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Kosmologischer Gottesbeweis

Der Ursprung des Zeitlichen

Wenn, wie die Religionen behaupten, Gott aus seinen Werken erkannt wird, muß das über den Eindruck eines Sonnenaufgangs, den Anblick eines Berges, der Schönheit einer Blume hinausgehen. Diese Eindrücke führen Menschen dazu, einen Schöpfer hinter der Schönheit, der Größe, den Kräften der Natur zu sehen. Aber der Mensch könnte sich täuschen, vielleicht existiert nur die Welt und kein Schöpfer. An sich müßte die Naturwissenschaft, die weit tiefer in die Materie und in die Abläufe des Lebens hineinschauen kann, als es dem Menschen mit bloßen Augen möglich ist, die Grenzen des Natürlichen erreicht haben. Offensichtlich stößt die Naturwissenschaft aber, wenn sie die Protonen und Neutronen im Atomkern erkannt hat, auf noch kleinere Teilchen, die Quarks, hinter denen vielleicht ein Energiefeld liegt. Auch die Biologie stößt auf immer neue Vorgänge im Stoffwechsel der Zelle, ohne die Grenze der Natur bisher erreicht zu haben. Das ist erklärbar, wenn die Welt aus dem sog. Urknall entstanden ist und sich immer weiter ausdehnt und entwickelt. Die Natur gibt soviel zu Wissen auf, daß wenig Aussicht besteht, daß der Menschen die Grenze erreicht, wo er nicht mehr auf Natur stößt. Dafür scheint das Weltall zu groß und das Lebendige zu komplex. Wie kann die Philosophie die Grenzen der Natur im Denken überschreiten?

Die Fähigkeit zu zählen
Der Mensch verfügt über eine Fähigkeit, die er Maschinen zwar einprogrammieren kann. Diese werden aber diese Fähigkeit nicht verstehen: Der Mensch kann über jede Zahl weiter hinaus zählen. Man kann sich eine größtmögliche Zahl ausdenken, der andere wird eine noch größere Zahl bilden können. Der Mensch kann aber nicht eine Zahl nennen, über die hinaus nicht weiter gezählt werden kann. Diese Fähigkeit, über jede Zahl hinaus zu gelangen, ohne je mit dem Zählen an ein Ende zu kommen, beschreibt den menschlichen Verstand angemessen: Der Mensch kann jede Grenze überschreiten, aber er bleibt immer innerhalb der Grenzen der Welt.

Der Anfang muß außerhalb der Welt liegen
Wie der Mensch nicht bis zu allergrößten Zahl gelangen kann, über der nicht eine noch größere liegt, kann er auch nicht an den Anfang gelangen. Prinzipiell reichen die Erkenntnismöglichkeiten der Naturwissenschaften nicht über den Urknall zurück. Und wenn sich herausstellen sollte, daß man noch weiter zurückgehen könnte, blieben die Naturwissenschaften immer an diese Welt gebunden, denn sie können ja nur Energie, Masse, Licht u.a. Naturphänomene erfassen und daraus Gesetze ableiten. Wenn es einen Kosmos gegeben hätte, der dem Urknall voraus gelegen hätte, wäre auch dieser materiell gewesen und man könnte mit den Mitteln der Naturwissenschaften nur Materielles erforschen.
Die Philosophie fragt dann noch einmal über diesen ersten, naturwissenschaftlich faßbaren Anfang hinaus. Wenn unser Universum sich auf der Zeitachse bewegt, die man bis zum Urknall und vielleicht in andere Welten zurückverfolgen kann, muß es irgendeinen Anfang geben. Wie muß aber dieser Anfang beschaffen sein, wenn er nicht wie der Urknall oder frühere Welten von irgendwoher entstanden ist?

Ist die Materie ewig?
Das uns bekannte Weltall, in dem wir leben und Naturwissenschaften betreiben können, hat offensichtlich einen Anfang gehabt. Da das Weltall sich mit großer Geschwindigkeit ausdehnt, muß dieser Prozeß der Ausdehnung in irgendeinem Punkt angefangen haben, den man weithin rekonstruieren kann. Im Moment können wir mit den Erkenntnismitteln der Naturwissenschaften nicht hinter diesen Anfang, „Urknall“ genannt, zurück. Aber es wäre denkbar, daß der „Urknall“ aus einem früheren Weltall entstanden ist, das als großes „Schwarzes Loch“ geendet hat, indem es auf einen Punkt voller Energie geschrumpft war, so wie das jetzige Weltall einmal seine Energie verbraucht haben wird, um dann in sich zusammenzufallen. Es kann also eine endlose Folge möglich sein, in der ein Weltall aus dem jeweils früheren neu entsteht. Ein solcher Gedanke kommt uns heute nicht so leicht, denn wir leben in einer Zeit, in der alles immer schneller zu einem Ergebnis führen muß. Frühere Epochen haben allerdings solche Überlegungen angestellt, lange bevor die moderne Astronomie erkannte, daß das Weltall sich ständig ausdehnt und daher irgendwann einmal angefangen haben muß. Der Hinduismus hat solche Vorstellungen entwickelt, der griechische Philosoph Aristoteles ging davon aus, daß die Materie, aus der alles geformt wird, ewig sei. Da der Kreislauf der Sterne in sich zu ruhen schien, galt der Himmel als etwas Ewiges. Ob das Weltall ewig ist, kann mit den Mitteln der Naturwissenschaften heute nicht entscheiden werden. Wir wissen nur, daß unser Weltall aus einem Kern höchster Energie entstanden ist und sich seit dem Urknall ausdehnt. Der Versuch, das jetzige Universum auf frühere Welten zurückzuführen, ist vergleichbar dem Zählen. Wir können uns im Denken viele frühere Welten vorstellen. Es gibt jedoch eine Frage, die darüber hinausführt. Denn was geschieht zwischen Null und Eins? Null heißt, daß einmal nichts war und dann war etwas.

Was anfängt, braucht etwas, das es anfangen läßt
Wenn wir zurückzählen, kommen wir ohne Schwierigkeiten zur Null. Jeder Grundschüler lernt die rechnerische Bedeutung der Null. Wir gehen davon aus, daß der Abstand zwischen der Null und der Eins gleich groß ist wie der Abstand zwischen der Eins und der Zwei. Gehen wir aber in den Bereich der existierenden Dinge, dann ist zwischen Null und Eins ein grundlegender Unterschied, nämlich der zwischen Nichts und Existenz. Alles, was nicht ewig ist, hat einmal angefangen. Wenn es aber angefangen hat, dann muß ein anderes dagewesen sein, das es ins Dasein gehoben hat. Wie eines aus dem anderen wird, das erforschen die Wissenschaften. Wie aber aus Nichts „Etwas“ wird, das zu erforschen, dafür fehlen den Naturwissenschaften die Instrumente. Da die Naturwissenschaften den Übergang vom Nichts in das Sein nicht beschreiben können, kann die Philosophie weiter fragen. Sie hat allerdings auch keine Methode, um diesen Übergang zu erfassen. Sie kann aber fordern, daß irgend etwas da sein mußte, das nicht aus einem anderen entstanden war, wenn die erste Welt geschaffen wurde. Das zu denken, sind wir mit unserer Vernunft fähig: Alles, was aus anderem geworden ist, kann nicht den Sprung vom Nichts in die Existenz erklären, sondern nur wie aus etwas Seiendem ein anderes wird. Heute wissen wir, daß die Zeit direkt mit dem Raum verbunden ist. Die Relativitätstheorie hat den Zusammenhang zur Grundlage, daß Raum und Zeit innerlich zusammenhängen. Daher gibt es keine Zeit unabhängig von einem Weltall. Zeitliches kann aber nur Zeitliches hervorbringen. Zeitliches hat einen Anfang. Irgendwann muß dieser Anfang von etwas aus dem Nichts in die Existenz gebracht worden sein. Das kann nicht eine zeitliche geistige oder materielle Macht gewesen sein. Denn Zeitliches entsteht entweder aus anderem Zeitlichen oder aus Nicht-Zeitlichem. Wenn etwas aus Zeitlichem entstanden ist, muß das andere Zeitliche irgendwann angefangen haben. Auch wenn wir das Zeitliche hunderte von Milliarden Jahre zurückverfolgen, irgendwann muß die Zeit begonnen haben. Das, was die Zeit hat beginnen lassen, muß außerhalb der Zeit sein, anfangslos, denn hätte es einen Anfang, wäre es wiederum aus Zeitlichem geworden oder wäre selbst von etwas außerhalb der Zeit ins Dasein gesetzt.
Zeitliches hat einen Anfang. Irgendwann hat die Zeit einmal angefangen. Dieser Anfang muß von einer Macht herkommen, die sich selbst nicht auf eine andere Macht zurückführen läßt, also anfangslos ist. Wenn Gott, den die Religionen im Gebet anrufen, der Schöpfer der Welt ist, dann muß er außerhalb der Zeit sein. Er kann nur Schöpfer sein, wenn er selbst nicht der Zeit unterworfen ist.

Existiert eine anfangslose Macht?
Aus der Struktur der Zeit kann man darauf schließen, daß Zeitliches irgendwann einmal angefangen haben muß. Es kann aus anderem Zeitlichen geworden sein. Aber auch das muß einmal angefangen haben. Ist damit aber erwiesen, daß es außerhalb der Zeit eine Macht gibt, die selbst nicht der Zeit unterworfen ist, die keinen Anfang hat? Platon und Plotin und in ihrem Gefolge die Philosophen des Mittelalters haben das angenommen. In der Neuzeit hält man die Schlußfolgerung für nicht gerechtfertigt, denn die Philosophen verlangen, daß das menschliche Erkenntnisvermögen nicht nur rückschließend zur Idee Gottes gelangt, sondern daß sich diese außerzeitliche Macht dem menschlichen Geist unzweifelhaft zu erkennen gibt. Sie soll so zugänglich sein wie der Atomkern oder die Chromosomen in der Zelle. Das ist aber nicht Gott, denn er ist kein Wesen, das innerhalb des zeitlichen Weltalls zu finden wäre. Die große Tradition der Negativen Theologie betont daher, daß Gott gänzlich verschieden von der Welt und dem Menschen ist. Sie will verhindern, daß sich der Mensch Gott mit seinen Verstandeskräften vorstellt. Die jüdische Religion kennt daher ein striktes Bilderverbot. Das Nachdenken über Zeit und zeitliches Existierendes führt zu einem Anfang, der außerhalb der Zeit liegen muß. Zu mehr führt dieser Gedankengang nicht. Er ergänzt sich jedoch durch andere Denkwege, die auf andere Weise zu Gott führen. Denn der Mensch stößt auf etwas Unbedingtes, das plötzlich in unserer Welt aufblitzt und nicht durch die Naturwissenschaften erklärt werden kann, die Freiheit, der Anspruch aus dem Gewissen, der Frage nach der letzten Zweckbestimmung des Universums.
Gottesbeweis aus der Freiheit. Auch die Ausrichtung des Menschen auf die Wahrheit und ein höchstes Gut ergänzen die Überlegungen, die im kosmologischen Gottesbeweis angestellt werden.

Eckhard Bieger

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Das Buch zum Thema: "Urknall"