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Die Entwicklugn
des Personbegriffs
Die Vorstellung vom
Menschen als einem Wesen, das auf Grund seiner Geistigkeit und
Freiheit innerlich unabhängig ist und über
sein Leben verfügt, begründet die Würde dieses Wesens
und damit die Menschenrechte. Person ist das Innerste und zugleich
das Ganze des Menschen. Urteilsfähigkeit, freie Entscheidung,
das Verhältnis zur Umwelt und anderen Menschen sehen wir zugleich
in dem Personkern des einzelnen, wie auch der Leib zur Person gehört.
Wir können den anderen in seiner Person „treffen“,
wenn wir ihn liebkosen oder schlagen. Diese auf die Person zielenden
Berührungen sind von denen zu unterscheiden, die nur einen
Teil des Körpers betreffen, wenn z.B. ein Arzt eine Wunde
behandelt oder die Kosmetikerin das Gesicht einkremt.
Wie kam es zu der Vorstellung, daß das Innerste, was den
Menschen ausmacht, auch den Leib umfaßt. Es sind theologische
Auseinandersetzungen im 5. und 6. Jahrhundert, die zum Pesonbegriff
führten, der zur Grundlage der europäischen Kultur wurde. „Jesus
von Nazareth“, der menschgewordene Sohn Gottes, forderte
das Denken heraus, so daß das Menschenbild der Antike weiter
entwickelt werden mußte. Die Frage, die sich damals stellte
war folgende: Wenn Jesus wirklicher Mensch war und zugleich die
zweite Person des dreifaltigen Gottes, wie kann er dann „einer“ sein?
Der Personbegriff entwickelte sich aus der Frage, was die Seele
des Menschen Jesus war und ob Jesus überhaupt eine menschliche
Seele
hatte.
Die Vorstellung von Leib und Seele reicht nicht aus
Die Vorstellung, daß der Mensch eine Geistseele besitzt,
die vom Körper zu unterschieden ist, hatten die Griechen entwickelt.
Den Juden war an einer solchen begrifflichen Klarheit nicht so
sehr gelegen. Sie sahen im Atem das belebende Prinzip. Gott erschuf
den ersten Menschen, indem er Lehm formte und ihm Leben einhauchte.
(s.u. Zitate)
Die Griechen erkannten deutlicher, daß der Mensch über
ein geistiges Prinzip verfügt, das sein ganzes Wesen organisiert.
Sie nennen es Seele, „Psyche“, das lateinische Wort
ist „anima“. Wenn aber Jesus eine menschliche Seele
hat, dann ist er auch ein menschliches Individuum. Das entspricht
den Berichten der Bibel, die Jesus als einen Menschen zeigen, der
Hunger und Durst hat, der Zuneigung, Zorn und Angst kennt, der
die Gefühle und die Befindlichkeit anderer Menschen versteht.
Wenn Jesus aber zugleich der Sohn Gottes ist, dann ist er auch
ein „göttliches Ich“. Hat er aber dann daneben
noch ein menschliches „Ich“?
Eine Lösung des Problems konnte im griechischen Denken so
gefunden werden, daß Jesus keine menschliche Seele hat, sondern
der göttliche Logos an die Stelle der menschlichen Seele
als organisierendes Prinzip des Körpers tritt. Das konnte
aber nicht angenommen werden, denn Jesus fühlte wie ein Mensch.
Damit war die griechische Vorstellung vom Menschen an ihre Grenze
geraten. Das sieht man auch an einem
anderen Lösungsmodell. Cyrill von Alexandrien sah das Neue,
das uns in Jesus entgegen tritt, daß ein Mensch zugleich
wirklich Gott ist, als eine "neue
Natur".
Es wäre also aus der Verbindung von Gott und Mensch eine neue
Natur entstanden, ein Gottmenschentum könnte man in einer
uns mehr geläufigen Begrifflichkeit sagen. Aber kann man durch
Mischung erklären, was so verschieden ist. Es ist deutlich,
daß mit dem Begriff Natur aber gerade das bezeichnet wird,
was nicht „Ich“ ist, nämlich das Göttliche
und Menschliche in Jesus. Es wird auch deutlich, daß Begriffe
nur Verstehensmöglichkeiten beinhalten und nicht einfachhin
die Wirklichkeit wiedergeben. Deshalb ist der Kampf um die Begriffe,
der im 4. und 5. Jahrhundert mit aller Schärfe ausgetragen
wurde, ein Ringen, wie man in der Sprache der damaligen Zeit erklären
kann, wer Jesus war. Die Konzilien haben die Grenzen markiert,
was kein angemessenes Sprechen über Jesus, den Sohn Gottes
ist. Das Geheimnis selbst haben sie nicht erklärt.
Das Antlitz
des Menschen repräsentiert seine Person
Wenn Seele und Natur nicht mehr die Begriffe sein können,
womit das bezeichnet wird, was die beiden
Naturen
einigt, so daß Jesus nicht zweimal „Ich“ ist,
mußte ein neuer Begriff gefunden werden. Indem man sich auf
das Antlitz des Menschen bezog, konnte man Leiblichkeit und Geistigkeit
in einem verstehen, denn in seinem Antlitz zeigt sich der andere
als der, der er ist. Das lateinische Wort für Person kommt
von personare, hindurchschallen. Es bezieht sich auf die Maske,
die Theaterschauspieler trugen. Aus diesem Spezialbegriff hat sich
das Wort entwickelt, mit dem im Abendland das Besondere des Menschen
bezeichnet wird und das in dem Wort „Personwürde“ das
Unantastbare jedes einzelnenausdrückt.
Denn mit dem Begriff „Person“ kann etwas ausgesagt
werden, das mit dem Wort „Seele“ nicht deutlich wird.
Die Seele ist nach griechischem Denken das organisierende und damit
das Lebens-Prinzip des Körpers. Verläßt die Seele
den Körper, ist dieser ohne Leben und nur noch Materie. Da
die Christen durch die leibliche Auferstehung
Jesu erkannt hatten,
daß der Leib ebenso wie das geistige Prinzip, die Seele,
zur himmlischen Existenz gehören, mußte die Einheit
von Leib und Seele genauer beschrieben werden. Für die Griechen
besteht die Existenz des Menschen nach dem Tod darin, daß die
Seele im Himmel ist und der Körper in seine Materieteile zerfällt.
Eine leib-seelische Existenz braucht aber ein einigendes Prinzip,
das anders gedacht werden muß als die griechische Vorstellung
von der Seele. Die Person ist dieses einigende Prinzip. Jesus ist
eine Person und doch zugleich ganz Gott und ganz Mensch. Das heißt
dann auch, daß der Mensch Person ist und damit sein Leib
eine ganz neue Bedeutung erhält. Der Leib ist mehr als eine
zufällige Ansammlung von Molekülen, er gehört zur
Person und muß genauso geachtet werden wie der Geist des
Menschen.
Person - Antlitz
Persona bezeichnet im Lateinischen die Maske des Theaterschauspielers.
Im Griechischen entspricht dem das Wort Prosopon für Antlitz.
In seinem Antlitz tritt uns der andere als Person gegenüber,
wir lesen aus seinen Gesichtszügen, was er fühlt, wie
er reagiert, wie er uns begegnet. Die Person als einigendes Prinzip
ermöglicht es, den Sohn Gottes als Person in der Dreifaltigkeit
zu benennen und zugleich sagen zu können, daß der Sohn
ganz Mensch geworden ist, mit Leib und Seele, ohne daß die
menschliche Seele aus Jesus einen zweiten Sohn Gottes machen würde.
Jesus ist nur einer, ganz Gott und ganz Mensch.
Zitate
Da formte Gott, der Herr den Menschen aus Erde vom Ackerboden und
blies in seine Nase den Lebensatem. So wurde der Mensch zu einem
lebendigen Wesen. (Buch Genesis, 2,7)
Es muß aber gefragt
werden, auf welche Weise das Wort Fleich wurde, ob es gewissermaßen
im Fleisch sich verwandelt hat oder es das Fleisch angezogen
hat. Alles nämlich, das in etwas
anderes verwandelt wird, hört auf zu sein, was es war, und
beginnt zu sein, was es nicht war. Gott aber hört nicht auf
zu sein, noch kann er etwas anderes sein. ... Wenn das Wort auf
Grund der Verwandlung und Veränderung seiner Substanz Fleisch
geworden wäre, dann würde Jesus ein Substanz aus zweien
sein, aus Fleisch und Geist, ein gewisses Gemisch, wie eines aus
Gold und Silber, das weder Gold ist, das ist der Geist, noch Silber,
das ist das Fleisch, so daß das eine durch das andere verändert
wird und etwas Drittes entsteht. Dann ist Jesus auf keinen Fall
Gott, das Wort, das Fleisch wurde, hat dann aufgehört zu sein.
Fleisch im eigentlichen Sinne ist es auch nicht mehr, weil es (das
Fleisch) zu Wort wurde. ....
(Jesus Christus wird aber gelehrt) als Gottessohn und Menschensohn,
wobei Gott und Mensch ohne Zweifel gemäß beiden Substanzen
in ihrer Eigentümlichkeit getrennt sind, weil weder das Wort
etwas anderes als Gott noch das Fleisch etwas anderes als Mensch
ist.
Wir erkennen einen doppelten Seinsstand, unvermischt, aber verbunden
in einer Person, den Gott und den Menschen Jesus. ...
So sehr ist die Eigentümlichkeit jeder der beiden Substanzen
gewahrt, daß sowohl der Geist in ihm das, was ihm zukommt,
tut, nämlich die Tugenden, Werke und Wunder, als auch das
Fleisch seine Leiden erduldet....
Tertullian, Adversus Praxean, um 210
Boethius, ein Denker
des 6. Jahrhunderts, der am Hof des Ostgotenkönigs
Theoderichs tätig war, ist das Bindeglied zwischen der Antike
und dem Mittelalter. Er hat sich um klare Begrifflichkeiten bemüht,
indem er für griechische Worte lateinische Äquivalente
entwickelte und definierte. Er legte damit die Grundlagen für
die mittelalterliche Philosophie und Theologie. Boethius definiert
Person als "rationabilis naturae individua substantia – die
individuelle Substanz einer vernunftbegabten Natur".
In all diesen Fällen kann Person niemals als in den allgemeinen
(universellen) Seienden bestehend ausgesagt werden, sondern nur
in den einzelnen und in den Individuen. Als Lebewesen oder als
Gattung ist der Mensch keine Person, sondern man redet von einzelnen
Personen, nämlich von Cicero, Plato und der einzelnen Individuen…..
Natur ist die spezifische Eigentümlichkeit einer beliebigen
Substanz, Person aber die individuelle Substanz einer vernunftfähigen
Natur.
Opusculum contra Eutychen et Nestorium um 512 Hugo von St. Viktor (Pariser Augustinerstift), aus Halberstadt
stammender Theologe des 12. Jahrhunderts
So wurde Gott wahrer Mensch. Wahrer Mensch wäre er aber nicht
gewesen nur im Fleische oder nur in der der Geistseele, weil der
Mensch sowohl Fleisch wie Geist ist. Als Gott den Menschen annahm,
hat er deswegen beides angenommen. Er nahm aber Fleisch und Seele
an, das heißt: den Menschen, seine Natur, aber nicht seine
Person. Denn er hat nicht den Menschen als Person angenommen, sondern
er nahm den Menschen in seine Person auf. Deswegen hat er den Menschen
angenommen, weil er Fleisch und Geist des Menschen angenommen hat.
Darum hat er nicht eine menschliche Person angenommen, weil jenes
Fleisch und jene Seele noch nicht zu einer menschlichen Person
vereint waren, bevor sie vom Wort (dem Sohn Gottes) zu einer Person
geeint wurden. … Das Wort war schon vor dieser Vereinigung
eine Person, weil es der Sohn war, der Person war, wie auch der
Vater Person war und der Heilige Geist.
De sacramentis christianae fidei, 1134
Eckhard Bieger
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