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Jesus von Nazareth
macht eine Entwicklung durch
Jesus von Nazareth wird
im Glaubensbekenntnis als der ewige Sohn Gottes bekannt. Dieser
Sohn, von Johannes „Logos“ genannt,
ist Mensch geworden, geboren aus der Jungfrau Maria. War er sich
dessen, vielleicht schon als Kind, bewußt? Oder gab es in
ihm nicht nur ein körperliches, sondern auch ein geistiges
Wachstum? Wie andere Kinder hat Jesus sprechen gelernt, in der
Synagogenschule von Nazareth wurde er mit der Bibel der Juden vertraut
und konnte als junger Mann mit den Schriftgelehrten über die
richtige Auslegung einzelner Bibelstellen diskutieren. Hat er auch
gelernt, sich als Sohn Gottes zu verstehen oder hatte er das von
Anfang gewußt?
Ausmalung des Lebens Jesu in den sog. apokryphen Evangelien
In sog. apokryphen Evangelien, die nicht in den Bestand des Neuen
Testaments aufgenommen wurden, wird mehr über die Kindheit
Jesu berichtet als wir aus dem Lukasevangelium entnehmen können.
Dem kleinen Jesus werden bereits Wundertaten zugeschrieben, ein überlegenes
Wissen und vieles andere, um ihn als den menschgewordenen Gott
darzustellen. Auch in späteren Jahrhunderten waren einzelne
Theologen und religiöse Schriftsteller davon überzeugt,
daß schon der junge Jesus in einer direkten Schau Gottes
lebte und selbst am Kreuz Gott direkt schaute.
Wie die apokryphen Evangelien wollen diese Vorstellungen das Besondere
an Jesus herausstellen. Das Göttliche des Sohnes Gottes muß das
Bestimmende sein. Entsprechen diese Vorstellungen aber dem, was
im Neuen Testament überliefert wird?
Hinweise in den Evangelien
Die wenigen Hinweise, die sich in der Bibel über Jesus finden,
besagen, daß er sich durch seine Wunder wie auch durch Worte
als der Sohn Gottes
zu erkennen gab. Zugleich geht die Bibel von einer persönlichen
Entwicklung Jesu aus.
Lukas berichtet von einer Wallfahrt der Familie nach Jerusalem.
Jesus ist 12 Jahre alt, d.h. im jüdischen Verständnis
volles Mitglied der Gottesdienstgemeinschaft in der Synagoge. Die
Eltern sind bereits auf dem Rückweg, als sie feststellen müssen,
daß Jesus auch nicht mit anderen Pilgern zurückkehrt,
sondern in Jerusalem geblieben sein muß. Dorthin zurückgekehrt
finden sie ihn im Lehrgespräch mit den Schriftgelehrten. Er
kehrt dann mit seinen Eltern nach Nazareth zurück. Lukas faßt
seine Entwicklung so zusammen: „Jesus aber wuchs heran und
seine Weisheit nahm zu, und er fand Gefallen bei Gott und den Menschen.“ Kap
3, 52
Der Hebräerbrief schreibt noch deutlicher:
Darum mußte er (Jesus) in allem seinen Brüdern gleich
sein, um ein barmherziger und treuer Hoherpriester vor Gott zu
sein und die Sünden des Volkes zu sühnen. Denn da er
selbst in Versuchung geführt wurde und gelitten hat, kann
er denen helfen, die in Versuchung geraten (Kap. 3,11-18)
Bewußtsein Jesu als Sohn Gottes
Wie war sich aber Jesus seiner Gottessohnschaft
bewußt? Wenn ihm mit seinem menschlichen Bewußtsein
verborgen gewesen wäre, daß er Sohn Gottes ist, dann
wäre der Mensch Jesus vom Sohn Gottes fremdgesteuert, ohne
daß er es wußte – und damit wäre er unfrei.
Die theologische Reflexion ist aber zu dem Ergebnis gekommen, daß Jesus
nicht nur einen göttlichen, sondern auch einen menschlichen
Willen hatte. Das schreibt der Autor
des Hebräerbriefes ausdrücklich.
In den Evangelien finden sich weitere Hinweise, wie Jesus sich
seiner Sohnschaft bewußt war. Er lebte in einer unmittelbaren
Beziehung zu Gott, den er seinen Vater nennt. Darin zeigt sich
viel unmittelbarer als es in Begriffen ausgedrückt werden
kann, wie Jesus von Gott her lebt und daß er sich unmittelbar
als Gottes Sohn versteht. Das Johannesevangelium entfaltet diese
Nähe Jesu zu seinem Vater in den Gesprächen Jesu, die
er mit seinen Jüngern im Abendmahlssaal führt. Die Christen
haben die Nachfolge Jesu so verstanden, daß sie in sein Verhältnis
zu seinem Vater aufgenommen werden und daher das "Vater unser"
beten können.
Die Evangelien berichten an mehreren Stellen, daß Jesus sich
zum Gebet zurückzieht, wie er am Ölberg in der Nacht
seiner Gefangennahme seinen Vater anfleht. Bei Matthäus findet
sich ein kurzer Text, in dem Jesus sein Verhältnis zum Vater
in Worte faßt:
"Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du
all das den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber
offenbart hast. Ja Vater, so hat es dir gefallen. Mir ist von meinem
Vater alles übergeben worden; niemand kennt den Sohn, nur
der Vater, und niemand kennt den Vater, der Sohn und der, dem es
der Sohn offenbaren will."
Matthäus 11,25-27
Zitate
Er (Jesus) war Gott gleich,
hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein,
sondern entäußerte sich und wurde wie ein Sklave,
und den Menschen gleich.
Sein Leben war das eines Menschen,
er erniedrigt sich und war gehorsam bis zum Tod,
bis zum Tod am Kreuz.
Darum hat ihn Gott über alle erhoben,
und ihm einen Namen verliehen,
der größer ist als alle Namen,
damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde,
ihre Knie beugen vor dem Namen Jesu,
und jeder Mund bekennt:
Jesus Christus ist der Herr,
zur Ehre Gottes des Vaters.
Philipperbrief 2,6-11 Aus dem Johannesevangelium
Der Vater liebt den Sohn und hat alles in seine Hand gegeben.
Wer an den Sohn glaubt, hat das ewige Leben; wer aber dem Sohn
nicht
gehorcht, wird das Leben nicht sehen, sondern Gottes Zorn bleibt
auf ihm." Kap. 3, 35-36
Ich bin der gute Hirt; ich kenne die Meinen und die Meinen kennen
mich, wie mich der Vater kennt und ich den Vater kenne, und ich
gebe mein Leben für meine Schafe."Kap.10,14-15
Und er erhob seine Augen zum Himmel und sprach: Vater, die Stunde
ist da. Verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrlicht.
Denn du hast ihm die Macht über alle Menschen gegeben, damit
er allen, die du ihm gegeben hast, ewiges Leben schenkt. .... Ich
habe dich auf der Erde verherrlicht und das Werk zu Ende geführt,
das du mir aufgetragen hast. Vater, verherrliche du mich jetzt
bei dir mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, bevor die
Welt war. Kap.17,1-2, 4-5
Dann verließ Jesus die Stadt und ging, wie er es gewohnt
war, zum Ölberg; seine Jünger folgten ihm. Als er dort
war, sagte er zu ihnen: Betet darum, daß ihr nicht in Versuchung
geratet. Dann entfernte er sich von ihnen ungefähr einen Steinwurf
weit, kniete nieder und betete: Vater, wenn du willst, nimm diesen
Kelch von mir. Aber nicht mein, sondern dein Wille soll geschehen.
Lukas 22,39-42
Die Vorstellung, daß der Logos geschaffen ist und anstelle
der Geistseele bei der Menschwerdung trat, so daß Jesus keine
menschliche Seele hat, findet sich bei Exodius, der von 360 bis
370 Patriarch von Konstantinopel war:
Wir glauben an den einen, den allein wahren Gott und Vater, die
alleinige (göttliche) Natur, der ungezeugt und ohne Vater
ist, ....
und an den einen Herrn, den Sohn, der gottesfürchtig war,
weil er den Vater heilig hielt. Er ist zwar der Erstgeborene, gewaltiger
als die ganze Schöpfung nach ihm, Erstgeborener ist er deshalb,
weil er das am meisten herausragende und erste von allen Geschöpfen
ist. Er ist Fleisch geworden, nicht Mensch; denn er nahm keine
menschliche Seele an, sondern wurde nur Fleisch, damit Gott sich
durch das Fleisch den Menschen wie durch einen Vorhang hindurch
offenbare. Es gab also nicht zwei Naturen, weil der Mensch nicht
vollständig war, sondern statt der Seele Gott im Fleisch war.
Cyrill von Jerusalem
3313-387, zeigt auf, daß der Sohn Gottes wirklich Mensch geworden
ist:
Er (Jesus) kam nicht wie durch eine Röhre durch die Jungfrau,
sondern er hat aus ihr wahrhaft Fleisch angenommen ... Wenn nämlich
die Menschwerdung eine Fiktion war, ist auch unsere Erlösung
nur eine Fiktion.
Katechesen 4.9
So tritt denn der Sohn
Gottes in diese niedrige Welt ein und steigt von seinem himmlischen
Thron herab, ohne dabei die Herrlichkeit
seines Vaters zu verlassen. Er kommt zur Welt in einer neuen Ordnung
und in einer neuen Geburt. In einer neuen Ordnung, denn der in
dem Seinen (der göttlichen Natur) Unsichtbare ist in Unserem
sichtbar geworden, und der Unbegreifliche wollte begriffen werden.
Der vor aller Zeit Seiende hat in der Zeit begonnen zu sein. Der
Herr des Alls hat Knechtsgestalt angenommen und so seine unermeßliche
Majestät verhüllt. Der leidensunfähige Gott hat
es nicht verschmäht, ein leidensfähiger Mensch zu sein,
und der Unsterbliche nicht, sich dem Gesetz des Todes zu unterwerfen.
Papst Leo I im Brief an Flavian von Konstantinopel 449
Christus schuf sich
die Mutter, als er beim Vater war, und als er geboren wurde aus
der Mutter, blieb er im Vater. Wie sollte
er aufhören, Gott zu sein, als er Mensch zu sein begann,
der seiner Gebärerin gewährte, nicht aufzuhören,
Jungfrau zu sein, als sie gebar? Dadurch, daß das Wort Fleisch
geworden ist, ist das Wort nicht untergegangen und auch nicht in
Fleisch verwandelt worden, sondern das Fleisch kam zum Wort hinzu,
damit es selbst nicht untergehe. Wie der Mensch aus Seele und Leib
besteht, so ist Christus Gott und Mensch. Derselbe Gott, der auch
Mensch ist, und der Gott ist, derselbe ist auch Mensch, nicht durch
Vermischung der Naturen, sondern durch die Einheit der Person.
Augustinus Sermo 186, 1, um 411
Friedrich Schleiermacher
hat im 19. Jahrhundert einen neuen Zugang zur Person Jesu gesucht
und die Entwicklung des Selbstbewußtseins
Jesu als Gott so erklärt:
Da wir aber doch den Anfang des Lebens nie eigentlich begreifen … gilt
dieses auch von seinem (Jesu) Gottesbewußtsein, …welches
zwar auch anderen ebensowenig als ihm irgendwann erst durch Erziehung
eingeflößt wird, sondern dessen Keim in allen schon
ursprünglich liegt, welches sich aber auch in ihm wie in allen
erst allmählich nach menschlicher Weise zum wirklich erscheinenden
Bewußtsein entwickeln mußte, und vorher nur als Keim,
wenngleich in gewissem Sinn immer als wirksame Kraft, vorhanden
war. Zu der reinen Geschichtlichkeit der Person des Erlösers
gehört aber auch dieses, daß er sich nur in einer gewissen Ähnlichkeit
mit seinen Umgebungen, also im allgemeinen volkstümlich, entwickeln
konnte. Denn da Sinn und Verstand nur aus dieser ihn umgebenden
Welt genährt wurden, und auch seine freie Selbsttätigkeit
in dieser ihren bestimmten Ort hatte: so konnte sich auch sein
Gottesbewußtsein, wie ursprünglich auch die höhere
Kraft desselben sei, doch nur ausdrücken und mitteilen in
Vorstellungen, die er sich aus diesem Gebiet angeeignet hatte,
und in Handlungen, welche in demselben ihrer Möglichkeit nach
vorbestimmt waren
Der christliche Glaube, Aus dem Ersten Lehrstück über
die Person Jesu, § 93,39
Paul Tillich über
Jesus als den Menschen, der Gott repräsentiert:
Wenn darum der Christus als Mittler und Erlöser erwartet wird,
ist er keine dritte Wirklichkeit zwischen Gott und dem Menschen.
Er ist derjenige, der Gott den Menschen gegenüber repräsentiert.
Er repräsentiert nicht den Menschen Gott gegenüber. Er
zeigt vielmehr, was Gott wünscht, daß der Mensch sei.
Er zeigt denen, die unter den Bedingungen der Existenz leben, was
der Mensch essentiell ist und darum sein sollte. Es ist unangemessen
und führt zu einer falschen Christologie, wenn man sagt, daß der
Mittler eine eigene ontologische Realität neben Gott und Mensch
sei. Nur ein Halb-Gott könnte das sein, der gleichzeitig ein
Halb-Mensch wäre. Solch ein drittes Wesen könnte weder
Gott den Menschen gegenüber repräsentieren, noch könnte
es das wesenhafte Menschsein ausdrücken. Aber der Mittler
repräsentiert das wesenhafte Menschsein; und damit repräsentiert
er Gott. Anders ausgedrückt: Er repräsentiert das Bild
Gottes, das ursprünglich im Menschen verkörpert ist,
aber er tut es unter den Bedingungen der Entfremdung zwischen Gott
und Mensch.
Systematische Theologie, 1957, S. 103
Text: Eckhard
Bieger S.J.
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