Artikel. JOSEF KREIML,
Die Herrschaft des Menschen als Ausdruck
seiner Gottebenbildlichkeit. Theologisch-anthropologische
Grundaussagen Romano Guardinis.
In: Lebendiges Zeugnis 52 (1997) 224-229.

JOSEF KREIML

Die Herrschaft des Menschen als Ausdruck seiner Gottebenbildlichkeit.
Theologisch-anthropologische Grundaussagen Romano Guardinis

In seiner Studie über das Phänomen der Macht aus dem Jahre 19511 macht Romano Guardini (1885-1968), der bedeutende Religionsphilosoph unseres Jahrhunderts, auf der Grundlage seiner theologischen Schöpfungs- und Erlösungslehre wesentliche Aussagen über die Ausübung menschlicher Herrschaft und Verantwortung. Die Herrschaftsausübung des Menschen ist in seiner Gottebenbildlichkeit begründet. Insofern "ist die Macht dem Menschen nicht aus eigenem Recht, in Autonomie, sondern als Lehen zu eigen. Er ist Herr von Gnaden, und soll seine Herrschaft in Verantwortung gegen Den ausüben, der Herr von Wesen ist. Dadurch wird die Herrschaft zum Gehorsam, zum Dienst."2

Dem Menschen als endlichem Freiheitswesen ist von Gott, dem absoluten Freiheitswesen, die Aufgabe gestellt, das göttliche Schöpfungswerk fortzuführen. Somit ist die menschliche Herrschaft "Gehorsam und Dienst in dem Sinne, daß sie sich in der Schöpfung Gottes bewegt, und die Aufgabe hat, das, was Er aus seiner absoluten Freiheit als Natur geschaffen, im Raum der endlichen Freiheit als Geschichte und Kultur fortzuführen. Durch seine Herrschaft soll ... der Mensch nicht autonom seine Eigenwelt aufrichten, sondern die Welt Gottes nach dessen Willen als menschliche Freiheitswelt vollenden."3

Diese grundlegenden Aussagen zeigen, daß die Topoi "Gehorsam" und "Dienst" bei Guardini eine zentrale Rolle spielen. In seiner Auslegung der biblischen Schöpfungsberichte kommt der Münchener Religionsphilosoph zu dem Ergebnis, der Mensch solle seine Herrschaft in der Weise ausüben, "daß er im Gehorsamsverhältnis zu Gott bleibt und sie als Dienst vollzieht. Er soll Herr werden, aber so, daß er im Ebenbild bleibt und nicht nach der Urbildlichkeit verlangt."4


1) Vgl. R. Guardini, Das Ende der Neuzeit. Ein Versuch zur Orientierung/Die Macht. Versuch einer Wegweisung (= Romano Guardini Werke), Mainz - Paderborn, 11./8. Aufl. 1989, 95-186. Weiter verwendete Lit.: ders., Ethik. Vorlesungen an der Universität München. Aus dem Nachlaß hg. v. H. Mercker, Bd. 1 (= Romano Guardini Werke), Mainz - Paderborn 1993; H. Mercker, Christliche Weltanschauung als Problem. Untersuchungen zur Grundstruktur im Werk Romano Guardinis, Paderborn u. a. 1988; Josef Cardinal Ratzinger, Wesen und Auftrag der Theologie. Versuche zu ihrer Ortsbestimmung im Disput der Gegenwart, Einsiedeln Freiburg 1993, 11-85; J. F. Schmucker-von Koch, Autonomie und Transzendenz. Untersuchungen zur Religionsphilosophie Romano Guardinis, Mainz 1985.
2) R. Guardini, Ende der Neuzeit/Macht, 112f.
3) Ebd., 113; vgl. auch J. F. Schmucker-von Koch, Autonomie und Transzendenz, 140ff.
4) R. Guardini, Ende der Neuzeit/Macht, 115.

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I. Das Gottesverhältnis des Menschen als Grundbedingung echter menschlicher Freiheit und Verantwortung

Der unaufhebbare ontologische Status des Menschen, der in seiner Geschöpflichkeit begründet ist, macht es unmöglich, daß der Mensch autonome, von seinem Gottesverhältnis losgelöste Herrschaft ausübt. Echte Verantwortung kann vom Menschen nur im Kontext seines Gottesverhältnisses wahrgenommen werden. "Eine autonome Verantwortung eines endlichen Wesens gibt es ... nicht; damit nimmt der Mensch etwas in Anspruch, das nur Gott zukommt. Daher wird sie denn auch nur scheinbar verwirklicht, so lange, als im Verhältnis zur Welt noch die christliche Botschaft von Gottes Schöpfung und Regierung nachklingt. In Wahrheit steht schon die Vorstellung bereit, welche die eigentliche Weltverantwortung aufsaugt, nämlich die von der Natur, die alles in allem ist, unendlich und ewig, und also auch den Menschen umfaßt. Jetzt hat der Mensch, wenn auch auf allerlei empirischen oder metaphysischen Umwegen, nur eins zu tun: sich in sie einzufügen; und die verschiedenen rationalistischen, soziologischen Theorien bilden den mehr oder weniger wissenschaftlichen Unterbau dieses Grundwillens. Freiheit im echten Sinne ist nur durch das Gegenüber zum souveränen und personalen Gott gewährleistet; ebenso wie echte Verantwortung nur auf Ihn hin möglich und verpflichtend wird."5

In diesem zentralen Text greift Guardini, wie unschwer zu erkennen ist, seine wiederholt vorgetragene These von der "Unredlichkeit" der Neuzeit auf. Bedenkt man die Kommunikationsstrukturen der modernen, von den Massenmedien geprägten Gesellschaften der Industriestaaten, so erweist sich die These, daß eine vom Gottesbezug losgelöste Freiheitskonzeption einer fragwürdigen Naturalisierung erliegt, höchst bedenkenswert. Der von der Bindung an den transzendenten Gott losgelöste Mensch ist in hohem Maß anfällig für normative Vorgaben, die in einem mehr oder weniger durchschaubaren Prozeß gesellschaftlicher Kommunikation an den Menschen herantreten.

II. Die christliche Lehre von der Erbsünde und von der Erlösung als Verstehensgrundlage der menschlichen Herrschaftsausübung

Die christliche Lehre vom infralapsarischen Zustand der Welt besagt, daß es das ursprünglich von Gott gewollte "reine" Phänomen der Macht und der aus ihm hervorgehenden Herrschaft innerhalb der menschlichen Geschichte nicht mehr gibt. Der paradiesische Sündenfall ist als übergeschichtliches Ereignis zu verstehen, das die ganze Menschheitsgeschichte in einen Zustand der Verwirrung gestürzt hat. Das Wesen der Ursünde besteht darin, daß der Mensch seinen ontologischen Status der Gottehenbildlichkeit nicht akzeptieren will, sondern sich die Urbildlichkeit anmaßt. Die als symbolhafte Gestalt für Satan zu verstehende Schlange "verwirrt dem Menschen die Grundtatsachen seines Daseins;


5) Ebd., 162f.

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den Wesensunterschied zwischen Schöpfer und Geschöpf; das Verhältnis von Urbild und Ebenbild; die Selbstverwirklichung durch Wahrheit und die durch Usurpation; die Herrschaft im Dienst und die aus eigenem Anspruch."6

Infolge des paradiesischen Sündenfalls ist "das Grundverhältnis des Daseins verstört. Nach wie vor hat der Mensch Macht und Möglichkeit des Herrschens. Aber die Ordnung, in welcher sie ihren Sinn hatte, weil sie Dienst, weil die Macht durch die Verantwortung vor dem eigentlichen Herrn gewährleistet war, ist verwirrt."7

III. Die Erlösung als Ermöglichungsgrund seinsgemäßer Machtausübung des Menschen

Guardini versteht - im Kontext der Frage nach der Machtausübung des Menschen - die Erlösung durch Christus als neuen Anfang im Sinne einer neuen, ontologisch fundierten Möglichkeit des richtigen Machtgebrauchs. Erlösung "bedeutet nicht, daß ein für allemal der Zusammenhang der Welt geändert, sondern daß von Gott her ein neuer Anfang des Daseins gesetzt wird. Dieser Anfang besteht und bildet eine beständige Möglichkeit."8 Eine wichtige Dimension der Erlösung besteht darin, daß Christus ein neues Maßbild des Guten und neue Kraft zur Verwirklichung des Guten in die Welt gebracht hat. Die durch das Christusereignis vermittelte Erlösung bringt "keine große Verbesserung der Seinszustände, sondern etwas vom Range der Erschaffung alles Seienden. Sie geht nicht aus den Strukturen der Welt .... sondern aus der reinen Freiheit Gottes hervor. Sie setzt einen neuen Anfang: schafft einen neuen Standort des Existierens, ein neues Maßbild des Guten und eine neue Kraft der Verwirklichung. Das bedeutet aber keine Umzauberung der Welt, noch eine Entrückung in einen abgelösten Raum, sondern die Erlösung vollzieht sich in der Wirklichkeit des Menschen und der Dinge. Dadurch entsteht eine sehr verwobene Situation, wie sie vielleicht am deutlichsten in der Lehre des Apostels Paulus vom Verhältnis des 'alten' und des 'neuen' Menschen zum Ausdruck kommt."9

Erlösung muß im Kontext der Frage nach der Macht in der ontologischen Kategorie der Möglichkeit verstanden werden. Im Zusammenhang der Frage nach der Herrschaftsausübung des Menschen ist die in Christus geschehene Erlösung als Bedingung der Möglichkeit seinsgemäßen Handelns anzusehen. Was durch den soter Christus prinzipiell möglich ist, muß der Mensch in seinem konkreten Handeln realisieren: "Dieser Anfang ist da und wird durch nichts mehr ausgelöscht. Wie weit er realisiert wird, ist Sache jedes Ein-


6) Ebd., 115.
7) Ebd., 117.
8) Ebd., 124.
9) Ebd., 11 8f.

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zelnen und jeder Zeit. Die Geschichte fängt mit jedem Menschen neu an, und in jedem Menschenleben mit jeder Stunde. So hat sie auch die Möglichkeit, jederzeit aus dem Anfang heraus neu anzufangen, der hier gesetzt ist."10

IV. Die Metanoia als die Grundkategorie der christlichen Existenz

In seiner Studie über das Phänomen der Macht betont Guardini nachdrücklich, daß der Mensch als solcher, d. h. der Mensch jeder Geschichtsepoche, von der erbsündlichen Verstörung betroffen ist. In jeder Geschichtsepoche bedarf der Mensch der Erlösung. Von dieser Prämisse ausgehend, kommt Guardini zu einer differenzierten Bewertung der verschiedenen Geschichtsepochen und kann dadurch dem vielfach gegen ihn erhobenen Vorwurf eines unkritischen Hochjubelns des Mittelalters und einer zu pauschalen Neuzeitkritik entgegentreten.

Die Wahrheiten der christlichen Offenbarung sind nicht selbstverständlich. Vielmehr sind ihnen eine Gerichts- und eine Gnadendimension eigen. Insofern ist eine ständige Metanoia auf seiten des Menschen die unabdingbare Voraussetzung für die Erkenntnis der Wahrheiten der christlichen Offenbarung. "Natürlich bedeutet es, christlich gesehen, einen Abstieg, wenn die Neuzeit sich als geschichtliche Gesamtgestalt von der Offenbarung entfernt, und es ist zu verstehen, daß die christliche Geschichtsbetrachtung mit besonderer Liebe auf dem Mittelalter ruht. Darüber darf aber nicht vergessen werden, daß die Unmittelbarkeit, mit welcher eine sozusagen offiziell christliche Zeit die Wahrheiten der Offenbarung auf die Weltprobleme anwendete, auch ihre Schattenseiten hat. Sie vergißt leicht, daß diese Wahrheiten durchaus nicht selbstverständlich sind, sondern ebensoviel Gericht wie Gnade bedeuten; daß ihre Erkenntnis wie ihre praktische Verwirklichung also eine beständige 'Metanoia' voraussetzen. Geschieht dies nicht, dann entsteht eine Scheinchristlichkeit, welche die eigentliche Substanz des Lebens unberührt läßt."11

V. Die Wahrheit der Dinge als ontologische Norm menschlichen Handelns

Mit aller Vehemenz erhebt Guardini in seinen Reflexionen über das Phänomen der Macht die Forderung, der Mensch müsse wieder im Ernst die Gottesfrage - die Frage nach dem letzten Beziehungspunkt seiner Existenz - stellen. Denn das Gottesverhältnis des Menschen ist anthropologisch absolut konstitutiv.12 "Der Mensch ist nicht so beschaf-


10) Ebd., 125.
11) Ebd., 135. Ähnlich ebd., 90f. - Auch M. Vlk bestätigt aus seiner Sicht die Notwendigkeit einer ständigen Metanoia (vgl. M. Vlk, Reifezeit. Dietlinde Assmus im Gespräch mit dem Erzbischof von Prag, München - Zürich Wien, 3. Aufl. 1996, 81). - Vgl. auch J. Ratzinger, Wesen, 48-51.
12) Schon Schelling hat in seiner Religionsphilosophie diese These mit allem Nachdruck vertreten (vgl. J. Kreiml, Die Wirklichkeit Gottes. Eine Untersuchung über die Metaphysik und die Religionsphilosophie des späten Schelling, Regensburg 1989, 110-251). - In seiner "Ethik" weist Guardini darauf hin, daß das Alterswerk Schellings "noch gar nicht ausgeschöpft ist" (Ethik 1, 652).

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fen, daß er in sich fertig wäre und außerdem, je nach Meinung und Belieben, zu Gott in Beziehung treten könnte oder auch nicht; sein Wesen besteht vielmehr entscheidenderweise in seiner Beziehung zu Gott. Den Menschen gibt es nur als auf Gott bezogenen, und dadurch wie er diese Beziehung versteht, wie ernst er sie nimmt und was er aus ihr heraus tut, bestimmt sich sein Charakter. Das ist so, und daran ändert kein Philosoph noch Politiker, kein Dichter noch Psychologe etwas."13 Gott ist diejenige Wirklichkeit, die jede andere Wirklichkeit und damit auch die menschliche Wirklichkeit begründet. Aus diesem Grundverhältnis folgt, daß der Mensch, der die Wirklichkeit Gottes nicht anerkennt, in seinem Dasein erkrankt.

Wenn von der Handlungsfreiheit des Menschen die Rede ist, heißt das nicht, der Mensch müsse den Sinn seines Tuns selbst setzen. Sowohl der extreme Existentialismus als auch der totalitäre Staat unterliegen diesem Mißverständnis. Beide Bewegungen sind als Gegenpole eines einzigen Grundwillens zu verstehen, der "die Macht im Sinne beliebiger Verfügung, das heißt aber, als Gewalt auszuüben"14 sucht.

Den "extremen Existentialismus" des 20. Jahrhunderts interpretiert Guardini als den illusorischen, die Realität verkennenden Versuch, menschliche Freiheit zu verwirklichen. Der Existentialismus zehrt alle Wahrheitssubstanz auf und setzt den Menschen barer Willkür aus. Echte Freiheit und echte Verantwortung können aber nur erreicht werden, wenn der Mensch aus der Wahrheit des christlichen Glaubens lebt.15

Guardini setzt seine Hoffnung in die Heraufkunft eines neuen Menschentyps, der ein Ethos des Machtgebrauchs entwickelt und bereit ist, "den Auftrag, den Gott in das Wesen des Menschen gelegt hat", auszuführen. Da die moderne Welt seit Hiroshima "am Rande des Untergangs" lebt, ist ein "echtes Herrschaftsethos" dringend nötig. Sofern "Liberalität" meint, man dürfe keine "absoluten Elemente" ins Leben einführen, wird der kommende Mensch "entschieden unliberal" sein. Guardini fordert als Haltung der Zukunft einen "echten Gehorsam", der die absolute Hoheit Gottes und absolute Werte anerkennt. Seiner echten Verantwortung kann der Mensch nur gerecht werden, wenn er Gott als "lebendigen Maßstab und Beziehungspunkt des Daseins" anerkennt.16 Dabei ist - wie Guardini es nennt - der Gehorsam gegen das Wesen der Dinge entscheidend. Diese Loyalität gegenüber dem Wesen der Dinge ist als "echte Frömmigkeit" zu verstehen. Der dem Wesen der Dinge gegenüber loyale Mensch erkennt in deren Endlichkeit den Charakter ihrer Geschaffenheit und den Offenbarungscharakter, der jedem Seienden eigen ist.


13) R. Guardini, Ende der Neuzeit/Macht, 185.
14) Ebd., 178.
15) Vgl. ebd., 163.
16) Vgl. ebd., 169-172; vgl. auch H. Mercker, Christliche Weltanschauung als Problem, 140f.

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Guardini vertritt hier eine platonisch gefärbte Ontologie, der gemäß "jedes Seiende nach einer Sinngestalt geformt [ist; J. K.]; so entsteht von dorther für den handelnden Menschen eine Norm des Möglichen und Richtigen. Und die Freiheit besteht nicht darin, das persönlich oder politisch Beliebige, sondern das vom Wesen des Seienden her Geforderte zu tun."17 Angesichts der ständig wachsenden Möglichkeiten des modernen Menschen, über die Wirklichkeit zu verfügen, weist Guardini auf die Normen hin, die "aus der Forderung des Guten und des Heiligen kommen". Der Mensch "muß das volle Maß seiner Verantwortung erkennen und auf sich nehmen. Um das aber zu können, muß er wieder das richtige Verhältnis zur Wahrheit der Dinge, zu den Forderungen seines tiefsten Innern und, letztlich, zu Gott gewinnen. Sonst verfällt er seiner eigenen Macht, und die 'globale Katastrophe' ... wird unausweichlich."18


17) R. Guardini, Ende der Neuzeit/Macht, 178; zur Philosophie Platons vgl. W. Röd, Der Weg der Philosophie von den Anfängen bis ins 20. Jahrhundert, 1. Bd.: Altertum, Mittelalter, Renaissance, München 1994, 97-146.
18) R. Guardini, Ende der Neuzeit/Macht, 177.

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