes in anderen Sprichwörtern (10,4-5). Dieser Spruch bringt einen eindeutig religiösen Standpunkt ein.21 Die klassische Verknüpfung von Mühe und Erfolg, Fleiß und Reichtum wird so in ihre menschlichen Grenzen gewiesen. Psalm 127 macht diesen Gedanken zum Thema.22


19) Für L. Schwienhorst-Schönberger liegt hier das "Herzstück seiner [Kohelets] Phänomenologie des Glücks". Es geht um die tatsächliche und konkrete "Glückserfahrung"; vgl. L. Schwienhorst-Schönberger, "Nicht im Menschen gründet das Glück" (Koh 2,24). Kohelet im Spannungsfeld jüdischer Weisheit und hellenistischer Philosophie, HBS 2, Freiburg 1994, 154-156.
20) Siehe dazu z. B. H. Irsigler, "Umsonst ist es, daß ihr früh aufsteht ..." Psalm 127 und die Kritik der Arbeit in Israels Weisheitsliteratur, in: Biblische Notizen 37 (1987) 48-72.68.
21) Vgl. Irsigler, Psalm 127 (Anm. 20), 67.
22) Zu Struktur, Überlieferungsgeschichte und Interpretation des Psalms vgl. v. a. Irsigler, Psalm 127 (Anm. 20). Auf dieser Arbeit beruhen die folgenden Ausführungen zu Ps 127 sowie die Zitate in Anführungszeichen. Ps 127,1-2 sind überlieferungskritisch als selbständig anzusehen.

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    (1) Wenn nicht der Herr das Haus baut, / müht sich jeder umsonst, der daran baut. Wenn nicht der Herr die Stadt bewacht, / wacht der Wächter umsonst.
    (2) Es ist umsonst, / daß ihr früh aufsteht / und euch spät erst niedersetzt, um das Brot der Mühsal zu essen; / denn der Herr gibt es den Seinen im Schlaf.
Es geht um konkrete Tätigkeiten, die mit gehöriger Mühe verbunden sind: Der Bauer Palästinas arbeitet von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang und setzt sich dann zur Hauptmahlzeit, die oft genug nur aus Brot besteht. In Vers 1 geht es um ganz konkrete Tätigkeiten des einfachen Volks, wobei der Hausbau und das Bewachen der Stadt nur als Beispiele stehen. Ebenso ist in Vers 2 die Arbeit des Bauern Beispiel für den harten Arbeitsalltag. Und noch dazu steht diese harte Arbeit, die ja nach dem zweiten Schöpfungsbericht von Gott dem Menschen zugedacht ist (Gen 3,17-19), unter dem Urteil des "umsonst"! Doch die Mühe ist umsonst, wenn sie ohne Gott geschieht. Im Grunde, so betont Ps 127, tut Gott des Menschen Werk, und nur so gelingt, was der Mensch anpackt. Vers 1 drückt "sehr präzise ein echtes Zusammenwirken von Gott und Mensch im selben Werk aus". Doch die Kritik am Leistungsdenken geht noch weiter: Was soll man sich anstrengen, wenn's doch der Herr den Seinen im Schlafe gibt? Eine Reihe von Deutungen versuchte hier, das anstößige Wort zu glätten,23 jedoch ist an dem Text festzuhalten, daß Jahwe seinem Liebling (hier übersetzt mit den Seinen) das Gleiche ohne Mühsal (im Schlafe) zukommen läßt wie denen, die nicht seine Lieblinge sind und sich abplagen müssen. Die Einzahl sein Liebling ist hier aber entscheidend: Es ist nicht automatisch an die Frommen und Gerechten gedacht, sondern es geht vielmehr um ein "persönlich erfahrenes und begriffenes Verhältnis Jahwes zu einem Menschen" sowie um die "freie göttliche Zuneigung", um das "irrationale Moment göttlicher Freiheit". Hier stoßen wir auf den Bereich der individuellen Gottesbeziehung und der persönlichen Religiosität. Anders als die bereits genannten Tüchtigkeitsregeln in den Sprichwörtern, die den Fleiß loben, vor Faulheit warnen und überhaupt nicht von Gott reden, ist hier eine theologische Reflexion der menschlichen Arbeit vorausgesetzt: Der persönlich-konkret wirkende Gott ist bei allem menschlichen Gelingen mit beteiligt. Da dies jedoch vielfach nicht gesehen wird, steigert sich Ps 127 in eine provozierende Mahnung hinein: Die in harter Arbeit eingespannten armen Leute werden eingeladen, über ihr enges Schicksal hinauszublicken auf Gottes Freiheit und seine Sorgen für den, den er liebt. Wer dies für utopisch hält, verharrt in dem rationalen Leistungsdenken, das der Psalmdichter und Weisheitslehrer bei denen, die er anspricht, aufsprengen will.

Im Psalter folgt ein weiterer Psalm, der ohne provozierende Aussagen und ohne Blick auf die Mühsal der Arbeit im Grunde aber in die gleiche Kerbe schlägt: Ps 128. Der Text betont den Segen für den, der Jahwe fürchtet und ehrt. Frucht dieses Segens ist es, daß derjenige den Ertrag seiner Hände Arbeit genießen kann und sein Glück in einer guten Fami-


23) Z. B. daß Gott seinem Liebling Schlaf oder hohe Stellung/Ehre gibt.

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lie erfährt. Umgekehrt, so betont das kurz vor der Zeitenwende in griechischer Sprache verfaßte Buch der Weisheit, werden die Frevler für ihre Pläne bestraft, und wer Weisheit und Belehrung mißachtet, dessen Mühen sind vergeblich und dessen Taten wertlos (vgl. Weish 3, 10-11). Das Buch der Weisheit wendet sich auch dagegen, daß der Mensch das Produkt seiner Hände Arbeit vergöttlicht, und macht die Herstellung von Götterbilden lächerlich: Ein Holzschnitzer produzierte ein nützliches Gerät, verbrannte in seinem Herd die Abfälle, und das, was zu nichts brauchbar war, nahm er, schnitzte daran so eifrig und fachgemäß, wie man es tut, wenn man am Abend von der Arbeit abgespannt ist, formte es zum Bild eines Menschen; und nachdem er lange daran gebastelt hat und es mit Eisen befestigt hat, schämt er sich nicht, das Leblose anzureden und das Kraftlose um Gesundheit anzuflehen (vgl. Weish 13,10-19). Ebenso kann der menschliche Erwerbstrieb ein gutes Schiff aus Holz ersinnen, das ein Künstler mit seiner Klugheit konstruiert - wie abwegig ist es dann, ein hilfloses hölzernes Götterbild um Hilfe für die Seefahrt anzurufen (Weis 14,1-11; ähnlich der Töpfer in Weish 15,7-13).

... und wenn der Segen Gottes ausbleibt?

Um den Segen Gottes für das Werk der eigenen Hände kann gebetet werden. So formuliert der Schluß von Psalm 90: "Es komme über uns die Güte des Herrn, unseres Gottes. Laß das Werk unsrer Hände gedeihen, ja, laß gedeihen das Werk unsrer Hände!" (P 90,17). In Ps 90 geht es um die Vergänglichkeit und Kürze des menschlichen Lebens, die im Bild des kurzlebigen Grases verdeutlicht werden. Auch wenn einer siebzig oder achtzig Jahre alt wird, ist doch das meiste nur "Mühsal und Beschwer". Die Bitte des Psalm geht nun dahin, daß Gott dieses armselige Menschenleben nicht übersehen möge, sondern sich seinen "Knechten" (der betenden Gemeinde) wieder zuwenden möge. Ausdruck dieser neuen Zuwendung Jahwes soll der sichtbare Erfolg und das Gelingen der menschlichen Arbeit (das Werk unserer Hände) sein. Der Psalm sieht also darin ein besondere Geschenk Gottes, wenn trotz der menschlichen Vergänglichkeit dennoch ein produktive Leben möglich ist und das Tun des Menschen Bestand hat.24

Die Bibel läßt aber im Grunde nichts unhinterfragt. Auch der Gedanke, daß jedes menschliche Gelingen vom Segen Gottes abhängt, wird in einem Gedankenexperiment umgekehrt und so vor falschen Schlußfolgerungen bewahrt. Das Buch Ijob erzählt den Fall daß es einem gerechten und gottesfürchtigen Menschen (Ijob) wider alle Regel und Erwartung schlimm ergeht. Die harten und anklagenden Dialoge Ijobs mit seinen Freunde werden von einer Erzählung gerahmt, die das heute bekannte Bild vom Dulder Ijob prägte. In dieser Rahmenerzählung unterstellt der Satan, daß Ijob nur deshalb so fromm sei weil es ihm gutgehe:


24) Vgl. zu dieser Deutung M.E. Tate, Psalms 51-100, Word Biblical Commentary, Dallas/Texas 1990, 444.

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    (9) Der Satan antwortete dem Herrn und sagte: Geschieht es ohne Grund, daß Ijob Gott fürchtet? (10) Bist du es nicht, der ihn, sein Haus und all das Seine ringsum beschützt? Das Tun seiner Hände hast du gesegnet; sein Besitz hat sich weit ausgebreitet im Land. (11) Aber streck nur deine Hand gegen ihn aus, und rühr an all das, was sein ist; wahrhaftig, er wird dir ins Angesicht fluchen. (Ijob 1,9-11)
Es ist auch bekannt, daß der Teufel nicht recht behält: Ijob folgt nicht dem Rat seiner Frau, die nach all den schlimmen "Hiobsbotschaften" und seiner Krankheit sagt: Lästere Gott und stirb! (2,9). Ijob läßt nicht von Gott ab, hält aber auch seine Klage aufrecht. Die Rahmenerzählung läßt dann das Buch mit einer großartigen Rehabilitierung Ijobs enden (42,10-17). Das Buch Ijob will im Blick auf die menschliche Arbeit zwei mögliche Mißverständnisse ausräumen. Zum einen ist es nicht so, daß der Gerechte (hier Ijob als Musterfall) nur deswegen Gott "fürchtet" (verehrt, liebt), weil es ihm gutgeht. Ein solches geschäftsmäßiges Gottesverhältnis ist dem Alten Testament fremd: Zwar erwarten und erhoffen sich die Menschen Segen und Glück für ihr Tun von Gott, aber wenn das ausbleibt, wechseln sie nicht ihre Religion, sondern nur die Form ihres Gebetes. Sie verlassen Gott nicht, sondern klagen ihn an. Das ist massiv im Buch Ijob, vor allem in den Dialogen innerhalb der Rahmenerzählung, zu beobachten, aber auch in den Psalmen, die oft so leidenschaftlich nach Gott angesichts des menschlichen Leidens fragen und klagen. Gerade weil aber Ijob (und viele andere Gestalten im Alten Testament) trotz allem an Gott festhält, muß ein zweites Mißverständnis beseitigt werden: Aus dem Ausbleiben des Segens Gottes und dem eigenen Mißerfolg und Unglück kann nicht automatisch auf eine persönliche Verfehlung und Schuld zurückgeschlossen werden. Ijobs Freunde wollen ihm immer einreden, er müsse gesündigt haben, weil es ihm so schlecht ergeht. Aber Ijob wehrt sich dagegen und beruft sich vor Gott auf sein aufrichtiges Bemühen um ein gerechtes Leben. Damit wird klargestellt: Es steht zwar zu hoffen, daß Gott das fleißige und aufrichtige Tun der Hände mit seinem Segen belohnt, aber dieser Segen ist ungeschuldet und freies Geschenk Gottes. Das Ausbleiben des Segens, das im menschlichen Mißlingen und Unglück sichtbar wird, kann nicht zwangsläufig auf ein Fehlverhalten oder eine Sünde des betreffenden Menschen zurückgeführt werden. Die Frage nach dem Warum von Mißerfolg und Leid bleibt damit offen.

Arbeit und Schriftgelehrsamkeit

Als die ersten Bücher der Bibel, genauer die "Tora", die fünf Bücher Mose, abgeschlossen waren, bildete sich (etwa im dritten und zweiten Jahrhundert v. Chr.) die "neue soziale Klasse" der sogenannten Schriftgelehrten heraus: Leute, die sich ausschließlich dem Studium und der Erforschung der Schrift und der Tradition widmeten.25 Der Verfasser des


25) Vgl. M. Löhr, Bildung aus dem Glauben. Beiträge zum Verständnis der Lehrreden des Buches Jesus Sirach, Dissertation, Bonn 1975, 99-100.

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Buches Jesus Sirach" (Ben Sira), Jesus, Sohn des Eliasars, des Sohnes Sirachs (vgl. Sir 50,27) war vermutlich ein solcher Schriftgelehrter, da er selbst über den Schriftgelehrten schreibt und diese Passagen deutlich autobiographische Züge zeigen.26 In einem langen Lehrgedicht schreibt Ben Sira über das Verhältnis von menschlicher Arbeit und Schriftgelehrsamkeit (Sir 38,24-39,11). Der Text beginnt mit einem thematischen Paukenschlag:
    Die Weisheit27 des Schriftgelehrten vermehrt das Wissen. Wer frei ist von Arbeit28, kann sich der Weisheit widmen. (Sir 38,24)
Soll damit etwa eine überhebliche Ablehnung (körperlicher) Arbeit gemeint sein?29 Die Fortsetzung könnte in diese Richtung gehen: Wie kann sich einer der Weisheit widmen, der den Pflug hält und mit dem Treiberstachel prahlt, der Rinder auf die Weide treibt, Ochsen zurückholt, sich mit den Jungstieren unterhält, der seinen Sinn auf das Eggen der Furchen richtet und darauf bedacht ist, die Mast zu vollenden? (Sir 38,25-26). Nach dem Landwirt folgen drei weitere Berufsbilder (Schnitzer und Kunsthandwerker, Schmied, Töpfer) nach dem gleichen Muster. Es wird jeweils die Härte der Arbeit betont (das Feuer schmilzt die Haut des Schmieds) und beschrieben, worauf die Handwerker ihr Herz und ihre Sorge richten. Malt hier Ben Sira eine dunkle Folie, vor der die geistige Tätigkeit des Schriftgelehrten um so heller leuchtet? Manche vermuten, daß Ben Sira eine ägyptische Dichtung als Vorbild benutzte: die Lehre des Kheti, Sohn des Duauf.30 Hier handelt es sich um eine Satire über etwa 17 bis 20 Berufe voller Doppeldeutigkeiten und Zynismen: Die Arbeiter sind verachtete, hungrige Menschen, denen nichts gelingt. Eine derartige Abqualifizierung manueller Arbeit ist jedoch in Ben Siras Gedicht nicht zu finden. Ein ausführlicher Vergleich beider Texte zeigt, daß die Unterschiede weitaus größer sind als die Gemeinsamkeiten.31 Ben Sira betont sogar, daß jeder dieser Handwerker erfahren ist in seinem Geschäft (wörtlich: weise ist in seinem Werk) und unentbehrlich für das Leben in der Stadt (Sir 38,31-32). An anderer Stelle empfiehlt Ben Sira sogar die Arbeit sei-


26) Vgl. H. Stadelmann, Ben Sira als Schriftgelehrter, WUNT 6, Tübingen 1980, 230-231. Nach der Schilderung verschiedener Gruppen (Frau 36,23-31; Freund 37,1-6; Ratgeber 37,7-18; Gelehrter 37,19-26; Arzt 38,1-15) stellt das Bild des Schriftgelehrten in Ben Siras Auffassung den Höhepunkt dar (vgl. J. Marböck, Weisheit im Wandel. Untersuchungen zur Weisheitstheologie bei Ben Sira, BBB 37, Bonn 1971, 120; ders., Sir 38,24-39,11: Der schriftgelehrte Weise. Ein Beitrag zu Gestalt und Werk Ben Siras, in: M. Gilbert [ed.], La Sagesse de l'Ancien Testament, BETL 51, Leuven 1979, 293-316).
27) So schreibt die Einheitsübersetzung nach dem hebräischen Text. Die griechische Übersetzung deutet den Vers so: "Die Weisheit des Schriftgelehrten (gründet) in der Gelegenheit zur Muße" (Übersetzung nach Stadelmann, Ben Sira [Anm. 26], 285). Stadelmann vermutet, daß der hebräische Text schon früh geändert wurde, indem das Votum für die Muße gestrichen wurde. Zum Problem des Textes vgl. auch 0. Rickenbacher, Weisheitsperikopen bei Ben Sira, OBO 1, Freiburg (CH)/Göttingen 1973, 179.
28) Das hebräische Wort heißt oft auch schwere Arbeit, intensive handwerkliche Beschäftigung.
29) W. Schottroff, Art. Arbeit (Anm. 4), 152, vermutet hier den Einfluß einer hellenistischen Oberschichtenauffassung. Ganz massiv vertritt diese Ansicht Bienert, Die Arbeit (Anm. 5), 142-150.
30 Text bei H. Brunner, Die Lehre des Cheti, Sohnes des Duauf, Glückstadt/Hamburg 1944.
31) Dieser ausführliche Vergleich ist bei Rickenbacher, Weisheitsperikopen (Anm. 27), 186-192, zu finden. Es handelt sich bei Sir 38,24-39,22 wohl weniger um eine literarische Abhängigkeit von einer Vorlage, sondern eher um eine Kenntnis der Topik; vgl. Marböck, Sir 38 (Anm. 26), 295.

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nen Schülern: "Hasse nicht schwere Arbeit und den Landbau, der vom Höchsten geschaffen ist" (Sir 7,1532) und betont:
    (26) Spiel nicht den Weisen, wenn du arbeiten sollst, / tu nicht vornehm, wenn du in Not bist.
    (27) Besser einer, der arbeitet und großen Reichtum gewinnt, als einer, der vornehm tut und nichts zu essen hat. (Sir 10,26-27)
Worum geht es Ben Sira dann? "Kurz: Es geht ihm darum, daß die Handwerker (gute, nützliche und in ihrer Arbeit weise - aber eben doch) Handwerker bleiben und daß das höchste Weisheitsniveau eindeutig den von allem Erwerbszwang freien, mit Muße zum Studium ausgestatteten Soferim [Schriftgelehrten, T. H.] vorbehalten bleibt."33 Die Handwerker sind zwar weise in ihrem Beruf, aber "zur Volksversammlung werden sie nicht hinzugezogen, in der Gemeinde ragen sie nicht hervor. Sie sitzen auf keinem Richterstuhl und kennen sich nicht aus in Recht und Gesetz. Weise Bildung offenbaren sie nicht, Sinnsprüche sind bei ihnen nicht zu finden" (Sir 38,33). Die Untersuchung der heiligen Schriften und der weisheitlichen Tradition, die Produktion von Sprüchen und Gebeten, von praktischem Rat und öffentlicher Belehrung bleibt dem Schriftgelehrten vorbehalten. Er hat dazu die Weisheit und die Muße, denn dieses Tun erfordert vollen Einsatz. Dazu gehört nicht nur das Studieren der Schriften, sondern auch das Reisen in ferne Länder, vielleicht auch als Gesandter des Volkes zu anderen Fürsten (39,4), vor allem aber das fromme Gebet (39,5-6).34 Dieser Schriftgelehrte ist auch in der Lehre tätig und erwirbt sich mit seiner Weisheit und seinem Rat unsterblichen Nachruhm (39,7-11).35 Die Frage bleibt: Ist das Arbeit? Diese Frage mußte sich offensichtlich schon Ben Sira selbst gefallen lassen, denn es ist zu vermuten, daß er sein Lehrgedicht (das Preisgedicht auf den Schriftgelehrten) deshalb verfaßt hat, weil bestimmte Kreise die privilegierte Stellung der "hauptamtlichen" Schriftgelehrten in Frage stellten.36 Ben Sira jedenfalls plädiert für den Gelehrten mit "Vollzeitstelle", der sich frei von Erwerbsarbeit und dem Zwang, für den


32) Übersetzung nach Stadelmann, Ben Sira (Anm. 26), 290.
33) Stadelmann, Ben Sira (Anm. 26), 290.
34) Nach Marböck, Sir 38 (Anm. 26), 301-311, steht die religiöse Dimension der Tätigkeit des Schriftgelehrten im Zentrum der Darstellung. Das Gebet ist "Vollendung und Höhepunkt seines Engagements" (303).
35) Die Bezeichnung "Schriftgelehrter" ist also hier nicht auf das bloße Studium der Tora (der heiligen Schriften) einzuengen, sondern umfaßt eben auch - und das ist charakteristisch für Ben Siras Darstellung - Lebensklugheit, Rat, Erfahrung, Bildung. Marhöck, Sir 38 (Anm. 26), 311, plädiert daher für eine offenere Übersetzung wie "schriftgelehrter Weiser".
36) Die Rabbinen in späterer Zeit verwerfen den Gedanken völliger Berufsfreiheit, vgl. m. Aboth 2:2a: "Rabban Gamli'el, der Sohn von Rabbi Jehuda ha-Nasi', sprach: Schön ist das Studium der Tora, verbunden mit weltlicher Beschäftigung; denn die Bemühung um sie beide läßt die Sünde vergessen; aber jede Tora, mit der keine körperliche Arbeit verbunden ist, hört am Ende auf und hat Sünde zur Folge" (vgl. Text und Kommentar bei K. Marti / G. Beer, Die Mischna. IV. Seder. Neziqin. 9. Traktat. 'Abot [Väter], Gießen 1927, 39).

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Lebensunterhalt zu sorgen, dem Wort Gottes und der Suche nach Weisheit sowie dem personalen Kontakt mit Gott widmen kann.37

Zusammenfassung

Was die Psalmen und die Weisheitsliteratur über die menschliche Arbeit sagen, reicht sicher nicht aus für eine systematische "Arbeitslehre". Jedoch ergibt sich aus den verstreuten Aussagen ein sehr differenziertes Bild, das insgesamt zeigt, wie realistisch dieser Teilbereich der Bibel das menschliche Los der Arbeit einschätzt.38 Diejenigen, die diese Texte geschrieben und verwendet haben, wußten um die Mühsal der Arbeit, wenn auch in manchen Fällen aus theoretischer Sicht (wie etwa Ben Sira). Ihnen ist der Gedanke fremd, die menschliche Arbeit ideologisch zu verklären39 oder zu einem kostbaren Gut zu erklären. Dennoch wird die Arbeit als wichtiger Lebensbereich des Menschen auch vor dem Angesicht Gottes gedeutet. Gerade die Psalmen machen darauf aufmerksam, daß von Gottes Gnade alles menschliche Gelingen abhängt. Bleibt aber der Erfolg der Anstrengungen aus, so ist dies umgekehrt kein Beweis für eine menschliche Verfehlung, die zum Verlust des göttlichen Wohlwollens führt. Daran arbeitet sich das Buch Ijob ab.

In der Zeit, in der die Texte verfaßt wurden, bestand an Arbeit offenbar kein Mangel.40 Was können diese Worte in der heutigen Zeit angesichts einer gravierenden Arbeitslosigkeit, in der ein Arbeitsplatz kostbar geworden ist, noch sagen? Es sind mehrere Herausforderungen zu nennen. Der Optimismus der älteren Spruchweisheit, daß sich Fleiß auszahlt, wird zwar schon in biblischer Zeit hinterfragt, ist jedoch immer auch eine Herausforderung an Wirtschaft und Gesellschaft, diesen Zusammenhang zu gewährleisten. Der soziale Friede wird dauerhaft Schaden nehmen, wenn sich Leistung nicht auszahlt, wenn etwa junge Leute feststellen, daß all ihr Fleiß und Einsatz nicht zählt und sie zu arbeitslosen Opfern eines unbarmherzigen Arbeitsplatzabbaus werden. Jeder Mensch muß die Chance bekommen, seinen Fleiß unter Beweis stellen zu können!

Die untersuchten biblischen Texte warnen ferner davon, in besinnungslosen Aktivismus zu verfallen und sein Selbstwertgefühl und seine Ehre allein in der Arbeit und dem daraus


37) "Das Ideal der Freiheit von jeglicher manueller Arbeit im Interesse der Weisheit in 38,24ff. ist jedoch einzigdastehend, nicht nur im Sirachbuch, sondern im ganzen AT" (Marböck, Sir 38 [Anm. 26] 300). Marböck betont, daß dieses Idealbild des Schriftgelehrten auch in der späteren jüdischen Tradition nicht mehr begegnet und verweist auf Pirqe Abot 2,2 (s. Anm. 36).
38) Vgl. Bienert, Die Arbeit (Anm. 5), 61.
39) "Die ganze Bibel weiß nichts von einer idealisierenden Verharmlosung oder Beschönigung der Arbeit" (Bienert, Die Arbeit [Anm. 5], 56). Die Bibel "gibt sich nicht der Illusion hin, daß eine Sozialgemeinschaft oder überhaupt eine Gemeinschaft von Menschen auf der Arbeit begründet sein könne" (62).
40) Anders ist dies etwa im Blick auf die neutestamentliche Zeit, denn hinter dem Gleichnis der Arbeiter im Weinberg (Mt 20,1-16) dürften realistische Alltagsverhältnisse stehen. Und wenn der Gutsbesitzer am Mittag und selbst am späten Nachmittag immer noch untätig herumsitzende Arbeiter findet, so dürfte dies ein Anzeichen für Arbeitslosigkeit sein!

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geschöpften Reichtum zu suchen. Gerade Ps 127 ist hier ein sehr befreiender Text, der dazu einlädt, sich als geliebtes Kind Gottes zu begreifen und sich bewußt zu machen, daß ohne Gottes Segen jede menschliche Anstrengung "umsonst" ist.

Die Frage nach der "Arbeit" des Schriftgelehrten weitet den Horizont in eine andere Richtung, die für die heutige Zeit sehr wichtig ist. Das Tun des Schriftgelehrten ist eine wertvolle Kulturleistung, die vielleicht gerade deswegen um so gelungener ist, als er frei vom Zwang zur Erwerbsarbeit ist und die notwendige "Muße" hat, um Einsichten zu gewinnen, für die ein in der Erwerbsarbeit stehender Mensch unter Umständen keinen Blick hat. Dies ist für die moderne Industriegesellschaft eine Herausforderung, da sich hier das Leitbild von Arbeit auf Erwerbsarbeit verengt hat. Diese Feststellung trifft auch das Wort des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Deutschen Bischofskonferenz zur wirtschaftlichen und sozialen Lage in Deutschland und betont: "Menschliche Arbeit ist nicht notwendigerweise Erwerbsarbeit. ... Je mehr jedoch die mit dem technischen Fortschritt einhergehende Steigerung der Arbeitsproduktivität ein Wirtschaftswachstum bei gleichzeitiger Verringerung der Arbeitsplätze ermöglicht, desto fragwürdiger wird die Verengung des Arbeitsbegriffs auf Erwerbsarbeit."41 Insgesamt ist so für ein neues Arbeitsverständnis zu plädieren, das neben der Erwerbsarbeit auch Haus- und Familienarbeit, soziale Begegnungen, Kulturarbeit und geistige Forschungsarbeit mit einschließt und politisch wie gesellschaftlich als einen unersetzlichen Beitrag für die Gesellschaft anerkennt. Der "freischaffende" Schriftgelehrte, von dem Ben Sira schreibt, ist hier sicher eine Idealfigur, die frei von den Zwängen des menschlichen Daseins (oder auch vom Druck der bevorstehenden Wiederwahl) den Dingen auf den Grund geht und so zu einer kompetenten Institution wird, die in Politik und Gesellschaft Wege und Lösungen aufzeigen kann. Die Herausforderung ist hier die Frage, wo heute solche Freiräume vorhanden sind und genutzt werden.


41) "Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit", hg. vom Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland, Herrenhäuser Straße 12, 30419 Hannover, und vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Kaiserstraße 163, 53113 Bonn, Abschnitt 4,4 (Nr. 152;155); vgl. auch Hinführung Nr. 16.

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