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Die theologische
Konzeption der Kopten, Armenier und anderer Kirchen
Die Einheit
des menschgewordenen Sohnes Gottes
Wenn Gott Mensch
wird und nicht nur mit einem Scheinleib den Eindruck erweckt,
Menschen würden einem von Ihresgleichen
begegnen, dann stellt sich die Frage, wie diese Tatsache angemessen
zum Ausdruck gebracht werden kann. Für den größeren
Teil der Christen in Ost und West ist die Frage mit dem Konzil
von Chalzedon geklärt. Aber nicht für alle. Vor allem
die koptische Kirche in Ägypten hält an der Theologie
des Cyrill von Alexandrien fest, der die Einheit von Gottheit
und Menschheit betonte. Cyrill entwickelte für das Neue,
das in Christus geschehen ist, den Begriff „Hypostatische
Union“, Mit Hypostase ist das gemeint, das ein Individuum
trägt, man könnte es in etwa it Substanz übersetzen. Um die
Einheit von Menschheit und Gottheit in Jesus zu betonen, sprach
er von einer neuen Wirklichkeit
und nannte diese eine Natur, nur "eine" Natur, weil die Einheit
nicht mehr aufgelöst und in Jesus Christus nicht Zwei,
sondern nur einer verehrt werden kann. Mia Physis – eine
Natur.
Da aber die Begrifflichkeit „Natur“
in der theologischen Tradition das
Menschliche und das Göttliche in Christus bezeichnet,
also gerade für die Gegebenheit, in der Jesus als „Zwei“,
eben in zwei Naturen beschrieben werden kann, ist es verwirrend,
den Begriff Natur zugleich für das zu verwenden, was wir
im Unterschied zu den Naturen als Person bezeichnen.
Die göttliche udn die menschliche Natur brauchen ein Einheitsprinzip.
Die Auseinandersetzungen begannen im 5. Jahrhundert und führten
zu einem ersten Ergebnis beim Konzil von Ephesus 433. Hier
setze sich die Richtung durch, die der Patriarch von Alexandrien,
Cyrill vertrat. Um die Einheit in Christus zu betonen, nennt
das Konzil von Ephesus Maria
nicht nur Christusgebärerin, sondern Gottesgebärerin
(griechisch Theotokos) genannt wird. Damit sollte deutlich
werden, daß der
Mensch Jesus nicht zuerst für sich existiert hatte und
ihm später der Sohn Gottes einwohnte. Im Augenblick der
Empfängnis nimmt das Wort, der ewige Sohn Gottes, Fleisch
an und damit konstituiert sich erst die menschliche Person
Jesu. Aber muß man Gottheit und Menschheit in Jesus nicht
doch deutlicher auseinanderhalten? Auch wenn man mit Cyrill
darin übereinstimmt, daß Jesus Christus nicht zwei
Personen sind, es nicht zwei Söhne gab, den von Ewigkeit
gezeugten Sohn Gottes und den vom Heiligen Geist gezeugten
Menschen Jesus, vermischen sich die Naturen nicht.
Man kann die Einheit in Christus auch anders denken. Das war
der Ansatz der Schule von Antiochien in Syrien. Sie betont
die Verschiedenheit von Gottheit und Menschheit. (s.
Nestorianer)
Daß Nestorius sich nicht mit dem Titel „Gottesgebärerin“ für
Maria einverstanden erklären konnte, liegt auch daran,
daß er ein Mißverständnis befürchtete,
nämlich daß der ewige Logos selbst aus Maria geboren
wurde, also für den Logos ein menschlicher Geburtsvorgang
behauptet werden könnte. In seinem Brief an Cyrill v.
Alexandrien aus dem Jahr 430 schreibt er:
„Überall, wo die heiligen Schriften vom Heilswirken des Herrn
berichten, schreiben sie Geburt und Leiden nicht der Gottheit,
sondern der Menschheit Christi zu. Will man sich daher möglichst
exakt ausdrücken, dann muß man die heilige Jungfrau „Christusgebärerin“ (Christotokos)
und nicht „Gottesgebärerin“ (Theotokos) nenne.
Hören wir das Evangelium, das laut verkündet: „Stammbaum
Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams (Mt 1,1).
Natürlich war das göttliche Wort nicht Sohn Davids.
..... Wer könnte auf den Gedanken kommen, daß die
Gottheit des eingeborenen Sohnes ein Geschöpf des Geistes
wäre? ..... „Und dies ist mein Leib (nicht meine
Gottheit), der für euch hingegeben wird.“ Und noch
Tausende von anderen Aussagen bezeugen dem Menschengeschlecht,
daß man nicht annehmen kann, die Gottheit des Sohnes
sei erst vor einiger Zeit geboren worden oder sie sei körperlicher
Leiden fähig. Vielmehr war das die mit der Gottheit vereinigte
Menschennatur.“
Die Unterscheidung
von Natur und Person
Wenn
wir heute vom Personbegriff her
die Einheit von Gottheit und Menschheit ganz anders denken können,
wird deutlich, daß mit den Begriffen, die die griechische
Philosophie damals bereitstellte, ein Ausweg aus dem Streit der
theologischen
Schulen nicht zu finden war, denn die Griechen kannten nur Seele
udn Leib udn kein Prinzip, das die geistige und die körperliche
Natur des Menschen eint.
Ein wichtiger Schritt
zu einer theologischen Weiterentwicklung wurde durch das Konzil
von Chalcedon erreicht (456). Es vermittelt zwischen
den beiden Positionen, die einmal die Einheit und zum anderen die
Getrenntheit der Naturen
betonen durch die Formel:
Unvermischt - bezogen auf Gottheit und Menschheit und
Ungetrennt - bezogen auf den einen, die Person Jesu.
Das Konzil unterscheidet
dann auch zwischen Natur (Physis) und Person (Prosopon - griechisch
Antlitz).
Einige Kirchen haben sich der Konzilsentscheidung bis heute nicht
angeschlossen, so die koptische und mit ihr die äthiopische,
die syrische und die armenische Kirche. Das war nicht nur in den
unterschiedlichen Akzentsetzungen der theologischen Schulen von
Alexandrien und Antiochien begründet, sondern auch in regionalen
Differenzen und einer starken Tendenz, sich von der damaligen Hauptstadt,
Byzanz nicht dominieren zu lassen. So hatte der Patriarch von
Byzanz beim 1. Konzil von Konstantinopel 381 durchgesetzt, daß in
der Rangfolge Alexandrien vom 2. Platz verdrängt wurde. Konstantinopel
rückte auf den 2. Platz, Alexandrien mußte mit dem 3.
Platz vorlieb nehmen. Zwischen der koptischen und der chaldäischen
Kirche im Irak wird die Diskussion, die das 5., 6. und 7. Jahrhundert
beherrschte, immer noch fortgeführt.
Die orthodoxen Kirchen Griechenlands, Rußlands und die anderen
europäischen Kirchen stehen auf dem Boden des Konzils von
Chalcedon.
Dieser komplizierte Streit um Begriffe verdeckt, daß die
getrennten Kirchen in dem Verständnis der Person Jesu Christi
nicht entscheidend auseinander liegen. Denn diese Kirchen behaupten
von Jesus Christus „nicht eine einfache Natur, sondern eher
eine einzige zusammengesetzte Natur, in der Gottheit und Menschheit
ungetrennt und unvermischt vereinigt sind.“ (Wiener christologische
Erklärung vom 29.8.1976) Da aber die Theologie des Cyrill
von Alexandrien für die koptische Kirche identitätsbildend
ist und die syrische Kirche sich später der Sicht Cyrills
anschloß, bleiben die Gegensätze bis heute bestehen.
Zitate
Die Idee von der neuen Natur, die durch die Menschwerdung des Sohnes
entstanden sein soll, findet sich bei Appolinaris von Laodizea
der zwischen 310 und 390 lebte, also vor Cyrill von Alexandrien:
„
Es wird aber in ihm (Jesus Christus) das Geschaffene in Einheit
mit dem Ungeschaffenen bekannt, das Ungeschaffene in Vermischung
mit dem Geschaffenen, wobei eine einzige Natur aus den beiden Teilen
konstituiert wird, da nämlich der Logos mit seiner göttlichen
Vollkommenheit eine Teilkraft zu dem Ganzen beiträgt. Ähnlich
wie beim Menschen aus zwei unvollkommenen Teilen die eine Natur
entsteht.“ Fragmente
Er
hat sich dessen entäußert, was er war, und hat angenommen,
was er nicht war. Er wurde nicht zu Zweien, sondern hat es auf
sich genommen, eins aus Zweien zu werden. Gott ist nämlich
beides, das Empfangende und das Empfagnene. Zwei Naturen fließen
in eins zusammen, es gibt nicht zwei Söhne.
Gregor von Nanzianz , Oratio37,2 um 380
Die Einheit der Naturen ist nicht getrennt ... Das Getrenntsein
besteht nämlich nicht in der Aufhebung der Einheit, sondern
in der Vorstellung des Fleisches und der Gottheit. .... Christus
ist unteilbar in seinem Christsein, er ist aber zweifach in dem
Gott- und Menschsein. Er ist einfach in der Sohnschaft.... In
dem Antlitz (dem Prosopon) des Sohnes ist er ein einziger, aber
... geschieden in den Naturen der Menschheit und der Gottheit.
Denn wir kennen nicht zwei Christus‘ noch zwei Söhne
oder Eingeborene oder Herren, nicht den einen und den anderen
Sohn, .... sondern ein und denselben, der erblickt worden ist
in seiner erschaffenen und unerschaffenen Natur.
Predigt des Nestorius über Matthäus 22,2,, aus dem
Jahr 429
So bekennen wir einen
Christus und Herrn. Dabei beten wir nicht etwa einen Menschen
mit dem Wort (gemeint ist der ewige Sohn Gottes)
zusammen an, damit nicht durch die Wörter „mit“ und „zusammen“ die
Vorstellung einer Scheidung eingeführt wird. Wir beten vielmehr
einen und denselben Christus an. Denn sein Leib ist dem göttlichen
Wort nicht fremd. Mit diesem Leibe thront er ja auch zur Rechten
des Vaters, weil wiederum nicht zwei Söhne an der Seite des
Vaters sitzen, sondern ein Sohn entsprechend der Einigung mit dem
eigenen Fleisch. Wollten wir aber die Einigung der Person nach
als unverständlich oder nicht angemessen ablehnen, so wären
wir gezwungen, zwei Söhne anzunehmen. Dann kämen wir
nämlich nicht umhin, zwischen einem Menschen einerseits, der
durch den Namen „Sohn“ allenfalls geehrt wäre,
und andererseits dem Wort Gottes, dem von Natur aus Name und Wirklichkeit
der Sohnschaft zueigen ist. Es darf demnach der eine Herr Jesus
Christus nicht in zwei Söhne gespalten werden. …. Die
Schrift (d.h. die Bibel) sagt ja nicht, das Wort habe sich mit
der Person eines Menschen vereinigt, sondern es sei selber Fleisch
geworden. ……
Die Worte des Heilandes aber, die sich im Evangelium finden,
verteilen wir nicht auf zwei Hypostasen (Subjekte) oder Personen.
Der eine und einzige Christus ist nicht zwiespältig,
obwohl er aus zwei und zwar zwei verschiedenen Wirklichkeiten
besteht. Diese sind aber zu einer unteilbaren Einheit verbunden,
wie etwa auch der Mensch aus Leib und Seele besteht und doch
nicht zweifach, sondern aus beiden Teilen ist. Wir lassen daher
gemäß dem rechten Glauben die menschlichen wie auch
göttlichen Aussagen von einem gesprochen sein.
Cyrill von Alexandrien, aus dem Brief an Nestorius, 430
Anathemata des Konzils von Ephesus
Nr. 3: Wer nach erfolgter Vereinigung in dem einen Christus die
Hypostasen (Substanzen) auseinanderreißt, indem er sie
nur durch eine äußere Verbindung der Würde nach,
durch ihre Hoheit und Macht, verbunden sein läßt und
nicht vielmehr durch eine Vereinigung im Sinne einer physischen
Einswerdung, der sei ausgeschlossen.
Der mittelalterliche
Theologe Thomas v. Aquin hat die Frage noch einmal behandelt.
Aus dem Text wird deutlich, daß die Person
als das einigende Prinzip von Leib und Seele gedacht wird, die
Person also nicht mit der Seele identisch ist:
Weil bei uns Leib und Seele zusammen eine Person bilden, glaubten
manche, die Vereinigung von Leib und Seele in Christus leugnen
zu müssen. Sie fürchteten nämlich, sonst die Annahme
einer zweiten Person nicht umgehen zu können, weil sie sahen,
daß bei den übrigen Menschen aus der Verbindung von
Leib und Seele die Person erstellt wird. Nun verbinden sich aber
gerade bei allen anderen Menschen Leib und Seele, um für sich
zu bestehen, im Gegensatz zu Christus, wo sie sich vereinigen,
um von einer höheren Person getragen zu werden. Deshalb ersteht
in Christus aus Leib und Seele kein neuer Träger seiner menschlichen
Natur, sondern beide gehen zusammen in eine Person ein, die schon
vorher bestand. Daraus, daß Leib und Seele nicht wie bei
uns eine eigene Person ergeben, folgt jedoch nicht, daß ihre
Vereinigung in Christus weniger kraftvoll ist. Eine Vereinigung
mit einer vornehmeren, höheren Person mindert nämlich
in keiner Weise Kraft und Würde, sie erhöht sie.
Summa theologica II q.2 a 5, Nr. 54-55
Eckhard Bieger
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