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Wie kann man
Jesus als den Sohn Gottes verstehen?
Als das Christentum
in die griechische Kultur gelangte, stieß es
auf eine entwickelte Philosophie, die begriffliche Klarheit verlangte.
Die Christen mußten Antwort geben, wer dieser Jesus von Nazareth
ist. Er ist Heilbringer. Das war in der griechischen Welt nichts
Besonderes. Viele Prediger sind aufgetreten und haben sich als
Heilbringer ausgegeben. Über solche Männer wurde auch
erzählt, daß sie Wunder vollbringen würden oder
vollbracht hätten. Von Jesus behaupteten die Christen, daß er
Gottes Sohn und zugleich Mensch sei. Das Konzil von Nicäa
hatte 325 festgestellt, daß er wirklich Gott ist, ungeschaffen,
Gott gleich, der Sohn Gottes. Wie sollte man das verstehen?
Wenn dieser Jesus von
Nazareth wirklich Gott ist, dann konnte er in den Augen der griechischen
Welt nicht wirklich Mensch sein.
Sie dachten von Jesus so, wie es aus griechischen Göttersagen überliefert,
war, daß ein Gott auf der Erde erschienen ist. Seine Gestalt
wäre nur eine Art Hülle, um sich den Menschen sichtbar
zu machen, die jedoch nur als Form
der Erscheinung zu verstehen
war, nicht wirklich ein Mensch.
Im griechischen Denken lag noch eine andere Verstehensformel bereit.
Der Philosoph Aristoteles hatte schon 300 Jahre vor den christlichen
Predigern dem Menschen nicht nur eine Seele zugesprochen, sondern
auch erklärt, wie die Seele mit dem Körper verbunden
ist. Er hatte nicht die Vorstellung, die der heutigen Medizin zugrunde
liegt, daß nämlich der Körper nach chemisch-biologischen
Gesetzen funktioniert und irgendwo im Brustkorb oder Kopf die Seele
in dem Körper haust. Aristoteles hatte eine Vorstellung entwickelt,
die viel mehr mit unseren Erfahrungen übereinstimmt: Die Seele
ist das organisierende Prinzip, das Lebensprinzip jedes Lebewesens.
Auch Tiere haben eine Seele, die dem materiellen Substrat Leben
gibt, so daß wir von einem Körper als belebter Materie
sprechen können.
Die menschliche Seele hat darüber hinaus noch eine besondere
geistige Qualität, sie steht in unmittelbarer Beziehung zur
Vernunft, die dem ganzen Kosmos zugrunde liegt. Der Mensch ist
das Wesen, das Vernunft hat und über Sprache verfügt.
Eine Möglichkeit, den Heilbringer Jesus zu erklären,
liegt in diesem griechischen Modell: Da der menschliche Geist unmittelbar
auf die Weltvernunft bezogen ist, könnte doch der Logos, die
Weltvernunft an die Stelle der Seele treten. Jesus von Nazareth
hätte dann keine menschliche Seele. Wie reagierten die christlichen
Denker auf diese Vorstellung?
Zuerst einmal stimmte
die griechische Vorstellung von einem Scheinleib nicht mit den
Berichten über Jesus überein. Wäre
sein Leib nur eine Hülle, wäre der Tod Jesu nicht wirklich
geschehen. Wenn das geistige organisierende Prinzip der göttliche
Logos wäre, wären die menschlichen Reaktionen nicht verständlich,
denn er wird als einer geschildert, der sich freut, der Trauer
empfindet, der sogar in große Angst gerät, als er seine
Verurteilung unausweichlich kommen sieht.
Ein gewichtiger theologischer Grund für die Annahme, daß bei
Jesus nicht anstelle der menschlichen Seele der Logos das organisierende
Prinzip des Körpers ist, sondern daß er eine menschliche
Seele hatte, ist die Dimension der Erlösung. Denn mit der
Menschwerdung des Sohnes Gottes wird die Menschennatur insgesamt
in den Erlösungsprozeß einbezogen. Nachdem Jesus im
Tod am Kreuz mit allen ungerecht Verurteilten solidarisch geworden
und als Mensch mit Leib und Seele eine neue, himmlische Existenz
gefunden hatte, ist er der erste der von den Toten Auferstandenen.
Mit ihm sind alle Menschen anfänglich aus dem Tod gerettet.
Wie kann das für den griechischen Kulturraum sprachlich deutlich
gemacht werden?
Begriffliche Klärung
Wenn in Jesus nicht zwei Personen gemeint sind, sondern uns einer
entgegentritt, dann muß die Zweiheit auf einer anderen Ebene
liegen. Um die Zweiheit
von Gottheit und Menschheit zu unterscheiden, bezeichnen
die Theologen des 5. und 6. Jahrhunderts mit dem Naturbegriff die
göttliche und die menschliche Natur. (Physis
ist das griechische Wort für Natur) Die Monophysiten sprechen
von einer neuen Natur, die durch die Einigung von menschlicher
und göttlicher Natur entsteht. Diese Bezeichnung ist jedoch
nicht klar genug, denn der Begriff Natur - Physis bzeichnet gerade
die Zweiheit in Jesus.
Der Personbegriff
ist eine bessere begriffliche Beschreibung, denn er bezieht
sich auf den einen Jesus von Nazareth, den menschgewordenen Sohn
Gottes.
Der
Personbegriff
bezeichnet
den
Einen, der Naturberiff die Zweiheit in Jesus.
Zitate
„Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott
zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein
Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen,
er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod am Kreuz.“ Paulus
zitiert in seinem Brief an die Philipper 2,6-8 einen Hymnus aus
der christlichen Liturgie.
"Und das Wort ist Fleisch
geworden und hat unter uns gewohnt, und wir haben seine Herrlichkeit
gesehen, die Herrlichkeit des einzigen
Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit." Johannesevangelium
1, 14
"Es ist zu bekennen,
daß die Weisheit selbst, das Wort, der
Sohn Gottes einen menschlichen Leibe, eine Geist-Seele und eine
sensitive Seele angenommen hat, d.h. den ganzen Adam … unseren
ganzen alten Menschen außer der Sünde. … Wenn
aber einer sagen würde, das Wort habe anstelle der menschlichen
sensitiven Seele im Fleisch des Herrn verweilt, den schließt
die katholische Kirche aus, ebenso auch die, die zwei Söhne
in unserem Heiland bekennen, einen vor der Inkarnation und einen
anderen nach der Annahme des Fleisches aus der Jungfrau." (Die
sensitive Seele ist nach der damaligen Anthropologie der Sitz der
Gefühle
und Empfindungen, diese wird von der Geist-Seele unterschieden.)
Papst Damasus I. im Brief an Paulinus v. Antiochien 375
Eckhard Bieger S.J.
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