Artikel: Eugen Biser,
Wer mehrt den Glauben?
In: Lebendiges Zeugnis 49 (1994) 189-195, 10-20.

EUGEN BISER

Wer mehrt den Glauben?

Zu den bestürzenden Erfahrungen, die erschwerend zur gegenwärtigenGlaubenskrise hinzukommen, gehört der Eindruck, daß es nicht nur den Abfallvom Glauben, sondern etwas Gleichsinniges und davon doch tief Verschiedenes gibt: denGlaubensentzug. Denn er hat nichts mit einer Abkehr vom Glauben oder einer psychischbedingten Glaubensschwäche zu tun, sondern mit einem Erosionsprozeß, der ihnunmerklich aushöhlt und ihm den Boden entzieht.1 Reinhold Schneider hatdieses unheimliche Herausgleiten aus dem Glaubensraum in seinen Tagebuchaufzeichnungen"Winter in Wien" (von 1958) erschütternd beschrieben, ohne daß er eineErklärung dafür gefunden hätte.2

Wenn die Glaubenswelt aber eine Einheit bildet, ist anzunehmen, daß derGlaubensentzug nur die Schattenseite eines dazu spiegelbildlichen Vorgangs ist, konkretgesprochen, daß es auch ein Glaubenswachstum gibt. Doch so schön sich dieserGedanke ausnimmt, stellen sich sofort Bedenken ein. Kann der Glaube wirklich wachsen? Ister nicht ein für allemal festgelegt: festgeschrieben in den kirchlichen Dogmen underhärtet durch deren jahrhundertelange Überlieferung?

I.

Indessen ist die Frage schon längst durch den entschieden, der in ihr die letzteEntscheidungsinstanz bildet, weil er der Urheber und Inhalt des Christenglaubens ist: durchJesus, an den die Jünger nach dem Bericht des Lukasevangeliums mit der Bitteherantreten: "Mehre unseren Glauben!" (17,5). Anstatt darauf einzugehen, antwortet er miteinem Vorwurf, der dazu noch mit einem eher irritierenden Bild verbunden ist:

"Wenn ihr auch nur einen Glauben hättet so groß wie ein Senfkorn,bräuchtet ihr zu diesem Maulbeerfeigenbaum nur zu sagen: Entwurzle dich, undverpflanze dich ins Meer!, und er würde euch gehorchen" (Lk 17,6).

Organischer gestaltet sich der Zusammenhang, wenn man von der Markusversion ausgeht,die das auch von Paulus (1 Kor 13,2) gebrauchte Bildwort vom "bergever-


1) Weiterführende Lit. zum Artikel: E. Biser, Paulus: Zeuge, Mystiker, Vordenker (=Serie Piper 1477), München 1991; ders., Der inwendige Lehrer. Der Weg zurSelbstfindung und Heilung (= Serie Piper 1852), München 1994; ders.,Glaubensbekenntnis und Vaterunser. Eine Neuauslegung, Düsseldorf 1994; ders., Hatder Glaube eine Zukunft?, Düsseldorf 1994.
2) Näheres dazu in dem Abschnitt "Versöhnter Abschied. Zum geistigenVorgang in Schneiders "Winter in Wien"; in: E. Biser, Glaubensimpulse. Beiträge zurGlaubenstheorie und Religionsphilosophie, Würzburg 1988, 381-400.

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setzenden" Glaubenaufnimmt. Dann antwortet Jesus direkt auf die an ihn gerichtete Bitte:

"Habt Glauben an Gott! Denn ich sage euch: Wer zu diesem Berg da sagt: Rücke weg,und stürze dich ins Meer! und in seinem Herzen nicht zweifelt, sondern glaubt,daß, was er sagt, auch geschieht, dem wird es widerfahren" (Mk 11,22f.).3

Wenn aber das schon ein Glaube vermag, der nach den beiden Großevangelien nur sogroß ist wie ein Senfkorn, was wird dann erst ein "ausgereifter" leisten? Die Antwortgibt der johanneische Jesus mit der Zusicherung:

"Wer an mich glaubt, der wird auch die Werke tun, die ich tue, ja, er wird nochgrößere als diese vollbringen, denn ich gehe zum Vater" (Joh 14,12).

Kein Zweifel also: Es gibt, ungeachtet aller dogmatischen Festlegung, ein echtes Wachstumim Glauben, vermutlich sogar ein Wachstum des Glaubens! In beide Richtungen mußnun die aufgenommene Spur weiterverfolgt werden.

II.

Daß es einen subjektiven Fortschritt im Glauben gibt und geben soll, betont schonVinzenz von Lerin und mit ihm der Theologe der Väterzeit, der wie kein anderer vorVeränderungen und Neuerungen warnte. In seinem Commonitorium versichert er:

"Wachsen und kraftvoll zunehmen sollen also sowohl beim einzelnen als wie bei allen, beieinem jeden wie in der ganzen Kirche, je nach Alter und Lebenszeit die Einsicht, das Wissenund die Weisheit, wenn auch immer nur in der vorgegebenen Form, also in derselben Lehre,im selben Sinn und in derselben Bedeutung. 4

Der heutige Christ hört die Botschaft wohl; doch fehlt ihm wie Goethes Faust "derGlaube", dies aber in dem speziellen Sinn des Glaubens an sich selbst. Nicht nur inreligiösen Dingen, aber gerade in diesen hat ihn eine seltsame Lähmungbefallen. Es ist, als habe sich die allgemein vorherrschende Tendenz zur Eingrenzung,Abschirmung und Festlegung seiner insgeheim bemächtigt, so daß er sich,wenngleich gegen seinen tieferen Instinkt, am liebsten auf gesicherte Positionenzurückziehen möchte. Theologen, die es mit dem Zeitgeist aufnehmen, neuePerspektiven eröffnen und in neue Dimensionen vorstoßen, erscheinen ihm wieBoten aus einer anderen Welt. Sie haben seine Sympathie, wohl sogar seine Bewunderung;aber er fühlt sich nicht in der Lage, ihnen zu folgen. Instinktiv weiß er, daßder Glaube nicht nur mit Festigkeit und Treue, sondern auch mit Kreativität zu tun hat;doch fühlt er sich außerstande, mit ihm auch wirklich kreativ umzugehen.


3) Vgl. J. Gnilka, Jesus von Nazaret. Botschaft und Geschichte, Freiburg 1990, 133f.
4) Vinzenz von Lerin, Commonitorium, C. 23; dazu meine Untersuchung "ReligiöseSprachbarrieren. Aufbau einer Logaporetik", München 1989, 191ff.

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Die Gründe dieser Lähmung reichen weit zurück. Nach F. Nietzsche istdie Sache des Menschen schon durch Kopernikus auf eine "schiefe Ebene" geraten. Nach S.Freud haben ihm die ihm durch Kopernikus, Darwin und ihn selbst zugefügten"Kränkungen" übel mitgespielt. Und nach N. Postman hat ihn der moderneZivilisationsbetrieb in Gestalt der Medienszene dazu gebracht, sich lieber "zu Tode" zuamüsieren, als sein Leben selbstverantwortlich in die Hand zu nehmen. 5

Für den Glaubenden oder doch Glaubenswilligen kommt erschwerend hinzu, daßsich auf dem Grund der gegenwärtigen Glaubens- und Kirchenkrise ein dunklerBodensatz ausbreitet, den man nicht zutreffender als mit dem Nietzschewort vom "Geist derSchwere" kennzeichnen kann. Er führte zu der fatalen, aber weitverbreiteten Meinung,daß das Gott wohlgefällig sei, was dem Menschen schwerfalle und wehtue, unddaß der Glaube in erster Linie eine Pflicht sei, der man sich stumm zu unterwerfenhabe.

Doch jede glaubensgeschichtliche Stunde hat nicht nur ihre eigenen Probleme undNöte, sondern auch die darauf abgestimmten Therapien. Hellsichtigen Beobachternkonnte nicht entgehen, daß der Glaube ungeachtet aller oberflächlichenVerwirrung in eine klärende Bewegung geraten ist, die von Karl Rahner sogarzweifach angesprochen wurde. Im Untertitel nannte er seinen "Grundkurs des Glaubens" (von1976) "Einführung in den Begriff des Christentums". Inzwischen hat sich dieser"Begriff" weiter geklärt. Deutlich geworden ist insbesondere:

Das Christentum ist, anders als der auf die Auslöschung des Lebenstriebs ausgerichteteBuddhismus, keine asketische, sondern eine therapeutische Religion. 6

Es ist sodann, anders als das Judentum, keine nomothetische, also in einem göttlichenGesetz zentrierte, sondern eine mystische Religion. 7

Und es ist schließlich, anders als der auf den Koran gegründete Islam, keineprimäre, sondern eine sekundäre Schriftreligion. 8

Mit dem ersten Satz widersetzt sich diese Begriffsbestimmung dem vom Geist der Schwereeingegebenen religiösen Vorurteil, mit dem zweiten der überhandnehmendenTendenz, die christliche Botschaft auf eine moralische Direktive einzuengen, mit dem drittendem damit einhergehenden Versuch, den Glauben auf eine festgelegte Doktrin zu fixieren undihn in der Konsequenz dessen in eine Ideologie zu verkehren.


5) N. Postman, Wir amüsieren uns zu Tode. Urteilsbildung im Zeitalter derUnterhaltungsindustrie, o. 0. 1985.
6) Vgl. dazu R. Guardini, Der Herr. Über Leben und Person Jesu Christi, (1937)Paderborn 1987, 360f. ders., Das Wesen des Christentums, Würzburg 1938, 7-17.
7) Vgl. H. Küng, Das Judentum, München 1991, 71; 1451f.; 562-609.
8) Vgl. H. Küng / J. van Ess, Christentum und Weitreligion - Islam, München1994, 32-38; 57ff.; 98ff.; ferner meine Akademieabhandlung "Die Bibel als Medium. Zurmedienkritischen Schlüsselposition der Theologie", Heidelberg 1990.

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Indessen könnte man die drei Sätze auf einen einzigenzurückführen, der dann lauten müßte: Das Christentum ist dieReligion der Freiheit und der Christenglaube ein Akt der Freiheit. Rückläufiggesprochen: der Freiheit vom Zwang des Buchstabens, der Freiheit vom Zwang der Pflichtund der Freiheit vom Hang zur Selbstbestrafung und Selbstverneinung. Denn der LiebeswilleJesu geht der menschlichen Existenznot bis auf diesen letzten Grund, wo sich der Menschselbst im Weg steht, wo also, wie der große Entdecker dieses Notstandes, S.Kierkegaard, sagte, seinem verzweifelten Willen zum Selbstsein ein nicht minderverzweifelter Widerwille, der Wille zur Selbstverweigerung, entgegensteht. 9 Und dieLiebe Jesu folgt ihm bis in diese Tiefe, um ihm ihre Heilkraft zuzuwenden und ihn zu sichselbst erheben zu können. Doch worin besteht diese, wie Kierkegaard formulierte,"Heilung von Grund auf"?10

Darauf antwortet das ungleich bekanntere Wort, mit dem K. Rahner in diegegenwärtige Glaubenskrise eingriff. Der Christ der Zukunft, so seine Prognose, werdeein Mystiker sein oder er werde überhaupt nicht sein."11 Noch im selbenAtemzug erläutert Rahner das mißverständliche Wort "Mystiker" mit demZusatz "einer, der etwas erfahren hat". Damit brachte er die tiefgreifend gewandelteGlaubenserwartung des heutigen Christen auf den Punkt. Er sucht im Glauben nicht so sehrdas bergende Gehäuse als vielmehr die Geborgenheit in ihm. Was er im Glaubenakzeptiert, möchte er erleben, mehr noch, möchte er zum Lebensinhaltgewinnen. Ihm geht es um die "Innenwelt" dessen, was ihm die kirchliche Lehre vorwiegendin der "Außensicht" bietet. Unwillkürlich sucht er daher nach demSchlüssel, der ihm zum Einstieg in diese Innenwelt verhilft.

Immer schon gab es in der Glaubensgeschichte Wagemutige, die mit aller Kraft an die"Außenwände" des Glaubens schlugen. Luther tat es mit seiner Frage "Wiekriege ich einen gnädigen Gott?". Kierkegaard tat es ebenfalls, als er den Glauben die"Gleichzeitigkeit" mit Jesus nannte. Und Rahner tat es ihnen gleich, als er den kommendenChristen einen Mystiker nannte.

Ihnen allen aber kommt Augustin zuvor, indem er uns über die Jahrhunderte hinwegden gesuchten Schlüssel reicht. Denn in der Innenwelt des Glaubens geht es darum, dieuns in der Gestalt und Lebensleistung Jesu zugesprochene Selbstoffenbarung Gottes zuverstehen. Mystik aber bedeutet, daß dabei nicht nur der Glaubende Gott, sonderndaß sich zugleich Gott in ihm versteht. Er muß somit auf unsere Seite treten,wenn dies zustande kommen soll. Und das geschieht nach


9) Vgl. S. Kierkegaard, Die Krankheit zum Tode (Ausgabe Richter), Reinbek 1962, 13f.
10) Dazu der Hinweis in meiner Studie "Glaubensprognose. Orientierung inpostsäkularistischer Zeit", Graz 1991, 158; ferner W. Jens / H. Küng, Dichtungund Religion, München 1985, 204-241.
11) Vgl. W. Böhme / J. Sudbrack (Hgg.), Der Christ von morgen, ein Mystiker?Grundformen mystischer Existenz, Stuttgart/Würzburg 1989.

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Augustin durch den imGlaubenden gegenwärtigen magister interior, den inwendigen Lehrer.12

Wenn er zu Wort kommen soll, muß die Kreativität des Glaubenswiederentdeckt und aktiviert werden. Denn der Glaube ist ebenso ein Geben wie einEmpfangen. Wer das Gotteswort im Glauben annimmt, muß sich das auch selbst"gesagt sein lassen", was ihm darin zugesprochen ist. Dabei stehen ihm vielerlei Hilfenpsychologischer, pädagogischer und spiritueller Art zu Gebot, insbesondere in Gestaltjener Initiativen, die auf die subjektive Aneignung des Glaubens hinwirken. Derentscheidende Impuls geht jedoch zweifellos vom inwendigen Lehrer aus, der schondeswegen mit allem Nachdruck in Erinnerung gerufen werden muß. Ihm wird esgelingen, den Bann der Lähmung aufzuheben, der das Glaubensleben bis zur Stundeniederhält, und, wesentlicher noch, den Geist der Schwere auszutreiben, der denGlauben im Widerspruch zur Sicht seines Stifters Jesus und seines kompetentesten DeutersPaulus in den Anschein eines Unterwerfungsaktes und einer religiösen Pflichtleistungtreten ließ. Um so mehr sollte man sich das Pauluswort des Römerbriefs gesagtsein lassen, das die ursprüngliche Perspektive vergegenwärtigt undüberdies unüberhörbar vom Wachstum im Glauben spricht:

"Ihr habt doch nicht den Geist der Knechtschaft empfangen, so daß ihr euch aufs neuefürchten müßtet. Vielmehr habt ihr den Geist der Kindschaft empfangen,in dem wir rufen: Abba, Vater!" (8,15)."13

Wie keiner vor ihm weiß Paulus um die Gefahr, welcher der Mensch dadurchausgesetzt ist, daß er von sich selbst abfallen kann. Mit dem Wort von derGotteskindschaft aber umschreibt er jenes Ziel, zu dem ihn die teilnehmende Liebe "vonoben" erhebt (Goethe), sobald er sich ihr im Glauben zuwendet: ein Ziel, das die Phantomevom "Übermenschen" (Nietzsche) und "Prothesengott" (Freud) bis zur Unkenntlichkeitüberstrahlt.

III.

Aber gibt es, wie eingangs vermutet, auch ein Wachstum des Glaubens, so daß demVorgang auf der Subjektseite auch ein Wandel auf der objektiven Gegenseite entspricht? DieFrage stößt zum Drehpunkt der glaubensgeschichtlichen Wende vor, bis dorthin,wo der Goldgrund im farben- und schattenreichen Panorama der heutigen Glaubensszeneansteht. Um es mit einem österlichen Bild zu sagen, so wurden in letzter Zeit schonwiederholt Stöße von jenem Erdbeben her fühlbar, das


12) Dazu meine Schrift: "Der inwendige Lehrer. Der Weg zur Selbstfindung und Heilung",München 1994.
13) Vgl. W. Schmidthals, Die theologische Anthropologie des Paulus, Stuttgart 1980, 120ff.;auch meine Studie "Paulus" (Anm. 1), 341ff.; 359ff.

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am Morgen des "dritten Tages" den Stein vom Grab des Totgesagten beseitigte und seineAuferstehung offenkundig werden ließ. Damals, so versichert die moderne Theologie,begann jener Umformungsprozeß, der dem Christentum seine doktrinale und sozialeGestalt verlieh. Der Botschafter wurde zur Botschaft, der Führer zum Glauben zudessen Gegenstand und der Lehrer zum Inbegriff der Lehre. 14

Dann aber brachten es die schwindende Glaubenskraft und das wachsendeSekuritätsstreben mit sich, daß sich die gewonnenen Konstanten wie Schalen umden inhaltlichen Kern legten und schließlich die schützenden Hüllenwichtiger erschienen als das, was sie umfingen. Doch dabei durfte und konnte es nichtbleiben. Deshalb kam es schon in spätapostolischer Zeit und danach wiederholt imGang der Glaubensgeschichte zu Aufbrüchen, in denen sich der Inhalt gegen diesichernde Form durchsetzte. Jetzt ließ sich der zur Botschaft Gewordene aufs neuevernehmen, jetzt stieg der zum Glaubensobjekt Inthronisierte vom Podest seines Herrentumsherab, und jetzt begann der zur Lehre Verfestigte wieder zu lehren - im Zuspruch desinwendigen Lehrers.

Es fällt schwer, die Anzeichen dieses Aufbruchs auszumachen, auch wenn man einNachbeben der österlichen Erschütterung unter den Füßen zuspüren meint. Indessen waren die Sprecher der Eingangsworte des 1. Johannesbriefsdavon überzeugt, daß sie "das Wort des Lebens", also den in ihrer Mittegegenwärtigen Christus, auf neue Weise zu hören, zu sehen und zu fühlenbekamen. Und der große Mystiker der Ostkirche, Symeon der Neue Theologe,versichert um die erste Jahrtausendwende in seinen "Hymnen":

"Wieder strahlt mir das Licht. Wieder schaue ich das Licht in Klarheit. Wieder öffnetes den Himmel, wieder vertreibt es die Nacht. Und der über allen Himmeln ist, denkeiner der Menschen je erblickte, der kehrt aufs neue in meinem Geist ein, ohne den Himmelzu verlassen, ohne die Nacht zu zerteilen, ohne das Dach des Hauses einzuschlagen, ohneirgend etwas zu durchdringen. Und in die Mitte meines Herzens, o erhabenes Geheimnis, daalles bleibt, wie es ist, stürzt mir das Licht und liebt mich über allesempor."l5

Doch der aus dem Schrein der Objektivationen Hervortretende bindet die Erweise seinerGegenwart so wenig wie der Auferstandene an einen bestimmten Ort. Auch schreibt er seineZeichen nicht nur auf die Tafeln des Herzens, von denen Paulus in vergleichbaremZusammenhang (2 Kor 3,2) spricht, sondern nicht weniger deutlich auch an die Wändeder Zeiten. Kaum einmal waren sie deutlicher zu lesen als in den Tagen des freiheitlichenAufbruchs im Spätherbst 1989, als zusammen mit der Berliner Mauer der EiserneVorhang fiel und der Weg zu einer Neuordnung weit


14) Dazu A. Vögtle, Der verkündigende und verkündigte Jesus Christus,in: J. Sauer (Hg.), Wer ist Christus?, Freiburg 1977, 27-91 .
15) Nach M. Ruber, Ekstatische Konfessionen, Leipzig 1921, 62.

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über Europa hinaus frei wurde.Damals sprach für einen jeden, der hören konnte, Gott durch die Geschichte,auch wenn der Freiheitsruf, der ebenso leise wie eindringlich an die Welt erging, kaumbegriffen wurde." 16

Wenn es heute endlich dazu kommen soll, müssen wir uns diese Botschaft neu gesagtsein lassen. Dazu kann schon der Satz verhelfen, in welchen die in Abgrenzung von denbeiden anderen Abrahamsreligionen gewonnene Begriffsbestimmung des Christentumseinmündete: Der Glaube ist ein Akt der Freiheit. Hilfreich könnte aber mehrnoch die Orientierung an Paulus sein, der es wagte, die gesamte Heilsbotschaft in denpleonastischen Satz zusammenzufassen:

"Zur Freiheit hat uns Christus befreit(Gal 5,1)." 17

Die entscheidende Hilfe bietet jedoch der inwendige Lehrer, der die Lektion der Geschichtegleicherweise bestätigt und in einen Zuspruch übersetzt. Er bestätigt,sofern der freiheitliche Aufbruch dem entspricht, was sich im Zentrum derGlaubensgeschichte ereignet. Wie dort Mauern fielen und Tore aufsprangen, so tritt hier derGeglaubte aus den umschreibenden Hüllen hervor, um seine inspirierende undbestärkende Nähe zu erweisen. Kein Wunder, wenn der inwendige Lehrer dasvornehmlich in die Sprache von Imperativen wie diesen übersetzt: Fürchte dichnicht! Laß dich nicht fallen! Gib nicht vorzeitig auf! Widerstehe dem Wahn! Vertrauedeiner Berufung! Sei dein eigen!

Doch unterbaut er diese Forderung unverzüglich mit der Zusicherung: Du bist nichtallein; was dich trägt, ist stärker als das, was dich trifft und stößt; dubist reicher, als du denkst; denn Gott liebt dich. Unmerklich stellt sich im Gefolge diesesZuspruchs ein neues Glaubensbewußtsein ein. Schien bisher die Sache des Glaubensganz in der Hand des Glaubenden zu liegen, so geht sie jetzt, wie schon eingangs angedeutet,in die des Geglaubten über. In unserer Liebe, sagt Augustin, liebt Christus sich selbst:unus Christus ainans seipsum. Gleiches gilt nun auch vom Glauben. In unserem Glauben istes zuletzt der Geglaubte selbst, der das Wunder des Verstehens wirkt. Wenn aber dies zutrifft,hat sich die Bitte der Jünger - "Mehre unsern Glauben!" - auf die denkbarschönste Weise erfüllt. Und gleichzeitig wurde deutlich, daß der Glaubeauch heute, ungeachtet aller Beeinträchtigungen und Rückschläge, lebtund wächst.


16) Hinweise dazu im Abschnitt "Fehlten Tote?" meiner Schrift "Hat der Glaube eineZukunft?" (Anm. 1), 85-96.
17) Vgl. dazu K. Mußner, Der Galaterbrief, Freiburg 1981, 342-345; ferner meinPaulusbuch (Anm. 1), 366f.

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