Symbole&Kirchenraum

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Autor: Eckhard Bieger S.J.
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Umsetzung:
B. Richter nach Vorlage von R. Jouaux


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Romanik



Die Himmelstadt



Die Bauidee der Romanik entwickelt sich aus der Basilika. Sie behält das Langhaus bei, betont aber stärker die himmlische Dimension. Die Decken werden als Gewölbe gebaut, so dass nicht nur die Apsis den Himmel symbolisiert, sondern die gesamte Kirche. Neben dem Gewölbe ist das Querschiff eine weitere Innovation der Romanik. In der so entstehenden Vierung, der Kreuzung zweier Richtungen, wird die Idee des Himmels dargestellt. Denn die Kuppel symbolisiert aus sich heraus den Himmel. Wahrscheinlich war sie blau ausgemalt. Die Himmelssymbolik wird noch einmal unterstrichen durch das Achteck, das die Kuppel bildet. Bautechnisch lässt sich das Achteck problemlos auf die Vierung aufsetzen, anders als z.B. ein Sechseck oder Neuneck, denn man baut nicht wie in der Renaissance und dann wieder im Klassizismus eine Halbkugel, sondern setzt aus 8 Rippen ein Gewölbe zusammen. Die Acht hat für die Christen eine besondere Bedeutung, denn sie folgt auf den 7. Tag, an dem Gott von seinem Schöpfungswerk ausruhte. Mit der Siebenzahl wird die Vollendung der Welt ausgedrückt. Der Achte Tag ist der Tag der Auferstehung Jesu, der Wochentag nach dem jüdischen Sabbat. Im Matthäusevangelium heißt es: "Nach dem Sabbat kamen in der Morgendämmerung des ersten Tages der Woche Maria aus Magdala und die andere Maria, um nach dem Grab Jesu zu sehen." (Kap. 28,1) Später wird aus dem ersten der achte Tag, denn mit seiner Auferstehung ist Jesus nicht mehr Teil der menschlichen Geschichte, sondern in die Ewigkeit hinüber gegangen. Der achte Tag bezeichnet daher den Eintritt in die himmlische Existenz.
Hugo von Sankt Viktor erklärt das ins einem Buch über die Arche Noahs so, dass es sechs Weltalter gibt, das siebte dient der Ruhe in Erwartung des Wiederkommens Christi, der Vollendung der Welt am 8. Tag:
"Diejenigen, die diese von Drangsal und Not erfüllten Zeitalter in einem glücklichen Tod besiegten, sind schon vom siebten Weltalter des ewigen Sabbats aufgenommen und erwarten das achte Weltalter der seligen Auferstehung, in dem sie mit dem Herrn in Ewigkeit regieren werden." Dieses achte Weltalter bildet der Kirchenraum vor.
Die Achtzahl findet sich auch in den meisten gotischen Kirchen, so in den Gewölberippen des Chores oder wenn man die meist fünf Fenster im Chor zu einem Kreis ergänzt, kommt man auf ein Achteck.
Die romanischen Kirchen waren wohl weiß gekalkt und leuchteten, so wie es von der himmlischen Stadt beschrieben ist.
Die romanischen Kirchen waren häufig mit biblischen Motiven ausgemalt. Einzelne Wandmalereien wurden bei Renovierungsarbeiten freigelegt. In Maria Lyskirchen in Köln oder in Schwarzrheindorf bei Bonn kann man sich noch eine Vorstellung von dem Farben- und Bilderreichtum romanischer Kirchen machen.
Träger dieser neuen Bauepoche waren die Klöster und die Bischöfe. Da die Könige und Kaiser über keine feste Residenz verfügten, diente der Bau einer Kathedrale auch als Ausweis königlicher und kaiserlicher Macht. So der Dom in Bamberg für Heinrich II. Der erste König aus dem Geschlecht der Salier, Konrad II., begann kurz nach seiner Wahl zum König mit dem Bau eines Domes, unweit seines Herkunftsgebietes, in Speyer. In diesen romanischen Domen zeigt sich ein Gleichgewicht zwischen dem weltlichen Schutzherr einerseits und dem Bischof mit der Priesterschaft andererseits. Im Westen ist der Platz des Kaisers, der sich als Schutzherr der Kirche versteht. Denn vom Westen her drohen die Gefahren, das Dämonische. Hier ist der Platz des Erzengels Michael, der die Dämonen abwehrt. Im Osten, in Richtung Jerusalem, von woher die Wiederkunft Christi erwartet wird, ist der Raum des Gottesdienstes.

Staat und Kirche - die Dome mit einem Doppelchor:
Die Epoche der Romanik war an ihrem Ende durch heftige Auseinandersetzungen zwischen Kaiser und Papsttum bestimmt, jedoch nicht am Anfang. Die sächsischen Kaiser sorgen für die Kirche, Töchter und Söhne aus den Fürstenhäusern wurden Erzbischöfe oder Äbtissinnen, so der Bruder Ottos d.Gr., Bruno in Köln. Die Kaiser aus dem sächsischen Herzogshaus befreien das Papstamt aus dem Hickhack der römischen Adelsgeschlechter und bringen es zu neuem Ansehen. In dieser Zeit gibt es nicht wenige deutsche Bischöfe, die zum Papst gewählt werden. Die Bedeutung des Herrschers spiegelt sich in dem Westwerk und sogar in einem zweiten Chorraum wider. Die Kaiserdome von Mainz und Worms wie auch Bamberg haben im Westen einen Chor, der seit Jahrhunderten eigentlich keine Funktion mehr hat.
Der Herrscher beschützt die Kirche vor den Gefahren, die von Westen kommen, wo es dunkel wird. Im Westen nimmt der weltliche Herrscher Platz. Mit der Krönung war der Kaiser zum Diakon geweiht und hatte eigentlich das Recht, das Evangelium zu verlesen. Zugleich hatte er den Titel "Stellvertreter Christi", denn Christus wird als König verehrt. Erst nachdem Papst Bonifaz VIII. seine Oberhoheit über jede weltliche Herrschaft erklärt hatte, beanspruchen die Päpste diesen Titel.
Deutlich ist, dass das Verhältnis von geistlichem und weltlichem Amt in den romanischen Kirchen einen Ausgleich gefunden hat. Unter den Saliern kommt dieses Verhältnis jedoch in die Krise, die 1077 mit dem Gang Heinrichs IV. nach Canossa im Gedächtnis geblieben ist. Deshalb hat der von den Saliern erbaute Speyrer Dom, anders als die von Mainz und Worms, keinen eigenen Chor im Westen, sondern der Kaiser hatte im Westwerk einen Raum, von dem er auf das Geschehen am Altar blicken konnte.
Während die Kaiserdome ein Gleichgewicht zwischen Ostchor und Westfassade haben, betonen die Abteikirchen mehr den Osten des Gebäudes, indem sie die Kuppel zum höchsten Element des Gesamtbaues machen.

Die Türme
Auch in der Romanik wurde die Symbolik der himmlischen Stadt weiter geführt. Allerdings gab es in dieser Epoche nördlich der Alpen keine Städte, die durch eine Mauer geschützt waren. Mit Toren befestigt waren nur die Burganlagen. Diese waren für die Menschen damals wohl das Sinnbild für eine größere Ansiedlung. Das könnte eine Erklärung für die vielen Türme einer romanischen Kirche sein. Die biblischen Texte geben keine Turmsymbolik für die befestigte Stadt vor. In der Vision vom neuen Jerusalem im 21.Kapitel der Offenbarung des Johannes ist nur von Mauern und Toren die Rede.

Die Symbolik des romanischen Kirchenraums
War die Basilika noch der Raum, in dem die Christen ihre Liturgie nicht mehr im Verborgenen, sondern nach den Jahrhunderten der Verfolgung öffentlich feierten, stattet die Romanik den Kirchenraum mit einer sehr viel größeren Symbolkraft aus.

Kirchen als Widerspiegelung der Baugesetze des Kosmos
Bereits seit den griechischen Denkern war die Grundannahme bestimmend, dass die Welt nach bestimmten Baugesetzen geschaffen ist. Wenn man diese Gesetze für die Architektur zugrunde legt, würde der Bau die Harmonie des Kosmos widerspiegeln. Harmonie entsteht durch die abgestimmten Größenverhältnisse. Es überrascht nicht, dass die Größenverhältnisse, die nach der damaligen Vorstellung dem Kosmos zugrunde liegen, sich in Zahlengrößen wiederfinden, denn Wände, Säulen, die Räume müssen entsprechend bestimmten Zahlengrößen gebaut werden. Für einen Raum, der die Vollkommenheit des Kosmos abbilden soll, mussten Längenverhältnisse gefunden werden, die als vollkommen galten. Bereits Pythagoras hatte diese Verhältnisse in Zahlen definiert: 1:1 und 1:2, 2:3 und 3:4 galten seit diesem Mathematiker des Altertums als vollkommen. Gott legt für seine Gestaltung des Kosmos die Harmonien des Pythagoras zugrunde. So kann der Mensch im Betrachten der Schöpfung den Gestaltungswillen Gottes erkennen und in der Raumkonzeption einer Kirche nachbilden. Im Buch der Weisheit heißt es in Kap. 11,20: "Du hast alles nach Maß, Zahl und Gewicht geordnet."
Da die Gesetze der Geometrie auch im Himmel gelten, sind die Kirchen ein Abbild des Himmels, wenn man für die Größenverhältnisse des Raumes die Zahlenverhältnisse zugrunde legt, die sei Pythagoras als die vollkommenen galten. Wer eine romanische oder gotische Kirche ausmisst, stellt fest, dass z.B. die Höhe einer Säule zur Breite des Säulenabstandes sich wie 1:2 oder 3:4 verhält oder ein anderes Verhältnis von Zahlen wiedergeben. Die Vierung ist im Zahlenverhältnis 1:1 gebaut, der höchsten Vollkommenheit. Die Baumeister haben also die Kirchen in den Längenverhältnissen gebaut, die seit den Griechen als vollkommen und damit auch für den Himmel galten. Allein die Anwendung der Geometrie machte den Kirchenraum zu einem Abbild des Himmels.

Bestätigung im Alten Testament
Die mittelalterlichen Baumeister suchten natürlich auch in der Bibel nach Anhaltpunkten, wie sie die Kirchen als Haus Gottes konstruieren konnten. Denn wenn in der Bibel Bauanleitungen zu finden sind, kann der Baumeister davon ausgehen, dass er nicht nur ein Menschenwerk vollbringt, sondern ein Bauwerk errichtet, das die Menschen zu Gott führt.
Vier Texte wurden im Mittelalter herangezogen, die Vorgaben beinhalteten für den Bau
1. der Arche, (Genesis 6, 14-16)
2. des ersten Tempels, den der König Salomo errichten ließ (1. Buch der Könige, Kap. 6),
3. für den Wiederaufbau des Tempels, für den sich beim Propheten Ezechiel genaue Zahlenangaben finden (Ezechiel Kap. 41 und 42), und schließlich
4. für das neue Jerusalem, das nach der Offenbarung des Johannes nicht mehr auf der Erde gebaut werden muss, sondern das vom Himmel herab schweben wird. (Apokalypse Kap. 21)

Die Breite der Arche war mit 50 Ellen, die Höhe mit 20 Ellen vorgegeben (2:5), die Längenverhältnisse des salomonischen Tempels mit dem Verhältnis Höhe zu Breite mit 20 zu 30 Ellen, also 2:3. In all diesen Vorgaben, die nicht vom Menschen erdacht, sondern durch Gott geoffenbart wurden, finden sich die gleichen Größenverhältnisse, wie sie bereits von Pythagoras herausgestellt wurden. Das bestätigte die mittelalterlichen Denker darin, dass die Erkenntnis der Schöpfung zur Erkenntnis Gottes führt. Zu dieser Erkenntnis soll nach dem Willen der Bauleute und ihrer Auftraggeber der Mensch geführt werden, der eine Kirche betritt.
Typische Maßverhältnisse hat Villard de Honnecourt in seinem um 1240 verfassten Skizzenbuch zusammengestellt:
Das Quadrat, das durch die Vierung gebildet wird, spiegelt in seinem Längenverhältnis 1:1 (die Vollkommenheit Gottes, Breite und Höhe der Schiffe haben meist das Verhältnis 1:2; im Chor findet sich das Größenverhältnis 3:4; die Länge der Seitenschiffe steht zur Gesamtlänge des Mittelschiffs mit dem Chor im Verhältnis 2:3
Die Raumarchitektur wurde von den Baumeistern aus dem Quadrat entwickelt, die Schiffe bestehen aus aneinander gefügten Quadraten.

Die Harmonie des Raumes und seine Musikalität
Das Wissen um die Raumkonzeption einer mittelalterlichen Kirche war damals vielen Menschen geläufig. Wir müssen es heute mühsam durch Studium der mittelalterlichen Texte wieder gewinnen. Doch auch ohne dieses Wissen üben diese Kirchenräume eine besondere Wirkung auf uns aus. Die Harmonie, die wir spüren, wird durch die Längenverhältnisse bestimmt und berührt uns wahrscheinlich auch deshalb, weil sie zugleich die musikalischen Baugesetze widerspiegeln, die wir als besonders harmonisch empfinden. Denn die Verhältnisse 1:2 oder 2:3 oder 3:4 entsprechen den Tonabständen der Oktav, der Quint und der Quart. Diese Töne lassen sich durch die entsprechende Unterteilung einer Saite erzeugen. Da die mittelalterliche Architektur dieselben Größenverhältnisse für die Maße des Raumes zugrunde legt, die auch für die Musik gelten, kommt es zu einer Übereinstimmung von Musik und Architektur. Deshalb spüren wir die Harmonie körperlich. Die Musik des Mittelalters, der gregorianische Choral, bringt diese Räume in besonderer Weise zu Klingen.

Das Dämonische
So sehr romanische Kirchen eine kosmische Ordnung widerspiegeln und das Gefühl vermitteln, in Harmonie mit dem Ganzen zu stehen, so deutlich machen sie auch die Bedrohung, unter der die Menschen sich gefühlt haben. Die großen Türme, das ausgebaute Westwerk, in dem Michael die Gefahren abwehrt, wie auch die Bestiarien, die sich nicht nur außen an den Kirchen finden, sondern auch an Säulen und im Chorgestühl, zeigen das Gefühl der Bedrohung, das die Menschen auch durch den Bau von Kirchen zu bändigen versuchten. Für diese Bilder lieferte ihnen das letzte Buch der Bibel, die Apokalypse, die Vorlagen. Dort werden die Erfahrungen der Christen in den ersten Verfolgungswellen in erschreckende Bilder umgesetzt. Dieses Buch wurde im Mittelalter intensiv gelesen. Auch für den Drachen, der Wasser speit, findet sich in diesem Buch die Vorlage.

Der Reliquienkult und die vielen Altäre
In der karolingischen Zeit wurden bereits die Reliquien der Heiligen und Kleidungsstücke, die von Jesus oder Maria überkommen waren, verehrt. So leitet sich das Wort "Kapelle" von dem Mantel, der Capa des hl. Martin her, sie ist der Raum in dem dieser Mantel aufbewahrt wurde. Die romanischen Kirchen errichten den Hauptaltar über dem Grab eines Heiligen, einer Heiligen. Das Grab befindet sich in der Krypta. Fehlten die Mittel zum Bau eines Untergeschosses, so wurde unter den Altar eine Confessio gebaut, in die die Reliquien eingelassen sind. Weiter gibt es immer mehr Altäre, die im Kirchenraum aufgestellt sind. In diese Altäre sind ebenfalls Reliquien eingelassen. Die Hauptreliquie ist dem Hauptaltar zugeordnet, die anderen Altäre enthalten Reliquien in abgestufter Rangfolge. Entsprechend dem Symmetriegedanken wurden die Reliquien paarweise ausgewählt, so zwei Apostel, zwei Bischöfe, zwei Ordensleute. Wenn man in barocken Kirchen Skelette unter den Altären sieht, scheint das eine Mahnung zu sein, dass sich der Besucher seiner Vergänglichkeit bewusst wird. Aber auch in Barockkirchen sind die Reliquien in Beziehung zu den Bildern des Himmels gesetzt. Dieser Bezug ist auch in dem Wort Reliquie - das Zurückgelassene, gemeint. Denn was die Heiligen zurückgelassen haben, das wird sich bei der Auferstehung der Toten mit dem himmlischen Leib verbinden. Der Reliquienkult setzt also den Glauben an die Auferstehung voraus. Man ließ sich deshalb in Kirchen begraben, damit man in den Sog der Auferstehung hineingezogen würde, wenn die Reliquien beim Erscheinen Jesu zum Weltgericht sich mit den Heiligen im Himmel verbinden. Die Altäre mit ihren Reliquien wurden in die Prozessionen der Gottesdienste einbezogen.

Liturgie und Gregorianischer Gesang
Die Liturgie, die in den romanischen Kirchen gefeiert wurde, folgte weiter dem römischen Modell der Prozessionsliturgie. In diesen Jahrhunderten entwickelte sich der einstimmige gregorianische Gesang zu seiner Hochform, die im 19. Jahrhundert durch Benediktinerklöster wieder belebt wurde. In der Gotik beginnt dann die Mehrstimmigkeit. Der gregorianische Gesang entspricht einmal in seiner Tongestaltung in Oktav, Sekunde, Quart und Quint den Raummaßen mittelalterlicher Kirchen. Es gibt jedoch einen ehr praktischen Grund für die Entwicklung des einstimmigen Gesangs. Dieser ist durch Größe der Kirchenräume bedingt. Ohne Verstärkeranlage mussten Lesungen und Gebete verständlich vorgetragen werden. Man überbrückte die Raumdistanzen durch Verlängerung der Vokale. Bei Lesungen blieb der Vortragsgesang einfach. Die Begleitgesänge zu den Prozessionen, Introitus, Halleluja, Offertorium und Communio, wurden kunstvoller durch Tonfolgen, Melismen genannt, ausgestaltet. Diese schwierigen Gesangsstücke werden von einer kleinen Gruppe, der Schola, gesungen. Wer einen romanischen Kirchenraum verstehen will, der kann das am besten, wenn er in einem Benediktinerkloster an einer gesungen Liturgie, ob Stundengebet oder Messe, teilnimmt. Dass die Romanik nicht nur in ihrer Baukonzeption eine europäische Sprache spricht, sondern auch in Liturgie und Gesang, zeigt sich daran, dass sich die Melodien zu den einzelnen Gesängen europaweit verbreiteten. Diese Melodien wurden für den Introitus und die anderen Gesänge jedes Festes eigens komponiert, denn die Texte sind jeweils auf das Fest bzw. den Heiligen, dessen gedacht wird, abgestimmt.

 

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