Geistliches
Leben
Religion tritt
uns von außen als Kirchengebäude, in Gottesdiensten,
Wallfahrten und verschiedenen Riten entgegen. Religion
ist aber zuerst etwas im Inneren des Menschen. Sein Herz,
seine Seele wird von etwas berührt, das nicht sichtbar
ist. Wie gestaltet sich dieses innere Leben? Der Mensch
setzt sich in Beziehung zu dem, was ihn religiös bewegt.
Das kann er auf verschiedene Weise tun. Deshalb gibt es
nicht nur eine Spiritualität. Das Wort kann daher
auch im Plural gebraucht werden.
Worum
geht es?
Spiritualität heißt nicht nur etwas wissen, was einmal sich erworben
hat, sondern eine tägliche Praxis. Alle spirituellen Schulen gehen davon
aus, daß der einzelne dem inneren religiösen Leben eine bestimmte
Zeit widmet. Dafür kann sich jeder eine Form wählen. In Gebeten,
in Meditation, auch in Körperübungen wie dem Yoga setzt sich der
einzelne mit dem Urgrund des Lebens in Beziehung. Daher hat die jeweilige Religion
bzw. Weltanschauung einen bestimmenden Einfluß auf die jeweilige Spiritualität.
Geist
ist Beziehung
Das
Wort Spiritualität kommt von „Spiritus“,
das lateinische Wort für Geist. Geist meint im christlichen
Verständnis nicht das in sich ruhende „Ich“,
das sich in seinem Bewußtsein selbst begegnet, sondern
Beziehung. Der Geist ist der Geist Gottes, der Geist Jesu,
weil dieser den Menschen mit Jesus Christus in Beziehung
setzt. Der Geist ist durch Taufe und Firmung „eingegossen“ in
das Herz des Menschen und eröffnet ihm so den Zugang
zu Gott. An Pfingsten haben die Anhänger Jesu die Erfahrung
des Geistes gemacht, er kam in Feuerzungen auf sie herab.
Die erste Wirkung der Geistbegabung war, daß die Apostel
ihre Angst überwanden und öffentlich über
Jesus, seinen Tod und seine Auferstehung sprachen.
Christlich heißt Spiritualität, im Geist Jesu zu leben. Christentum
ist nicht zuerst eine Moral, die es zu befolgen gibt, sondern bedeutet, geistlich
zu leben, sich auf den Geist einzulassen, sich von ihm führen zu lassen.
Konkrete
Praxis
Spiritualität hat als Basis die Religion mit ihren bestimmten Inhalten.
Für die christliche Spiritualität ist die Bibel die Grundlage. Aus
ihr werden viele Gebete übernommen, so die Psalmen, das Vater unser, welches
Matthäus in der Bergpredigt überliefert, den Lobgesang des Zacharias
und das Magnifikat, das von Maria stammt und im Lukasevangelium überliefert
ist. (Kap. 1,46-55) Neben dem Psalmengebet ist die Meditation biblischer Stoffe
eine wichtige Praxis. Hinzukommen ein Tagesrückblick mit dem Dank für
das Gute, das der Beter erfahren hat und die Bitte um Vergebung, wo er sich
verfehlt hat. Eine christliche Spiritualität integriert das Handeln im Alltag.
Das geistliche Leben bietet die Basis, im Alltag vom Geist Jesu inspiriert
zu entscheiden und zu handeln. Damit basiert die konkrete spirituelle Praxis
auf der menschlichen Freiheit, sie ist Freiheitpraxis.
In der buddhistischen Tradition, vor allem in der japanischen Zenmeditation
werden nicht bestimmte Inhalte meditiert, sondern der Geist leergeräumt,
um sich auf diesem Weg mit dem Nirwana zu verbinden.
Zitate
Sendest du deinen Geist aus, so werden sie (alle Lebewesen) erschaffen und
du erneuerst das Antlitz der Erde.
Psalm 104,30
Auch die Schöpfung
soll von der Sklaverei und Verlorenheit befreit werden
zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes. Denn wir
wissen, daß die gesamte Schöpfung bis zum heutigen
Tag seufzt und in Geburtswehen liegt. Aber auch wir, obwohl
wir als Erstlingsgabe den Geist haben, seufzen in unseren
Herzen und warten darauf, daß wir mit der Erlösung
unseres Leibes als Söhne offenbar werden. … so
nimmt sich auch der Geist unserer Schwachheit an. Denn
wir wissen nicht, worum wir in rechter Weise beten sollen;
der Geist selbst tritt jedoch für uns ein mit Seufzen,
die wir nicht in Worte fassen können.
Römerbrief 8, 21, 23, 26
Denn uns hat es
Gott enthüllt durch den Geist. Der Geist ergründet
nämlich alles, auch die Tiefen Gottes. Wer von den
Menschen kennt den Menschen, wenn nicht der Geist des Menschen,
der in ihm ist? So erkennt auch keiner Gott – nur
der Geist Gottes. ….. Der irdisch gesinnte Mensch
aber läßt sich nicht auf das ein, was vom Geist
Gottes kommt. Torheit ist es für ihn, und er kann
es nicht versehen, weil es nur mit Hilfe des Geistes beurteilt
werden kann. Der geisterfüllte Mensch urteilt über
alles, ihn aber vermag niemand zu beurteilen. Denn wer
begreift den Geist des Herrn? Wer kann ihn belehren? Wir
aber haben den Geist Christie.
1. Korintherbrief 2, 10-11, 14-16
Eckhard Bieger
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