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Hatte Jesus
einen menschlichen Willen?
Wenn Jesus wahrer Gott
und wahrer Mensch ist und Menschheit und Gottheit in ihm in einer
Person verbunden sind, dann entsteht die
Frage, wer die innere Glaubenshaltung und das Handeln dieser Person
bestimmt. Unzweifelhaft ist, daß der Sohn Gottes bestimmend
sein muß, denn der Sohn Gottes hat die menschliche Natur
angenommen. Um keinen Zweifel aufkommen zu lassen, daß die
menschliche Natur ganz im Dienst des Heilswerkes steht, das Gott
durch seinen in Ewigkeit gezeugten Sohn vollbringen will, neigten
griechische Theologen dazu, Jesus nur einen Willen zuzusprechen
(mono – eins, Thelema – Willen). Im Griechischen kann
man auch von Energeia sprechen. Das bezeichnet nicht das, was wir
in unserem Sprachgebrauch mit „Energie“ ausdrücken,
sondern meint "Wirkkraft".
Die Frage nach dem Willen in Jesus wurde im 7. Jahrhundert heftig
diskutiert, so daß der Kaiser verbot, überhaupt über
die Frage den theologishcen Disput auszutragen. Severos von Antiochien,
Johannes Philoponos u.a. Gegner des Konzils von Chalcedon vertraten
die Position, daß in Jesus
Christus nur ein Wille möglich ist. Sie wollten damit jedem Mißverständnis
zuvorkommen, daß in Jesus zwei Subjekte handeln.
Wahrer Mensch ohne menschlichen
Willen?
Wie kann man aber davon sprechen, daß der Sohn Gottes
wirklich Mensch geworden ist, wenn er keinen menschlichen Willen
hat? Mußte
Gott die menschliche Natur sozusagen in ihrem Kern ausschließen,
damit sein Heilswerk gelingen konnte? Bei der Ankündigung
der Geburt des Erlösers legt der biblische Bericht gerade
auf die freie Zustimmung Marias Wert. Offensichtlich will Gott
die freie Zustimmung des Menschen zu seinem Heilswerk. Die Betonung
des Glaubens als Grundlage der Beziehung des Menschen zu Gott zeigt
die Bedeutung der Frage. Diese ist aber nicht einfach zu lösen,
nämlich ob der Mensch Jesus auch einen eigenen Willen hat.
Hätte er einen eigenen Willen, dann könnte theoretisch
der Mensch Jesus etwas anderes wollen als der Sohn Gottes. Dann
wären in Jesus Christus doch „zwei Söhne“,
der Mensch und der ewige Sohn Gottes, die gegeneinander stehen.
Die Alternative, daß in Jesus Christus nur ein Wille wirksam
war, würde die Ganzheit der menschlichen Natur in Frage stellen.
Der Mensch Jesus wäre nicht vollständig. Die Meditation
des Weihnachtsgeheimnisses hatte sehr früh zu der Einsicht
geführt, daß mit der Menschwerdung etwas
für jeden
Menschen geschehen sein muß. Wenn Gott menschliche Natur
annimmt, dann ist die ganze menschliche Natur geheiligt, nicht
nur das Kind in der Krippe, sondenr alle Menschen. Wie konnte
man einen Ausweg aus der Problemstellung
finden? Auf der einen Seite gibt es in den Evangelien keine Hinweise,
daß der Mensch Jesus sich gegen den göttlichen Auftrag,
seine göttliche Bestimmung aufgelehnt hätte, auf der
anderen Seite wird Jesus als voll handlungsfähiger Mensch
geschildert.
Ein Hinweis, daß der menschliche Wille dem göttlichen
Auftrag zustimmen mußte, findet sich in dem Gebet Jesu am Ölberg.
Jesu weiß, daß er dem Unheil nicht entkommen wird und
betet: „Vater, nicht mein Wille geschehe, sondern der Deine.“
Die Person eint
den göttlichen und den menschlichen Willen
Hält
sich die theologische Begriffsbildung an den Berichten der Evangelien,
wird sie Jesus
nicht einen eigenen menschlichen
Willen absprechen können. Die Lösung konnte nicht in
der Durchsetzung einer Begrifflichkeit liegen, sondern in der Weiterentwicklung
des Verständnisses von Jesus Christus. In der Lösung
der Frage konnte man auf eine Überlegung des Papstes Leo I
zurückgreifen, die bereits dem Konzil von Chalcedon für
dessen Formulierungsarbeit vorlag. Die beiden Naturen in Jesus
Christus stehen nicht einfach nebeneinander oder gar gegeneinander,
sondern jede Natur wirkt ihr Eigenes im Zusammenspiel mit der anderen.
Man kann sogar noch weitergehen und sagen, daß die Gottheit
es der Menschheit Jesu ermöglicht, noch
mehr Mensch zu werden.
Das VI. Ökumenische Konzil von Konstantinopel (680/681) schloß die
Aussage vom Einen Willen in Jesus Christus als mögliche Beschreibung
der Inkarnation aus dem Sprachgebrauch der Kirche aus.
Zitate
Die Ablehung eines menshclichen
Willens Jesu wird einem Kaiser behauptet:
So folgen wir den heiligen Vätern in allem und auch in diesem
Punkt und bekennen den einen Willen unseres Herrn Jesu Christi,
der wahrhaft Gott ist, weil niemals das geistig beseelte Fleisch
vom Logos getrennt, aus eigenem Antrieb und gegen das mit ihm hypostatisch
geeinte göttliche Wort seine eigene natürliche Bewegung
hervorgebracht hat …
Edikt des Kaisers Heraklius, 638
3. Konzil von Konstantinopel
680/81: Die zwei Willen in Jesus:
Ebenso verkünden wir gemäß der Lehre der heiligen
Väter, daß sowohl zwei natürliche Weisen des Wollens
bzw. Willen als auch zwei natürliche Tätigkeiten ungetrennt,
unveränderlich, unteilbar und unvermischt in ihm sind; und
die zwei natürlichen Willen sind einander nicht entgegengesetzt
- das sei ferne! -, wie die ruchlosen Häretiker behaupteten;
vielmehr ist sein menschlicher Wille folgsam und widerstrebt und
widersetzt sich nicht, sondern ordnet sich seinem göttlichen
und allmächtigen Willen unter; denn der Wille des Fleisches
mußte sich regen, sich aber nach dem allweisen Athanasius
dem göttlichen Willen unterordnen; denn wie sein Fleisch Fleisch
des Wortes Gottes genannt wird und ist, so wird auch der natürliche
Wille seines Fleisches als dem Wort Gottes eigen bezeichnet und
ist es, wie er selbst sagt: „Denn ich bin herabgestiegen
aus dem Himmel, nicht um meinen eigenen Willen zu tun, sondern
den Willen des Vaters, der mich gesandt hat" (Johannesevangelium
6,38); dabei nannte er den Willen des Fleisches seinen eigenen
Willen, da auch das Fleisch ihm eigen geworden ist; denn wie sein
ganzheiliges und makelloses beseeltes Fleisch trotz seiner Vergöttlichung
nicht aufgehoben wurde, sondern in der ihm eigenen Abgrenzung und
dem ihm eigenen Begriff verblieb, so wurde auch sein menschlicher
Wille trotz seiner Vergöttlichung nicht aufgehoben, sondern
ist vielmehr gewahrt, wie der Gottesgelehrte Gregor sagt: „Denn
sein Wollen, verstanden in Bezug auf den Erlöser, ist Gott
nicht entgegengesetzt, da es ganz vergöttlicht ist".
Eckhard Bieger
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