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Die Juden haben sich getäuscht
Im Koran gilt Jesus
als einer der großen Propheten. Deshalb
stellt sich dem Islam die gleiche Frage wie den Christen: Wenn
Jesus von Gott gesandt ist, wie kann Gott es dann zulassen, daß Jesus
am Schandpfahl des Kreuzes den Tod fand?
Die Antwort findet sich in der 4 Sure über die Juden:
„
Verflucht wurden sie, weil sie ihre Verpflichtungen brachen, die
Zeichen Gottes verleugneten, die Propheten zu Unrecht töteten
und sagten: ‚Unsere Herzen sind unbeschnitten’ – vielmehr
hat Gott sie wegen ihres Unglaubens versiegelt, so daß nur
wenige glauben; und weil sie ungläubig waren und gegen Maria
eine gewaltige Verleumdung aussprachen; und weil sie sagten: ‚Wir
haben Christus Jesus, den Sohn Marias, den Gesandten Gottes, getötet.“ – Sie
haben ihn aber nicht getötet, und sie haben ihn nicht gekreuzigt,
sondern es erschien ihnen eine ihm ähnliche Gestalt. Diejenigen,
die über ihn uneins sind, sind im Zweifel über ihn. Sie
haben kein Wissen über ihn, außer daß sie Vermutungen
folgen. Und sie haben ihn nicht mit Gewißheit getötet,
sondern Gott hat ihn zu sich erhoben.“ (Verse 155-158)
Der Koran hält an der Erhöhung Jesu fest, aber kann sich
nicht vorstellen, daß Jesus wirklich getötet wurde. „Es
erschien ihnen eine ähnliche Gestalt.“ Gott hat Jesus
den Augen der Juden entzogen. Aus diesen wenigen Sätzen des
Korans sind Legenden erwachsen, Jesus wäre mit Maria Magdalena
nach Persien gegangen. In Kaschmir gibt es heute lebende Muslime,
die sich als Nachkommen Jesu bezeichnen.
Ein Motiv für diese Deutung des Lebensweges Jesu ist das Wohlwollen,
das der Koran dem Christentum entgegenbringt, ganz anders als gegenüber
den Juden. Deshalb war es unvorstellbar, daß es
den Juden gelungen sein sollte, den Boten Gottes zu töten.
Ein weiteres Motiv ist, daß der Islam sich nicht vorstellen
kann, daß der Bote Gottes unterliegen könnte. Der Islam
ist eine Religion des Siegens. Der Sieg wird aus militärischer Überlegenheit
und noch mehr aus der inneren Überzeugung heraus errungen.
So verstehen sich die Selbstmordattentäter nicht als Leidende,
sondern als siegreiche Märtyrer, die Gott unmittelbar in sein
himmlisches Reich aufnehmen wird. Daß Jesus durch sein Leiden
siegen konnte, paßt nicht in das Gottesbild des Islam.
Auch für die Christen ist es nicht einfach, auf den Gekreuzigten zu blicken. Im ersten Jahrtausend gab es kaum eine Darstellung
des gekreuzigten Jesus. Daß das Kreuz heute selbstverständlich
einen zentralen Platz in einer Kirche hat, ist eine erst im Mittelalter
begonnene Tradition.
Eckhard Bieger S.J.
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