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Gottesbeweis aus der religiösen Erfahrung

Erfahrungen führen zu Gott

Menschen, die sich zu einer Religion bekennen, berufen sich selten auf Argumente, sondern auf Erfahrungen. Sie fühlen sich aus einer Krise oder Krankheit gerettet, haben zu einem tieferen Verständnis ihrer Existenz gefunden oder berichten von einer mit Licht vergleichbaren Erfahrung. Deshalb spricht man in religiösen Zusammenhängen von Erleuchtung. Charakteristisch für diese Erfahrungen ist das Bewußtsein einer größeren Tiefe, einer umfassenderen Sicht der Welt. Es wird nicht wie in den Naturwissenschaften ein einzelner Zusammenhang, ein bestimmter Ausschnitt der Wirklichkeit, die Funktionsweise eines Enzyms erkannt, sondern die eigene Existenz wird tiefer verstanden und in einem größeren Zusammenhang gesehen.
Für den, der eine solche Erfahrung gemacht hat, ist diese überzeugend. Religiöse Persönlichkeiten, die einen spirituelle Schule, einen Orden gründen, berufen sich meist auf derartige Erfahrungen. Für diejenigen, die ihnen folgen, haben diese Erfahrungen eine besondere Autorität, auch wenn sie selbst diese religiösen Erfahrungen nicht gemacht haben. Auch in der Bibel werden von den großen Gestalten nicht nur deren Taten, sondern auch religiöse Erfahrungen berichtet. Sie haben eine Stimme gehört (Abraham), haben besondere Träume gehabt (Joseph, den seine Brüder nach Ägypten verkauft haben), haben einen Dornbusch gesehen, der brannte, ohne zu verbrennen (Moses), Gott hat zu ihnen aus einem sanften Wind gesprochen (Elias), Jesus ist ihm in einem besonderen Licht erschienen (Paulus).
Die Erfahrungen begründen meist etwas Neues, im Leben des einzelnen, oder wenn derjenige, der aus den Erfahrungen einen besonderen Auftrag heraus gehört hat, seine religiöse Sicht weitergibt und eine spirituelle Schule gründet. Allerdings, auch wenn sich andere einem Menschen anschließen, der sich auf religiöse Erfahrungen beruft, und die Erfahrungen damit eine Verbindlichkeit bekommen, viele werden nicht überzeugt. Es läßt sie unberührt, wenn sie von den Erfahrungen hören. Das gilt sogar innerhalb einer Religionsgemeinschaft. Die spirituellen Protagonisten, z.B. die Ordensgründer wie der heilige Franziskus, sind für einige interessant, andere bleiben distanziert. Als Mitglied einer Religionsgemeinschaft muß der einzelne sich nicht für jede religiöse Erfahrung interessieren. Er wird demjenigen, der von einer solchen Erfahrung berichtet, jedoch nicht absprechen, daß es solche Erfahrungen geben kann, auch wenn er selbst solche Erfahrungen nicht gemacht haben sollte.

Auch Menschen, die keine religiöse Erfahrung gemacht haben, die sie auf einen bestimmten Tag datieren könnten, haben einen Zugang zum Religiösen. Es ist einmal das Bewußtsein, daß es neben der greifbaren Welt eine größere, umfassendere Wirklichkeit gibt, an der der Mensch durch seine Geistigkeit teilhat und die weit über das hinausreicht, was der Mensch in seinem Erkenntnisvermögen klar und deutlich erfassen könnte. Karl Rahner beschreibt das als den Horizont, in dem wir das einzelne erkennen. Dieser Horizont übersteigt uns, wir können ihn nicht so umgreifen wie eine einzelne Erkenntnis. Der Horizont ist uns in unserem Erkennen mit gegeben, wir erfassen ihn nicht direkt sondern nur insofern wir etwas Konkretes wahrnehmen und verstehen, das in dem umfassenden Horizont auftaucht. Simone Weil spricht von einem Sehnen, das uns mit allem, was wir einzelne erkennen und erreichen können, unzufrieden sein läßt. (s. bei Zitate unten)
Ein weiteres Grundgefühl teilen die Menschen, nämlich daß mit dieser Welt etwas grundsätzlich nicht in Ordnung ist und das der Mensch nicht in Ordnung bringen kann. In dieses Grundgefühl mischt sich auch das Bewußtsein des eigenen Versagens. Die eigene Schuld füllt diese Grundannahme aber nicht aus, daß die Welt etwas Grundsätzliches braucht, damit sie in den gewünschten Zustand kommt. Neben meiner Schuld gibt es noch vieles andere, was die Welt unvollkommen macht. Die Religionen legen diese Grunderfahrung als das Bewußtsein für die Erlösungsbedürftigkeit aus, das alle Menschen in sich tragen. Die Revolutionen leiten aus dem Grundgefühl den Auftrag an die Politik ab, grundsätzlich etwas zu verändern.
Die Ahnung, daß es jenseits dieser Welt noch etwas geben muß und daß diese Welt einer tiefgreifenden Veränderung bedarf, erklärt vielleicht, warum Menschen, die von einer konkreten religiösen Erfahrung berichten, nur bei eingien, nicht aber bei allen anderen auf Ablehnung stoßen.

Überzeugungskraft religiöser Erfahrungen
Es zeigt sich nämlich, daß religiöse Erfahrungen Überzeugungskraft haben, nicht nur für denjenigen, der sie gemacht hat, sondern auch für andere, die sich von dem religiösen Weg, der Spiritualität des anderen ansprechen lassen. Das Besondere der religiösen Erfahrung besteht darin, daß der einzelne sie nicht herbeiführen kann, sondern daß sie wie ein Geschenk erlebt werden. Im Christentum gilt das auch für den Gauben des einzelnen. Schon in der Bibel wird deutlich gesagt, daß der Glaube nicht durch menschliche Anstrengung erreicht werden kann, sondern von Gott geschenkt werden muß. Damit entzieht sich die religiöse Erfahrung dem naturwissenschaftlichen Denken. Denn die Methodik der Naturwissenschaften sagt, daß eine Beobachtung, z.B. in der Atomphysik oder der Zellbiologie, an jedem Ort der Welt wiederholt werden kann. Die Natur ist jederzeit verfügbar. Hier liegt der Unterschied der Verfahren, der dazu führt, daß Religion nicht einfach Objekt der Naturwissenschaften werden kann. Die religiösen Erfahrungen kann man nicht am Objekt beobachten. Sie fordern ein Subjekt, das von sich berichtet. Zwar kann die Hirnforschung die Ströme im Hirn beobachten, wenn z.B. ein Mensch meditiert. Aber der Inhalt des Bewußtseins ist prinzipiell nicht mit Magnetresonanz-Tomographie o.a. Verfahren abzulesen.

Religionspsychologie
Auch wenn religiöse Erfahrungen nicht wie Beobachtungen an der Zelle oder dem Atomkern beliebig an jedem Ort der Welt wiederholbar sind, sind religiöse Erfahrungen zum Objekt der Forschung, der Religionspsychologie, geworden. Die Tatsache solcher Erfahrungen wird kaum bestritten. Aber ist es gerechtfertigt, von solchen Erfahrungen auf die Existenz Gottes zu schließen? Ein Vergleich hilft einen Schritt weiter:
Menschen berichten von tiefen Liebeserfahrungen. Auch wenn diese hormonell bedingt sein mögen, die Erfahrungen sind nicht einfach herstellbar. Die Struktur der Liebeserfahrungen ähnelt der der religiösen. Sie können nicht einfach hergestellt werden, sondern haben auch den Charakter eines Geschenkes. Es besteht jedoch ein wichtiger Unterschied. Auch wenn die beiden Erfahrungen in ihrer Struktur vergleichbar sind, die Liebeserfahrung macht es nicht notwendig, auf die Existenz des geliebten Partners zu schließen. Man kann ihn den Freunden und Freundinnen vorstellen, er, bzw. sie haben eine physische Realität. Da Gott kein Teil der wahrnehmbaren Welt ist, ist seine Existenz nicht in der Weise aufweisbar wie die des geliebten Partners.
Der Skeptiker könnte nun in Bezug auf die Liebes- wie auf die religiöse Erfahrung behaupten, diese seien Illusionen oder durch Hormone oder Gehirnströme bedingt.
Diesem Einwand kann man auf der Ebene der naturwissenschaftlichen Überprüfbarkeit nicht entgegentreten. Zwar kann der Skeptiker seine Interpretation auch nicht beweisen, er kann aber auch nicht mit Argumenten überzeugt werden, daß aus der religiösen Erfahrung die Existenz Gottes für jeden einsichtig folge. Es gibt allerdings eine andere Ebene, auf der deutlich wird, daß diese Erfahrungen nicht verfliegen, wenn die Hormone nicht mehr ausgeschüttet werden oder die Gehirnströme nicht mehr fließen. Denn Menschen ziehen aus der Liebeserfahrung weitreichende Konsequenzen. Sie wollen mit dem Geliebten zusammenleben, sie überstehen Konflikte, helfen dem anderen, wenn dieser krank wird. Wie die Liebeserfahrungen führen auch die religiösen Erfahrungen auf der Ebene des Verhaltens zu weitreichenden Konsequenzen. Menschen verändern ihr Leben, manche ziehen sich in die Wüste zurück, andere widmen ihr Leben den Ärmsten und verzichten auf jeden Vorteil. Auch wenn diese Erfahrungen nicht empirisch überprüfbar sind, sie sind keine theoretischen, sondern haben Konsequenzen für das Verhalten der Menschen. Religion wie auch Liebe sind immer empirisch. Sie haben auch immer mit den Wertvorstellungen der Menschen zu tun. Wer einen Partner, einen Freund gefunden hat, fühlt sich ohne äußeren Zwang der Treue zu der Beziehung, zu der Freundschaft verpflichtet. So haben auch religiöse Erfahrungen in der Regel eine höhere Bereitschaft zur Folge, das Sittengesetz in seinem Leben zu verwirklichen, in seinem ethischen Verhalten weniger lax zu sein. Die Nähe, die religiöse Erfahrungen zu dem Anspruch der 10 Gebote haben, wird von vielen Philosophen als ein Weg zur Erkenntnis Gottes gesehen, das Gewissen wird als Stimme Gottes gedeutet, die Verpflichtung, das Gute zu tun, als Hinweis auf ein höchstes Gutes.

Zitate
„ Es gibt eine Realität außerhalb der Welt, das heißt: außerhalb von Raum und Zeit, außerhalb des geistigen Universums des Menschen, außerhalb jeglicher Sphäre, die dem Vermögen des Menschen irgendwie zugänglich ist. Dieser Realität entsprechend gibt es im Innersten des menschlichen Herzens das Sehnen nach etwas absolut Gutem, ein Sehnen, das für immer besteht und durch keinen Gegenstand in dieser Welt jemals gestillt wird.“ Simone Weil 1957, S. 74

Es gibt ein Unbehagen, „ein gemeinsames Gefühl, daß mit uns etwas verkehrt ist, so wie wir von Natur aus daran sind.“ Weiter gibt es „ein Gefühl, daß wir von der Verkehrtheit erlöst werden, dadurch, daß wir die richtige Verbindung mit höheren Kräften herstellen. William James; The Varieties of Religious Experience, Cambridge MA, 1985, 508/400

Der Religiöse Mensch „wird sich bewußt, daß sein höherer Teil angrenzt an und in Kontinuität steht ist mit einem MEHR derselben Qualität, das wirksam ist im Universum außerhalb von ihm und mit dem er in funktionierender Berührung bleiben und bei dem er gewissermaßen an Bord gehen und sich retten kann, wenn sein gesamtes niedriges Sein beim Schiffbruch zerborsten ist.“
William James, ebd. 508/400

Es gibt einen Geisteszustand, den religiöse Menschen, aber niemand anders kennt, in dem der Wille, uns selbst zu behaupten und unser Eigenes festzuhalten, durch die Bereitwilligkeit ersetzt worden ist, unseren Mund zu schließen und nichts zu sein in den Fluten und Wasserhosen Gottes ... die Zeit der Anspannung in unserer Seele ist vorüber, und die einer glücklichen Entspannung, ruhigen tiefen Atmens, ewiger Gegenwart, ohne eine disharmonische Zukunft, die Sorgen macht, ist angebrochen.“
William James, ebd. 47/46

Eckhard Bieger

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