 |
Der
Gottesbeweis, der allein aus dem Denken abgleitet wird
Der Erweis der Existenz Gottes aus dem Sein (Ontologie ist die
Wissenschaft vom Sein) ist eigentlich der gedanklich klarste. Er
wurde von Anselm von Canterbury (1033-1109) ausgearbeitet. Die
Argumentation ist so aufgebaut:
Der Mensch kann sich etwas ausdenken, das durch nichts übertroffen
wird. Wenn es das höchste und vollkommenste Wesen ist, das
sich jemand ausdenkt, dann gibt es etwas noch höheres und
vollkommneres, nämlich wenn dieses Wesen nicht nur als Möglichkeit
gedacht wird, sondern wenn es wirklich existiert.
Der geistige Hintergrund
des Beweises
Der
Erweis Gottes aus dem Denken heraus setzt ein großes
Vertrauen in das eigene Denken voraus. Dieses Vertrauen gewinnt
der mittelalterliche Denker aus dem Schöpfungsglauben. Wenn
der Verstand, den Gott geschaffen hat, ein höchstes Wesen
denken kann, das aus sich heraus notwendig existiert, dann muß es
dieses Wesen geben. Denn der von Gott geschaffene Verstand kann
den Menschen nicht in die Irre führen. Als sich im 14. Jahrhundert
das Vertrauen in die Erkenntnisfähigkeit des Menschen langsam
auflöste, führte das nicht nur in der Reformation zum
Ringen um die Frage, ob Gott dem Menschen tatsächlich gnädig
ist, sondern zu einer Skepsis, was der Mensch überhaupt erkennen
kann. Die „Kritik der reinen Vernunft“ von Immanuel
Kant legt dar, daß der Mensch weder „das Ding an sich“ noch
sein eigenes Ich noch Gott erkennen kann. Er erkennt nur Phänomene,
die er im Raum-Zeit-Schema einander zuordnen kann. Es geht also
darum, was das Denken des Menschen zu leisten vermag.
Der ontologische Gottesbeweis vertraut ganz auf das Denken des
Menschen. Allerdings gab es schon im Mittelalter Anfragen an den
ontologischen Gottesbeweis. So führte der Mönch Gaunilo,
ein Zeitgenosse Anselms, folgende Überlegung an: Der Mensch
könne sich die allerschönste Insel ausdenken. Zwar sei
auch diese Insel noch vollkommener, wenn sie nicht nur in den Gedanken,
sondern auch tatsächlich existiere. Die tatsächliche
Existenz der Insel folge aber nicht aus der Vorstellung. Auch Thomas
von Aquin zeigt sich in der Summa contra Gentiles I, 10 und 11
skeptisch, ob die menschliche Geisteskraft fähig ist, allein
vom Gedanken her die gemeinte Wirklichkeit zu erfassen. Der Mensch
müsse von dem ausgehen, was er direkt erkenne.
Es bleibt jedoch das Denken des Menschen, worauf es ankommt. Denn
weil Gott kein Gegenstand in dieser Welt ist, kann er nicht mit
den Sinnen erkannt werden. Allerdings ist der Mensch fähig,
ein Wesen zu denken, das absolut vollkommen ist, so daß nicht
Größeres über dieses Wesen hinaus gedacht werden
kann. Dieses Wesen ist nicht nur vollkommen, es ist auch nicht
vom Zufälligen in Frage gestellt, es existiert nicht von anderem
her, sondern aus sich. Das sind alles Gedanken, die der Mensch
denken kann. Gott kann nicht nicht existieren, denn sonst wäre
er nicht Gott, sondern etwas Endliches. Folgt daraus, daß das
Gedachte, weil es ja in sich notwendig existieren muß, auch
tatsächlich existiert? Dazu kann eine Überlegung Immanuel
Kants über das Mögliche sowie eine genauere Analyse des
menschlichen Geistes, die Karl Rahner entwickelt hat, hin führen.
1. Das Mögliche
setzt ein Notwendiges voraus
Bei allem Zweifel an der Erkenntnisfähigkeit kommt der Mensch
am Ende doch darauf zurück, daß nicht alles gedacht
sein kann, sondern etwas existiert, zumindest er als Denkender.
Von dem, was unzweifelhaft existiert, kann der Mensch ausgehen.
Kant selbst hat diesen Gedanken in seiner Schrift „Beweisgrund
zu einer Demonstration des Daseins Gottes“ aus dem Jahr 1762
getan. Diese Argumentation nimmt er allerdings in seiner „Kritik
der reinen Vernunft“ wieder zurück.
„
Wenn nun alles Dasein aufgehoben wird, so ist nichts schlechthin
gesetzt, es ist überhaupt gar nichts gegeben, kein Materiale
zu irgend etwas Denklichem (Denkbarem), und alle Möglichkeit
fällt gänzlich weg. …. Demnach zu sagen: es existiert
nichts, heißt ebensoviel als: es ist ganz und gar nichts;
und es widerspricht sich offenbar, dessenungeachtet hinzufügen,
es sei etwas möglich.
Wodurch alle Möglichkeit überhaupt aufgehoben wird, das
ist schlechterdings unmöglich. …. Allein wodurch das
Materiale und die Data zu allem Möglichen aufgehoben werden,
dadurch wird auch alles Mögliche verneint. Nun geschieht dieses
durch die Aufhebung alles Daseins, als wenn alles Dasein verneint
wird, so wird auch alle Möglichkeit aufgehoben. Mithin ist
schlechterdings unmöglich, daß gar nichts existiere.“ Auszüge
aus Nr. 2 und 3 der zweiten Betrachtung.
Die Schlußfolgerungen Kants finden sich in den Überschriften
zu den Kapiteln 2-4
- Die innere Möglichkeit aller Dinge setzt irgendein Dasein
voraus.
- Es ist schlechterdings unmöglich, daß gar nichts existiere.
- Alle Möglichkeit ist in irgend etwas Wirklichem gegeben.
Die Möglichkeit leitet sich daraus ab, daß es auch
sein kann. Wenn man sich einen Körper vorstellt, der ausgedehnt
ist, es aber gar keinen Raum gibt, dann ist Ausdehnung als eine
der Bestimmungen eines Körpers nicht möglich. Mit dieser Überlegung
(in Nr. 4) zeigt Kant, daß das Mögliche irgendeinen
Bezug zum Wirklichen haben muß. Daß nichts möglich
ist, wird dadurch ausgeschlossen, daß etwas existiert. Wie
kommt Kant aber vom Möglichen auf ein absolutes Wesen, das
in sich notwendig ist und nicht von außen abhängt?
„Es existiert ein schlechterdings notwendiges Wesen: Alle
Möglichkeit setzt etwas Wirkliches voraus, worin und wodurch
alles Denkliche gegeben ist. Demnach ist (das) eine gewisse Wirklichkeit,
deren Aufhebung selbst alle innere Möglichkeit überhaupt
aufheben würde. Dasjenige aber, dessen Aufhebung oder Verneinung
alle Möglichkeit vertilgt, ist schlechterdings notwendig.
Demnach existiert etwas absolut notwendigerweise. Bis dahin erhellt,
daß ein Dasein eines oder mehrere Dinge selbst aller Möglichkeit
zugrunde liege, und daß dieses Dasein an sich selbst notwendig
sei.“ Nr. 2 aus der Dritten Betrachtung
Kant kommt auf diesem Weg zur gleichen Erkenntnis wie der kosmologische
Gottesbeweis: Alles, was auch nicht sein kann, setzt ein Sein voraus,
das aus sich heraus notwendig ist. Vom Möglichen kommt man
deshalb zum Notwendigen, weil alles Zufällige auch nicht sein
könnte und daher das Mögliche ebenfalls ins Nichts fallen
würde. Nur ein Absolutes, aus sich selbst existierendes Sein
kann als Basis gesehen werden, daß ein Geist sich etwas ausdenkt,
das nicht nur gedacht, sondern auch möglich, d.h. existieren
kann. Das Mögliche ist ja nicht nur gedacht, es muß so
gedacht werden, daß es auch sein kann. Dafür muß es
in sich ohne Widerspruch sein. Kant benutzt als Beispiel die Triangel:
Sie kann nicht viereckig gedacht werden. Sie kann aber als mit
einem Rechten Winkel ausgestattet gedacht werden, dann ist sie
nicht gleichschenklig, aber weiterhin ein Dreieck. Aber auch wenn
etwas ohne innere Widersprüche gedacht wird, ist es deshalb
noch nicht möglich. Es kommt die Dimension des Wirklichen
hinzu. Das Mögliche muß auch wirklich werden können.
Wenn es keinen Raum gäbe, könnte man sich einen Körper
zwar als ausgedehnt vorstellen, aber es könnte ihn nicht geben.
Nur etwas, das in sich notwendig ist, gibt letztlich die Basis
dafür her, daß etwas möglich ist. Was aber die
letzte Basis für das Mögliche ist, muß deshalb
in sich notwendig sein, weil ohne eine letzte Notwendigkeit das
Mögliche nicht mehr möglich wäre. Was die Unmöglichkeit
des Möglichen verhindert, kann selbst nicht mehr nur möglich
sein, es muß aus eigener Notwendigkeit existieren, ohne sich
von anderem herzuleiten.
Diese Schlußfolgerungen Kants mögen schwer nachzuvollziehen
sein. Sie zeigen zumindest, daß das menschliche Denken immer
wieder auf das „In-sich-Notwendige“, das absolute Sein
zurückkommt, das nicht von etwas anderem abhängt. Eine
genauere Analyse der menschlichen Dynamik führt noch einen
Schritt weiter:
2. Die innere Dynamik des Geistes zielt auf das Absolute
Kant hat in seiner „Kritik der reinen Vernunft“ einen
neue Denkweg eröffnet, nämlich nicht die Ergebnisse des
Denkens in den Blick zu nehmen, sondern zu fragen: Wenn der Mensch
das und das erkennen bzw. denken kann, was sind die Bedingungen
dafür, daß er das überhaupt kann?
Aus der Analyse der Dynamik des Denkens kann Karl Rahner in „Hörer
des Wortes“ ableiten, daß in seinem Streben nach Wahrheit
und Erfüllung der Mensch schon die Wirklichkeit bejaht. Er
kann nur etwas erkennen, wenn er aktiv auf das zu Erkennende zugeht.
Weil er in seinem Wahrheitsstreben auf das Ganze der Wirklichkeit
zielt und sein Verlangen nur durch das höchste Gute erfüllt
werden kann, bejaht der Mensch in seinem Erkennen und Streben bereits
die ganze Wirklichkeit. Das ist dem Menschen nicht direkt bewußt,
da sein Geist auf das in der Welt Erkennbare ausgerichtet ist.
Aber in der Dynamik des Erkennens und Wollens überschreitet
der Mensch bereits alles Endliche und bejaht somit das Absolute.
Indem Rahner das Bild des Horizonts nutzt, in dem alles, was wir
erkennen, auftaucht, kann er zugleich zeigen, daß dieser
Horizont in jedem Erkennen präsent ist. Der Erkennende muß sich
diesen Horizont nicht ausdrücklich bewußt machen, trotzdem
ist der Horizont immer da. Der dem Menschen in seinem Erkenntnisvermögen
mitgegebene Horizont ist immer da. Da der Mensch, um einzelnes
zu erkennen, immer auch den Horizont mit erkennt, erkennt er Gott,
aber in besonderer Weise:
Es ist ein Vorgriff
auf das an sich unbegrenzte Sein ... Mit der Notwendigkeit, mit
der dieser Vorgriff gesetzt wird, ist auch das
unendliche Sein Gottes mitbejaht. Zwar stellt der Vorgriff nicht
unmittelbar Gott als Gegenstand dem Geist vor, weil der Vorgriff
als Bedingung der Möglichkeit der gegenständlichen Erkenntnis
von sich überhaupt keinen Gegenstand in seinem Sein vorstellt.
Aber in diesem Vorgriff als notwendiger und immer schon vollzogener
Bedingung jeder menschlichen Erkenntnis und jedes menschlichen
Handelns ist doch auch schon die Existenz eines absoluten Seins,
also Gottes, mitbejaht. S. 81
„.... der Vorgriff
und seine Weite lassen sich als vorhandene und für alle
Erkenntnis notwendige Bedingung nur erkennen und als solche bejahen
in der aposteriorischen Erfassung eines
realen Seienden als deren notwendige Bedingung. So ist unsere Fassung
der Gotteserkenntnis nur die erkenntnismetaphysische Wendung der
realontologischen Formulierung der traditionellen Gottesbeweise.“ S.
82
Reflexion auf
den Beweisgang
Der ontologische Gottesbeweis konfrontiert den Menschen auf der
einen Seite mit der Fähigkeit, die ihm mit seiner Vernunft
gegeben sind und zum anderen mit der Grenze des Denkens. Er kann
Gott denken und er bejaht eine umfassende Wirklichkeit, indem
er erkennend auf alles ausgreift. Aber der Mensch kann Gott nicht
erfassen und damit geistig beherrschen. Deshalb hat der ontologische
Gottesbeweis direkt mit dem menschlichen Geist zu tun. Der Mensch
kann das Größte denken, dieses Größte entzieht
sich ihm aber, weil es seinen Geist unendlich übersteigt.
Zitate
Die Argumentation für den ontologischen Gottesbeweis findet
sich bei Anselm von Canterbury in seinem Proslogion:
„
Ein anderes ist es, daß etwas im Verstande ist, ein anderes,
einzusehen, daß etwas existiert. Denn wenn ein Maler vorausdenkt,
was er schaffen wird, hat er es zwar im Verstand, erkennt aber
noch nicht, daß existiert, was er noch nicht geschaffen hat.
Wenn er aber schon geschaffen hat, hat er sowohl im Verstande,
als er auch einsieht, daß existiert, war er bereits geschaffen
hat. So wird auch der Tor (der deshalb ein Tor ist, weil er die
Existenz Gottes nicht erkennt) überführt, daß wenigstens
im Verstande etwas ist, über das hinaus Größeres
nicht gedacht werden kann, wie er das versteht, wenn er es hört,
und was immer verstanden ist, ist im Verstande. Und sicherlich
kann das, über das hinaus Größeres nicht gedacht
werden kann, nicht im Verstande allein sein. Denn wenn es wenigstens
im Verstande allein ist, kann gedacht werden, daß es auch
in Wirklichkeit existiere – was größer ist. Wenn
also das, über das hinaus Größeres nicht gedacht
werden kann, im Verstande allein ist, so ist eben das, über
das hinaus Größeres nicht gedacht werden kann, etwas über
das hinaus Größeres gedacht werden kann. Das aber kann
nicht sein. Es existiert also ohne Zweifel etwas, über das
hinaus Größeres nicht gedacht werden kann, sowohl im
Verstande als auch in Wirklichkeit.“ Aus Kap. 2
„
Das existiert so schlechthin wahrhaft, daß sein Nicht-Sein
nicht einmal gedacht werden kann. Denn es kann gedacht werden,
daß etwas existiert, dessen Nicht-Sein gedacht werden kann,
was ein Größeres ist als das, wenn Nicht-Sein gedacht
werden kann, was ein Größeres ist als das, dessen Nicht-Sein
gedacht werden kann. Wenn daher das, über das hinaus Größeres
nicht gedacht werden kann, als nicht-existierend gedacht werden
kann, ist eben das, über das hinaus Größeres nicht
gedacht werden kann, nicht das, über das hinaus Größeres
nicht gedacht werden kann, was sich nicht miteinander vereinbaren
läßt. So wahrhaft existiert also etwas, über das
hinaus Größeres nicht gedacht werden kann, daß sein
Nicht-Sein nicht einmal gedacht werden kann. Und das bist Du, Herr,
unser Gott. So wahrhaft existierst Du also, Herr mein Gott, daß Dein
Nicht-Sein nicht einmal gedacht werden kann. Wenn nämlich
ein Geist etwas Besseres als dich denken könnte, erhöbe
sich das Geschöpf über den Schöpfer und urteilte über
den Schöpfer, was gänzlich widersinnig ist. Allerdings
kann einzig mit Ausnahme von Dir alles, was sonst noch existiert,
als nicht-existierend gedacht werden. Du allein besitzt somit am
wahrhaftigsten von allem und deshalb am meisten Existenz, weil
alles, was sonst nicht existiert, nicht so wahrhaft und deswegen
in geringerem Maß Existenz besitzt.“ Aus Kap. 3
Ontologischer Gottesbeweis nach Descartes:
René Descartes, ein Philosoph des 17. Jahrhunderts steht
am Beginn des neuzeitlichen Nachdenkens über Gott. Descartes überprüft
das Erkenntnisvermögen des Menschen. Da nach seiner Analyse
dem Menschen nur innere Erkenntnisse eine genügende Sicherheit
geben, leitet Descartes die Einsicht in die Existenz Gottes von
inneren Vorstellungen ab. Er begründet die Existenz Gottes
nicht wie Anselm dadurch, daß ein höchstes Sein, wenn
es wirklich vollkommen sein soll, nicht nur vom Menschen gedacht,
sondern auch existieren muß. Er fragt nach der Ursache, die
die Vorstellung eines höchsten Wesens im menschlichen Geist überhaupt
möglich macht. Descartes versteht den Menschen als ein endliches
Wesen, das aus sich selbst nicht in der Lage ist, ein höchstes,
absolut vollkommenes und gutes Wesen zu denken. Daher könne
dieser Gedanke nicht aus dem menschlichen Geist selbst entspringen,
sondern muß von diesem höheren Wesen selbst kommen.
René Descartes, Meditationen über
die Grundlagen der Philosophie,
Dritte Meditation „Über das Dasein Gottes“
„
Unter dem Namen „Gott“ verstehe ich eine Substanz,
die unendlich, unabhängig, allwissend und allmächtig
ist und von der ich selbst geschaffen bin, ebenso wie alles andere
Existierende, falls es solches gibt. Dies alles ist nun in der
Tat so vorzüglich, daß mir dessen Abstammung aus mir
allein um so weniger möglich erscheint, je sorgfältiger
ich es betrachte. Man muß daher aus dem Zuvorgesagten schließen,
daß Gott notwendig existiert.
Denn: Zwar habe ich eine Vorstellung von Substanz, eben weil ich
ja selbst Substanz bin; dennoch wäre das deshalb noch nicht
die Vorstellung einer unendlichen Substanz, da ich ja endlich bin;
es sei denn, sie rührte von einer Substanz her, die in Wahrheit
unendlich ist.
Auch darf ich nicht glauben, ich begriffe das Unendliche nicht
in einer wahrhaften Vorstellung, sondern nur durch Verneinung des
Endlichen, so wie ich Ruhe und Dunkelheit durch Verneinung von
Bewegung und Licht begreife. Denn ganz im Gegenteil sehe ich offenbar
ein, daß mehr Sachgehalt in der unendlichen Substanz als
in der endlichen enthalten ist und daß demnach der Begriff
des Unendlichen dem des Endlichen, d.i. der Gottes dem meinen,
selbst gewissermaßen vorhergeht. Wie sollte ich sonst auch
begreifen können, daß ich zweifle, daß ich etwas
wünsche, d.i. daß mir etwas mangelt und ich nicht ganz
vollkommen bin, wenn gar keine Vorstellung von einem vollkommeneren
Wesen in mir wäre, womit ich mich vergleiche und so meine
Mängel erkenne?“ Nr. 22-24
„
Doch vielleicht bin ich etwas mehr, als ich selbst weiß,
und sind alle die Vollkommenheiten, die ich Gott zuschreibe, als
Möglichkeiten irgendwie in mir angelegt, wenngleich sie sich
noch nicht entfalten und noch nicht zur Wirklichkeit gelangt sind.
Mache ich doch die Erfahrung, daß meine Erkenntnis schon
jetzt langsam wächst. Auch sehe ich nicht, was im Wege stände,
daß sie so mehr und mehr wüchse bis ins Unendliche und
warum ich nicht mit so gewachsener Erkenntnis alle übrigen
Vollkommenheiten Gottes sollte erreichen können. Und schließlich,
warum, wenn ich doch einmal die Anlage zu diesen Vollkommenheiten
besitze, sie nicht hinreichen sollte, um eine Vorstellung von ihnen
hervorzurufen.
Indessen kann nichts von all dem der Fall sein. Denn erstens, mag
es nun wahr sein, daß meine Erkenntnis gradweise wächst,
und daß in mir vieles zwar als Möglichkeit angelegt,
aber noch nicht wirklich ist, so gehört doch nichts davon
zur Vorstellung Gottes, in der nämlich nichts bloße
Anlage ist. Denn eben dieses gradweise Anwachsen ist der sicherste
Beweis der Unvollkommenheit. Außerdem, wenn auch meine Erkenntnis
stets weiter und weiter wüchse, so sehe ich nichtsdestoweniger
ein, daß sie darum doch niemals aktuell unendlich sein wird,
da sie doch niemals soweit gelangen wird, daß sie immer noch
eines weiteren Zuwachses fähig wäre. Gott aber, urteile
ich, ist in der Weise aktuell unendlich, daß seiner Vollkommenheit
sich nichts hinzufügen läßt.“ Nr. 26-27
„
Bleibt nur zu untersuchen, wie ich jene Vorstellung von Gott erhalten
habe. Denn weder habe ich sie aus den Sinnen geschöpft, noch
ist sie mir jemals wider Erwarten gekommen, wie es die Vorstellung
der sinnlich wahrnehmbaren Dinge zu tun pflegen, wenn sie sich
den äußeren Sinnesorganen zeigen oder zu zeigen scheinen;
noch auch habe ich sie mir ausgedacht, denn ich kann ganz und gar
nichts von ihr wegnehmen und ihr auch nichts hinzufügen. Daher
bleibt nur übrig, daß sie mir angeboren ist, ebenso
wie mir auch die Vorstellung von mir selbst angeboren ist. Es ist
auch gar nicht zu verwundern, daß Gott mir, als er mich schuf,
diese Vorstellung eingepflanzt hat, damit sie gleichsam als das
Zeichen sei, mit der der Künstler sein Werk signiert. Übrigens
braucht dieses Zeichen gar nicht etwas von dem Werke selbst Verschiedener
zu sein, sondern einzig und allein daher, daß Gott mich geschaffen
hat, ist es ganz glaubhaft, daß ich gewissermaßen nach
seinem Bild und seinem Gleichnis geschaffen bin und daß dieses
Gleichnis – in dem die Idee Gottes steckt – von mir
durch dieselbe Fähigkeit erfaßt wird, durch die ich
mich selbst erfasse.“
Nr. 37 f
Eckhard Bieger
© www.kath.de
|
 |